„Der ist verrückt“

Oskar Bronner fand, dass Österreichs Zeitungen nicht zu ertragen sind. Also gründete er sich einfach eigene. Bilanzen kann er bis heute nicht lesen. Wie tickt er Erfinder von „profil“ und „Standard“? Ein taz-Gespräch. Samstag/Sonntag, 6./7. Dezember

 

Unlängst erschien ihre Biographie. „Trotzdem“ heißt sie. Toller Titel. Aber dann fragte ich mich: „Trotz was“ eigentlich?

 

Bronner: Da müssen Sie die Autoren fragen, der Titel ist nicht von mir.

 

Wenn ich Sie nötigen könnte, den Titel zu interpretieren. Was ist das „Trotzdem“ der Oscar-Bronner-Story?

 

Bronner: Dass es mir gelungen ist, diese Medien zu gründen – das „profil“, den „trend“, den „Standard“ – trotz der Widrigkeiten, mit denen ich konfrontiert war.

 

Welche Widrigkeiten?

 

Bronner: Als ich „trend“ und „profil“ gegründet habe, da kamen ich und mein Team mit zwei frechen Zeitschriften, die man nicht einordnen konnte – in einer Zeit, in der jede Zeitung einem politischen Lager zugeordnet werden konnte. Man hat uns mit viel Misstrauen und Verdächtigungen begrüßt – weil man annahm, es kann doch nicht sein, dass wir keine Einflüsterer und mächtigen Gönner haben. Die politische Nomenklatura hatte sich mit der bisherigen Situation ja sehr wohl gefühlt. Mit uns hat sie sich nicht so wohl gefühlt und das haben wir zu spüren bekommen.

 

Die Medienkultur krankte am Parteieneinfluss?

 

Bronner: Der andere Aspekt war: Es gab den Qualitätssektor praktisch nicht. Da war das Auftauchen des „profil“ ein Kulturschock.

 

Sie sind der Sohn von Gerhard Bronner, eines legendären Kabarettisten, Sängers, Chansonniers. War das schwierig, der Sohn eines berühmten Mannes zu sein?

 

Bronner: Es gab ein paar Leute, die mich bedauerten für dieses Problem, das ich doch eigentlich haben müsste – aber ich hatte damit nie ein Problem.

 

Sie sind mit ihren Eltern nach Hamburg gegangen, später als Gymnasiast nach Bonn. Dort haben sie den „Spiegel“ zu lesen begonnen. Eine Prägung  für’s Leben?

 

Bronner: Naja, es gibt viele Einflüsse. Der „Spiegel“ wurde für mich erst wichtig, als ich – ein paar Jahre später – Journalist wurde. Das war für uns Junge der Journalismus, wie wir ihn auch machen wollten.

 

Das Wirtschaftsmagazin „trend“ war für Sie das Zugpferd, aber sie haben immer schon im Kopf gehabt, das „profil“ zu gründen?

 

Bronner: Der „trend“ war die Startrampe, um eine Basisredaktion zu schaffen, eine Infrastruktur, eine Anzeigenabteilung, einen Verlag – was man halt so braucht.

 

Viele hätten gesagt, der ist verrückt…

 

Bronner: …viele haben das gesagt.

 

Getragen war es vom Geist von Achtundsechzig. Lupenreiner Linker waren Sie aber nie?

 

Bronner: Ich war politisch immer ein Liberaler, aber eher links der Mitte sozialisiert. Achtundsechzig hat in Österreich schaumgebremst statt gefunden, aber es ging an Wien auch nicht vorbei. Ich habe Soziologie studiert, viele meiner Freunde waren in aufmüpfigen Kreisen. Wir saßen im Cafe Hawelka herum. Es gab da den Rolf Schwendter, Robert Jungk war eine Figur, der Qualtinger, der Andre Heller. Der Karl Schwarzenberg, der heutige Außenminister Tschechiens. Auch der Elias Canetti kam vorbei, wenn er in Wien war. Gleichzeitig war es sehr diffus, und ich habe überall ein bisschen aufgeschnappt. Ich war überall ein bisschen dabei, aber nirgends ganz. Ich bin nirgendwo Mitglied geworden.

 

Den Qualtinger kannten Sie schon aus ihrer Kindheit. Ihr Vater hat ihn in ihrem Kinderzimmer einquartiert.

 

Bronner: Ich habe ihn sehr gemocht. Er sprach mit mir wie mit einem erwachsenen Menschen, obwohl ich ein Kind war. Das schätzt man als Kind.

 

Haben Sie sich eigentlich als Entrepreneur gesehen, der Lust an der riskanten Unternehmung hat? Oder eher als Journalist, der Unternehmer werden muss, damit er so arbeiten kann, wie er will?

 

Bronner: Ich habe mich primär als Journalist gesehen. Ich hatte nie eine kaufmännische Funktion in einem Verlag. Bilanzen kann ich bis heute nicht richtig lesen.

 

Gleichzeitig sind sie wie eine Idealfigur aus dem Schumpeterschen Lehrbuch über den Unternehmer, wo die „Willenseigenschaften“ und die „Tatkraft“ des Unternehmers besungen wird. Gibt es eine unternehmerische Mentalität? Einen Typus, der Risiken eingeht, vor denen andere zurück schrecken? Gibt’s ein Unternehmer-Gen?

 

Bronner: Ob es ein Gen ist? Na, ich weiß nicht. Eigentlich habe ich es mir gar nicht zugetraut, ich wollte ja anfangs andere überreden, das zu machen. Alle sind abgesprungen, also habe ich mir halt gesagt, ich muss selbst ins Wasser springen. Ich war 26 Jahre alt, hatte eine gewisse Naivität, habe viele Klippen nicht gekannt, die mich erwarten würden.

 

Eine Nummer des „profil“ wurde gleich zweimal beschlagnahmt.

 

Bronner: Wir wurden ziemlich regelmäßig beschlagnahmt, was unseren Bekanntheitsgrad gefördert hat. Aber es war jedes Mal eine Überlebensfrage. In der Frühzeit des „profil“ gab es einen neuen Bürgermeister, der bisher die graue Eminenz der sozialdemokratischen Partei war. Wir haben ihn mit einem gar nicht unfreundlichen Artikel begrüßt, in dem aber auch der undurchsichtige Graubereich der Stadtverwaltung geschildert wurde. Daraufhin hat er uns beschlagnahmen lassen. Danach kamen von überallher Dossiers von Personen, die Leidtragende dieser Situation waren. Es gab da diese Stimmung: Endlich haben wir eine Zeitschrift, die sich traut, die Dinge zu veröffentlichen.

 

Aufdecken war damals noch einfach – man musste nur morgens den Postkasten öffnen?

 

Bronner: Man musste schon nachrecherchieren und die Dinge beweisbar machen. Man hat ja auch versucht, uns Kuckuckseier zu legen.

 

Sie haben das „profil“ bis 1974 geführt, dann wurden Sie doch in die Knie gezwungen.

 

Bronner: Wir haben von der Hand in den Mund gelebt. Nach einiger Zeit hat es aber nach Erfolg ausgesehen. So kamen die großen Player am Markt auf die Idee, selbst so etwas zu machen. Die eine Konkurrenz hat ein Wirtschaftsmagazin gegründet und meine Wirtschaftsredaktion abgeworben, andere wollten ein politisches Magazin gründen. Ich habe gesehen, das halte ich nicht mehr lange durch. Dann kam das, was man so ein Angebot nennt, das man nicht ablehnen konnte.

 

Das „profil“ lebte weiter, sie waren reich – ein Sieg oder eine Niederlage?

 

Bronner: Ich habe das natürlich als Niederlage erlebt. Ich habe den Verlag ja nicht gegründet, um ihn zu verkaufen.

 

War das „profil“ hinterher noch das „profil“?

 

Bronner: Es ist weitgehend das Magazin geblieben, das ich mir vorgestellt habe. Sicher, der gegenwärtige Eigentümer ist die „Raiffeisen“-Organisation, wenn es mir noch gehören würde, könnten auch kritische Artikel über die „Raiffeisen“ erscheinen, aber das sind Details.

 

Danach wollten Sie ein halbes Jahr nach Amerika gehen…

 

Bronner: Ich habe ja noch eine zweite Seite, ich bin Maler und Bildhauer. Ich habe die Chance gesehen, auch das einmal auszuleben. Ich hatte den Plan, ein halbes Jahr in New York zu leben. Nach dreizehn Jahren bin ich draufgekommen, dass das halbe Jahr vorbei ist.

 

Da waren Sie gleich bei Leuten wie Jaqueline Kennedy-Onassis oder Leonhard Bernstein zu Hause…

 

Bronner:…na, ich war nicht der engste Freund der Jacky Kennedy oder des Lennie Bernstern. Aber ich habe viele interessante Leute kennen gelernt, man wird schnell herum gereicht, das macht ja auch die Faszination von New York aus. Ich hatte aber nie die innere Absicht auszuwandern. Das Englische ist nie ganz meine Sprache geworden. Bei jedem wichtigeren, komplizierteren Gespräch habe ich gemerkt, ganz genau kann ich nie das sagen, was ich eigentlich ausdrücken will.

 

In Wien, haben Sie einmal gesagt, da kommt man zurück, geht ins Hawelka und setzt das Gespräch fort, das man vor einem halben Jahr begonnen hat. Ist das nicht auch furchtbar?

 

Bronner: Das hat etwas Erschreckendes, wenn man hier immer lebt. Aber für mich, der ich in New York gelebt habe, war das etwas sehr heimeliges.

 

Kaum retour in der Stadt, gründen Sie gleich eine Tageszeitung – den „Standard“. Warum?

 

Bronner: Ich habe nicht nur 13 Jahre in New York gelebt, ich habe auch 13 Jahre mit der New York Times gelebt – meiner Meinung nach die beste Tageszeitung der Welt. Die Vorstellung, ich muss die NYT gegen die damals vorhandenen österreichischen Tageszeitungen eintauschen, war nicht sehr erfreulich. Ich habe den Eindruck gewonnen, die Zeit könnte reif für eine gute Tageszeitung sein. Ich hatte wieder nicht die Absicht, das selbst zu machen. Ich habe ein paar Freunde zu animieren versucht. Die waren angetan, haben mich aber gebeten, mitzumachen. Am Ende sind die abgesprungen und ich stand wieder einmal alleine da. Also habe ich mich überredet, das selbst zu machen. Als ich den „trend“ und das „profil“ gründete, dachte ich, das ist eine Lebensentscheidung. Als ich den „Standard“ gründete, dachte ich mir, ich mache das vier, fünf Jahre.

 

Es kommt immer anders, als man es denkt…

 

Bronner: …ich habe mittlerweile aufgegeben, Pläne zu machen, die dann ohnehin von der Realität durchkreuzt werden. Grundsätzlich ist die Gründung einer Tageszeitung natürlich ein viel größeres Ding. Der Kapitalbedarf ist gigantisch, der gesamte Apparat ist eine andere Schuhgröße.

 

Was waren die schwierigsten Phasen?

 

Bronner: Es gab nur schwierige Phasen. Die Zusammenarbeit mit dem Springer-Verlag, der Anfangs mein Partner war, war schwierig. Nicht aus inhaltlichen Gründen – die haben sich da völlig rausgehalten -, aber Springer war in Management-Turbulenzen, in den sechseinhalb Jahren unserer Zusammenarbeit gab es vier verschiedene Vorstandsvorsitzende und fünf Vorstandsmitglieder, die für uns zuständig waren. Es war halt ein Pech. Ich habe Springer dann mit einem Bankkredit rausgekauft.

 

Dadurch wurde aber auch nicht alles gut?

 

Bronner: Die Bank hatte Interessen. Sie hat die Zeitung übernehmen wollen. Was da wirklich gelaufen ist, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht wollte man einer anderen Bank einen Gefallen tun, jener Bank, die zufällig Eigentümer eines Haupt-Konkurrenten war.

 

Mit derStandard.at haben Sie auch eine Internetpräsenz, die Marktführer in Österreich ist. Ist das die Zukunft? Haben Tageszeitungen noch eine Chance?

 

Bronner: Die Rolle des Internets im Medienkonzert wird immer wichtiger. Aber die Tageszeitung wird weiterhin eine Rolle spielen – wenn sie sich auf das neue Umfeld einstellt. Die gedruckte Zeitung hat viele Vorteile gegenüber dem Internet. Etwa: Sie ist endlich. Man ist irgendwann mit ihr fertig. Die Qualitätszeitungen dürfen nicht mehr der letzten Nachricht nachhecheln, sondern sie müssen Kommentare, Analysen, gut geschriebene Reportagen bringen. Aber auch bei den Zeitungen, die es schaffen, werden die Auflagen schrumpfen. Sie werden lernen müssen, mit weniger Geld auszukommen.

 

Sie müssen mit weniger Geld bessere Qualität liefern? Klingt nach Quadratur des Kreises.

 

Bronner: Klar, einfach sagen, es geschieht am Tag genug um die Tageszeitung zu füllen – so einfach, falls es je so einfach war, kann man es sich nicht mehr machen.

 

In einem Interview habe ich den Satz von Ihnen gelesen: Ich habe nicht die Illusion, dass man als Journalist etwas verändern kann. Haben Sie den Eindruck, sie hätten nichts verändert?

 

Bronner: Ich habe Medien gegründet, aber ich habe nicht die politische Landschaft verändert. Das wollte ich ja auch gar nicht. Ich will mithelfen, dass mündige Menschen mündiger werden.

 

Sie selbst schreiben fast nie. Warum?

 

Bronner: Ich bin für eine Tageszeitung ungeeignet, weil ich viel zu langsam schreibe. Ich bin aber auch sehr von der angelsächsischen Rolle des Chefredakteurs beeinflusst, der selbst meist nicht schreibt, aber seinen Mitarbeitern zur Verfügung steht. Das ist eine sympathische Tradition, die sehr mit meinem schreiberischen Nicht-Talent harmoniert.

 

Gibt es noch eine Herausforderung, die Sie reizen würde?

 

Bronner: Ich möchte wieder Bilder malen.

 

Gar nichts mehr gründen?

 

Bronner: Ich habe immer nur die Medien gegründet, die ich selber lesen wollte. Und die gibt’s jetzt schon.

 

 

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