Der Schwindel der Finanzen

„Die ganze alte Scheiße ist im Arsch, und der bisher lächerlich-kühne Schwung, den der security market in England etc. genommen, wird auch ein Ende mit Schrecken nehmen“, schrieb Karl Marx über die Krise 1857. Was hätte er zur aktuellen Finanzkrise gesagt? Ein Feuilleton für Radio Ö1.

Die „gamblers an der Bourse“, schrieb Karl Marx 1857 in einem Brief an seinen Freund Friedrich Engels, brachten „die Eisenbahnen to a deadlock“. Nun, so schließt der große Kapitalismuskritiker in dem eigentümlichen Kauderwelsch, das er sich im Londoner Exil angewöhnt hat: „Die ganze alte Scheiße ist im Arsch, und der bisher lächerlich-kühne Schwung, den der security market in England etc. genommen, wird auch ein Ende mit Schrecken nehmen.“ Dass die Kapitalisten, die sich ansonsten die Einmischung des Staates und jede sozialpolitische Maßnahme entschieden verbaten, „nun überall von den Regierungen ‚öffentliche Unterstützung‘ verlangen, (…) ist schön“, amüsierte sich Marx.

 

151 Jahre später. Winter 2008. Kernschmelze auf den Spekulationsmärkten. Die Finanzkrise geht in eine Weltwirtschaftskrise über. Eine doppelte Dekade lächerlich-kühnen Schwungs des Turbokapitalismus ist jäh zu Ende. Hat er also recht gehabt, der Good Old Rauschebart? Bricht er jetzt zusammen, der Kapitalismus? Nun, Marx war nie der Meinung, dass der Kapitalismus aus sich heraus kollabieren würde. Hätte er diese Überzeugung vertreten, er hätte sich ja wohl nicht dafür engagieren müssen, die ausgebeuteten Arbeiter zur antikapitalistischen Revolution aufzustacheln. Wenn der Kapitalismus ohnehin mit Sicherheit zusammenbricht, dann wäre das ja etwa so nützlich, wie eine Partei zur Herbeiführung der nächsten Sonnenfinsternis zu gründen.

 

Marx meinte, dass der Kapitalismus an inhärente Grenzen stößt. Dass er Innovation, Fortschritt, die Entwicklung der Produktivkräfte begünstige – aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Und dass er mit dem modernen Proletariat die Kraft schaffe, die ihm den Garaus machen wird. Nun, auch das erwies sich nicht als exakt richtig. Übrigens hat der neugierige Denker Marx seine Theorien stetig dem Realitätstest unterzogen. Die Krise von 1846-48 in England und die erste Weltwirtschaftskrise von 1857-59 haben Marx gelehrt, dass der Kapitalismus immer wieder in neuer Frische aus dem Stahlbad der Depression auftauchen kann.

 

Was Marx zeigte, ist die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus. Während die klassische Wirtschaftstheorie davon ausging, dass die kapitalistische Ökonomie prinzipiell Gleichgewicht, Stabilität und stetiges Wachstum produziere, wenn man sie nur ungehindert tun ließe, so hat Marx erkannt, dass der Kapitalismus immer wieder aus sich heraus Krisen, Eruptionen, Verwüstungen hervorbringt. Und er war ein Meister des Zusammendenkens, er zeigte, wie alles miteinander zusammenhängt: Weizenpreise und Technisierung, Löhne und Konsumnachfrage, Irrationalität und Vernunft, Gier und kühle Berechnung, Profit und Zins, und wie aus diesem Zusammenspiel eine systemische Struktur entsteht, die rational und verrückt zugleich ist. Wie hätte er gelacht über die Phantasieökonomie der Neoliberalen, die uns vor zehn Jahren mit ihrer Formel für die „krisenfreie Ökonomie“ kamen, und nichts als Spott hätte er übrig für diejenigen, die bis gestern noch hofften, der Krach der Finanzmärkte würde keine Auswirkungen auf die „Realökonomie“ haben. Wie das läuft mit Kreditaufblähung, wie die gesamte Geschäftswelt von „solchem Schwindel ergriffen“ werden kann, bis die Panik einsetzt und sich im Krach ein „allgemeines Rette sich wer kann“ durchsetzt, das kann man sehr schön im Dritten Band des Kapitals nachlesen.

 

Im Vorwort zum Ersten Band des Kapitals schrieb Marx schon, die Kapitalisten seien nur „Personifikation ökonomischer Kategorien“. Er war Kapitalismuskritiker, nicht Kapitalistenkritiker, und hätte wohl auch nicht der Gier von Ego-Bankern die Schuld an unserem Palawatsch gegeben. Im großen und ganzen nämlich hänge der Kapitalismus eben nicht „vom guten oder bösen Willen des einzelnen Kapitalisten“ ab, meinte Marx in einem Brief an seinen Freund Louis Kugelmann. Er bekämpfte nicht die Raffgierigen, sondern ein System, dessen Anreizstruktur die Raffgier belohne. Freilich, wenn die „Herren von Kapital“ ihre Macht und politischen Privilegien einsetzten, sich mehr und mehr zuzuschanzen und die Unten in Ohnmacht zu halten, dann stieß Marx Blitze aus.

 

Insofern, aber nur insofern, hätte Marx gewettert gegen die Dödelbanker und das Hedge-Fondsgesindel, die jahrelang „Sozialstaat verschlanken“ predigten, ihre Phantasiegewinne privat einsackten und sich jetzt ihre Verluste sozialisieren lassen.

2 Gedanken zu „Der Schwindel der Finanzen“

  1. Ehrlich gesagt braucht man nicht Marx lesen um zu wissen dass so was nicht gut gehen kann. Das sagt ja schon der Hausverstand und nicht die vom Billa.
    Was ich halt nicht so verstehe ist das der Staat noch bereit ist diese Banken auszuhelfen. Von wo nehmen sie sich das Geld? Einfach drucken?
    Aber was ist mit den ehrlichen Hakler die brav ihr Geld zu Bank gebracht haben in die hoffnung ein kleinen Zins damit zu verdienen?
    P.S. Ich bin English Native speaker also ist mein Deutsch nicht das beste.

  2. Marx zu lesen hilft aber einiges besser zu verstehen, solange man noch lernt. Jetzt noch damit anzufangen dürfte für das aktuelle Debakel zu spät sein.
    Das ist das Problem, auch wenn viele das denken, mit Geld ‚verdient‘ man kein Geld. Mach ein Experiment. Kauf für das Geld 10 Eier und lege sie in einen gekühlten Safe. Öffne diesen Safe nach einem Jahr und schau ob die angelegten Eier zwischenzeitlich ein zusätzliches Eilein ‚verdient‘ haben. Und bedenke, Kühlung benötigt in der Regel auch Strom.
    Wie lautet das alte Indianersprichwort? „… und am Ende werden sie merken, dass man Geld nicht essen kann.“

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