Über das Pathos

Der Text zu FS Misik Folge 61:

Ja, das sind schon Momente das Pathos. Change is coming to America. Congratulations, Mr. President. Seit Obamas Angelobung hört man richtig gerne Nachrichten. Order zur Schließung Guantanamos binnen einen Jahres unterzeichnet. Order zu Schließung aller CIA-Geheimgefängnisse und dem Verbot von Folter in Vorbereitung. Jeden Tag eine gute Nachricht.

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Ach, das Pathos. Ein pathetischer Moment nach dem anderen. Da kann einem schon eine kleine Gänsehaut über den Rücken laufen, etwa, wenn Bruce Springsteen und Pete Seeger, der große alte Mann des amerikanischen Folk und Protestsongs, gemeinsam vor dem Lincoln-Memorial beim Konzert für Obama „This Land is Your Land“-singen. Diese legendäre Hymne der amerikanischen Linken.

 

Aber es ist ja eine komplizierte Sache mit dem Pathos. Das Pathos hat ja heute einen schlechten Ruf, und zwar nicht nur, weil man mit pathetischer Rede die Leidenschaften anstacheln und die Menschen auch aufhetzen kann. Das Pathos wird in die Nähe falscher Gefühlsduselei gerückt. Und tatsächlich ist es oft ja von Kitsch nur schwer zu unterscheiden. Die große, dramatische Geste kann kitschig und pathetisch zugleich sein. Aber auch der Minimalismus und die Nüchternheit, die ja als Antipoden des Kitsch gelten dürfen, haben längst ihren eigenen Pathos entwickelt. Um das mit einem Beispiel aus der Architektur zu sagen. Der Bauhausstil hat sich gegen den Kitsch des Ornamentalen gerichtet, ist heute aber selbst pathetisch.

 

Es ist also nicht so einfach mit dem Pathetischen. Es gibt eine phobische Abwehr und einen süchtigen Hang zum Pathetischen zugleich. Der Generalverdacht gegenüber dem Pathetischen hat seine guten Gründe, aber er kann auch sehr billig sein. Das postmoderne Subjekt hat sich eine ironische Haltung gegenüber nahezu jedem Phänomen antrainiert, das ihm begegnet, und die ist von Zynismus oft nur schwer zu unterscheiden. Man hält sich die Gefühle vom Leib, indem man sich über alles lustig macht. Ein bisschen ist das zur allgemeinen Lebenshaltung im Bobo-Milieu geworden. Dass man sich für etwas begeistert, gar für etwas engagiert, dass man für etwas mit Leidenschaft brennt – na, das gibt es da nicht. Diejenigen, die es dennoch tun, belächelt man als naive Gutmenschen.

 

Im Fall von Obama, der ja ein großer Meister der pathetischen Rede ist, kommt hinzu: Es lebt hier eine Sprache wieder auf, die in einer Zeit geprägt wurde, als die einfachen Leute – die Unterdrückten – ihren Platz einforderten – gegenüber den Herrschenden. Das ist natürlich ein vielfach beschädigtes Vokabular. Unterdrückung, Gerechtigkeit, Freiheit, Ungerechtigkeit, Brüderlichkeit, das sind so Worte, die nimmt man nicht mehr leicht in den Mund, ohne rot zu werden. Beschädigt ist das Vokabular, weil wir wissen, wie viele Aufbrüche im Nichts versandet sind, aber auch, weil wir wissen, wie viel Schindluder mit diesen großen Worten betrieben wurde, wenn sie mal zu Parolen erstarrt waren. Diese Worte gelten uns als verbraucht, wie diese Lieder.

 

Historisch, also in der großen Geschichte der Rhetorik, lebte die öffentliche Rede von der Logik, dem Ethos und dem Pathos. Also von den Argumenten, vom Ethos des Redners und vom Pathos, also von seiner Fähigkeit, die Zuhörer zu ergreifen. Nun ist es aber freilich keineswegs so, dass mit dem Niedergang des Pathos die beiden anderen Kriterien einen Aufstieg erlebt haben. Nehmen wir nur unsere normalen Politiker. Da fehlt es ja meist nicht nur an Pathos, sondern an Logik und vor allem auch am Ethos des Sprechenden.

 

So gesehen lebt das Obama-Phänomen gewiss auch von Pathos, aber nicht nur von Pathos. Zeichnet sich der neue amerikanische Präsident nicht auch durch die Überzeugungskraft seiner Argumente aus? Und dass man ihm einen Ethos zuschreibt, wie er selten geworden ist in der Politik?

 

Wieviel Potential zur Enttäuschung darin auch immer stecken mag, ist die nüchterne Begeisterungsunfähigkeit des zeitgenössischen Ironikers tatsächlich eine gesunde Antwort darauf? Ich habe da so meine Zweifel. Schließlich hat noch kein Zyniker die Welt besser gemacht.

Ein Gedanke zu „Über das Pathos“

  1. Wer auch immer die Stimme gegen pathetische Worte erhebt, diese zynisch oder belustigend verzerrt, sollte sich in Erinnerung rufen, was mit solchen Worten positives ausgelöst wurde. „I have a dream“ … ein Zyniker mag anmerken: „Vielleicht sollte er einen Therapeuten aufsuchen.“
    Aber WER hat die Welt bewegt, und WER hat wirklich Anteil an seiner Umwelt genommen? Der Zyniker wohl selten, da er seinen Fokus oft nur auf eine Person/ein Ereignis richtet.
    Insofern stimme ich damit überein, der Zyniker hat noch selten verändert. Aber als Korrektiv, wenn pathetische Worte Schaden anrichten können, möchte ich doch nicht auf ihn verzichten.

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