„Der dialektische Herr H.“ – Jürgen Habermas zum Achtzigsten

Morgen, Donnerstag, 18. Juni wird Jürgen Habermas, der berühmteste lebende Philosoph, 80 Jahre alt. www.misik.at präsentiert die härtesten Debatten, die schärfsten Theorien, die bittersten Feindschaften und die prägnantesten Slogans von Mr. Weltgeist.

 

 „Der dialektische Herr H.“

Habermas stieß in den fünfziger Jahren als Jungstar an das linke Frankfurter Institut für Sozialforschung. Zentralfiguren waren damals die legendären Sozialphilosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Aber die hatten ihre radikalsten Zeiten auch schon hinter sich. Das musste Habermas, damals Forschungsassistent bei Adorno, sehr schnell spüren. Ein „besonders regsamer, tätiger Mensch“ mache sich da im Institut breit, schrieb Horkheimer in einem Brief an Adorno, „begabt“, aber voller „Eitelkeit“. Vor allem aber dass der junge Mann so viel auf den frühen Marx halte, erboste Horkheimer an dem „dialektischen Herrn H.“. Ganz im Einklang mit dem Zeitgeist der Adenauer-Jahre schimpfte Horkheimer, Habermas würde damit „den Geschäften der Herren im Osten Vorschub“ leisten und empfahl mit halbwitziger Hegelei, Habermas „in aller Güte zu bewegen, seine Philosophie irgendwo anders aufzuheben oder zu verwirklichen“. Habermas floh daraufhin Richtung Universität Marburg. Pointe der Geschichte: 1964 kehrte er nach Frankfurt zurück – auf die Professur des emeritierten Horkheimer.

 

„Linksfaschismus“

Mit Schriften wie „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ – seiner Habilitation – und Aufsätzen über Studenten und Demokratie wurde Habermas zu einer Referenzfigur der Studentenbewegung, die sich schnell radikalisiere. 1967 lieferte er sich wenige Tage nach dem Tod des Studenten Benno Ohnesorgs, der bei einer Anti-Schah-Demonstration erschossen worden war, eine Kontroverse mit dem Studentenführer Rudi Dutschke: „Herr Dutschke hat als konkreten Vorschlag nur vorgetragen, dass ein Sitzsstreik stattfinden soll“, sagte Habermas bei einer Diskussion an der Universität Hannover. „Ich frage mich, warum er das so nennt und warum er eine dreiviertel Stunde darauf verwendet hat, um eine voluntristische Ideologie hier zu entwickeln, die man im Jahr 1848 utopischen Sozialismus genannt hat, die man aber unter heutigen Umständen – jedenfalls glaube ich, Gründe zu haben, diese Terminologie vorzuschlagen – ‚linken Faschismus‘ nennen muss.“ Der Vorwurf des „Linksfaschismus“ gegen die Provokationsstrategien der radikalen „Neuen Linken“ zogen Habermas den Zorn seiner bisherigen Verehrer zu.

 

„Kolonisierung der Lebenswelt“

„Der Publizist Habermas hat dem Wissenschaftler Habermas immer wieder zu prägnanten Formulierungen verholfen, ohne die in einer Kommunikationsgesellschaft Öffentlichkeit nicht erreicht werden kann“, schrieb sein Schüler Detlev Claussen einmal. Tatsächlich hat Habermas eine Reihe von Wendungen in die Welt gesetzt, die fast schon zu geflügelten Worten wurden. „Kolonisierung der Lebenswelt“ ist ein solcher Habermas-Satz: Damit meinte er, dass es in modernen Gesellschaften das normalen, gegebene Lebensmilieu der Bürger gibt, jenseits derer aber systemische Medien wie „Macht“, „Geld“, „Wirtschaft“. Heutzutage kolonisiere das „System“ aber die „Lebenswelt“. Wer heute oft die Totalökonomisierung der Gesellschaft beklagt, der sagt oft auch gern „Kolonisierung der Lebenswelt“ dazu – meist ohne zu wissen, dass der Satz von Habermas stammt und was der genau damit gemeint hat. In Schriften wie „Technik und Wissenschaft als Ideologie“ und später in seinem 1981 erschienenen Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ ist Habermas ganz traditioneller Ideologiekritiker: „An die Stelle des falschen tritt heute das fragmentierte Bewusstsein, das der Aufklärung über den Mechanismus der Verdinglichung vorbeugt.“

 

Geistiger Vater des Terrorismus?

Als in den siebziger Jahren die „Rote Armee Fraktion“ Deutschland mit ihrem Terror überzog, war man am rechten Flügel der Unionsparteien, aber auch in FAZ und Springer-Presse schnell mit Schuldigen bei der Hand: linke geistige Brandstifter seien mitverantwortlich. So sagte der CDU-Parlamentarier Alfred Dregger im Bundestag: „Der Terrorismus hat geistige und politische Ursachen. Ein Kommentator hat mit Recht gesagt, die sogenannte RAF sei nicht vorstellbar ohne die Frankfurter Schule. Die Studenten hätten nur in die Praxis umgesetzt, was Professoren sie gelehrt hätten.“ Im Oktober 1977 gab Habermas in einem Spiegel-Essay zurück, CSU-Chef Franz-Josef Strauß und Dregger denken wohl, durch ihren Generalangriff gegen die Linke mit 200 Jahren kritischem Denken in Deutschland aufräumen zu können. Strauß wolle, „nachdem Spanien endlich eines Francos ledig ist, die Bundesrepublik francoisieren.“

 

„Herrschaftsfreier Diskurs“

Manche von Habermas „prängnanten Formulierungen“ wurden fast zu so etwas wie Slogans. Sein kommunikationstheoretisches Idealbild vom „herrschaftsfreien Diskurs“ ließ sich leicht auch zu einer Forderung umformulieren. Gerne ist Habermas‘ Idee der idealen Sprechsituation und des Gebrauch kommunikativer Vernunft auch missverstanden worden – als irreale, blauäugige Gutmenschenhoffnung. Spitze Zungen merken auch an, der Debattenkaiser Habermas ist schon deshalb der ideale Vertreter einer Diskursethik, weil er „im Diskursernstfall so lange zu debattieren vermag, bis sich alle übrigen Debattenteilnehmer erschöpft zu Bett begeben“.

 

„Entsorgung der Vergangenheit“

Eine der seiner heftigsten Debatten lieferte sich Habermas Mitte der achtziger Jahre, als er auf Thesen konservativer Historiker wie Ernst Nolte und Michael Stürmer reagierte – eine Kontroverse, die als „Historikerstreit“ legendär wurde. Der ultrakonservative Historiker Nolte wollte NS-Herrschaft und Holocaust „historisieren“, als Ereignisse im Kontext eines „europäischen Bürgerkriegs“, der eigentlich mit dem Aufstieg des Bolschewismus begonnen habe. Hitler, so insinuierte Nolte, habe also auf die bolschewistische Bedrohung nur reagiert. Habermas griff 1986 in einem „Zeit“-Artikel diesen Versuch einer „Entsorgung der Vergangenheit“ an. Nolte & Co. betrieben „eine Art Schadensabwicklung“ – so der Titel des Essays. Parole der konservativen Historiker war „Nationalbewusstsein statt Schuldbewusstsein“. Habermas wandte sich gegen „eine solche ‚Geschichtspolitik‘, überhaupt gegen ein manipuliertes Geschichtsbewusstsein“. Und für „Verfassungspatriotismus“ statt „Nationalbewusstsein“.

 

„Die neue Unübersichtlichtkeit“

Mitte der achtziger Jahre erodierte die klassische Lagerbildung, einfache und glasklare politische Lösungsvorschläge wurden zunehmend skeptisch gesehen. Österreichs Bundeskanzler Fred Sinowatz sagte damals, „es ist alles sehr kompliziert“ und wurde dafür verhöhnt. Jürgen Habermas schrieb einen Essay, der in etwa das gleiche meinte, übertitelte ihn mit dem Satz „Die neue Unübersichtlichkeit“ und lieferte damit abermals ein Stichwort zur geistigen Situation der Zeit, das bald in den allgemeinen Zitatenschatz einging und ohne das kaum mehr eine Politikerrede auskam.

 

Kampf den Gegenaufklärern!

Dass der Diskursethiker Habermas den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ hochhält, heißt nicht, dass er in theoretischen Kontroversen nicht auch hart zulangen kann, wenn er seine Antipoden für gefährlich hält. So bekämpfte er die aus Frankreich einströmende Geistesmode des „Poststrukturalismus“ mit harten Bandagen, ihrer „Vernunftkritik“ wegen. Foucault, Bataille, Derrida & Co. gegenüber stellte er sich als Traditionalist, der aller Aporien der Vernunft zum Trotz die „Aufklärung“ hochhielt. „In den Schriften mancher Poststrukturalisten findet man nicht nur scharfsinnige Fortsetzungen der von Nietzsche geübten Ideologiekritik; hier begegnet man auch den methodischen Übertreibungen einer total gewordenen Vernunftkritik“, urteilte er scharf über diese „Untiefen der Rationalitätskritik“. Wenn er einen für einen offenen oder verkappten Adepten der „Gegenaufklärung“ hielt, ist mit Habermas nicht zu spaßen. Auch die Anhänger der „Systemtheorie“ – in der das handelnde Subjekt nur mehr als Exekutor einer Systemlogik vorkommt – können davon ein Lied singen. Niklas Luhmann, den scharfsinnigen Begründer der systemtheoretischen Schule, schätzte Habermas zwar als intellektuellen Antipoden, aber „Habermasianer“ und „Luhmann-Schüler“ sind sich Spinnefeind. Einer von Habermas‘ Lieblingsfeinden ist Peter Sloterdijk, gegen den Habermas nicht nur scharfe Argumente sondern auch ganze Bataillone (in Form seiner Schülerschar) ins Feld schickte.

 

Entgleisende Moderne

Hatte Habermas gegen die Vernunftkritik der Franzosen die Moderne noch als „unvollendetes Projekt“ verteidigt, bekam er es in den letzten Jahren selbst mit der Angst zu tun. Die technologischen und wissenschaftlichen Fortschritte, etwa in der Biotechnologie, die eine neue Form der Eugenik ermöglichen würden, ließen ihn von der Gefahr einer „entgleisenden Modernisierung“ sprechen. Die Religion könnte einen „funktionalen Beitrag“ leisten, dem entgegen zu treten, meint Habermas nun, etwa indem sie das Postulat der „Gottesebenbildlichkeit des Menschengeschöpfs“ in eine säkulare Sprache übersetze. Diese überraschenden Thesen entwickelte Habermas beispielsweise 2004 in einem Diskurs-Tete-a-Tete mit Kardinal Joseph Ratzinger, der daraufhin prompt zum Papst gewählt wurde.  

 

 

Habermas in seinen eigenen Worten:

 

„Nie hat Marx begriffen, dass diese ‚Maschinerie‘, dass die Technik selbst, und nicht erst eine bestimmte Wirtschaftsverfassung, unter der sie arbeitet, die Arbeitenden wie die Konsumierenden, mit ‚Entfremdung‘ überzieht“.

Dialektik der Rationalisierung, 1955

 

„Die philosophische Diskussion der Marxismus ist, soweit sie sich selbst als marxistisch versteht, stets mehr als eine ’nur‘ philosophische“.

Literaturbericht zur philosophischen Diskussion um Marx und den Marxismus, 1957

 

„Eine ‚Politisierung‘ im Sinne der Selbstreflexion der Wissenschaft ist nicht nur legitim, sie ist Bedingung einer Autonomie der Wissenschaft, die heute unpolitisch nicht mehr gewahrt werden kann.“

Theorie und Praxis, 1963

 

„Das falsch Bewußtsein hat eine schützende Funktion“.

Technik und Wissenschaft als Ideologie, 1968

 

„(Mit) Kolonisierung der Lebenswelt meine ich die Verarmung an Ausdrucks- und Kommunikationsmöglichkeiten.“

Zur geistigen Situation der Zeit, 1979

 

„Der Einfluss der Poststrukturalisten auf deutschen Universitäten hat sicher auch mit der Lage auf dem akademischen Arbeitsmarkt zu tun. Der Erwartungshorizont der jüngeren Intellektuellen hat sich so verdüstert, dass sich eine negativistische Stimmung ausgebreitet hat“.

Die Neue Unübersichtlichkeit, 1985

 

„Das kommunikative Vernunftpotential wird im Verlaufe der kapitalistischen Moderiniserung gleichzeitig entfaltet und entstellt.“

Der philosophische Diskurs der Moderne, 1985

 

„Die radikale Vernunftkritik entrichtet für die Verabschiedung der Moderne einen hohen Preis. Verworfen wird eben das, was eine sich ihrer selbst vergewissernde Moderne mit den Begriffen Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung einmal intendiert hatte“.

Der philosophische Diskurs der Moderne, 1985

 

„Die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die große intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit, auf die gerade meine Generation stolz sein könnte.“

Eine Art Schadensabwicklung, 1986

 

„Erst die Zugehörigkeit zur ‚Nation‘ hat zwischen Personen, die bis dahin Fremde füreinander gewesen waren, einen solidarischen Zusammenhang gestiftet.“

Die Einbeziehung des Anderen, 1996

 

„Weil die Idee, dass eine Gesellschaft demokratisch auf sich einwirken kann, bisher nur im nationalen Rahmen glaubwürdig implementiert worden ist, ruft die postnationale Kostellation jenen gebremsten Alarmismus aufgeklärter Ratlosigkeit hervor, den wir in unseren politischen

Arenen beobachten.“

Die postnationale Konstellation, 1998

 

„Die postmodernen Ansätze denunzieren mit Recht die kolonialisierenden Effekte der weltweit zur Herrschaft gelangten Kommunikationsmuster und Diskurse westlicher Herkunft. Aber solche Theorien sind schlecht gerüstet für die Aufgabe, zwischen kolonialisierenden und überzeugenden Diskursen zu unterschieden“.

Die postationale Konstellation, 1998

 

„Die Dezentrierung der Macht findet im lokalen Charakter der zerstreuten Widerstände ihr Echo“. 2004

 

Die Philosophie hat Gründe, sich gegenüber religiösen Überlieferungen lernbereit zu verhalten.

Dialektik der Säkularisierung, 2005

 

„Was kommt jetzt? Ich hoffe, dass die neoliberale Agenda nicht mehr für bare Münze genommen, sondern zur Disposition gestellt wird. Das ganze Programm einer hemmungslosen Unterwerfung der Lebenswelt unter Imperative des Marktes muss auf den Prüfstand.“

Nach dem Bankrott, 2008

Ein Gedanke zu „„Der dialektische Herr H.“ – Jürgen Habermas zum Achtzigsten“

  1. Im Prinzip finde ich den Artikel in aufklärerischer Hinsicht gelungen.Nur bin ich kein Habermasschüler, habe aber von seinen Vorlesungen während meiner Studentenzeit 1966 bis 1970 in Frankfurt enorm profitiert. Wenn schon Schüler, dann von den am Anfang des Artikels unter Wert abqualifizierten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno… Das hat Habermas an mir nie gefallen.
    herzlich, dc

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