Reingefallen

John Malkovich entreißt den dichtenden Killer Jack Unterweger dem Vergessen. taz, 6. Juli 2009

 

Man hätte ihn gerne vergessen, aber jetzt ist er wieder da: Jack Unterweger. Der große John Malkovich hat den Charmeur und Psychopathen, der wohl 13 Frauen ermordet hat, in den vergangenen Tagen im Wiener Ronacher-Theater gegeben. „The Infernal Comedy“, heißt die Produktion, die davor schon in Los Angeles zu sehen gewesen war.

 

Unterweger – das war vielleicht ein „Fall“. Einer, der einem den Atem raubte, zuletzt vor zwanzig Jahren. Begonnen hatte es vergleichweise banal 1974. Unterweger, damals 24, erdrosselt eine junge Frau, wird danach zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Verdacht, dass er davor schon getötet habe, wird nie geklärt. In der Haft beginnt er zu lesen und zu schreiben – er verfasst seine Autobiographie, und fasziniert bald die intellektuelle Community. Ein Knastautor, ein „Häfenpoet“. Und nicht bloß ein kleiner Dieb oder Räuber – ein echter Mörder! Einer, der Leben auslöschte und dann begann, mit den Wörtern zu spielen. Das hatte die Faszination des Bösen. Aber diese Faszination ließ sich auch sozialpädagogisch legitimieren, erwies sich in Unterweger ja scheinbar die läuternde Kraft der Kunst. Ein Killer, der zu dichten beginnt und ein besserer Mensch wird. Bald gilt Unterweger als Exempel gelungener Resozialisierung. Elfriede Jelinek, Günther Nenning, die gesamte Creme des Geiseslebens setzte sich für seine Freilassung ein. Am Ende wird er vom Bundespräsidenten begnadigt. Vordergründig wurde Unterwegers Resozialisierung gepriesen. Einen Gutteil seiner Faszination verdankte er freilich dem Energetischen des Kriminellen, das uns fade Mittelstandsnormalos seit jeher in seinen Bann schlägt.

 

Gerade einmal ein paar Monate ist Unterweger frei, da beginnt eine Mordserie an Prostituierten. Der seriale Charakter fällt zunächst nicht auf, weil die Taten geografisch weit auseinander liegen: Wien, Graz, Tschechien, die USA. Alle sind auf auffallende Weise mit ihren BHs erdrosselt, die der Täter raffiniert verknotete. Irgendwann wird gemunkelt, wo immer Unterweger bei seinen Lesereisen vorbei kommt, ist am nächsten Morgen eine Hure tot. Unterweger flüchtet in die USA, wird dort gefasst. Er bestreitet die Taten, wird in einem Indizienprozess schuldig gesprochen. Am Tag nach der Urteilsverkündung erhängt er sich mit der Kordel seiner Jogginghose. Sie war genauso verknotet wie die BHs der Toten.

 

In den paar Monaten seiner Freiheit präsentierte sich Unterweger als Dandy mit weißem Anzug. Er spielte mit dem Image des Gefährlichen. Dass er, der Schmächtige, der schien, also könnte man ihn umblasen, keineswegs ostentativ gefährlich wirkte, machte die Sache wohl leichter. Seine bloße Anwesenheit brachte Thrill ins Leben, schließlich begegnet man nicht alle Tage einem Mörder. Er wollte wirken. Er war ein Medienphänomen. Das ging so weit, dass er für das ORF-Radio Reportagen über die Serienmorde unter Prostituierten machte. Er zog los und interviewte Huren. Dass Täter an den Schauplatz ihrer Taten zurückkehren, das wusste man schon. Dass sie als Chronikreporter über die Morde berichten, die sie selbst begangen haben, das war dann doch eine Neuigkeit.

 

Im Nachhinein wirkt das alles nur zu auffällig. Die, die auf ihn hineinfielen, stehen dumm da. Wenn er da auftrat als wirksüchtiger Charmeur, lästig, ichsüchtig, aber faszinierend, wie er künstelnd das sprach, was seine Helfer hören wollten – konnte man da nicht gleichsam spüren, dass da etwas nicht stimmte? Klar konnte man. Andererseits, wer ist nicht auf irgendeine Art komisch, ohne dass er gleich ein Massenmörder ist?

 

Man hat ihn schnell vergessen. Auch, weil er in den sozialpädagogischen siebziger und achtziger Jahren „einer von uns“ war. Einer, der Weltverbesserungsimpulse ausnützte – auf dem „man“ in gewissen Sinn hineinfiel, auch wenn manche mehr, manche weniger, manche gar nicht auf ihn hinein fielen. Motto: Oh Gott, wie peinlich, nur nicht dran denken, man müsste sich glatt schämen.

Ein Gedanke zu „Reingefallen“

  1. Sehr gute Analyse, vor allem für einen, der zu jung ist, um sich an die Geschichte zu erinnern. In meiner Wahrnehmung tauchte Unterweger erst bei seiner Verhaftung in den USA auf.
    Ein differenzierter Blick auf das, was davor war, ist heute sehr schwer zu bekommen. Gerne redet niemand mehr darüber. Umso wichtiger, dass es mal getan wird.

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