Unwissen ist Macht

Die Freiheit, die sie meinen: Wer Daten erhebt, die dem neoliberalen Mainstream nicht in den Kram passen, soll mundtot gemacht werden. 
In der vergangenen Ausgabe der „Presse am Sonntag“ erschien ein Kommentar voller witziger Formulierungen und sprühender Polemik. Wie jede Woche präsentierte uns darin Kollege Franz Schellhorn seine Sicht der Dinge, die erwartbar stets lautet: Der Markt ist immer gut, der Staat ist immer böse. Wie Sie sich denken können, teile ich die Glaubenswahrheiten des Kollegen Schellhorn nicht, dennoch aber schätze ich ihn. Die intellektuelle Schlichtheit seiner Agitation und seine Unkenntnis ökonomischer Zusammenhänge macht er mit Witz und Pointen wett, er hat einen ironischen Zug, der ihn durchaus von vielen anderen Autoren seines politischen „Lagers“ abhebt. 
Wer mich kennt, weiß, dass ich gegen ein gepflegtes Gefecht mit dem Florett der Polemik nie etwas einzuwenden habe.
Umso erschütternder, was Schellhorn am Sonntag abgeliefert hat. 
Er streift die jüngste Studie von Österreichischer Nationalbank und Europäischer Zentralbank über die Vermögensungleichheit in Österreich. Weder bestreitet er die Zahlen noch deren Plausibilität und auf die Frage, ob die krasse Ungleichverteilung nun gut oder schlecht ist, lässt er sich kaum ein. Stattdessen vermanscht er sie mit anderen Publikationen zum Thema, etwa kurzen Werbevideos der Arbeiterkammer, denen man eine gewisse Verkürzung schon vorwerfen kann. Was aber halt nichts mit der OeNB-Studie zu tun hat. 
Weil er aber in der Sache gegen die Studie nichts vorbringen kann, wird er dann so richtig persönlich. Martin Schürz, einem Co-Autor der Studie, führt er gewissermaßen als verrückten kommunistischen Wissenschaftler vor, der einmal so etwas Irrsinniges gesagt habe, wie, dass „reiche Menschen in einer Gesellschaft Gesundheitsprobleme verursachen“. 
Nun weiß ich nicht, ob Schürz so etwa in einer Podiumsdiskussion gesagt hat, ist aber auch egal: Es ist nämlich ein wissenschaftliches Faktum, das von unzähligen Datensätzen der WHO, der OECD etc. gestützt wird, dass die allgemeine Volksgesundheit in Gesellschaften mit grober Ungleichheit schlechter ist als in egalitäreren Gesellschaften, dass die Lebenserwartung niedriger ist etc. Das ist ein Faktum, und wird nur dann zur skandalösen Meinung eines vorwitzigen Akademikers, wenn man das so richtig aus dem Zusammenhang reißt. 
Und dann kommt der eigentlich skandalöse Satz in Schellhorns Frontalangriff: „Wer die Welt so sieht, empfiehlt sich hierzulande eben dafür, mit dem Verfassen offizieller Vermögensstudien betraut zu werden.“
Wer das reale Funktionieren sensibler öffentlicher Institutionen (und die Nationalbank ist eine der sensibelsten öffentlichen Institutionen) in Österreich kennt, der weiß, dass ein solcher Satz das journalistische Pendent zu einem Mordversuch ist. Und wohl auch so gemeint war. 
Man muss sich das in einer ganzen Miesheit auf der Zunge zergehen lassen. Schließlich ist, was die Forscher der OeNB hier machen, nicht einmal „kritische Wissenschaft“, in dem Sinne, dass ihre Methodik am Rande des akademischen Mainstreams angesiedelt wäre (was übrigens auch kein Argument für die Einschränkung der akademischen Freiheit wäre). Aber nein, ist es nicht einmal. Es ist einfach State-of-the-Art-Forschung. Was die OeNB hier macht, ist exakt das, was die deutsche Bundesbank macht, was die Europäische Zentralbank macht, was die amerikanische FED seit jahren schon macht und so weiter. 
In diesen Ländern werden solche Studien über die Vermögensungleichheit seit Jahrzehnten gemacht, weshalb man in diesen Ländern übrigens sehr genau über die Veränderungen der Vermögensungleichheit Bescheid weiß, weil man eben schon historische Datenreihen hat. In Österreich haben wir jetzt erstmals auch eine Momentaufnahme, aber keine verlässlichen Daten, wie sich diese Werte in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben. Weil man eben bisher erfolgreich verhindert hat, dass sie überhaupt erhoben werden. 
Was Schellhorn und die seinen offenbar auch für die Zukunft verhindern wollen. 
Mit einem Wort, sie sagen nicht: „Wir glauben diese Zahlen nicht.“ Sie sagen auch nicht: „Wir glauben diese Zahlen, aber wir finden das gerecht.“ Sie sagen nicht: „Das sind die Zahlen, aber für diese Verteilung hat der Markt gesorgt, deshalb kann diese Verteilung nicht schlecht sein.“
Sie sagen einfach: Wir wollen das nicht wissen. Wir wollen keine Wissenschaft, die diese Daten erhebt. Diese Daten sollen unbekannt bleiben. 
Das ist es, was sie wirklich sagen. 
Und um dieses Ziel durchzusetzen, diffamieren sie Wissenschaftler. 
Schön, dass Schellhorn und Kameraden ihre Methoden auf so frappierende Weise offen legen. Weniger schön ist, dass man befürchten muss, wenn man Österreich kennt und den Mut mancher Akteure, dass sie mit ihren Einschüchterungsversuchen auch noch Erfolg haben könnten. 


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