Krise vorbei?

18 Monate lang schraubte sich die Euro-Zone in einer Rezessionsspirale nach unten. Jetzt ging es erstmals wieder leicht nach oben. Für die Auferstehungsparty ist es aber noch viel zu früh. Falter, Wien, 28. August
„Stabilisierung“, „Aufschwung“, „Konjunkturlokomotive“, „Ende des Absturzes“ – die Schlagzeilen konnten Mitte August nicht positiv genug klingen. Grund für die plötzliche Euphorie: Die Europäische Statistik-Behörde meldete ein unerwartetes Wirtschaftswachstum in der Eurozone von 0,3 Prozent im vergangenen Quartal. Damit ist die längste Rezession der Eurozone zu Ende. Denn 18 Monate war die Wirtschaftsleistung von Quartal zu Quartal geschrumpft – sechs Quartale hintereinander. 
„Es gibt allen Grund für die Menschen in Deutschland, optimistisch in die Zukunft zu blicken“, frohlockte prompt Berlins Wirtschaftsminister Philipp Rösler. Klar, sechs Wochen vor einer Bundestagswahl machen positive Wirtschaftsdaten Freude. Ganz anders Wiens Finanzministerin Maria Fekter, die meinte: Was, nur 0,2 Plus für Österreich? Da sind sicher die Sozis schuld! Nun ja, jeder macht Wahlkampf, wie er glaubt.

Dass die Abwärtsspirale gestoppt ist, ist keine Kleinigkeit. Damit ist die Katastrophentendenz wenigstens unterbrochen. Aber ist damit schon ein Aufschwung in Sicht? Das Euro-Drama zu Ende? Gibt es Licht am Ende des Tunnels, womöglich sogar für Krisenstaaten wie Griechenland, Spanien oder Italien? 
Um die Größenordnungen beurteilen zu können, muss man sich die Zahlen im Detail ansehen. Das Wachstum im zweiten Quartal ist eine Vergleichzahl – und zwar in Relation zum ersten Quartal. Das heißt: Die Wirtschaftsleistung in den 17 Euro-Staaten war zwischen April und Juni um 0,3 Prozent höher als zwischen Jänner und März. 
Vergleicht man aber das zweite Quartal des Vorjahres mit dem zweiten Quartal 2013, dann sieht die Sache schon anders aus: Statt einem Plus gibt es weiter ein Minus. Um 0,2 Prozent lag die Wirtschaftsleistung unterhalb der des Vergleichzeitraums des Vorjahres. Das heißt: Der Absturz ist weiter gegangen. Oder noch anders gesagt: Nimmt man die Rezession, die auf die Finanzkrise 2008 folgte, den kurzen Aufschwung danach, und die darauffolgende zweite Rezession zusammen, dann sieht man, wie viel die Eurozone verloren hat. Um desaströse 3 Prozent ist die Wirtschaftsleistung des Jahres 2013 unter der des Jahres 2008. 
Bedenkt man noch hinzu, dass unter „normalen“ Bedingungen die Wirtschaft nicht nur nicht schrumpft, sondern moderat wächst, dann liegt die Wirtschaftsleistung der Euro-Zone heute um 15 oder 20 Prozent niedriger, als das ohne Finanzmarktkollaps und Krise der Fall wäre. Peanuts sind das wahrlich keine. 
Ein Gros des Aufschwungs verdankt die Eurozone Deutschland und Frankreich, den beiden größten Ländern. Deutschland wuchs im vergangenen Quartal um 0,7 Prozent, das gibt auch im Jahresvergleich ein Plus von 0,5 Prozent. Frankreich wuchs um 0,5 Prozent (im Jahresvergleich: 0,3 Prozent) und ist aus der Rezession raus. Italien ist mit Minus 0,2 Prozent im vergangenen Quartal, Spanien mit minus 0,1 Prozent immer noch in einer Rezession, das gleiche gilt auch für die Niederlande, Zypern und Griechenland – für letzteres Land liegen die aktuellen Zahlen nicht vor, aber die Wirtschaftsleistung des krisengebeutelten Landes rasselte im vergangenen Jahr noch einmal um 4,6 Prozent in den Keller. Das Land ist seit fünf Jahren oder 20 Quartalen hintereinander in eine Rezession. 
Kurzum: Aufschwung ist das noch lange keiner. Bestenfalls eine Abbremsung der Rezession. Für verhaltenen Optimismus gibt es allenfalls drei Indizien. Erstens: Das Krisenland Portugal wuchs im vergangenen Quartal um robuste 1,1 Prozent. Das heißt: Wenigstens in einem der Krisenstaaten geht es möglicherweise aufwärts. Zweitens: Frankreich kam erstaunlich stark in die Wachstumszone. 
Deutschland und Frankreich gemeinsam könnten, allein der schieren Größe wegen, die Eurozone aus der Rezession ziehen. Dass das geschieht ist aber noch immer nicht sehr wahrscheinlich. 
Denn was ist eine Rezession? Eine anhaltender Wirtschaftsabschwung setzt dann ein, wenn Unternehmen Investitionen einstellen und Beschäftigte entlassen, weil sie annehmen, dass sie demnächst weniger absetzen werden. Normale Bürger geben dann weniger aus, entweder, weil sie weniger Geld in der Tasche haben oder weil das angegraute Wirtschaftsklima Unsicherheit verbreitet. Der Staat hat dann weniger Steuereinnahmen, und wird, wenn er die Defizite nicht erhöhen will (oder kann), selbst auch noch durch Sparpolitik die Krise verschärfen. Dann geben Unternehmen, private Haushalte und der Staat weniger aus und die Wirtschaft trudelt in die Krise. Wie kann aber eine solche Krise wieder zu Ende gehen? Entweder werden die Bürger einfach wieder konsumfreudiger. Oder die Unternehmen beginnen zu investieren, weil sie glauben, Anzeichen für mehr Konsumfreude zu spüren. Oder der Staat macht Schulden und belebt die Wirtschaft. 
Es gibt wenig Indizien, dass auch nur eine der drei Bedingungen gerade erfüllt ist. Selbst in Deutschland sagen Experten, wie etwa Allianz-Ökonom Gregor Eder: „Zuletzt lagen die realen Ausrüstungsinvestitionen knapp 14 Prozent unter dem Niveau von Mitte 2007.“ Allerdings ist die Lohnentwicklung in Deutschland seit 2007 wieder positiver – anders als in den Jahren des Lohndumpings in der ersten Hälfte der Nullerjahre. Das heißt, die Bruttolöhne stiegen jährlich um rund 2,5 Prozent, was zwar nicht viel ist, aber ein wenig zur Konsumkonjunktur beitragen könnte. 
All das ist wohl viel zu wenig, um die Krisenländer aus der Katastrophenzone zu bringen, oder die Arbeitslosigkeit auch nur fühlbar zu reduzieren. Aber es ist auch mehr als Nichts. So reagierte bereits der Internationale Währungsfonds (IMF) auf die Wachstumsdaten und insbesondere den deutschen BIP-Zuwachs, und zwar mit liebevoll-diplomatischen Sätzen: Weil von einer echten Erholung in Deutschland viel abhänge, „begrüßt das IMF-Direktorium die Absicht der deutschen Regierung, eine Übererfüllung bei der fiskalischen Konsolidierung zu verhindern und es ermutigt die Neubewertung dieser Politik, wenn das Wachstum unter den Erwartungen bleibt.“
Weniger diplomatisch formuliert, heißt das: Wenn ihr nicht mit der blöden Sparpolitik aufhört, wird aus diesem Aufschwung nichts werden. 
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