Muss Arbeit denn Spaß machen?

Arbeit ist Mühsal. Und Quelle von Lebensfreude. Repititiv und stressig. Und kreativ. Wir klagen über sie – aber ohne sie werden wir auch nicht froh. Eine kleine Geistesgeschichte der Erwerbstätigkeit. 

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Ein Beitrag für Datum-Mono, das neue, vier mal jährlich erscheinende Schwerpunkt-Heft des österreichischen Monatsmagazins. 
Arbeiten Sie gerne? Natürlich tun Sie das – und ebenso selbstverständlich tun sie das nicht. Arbeit ist etwas, zu dem Sie gezwungen sind, somit nicht aus freien Stücken tun: Wenn Sie nicht reich geboren sind oder ein Vermögen erwirtschaftet haben, von dem Sie bis ans Ende Ihrer Tage gut leben können, dann müssen Sie arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Der schnöde Mammon fordert von Ihnen, zu arbeiten. Womöglich würden Sie auch sagen: Arbeit zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man Dinge tun muss, und sei es auch nur gelegentlich, die man eigentlich nicht tun will. Mag Ihnen Ihre Arbeit auch Freude bereiten, so niemals alle Aspekte an ihr, und was Ihnen meist Freude bereitet, tut es an manchen Tagen vielleicht nicht – und dennoch können Sie nicht einfach im Bett liegen bleiben. Schon von der simpelsten Begrifflichkeit her unterscheidet sich „die Arbeit“ vom Hobby, das man eben nur dann ausübt, wenn einem danach ist. 
Dennoch ist die Arbeit für die allermeisten Menschen, und damit wohl auch für Sie, mehr als nur das, was man tun muss, um Geld zu verdienen: Wenn Sie an etwas arbeiten, dann verbessern sie Ihre Fertigkeiten. Mit „ihrer Arbeit“ ist meist auch ein Berufsbild verbunden, das, was Sie in einem eminenten Sinne „sind“ – also Identität, auch ihr Status. Ohne Arbeit, das wissen wir instinktiv, würde in den meisten von uns auch etwas verkümmern. Wenn wir Glück haben, kommen wir gelegentlich sogar in einen „Arbeitsflow“, der uns euphorisch macht. Wenn uns in unserer Arbeit etwas gelingt, dann sind wir hinterher vielleicht erschöpft oder geschafft, aber auch irgendwie froh und zufrieden. 
So oder so ähnlich würden heute wohl die meisten Leute über Arbeit sprechen und denken. Und sind damit, vielleicht sogar ohne es zu wissen, im Fahrwasser einer großen Tradition des Nachdenkens, man kann auch sagen: des „philosophierens“ über Arbeit. 
Die Arbeit hat einen weiten Weg hinter sich, bis sie zu dem wurde, was sie heute ist. Vor gar nicht so langer Zeit konnte nur auf Prestige zählen, wer nicht arbeitet. Dass es in irgendeiner Weise positiv sein könnte, zu arbeiten, wäre noch vor wenigen Jahrhunderten praktisch jedermann absurd erschienen. Arbeit war Fron, und damit exakt das Gegenteil des würdigen Tätigseins. Arbeit war geradezu ein Synonym für Plage und Mühsal. Schon Hannah Arendt verwunderte „der plötzliche glänzende Aufstieg der Arbeit von der untersten und verachtetsten Stufe zum Rang der höchstgeschätzten aller Tätigkeiten.“

Dass Arbeit zu einem gelungenen Leben dazu gehört – nein: eigentlich seinen Kern bildet – wurde nach und nach erst ausbuchstabiert. Eine Reihe von Ideen und Motiven mussten sich dafür zusammen fügen. Etwa religiöse Motive, wie sie Max Weber später in seiner Theorie vom „protestantischen Arbeitsethos“ beschrieb: die Idee, dass derjenige sich als gottgefällig erweist, der arbeitet und ein möglichst asketisches Leben führt. Eine weitere Quelle: Der Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft, in der wirtschaftliche Tätigkeit nicht nur Wohlstand mehrte, sondern auch Prestige. Die Bürger, die zu Wohlstand kamen, forderten den Status der bisher Privilegierten heraus, in dem sie deren Müßiggang als fragwürdig, die Arbeit als höherwertig darstellten. Der Philosoph Hegel goss das in ein philosophisches System: der, der arbeitet, erklärte er, ist der eigentliche Held der Geschichte, weil er sich und die Natur verwandelt – die Arbeit verwandelt die Welt und zivilisiert oder bildet den Menschen. 
Bei Karl Marx und der frühen Arbeiterbewegung erreichten diese Motive in gewisser Weise ihren Gipfel: Eng an Hegel angelegt, proklamierte Marx, „die ganze sogenannte Weltgeschichte“ sei, „nichts anderes als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit“. Marx‘ Kumpel Friedrich Engels schrieb ein ganzes Buch mit dem programmatischen Namen: „Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen.“ Marx wollte die Arbeiterklasse befreien, aber natürlich nicht von der Arbeit – er wollte ihre Arbeit befreien; von der Enfremdung, davon, dass sein Höchstes, seine Arbeit, dem arbeitenden Menschen als fremdes, feindliches Wesen gegenüber tritt. Bei den Arbeitern, die zu Anhängern dieser sozialistischen Theorie wurden, stellte sich das simpler, aber letztlich verwandt dar: Sie wollten als die, die „eigentlich“ die Werte schaffen, nicht nur am Reichtum beteiligt werden, es ging auch um weniger materialistische Dinge, etwa: um Respekt dafür. Um Respekt, Status, und eine Befreiung der Arbeit: dass sie nicht den Geist ruiniert, sondern beflügelt. 
„Die Arbeit hoch“, schrieben die Sozialisten auf ihre Fahnen und in dieser kleinen Formel verdichtete sich all das. Noch heute singt die SPÖ dieses „Lied der Arbeit“ alljährlich am 1. Mai am Rathausplatz, wenngleich kaum mehr jemand wirklich weiß, warum – und was damit gemeint ist. Kein Wunder, wenn Spitzenfunktionäre Jobs haben, die allenfalls „mit Arbeit verbunden“ sind. 
Schon früh wurde dieser Arbeits- und Arbeiter-Ethos auch verspottet. „Die alte protestantische Werkmoral feierte in säkularisierter Gestalt bei den deutschen Arbeitern ihre Auferstehung“, ätzte Walter Benjamin. Zuvor hatte schon Marx‘ Schwiegersohn Paul Lafargue eine direkte Kritik an der Arbeitszentriertheit des Sozialismus geschrieben, die den  provokanten Titel trug: „Das Recht auf Faulheit.“
Viel Erfolg hatten diese Einreden damals noch nicht. Die Würde der Handarbeit wurde in hohen Tönen besungen, und bald kam es zur Heroisierung prototypischer Arbeiterfiguren wie der des Metallers oder des Bergmanns. 
All das, so verständlich es auch sein mag, öffnete schon gewissen gesellschaftlichen Pathologien die Tür: Wenn Arbeit so hoch bewertet wird und Menschen Status und Identität aus ihrer Arbeit ziehen, dann gilt nur als vollwertiger Mensch, wer arbeitet und eine respektable, gute Stelle hat. Wer die nicht hat, wird abgewertet. Schlimmer: Wenn Arbeit die Identität bestimmt, wertet sich der, der keine hat, selbst ab. Er fühlt sich wertlos. 
„Mit Arbeit gehen im Leben der Einzelnen sehr viele Aspekte einher, die leicht zu entfallen drohen, wenn die Arbeit weg fällt“, schreibt der Berliner Soziologe Wolfgang Engler. „Arbeit bettet noch immer Menschen, die im Berufsleben stehen, in ein ganzes Geflecht sozialer Bezüge ein. Natürlich erlaubt Arbeit Dem- oder Derjenigen, die über Arbeit verfügen, ein eigenes Leben zu führen, das materiell auskömmlich ist. Arbeit setzt zahlreiche Anreize, sich für etwas auch über die Arbeit Hinausgehendes zu interessieren, sich weiter zu bilden, vielleicht auch kulturelle Interessen zu entwickeln. All das wird fraglich, wenn das Zentrum all dessen – eben Arbeit – aus dem Leben emigriert oder bloß noch tröpfchenweise fließt, so dass Arbeit mal kommt, mal geht, eher Episode im Leben bildet, als dass sie das Leben von innen organisiert und zusammenfügt. Arbeit ist nicht zuletzt ein Garant sozialer Ordnung, wie immer man zur Ordnung stehen mag. Sie fügt das Leben nicht nur in soziale Bezüge ein, sondern sie gibt ihm auch ein grobes zeitliches Raster.“
Die gesellschaftliche Seite der Erwerbstätigkeit spielt in diesem magischen Dreieck ab, zwischen Beruf als Tätigkeit (also als etwas, wofür man bestimmte Fertigkeiten benötigt, wofür man im besten Fall auch Talent und woran man Freude hat), dem Status, den man daraus bezieht, und dem Einkommen, das man damit erzielt – wobei natürlich Status und Einkommen zusammenspielen. In einer Gesellschaft, in der Geld auch das Mittel ist, den „Spielstand“ zu messen, ist die Person, die mehr verdient, auch die „bessere“. Damit kann man aber auch sagen: Das Geld und die Statushascherei vergiften die kreative, die tätige Seite der Arbeit. Dafür bezahlt zu werden, ist die Voraussetzung dafür, etwas überhaupt erst als „Arbeit“ zu bezeichnen. Erst der Umstand, dass etwa Essays über Arbeit mit Geld honoriert werden, macht sie zur Arbeit. 
„Arbeit schändet“, haben die Spontis provokativ auf die Arbeitszentriertheit des Common Senses erwidert. Einen Nachhall dieser „Arbeitskritik“ finden wir noch in den heutigen Debatten über ein „garantiertes Grundeinkommen“. Denn bei vielen Theoretikern dieser Idee geht es ja nicht nur um eine andere Form sozialer Grundsicherung, sondern um etwas viel Grundlegenderes: darum, Arbeit (als produktive Tätigkeit) von Einkommen und gesellschaftlichem Status zumindest teilweise zu entkoppeln. Es ist eine veritable Utopie: Dass Menschen einander irgendwann einmal nicht mehr danach beurteilen, welchen Job und welche Stelle sie haben, dass sich auch Menschen ohne eine solche Stelle selbst wertschätzen können, dass damit aber auch die kreative Seite dieses Tätigseins nicht mehr überwuchert ist von instrumentellem Denken. Kurzum: Diese Utopie träumt von Menschen, die nicht mehr angewiesen sind auf das Einkommen durch Arbeit, die Arbeit auch nicht mehr für ihr Selbstwertgefühl brauchen – und die gerade deshalb in interessanten Tätigkeiten aufgehen, ihre Talente verfeinern können. 
Diese Arbeitskritik antwortet auch auf eine Krise – auf das, was man heute die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ nennt. Wir arbeiten immer mehr, um immer mehr konsumieren zu können – und es ist auch wichtig, dass wir immer mehr konsumieren, denn würden wir das nicht, wären unsere Arbeitsplätze gefährdet. Ein Paradoxon: Wir arbeiten nicht, um konsumieren zu können – wir konsumieren, um arbeiten zu können. Dennoch, Maschinisierung macht immer mehr Arbeiten unnötig, nur verspricht das keine Befreiung von den unschönen Seiten der Lohnarbeit – Stress etwa, oder nervtötend repetitive Abläufe -, sondern wird selbst zur Knute. Weil der Kampf um die Arbeitsstellen härter wird, laufen alle noch schneller im Hamsterrad, um im Konkurrenzkampf zu bestehen. Burnout wird zur Modediagnose. Absurd: Während die Arbeit ohne Menschen auskommt, kommen die Menschen nicht ohne Arbeit aus. 
Immer hektischer wird versucht, Menschen in Arbeit zu bringen, und die großen wirtschaftspolitischen Kontroversen handeln bloß davon, wie das am besten geht. Muss man die Konjuktur mit staatlichen Ausgaben ankurbeln, um mehr Arbeit zu schaffen? Ist also, wie das im Fachjargon heißt, die Nachfrageseite das entscheidende? Oder würde es genügend Arbeitsplätze für alle geben, wenn die Leute nur ausreiche
nd gut ausgebildet, der Arbeitsmarkt flexibel und die Löhne niedriger wären? Ist also die Angebotsseite das entscheide?
Freilich, wie alle populären Diagnosen hört sich auch die von der „Krise der Arbeitsgesellschaft“ gut an, ist aber dennoch fragwürdig: Dass „uns“ die Arbeit ausgeht, dafür gibt es kaum Hinweise, ja, auch die Erwerbsarbeit ist nicht auf dem Rückzug. Im Gegenteil: Nicht nur in den Schwellenländern, auch bei uns treten Jahr für Jahr mehr Menschen in den Kreis der Erwerbsarbeit, zuletzt etwa durch die Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit. Man soll ja nicht vergessen: Vor drei Jahrzehnten war Lohnarbeit noch vorwiegend Männersache, derweil hat sich die Frauenerwerbsquote der der Männer angenähert. 
Die eigentliche Quelle der „Arbeitskritik“ ist die Vorstellung, dass Arbeit und Leben irgendwie einen Gegensatz darstellen würden und daher „echtes“ Leben sich von der Knute der Arbeit befreien müsse. Aber auch diese Idee sei letztlich Unsinn, schreibt der Philosophie-Journalist Thomas Vasek: „Das Gerede von Work-Life-Balance ist Bullshit – eine leere Formel, die uns suggerieren soll, dass das wahre, das gute Leben erst nach Feierabend beginnt. Work-Life-Balance ist Opium fürs Arbeitsvolk. … Doch was wir brauchen, das ist gute Arbeit, die unseren Fähigkeiten entspricht.“ 
Gerade heute herrscht eine zunehmende Verwirrung um die Arbeit. Ist sie etwas, was unseren Horizont eher erweitert? Oder uns doch in Fesseln legt? Macht nur Arbeit uns glücklich? Oder macht sie uns nicht vielmehr unglücklich? Vielleicht verweist diese Unübersichtlichkeit darauf, dass das „eigentliche“ der Arbeit in der zeitgenössischen Konkurrenz- und Wettbewerbsgesellschaft gar nicht mehr respektiert wird. Ein schneller Klick, zehn Verkaufsorders am Rechner, oder auch die Darstellung des Erfolges, die Pose des Erfolgreich-Seins – all das läuft in der zeitgenössischen Arbeitswelt der eigentlichen „guten Arbeit“ ja den Rang ab. Wer lange und intensiv in einer Aufgabe aufgeht und damit seine Fertigkeiten verfeinert, der ist nicht gut, sondern ineffizient. Der Verkäufer, der sich zu intensiv einem Kunden widmet, ist es nicht minder. 
In einer Zeit, die vordergründig auf Kreativität so viel gibt, ist das eine Quelle zusätzlicher Frustration. Jeder will (nein, glaubt man den Stellenanzeigen: muss) heute kreativ sein. Arbeit soll heute alles mögliche sein – nur „keine Arbeit mehr“. „Wir erwarten eine positive Unruhe in Form von neuen Gedanken und Wegen sowie Spaß an dieser mehr auf Kooperation angelegten Aufgabe“, liest man schon in Stellenanzeigen von Maschinenbau-Firmen. In der Realität jenseits der Management-Poesie heißt das aber auch: Heute beurteilen immer mehr Menschen ihr (Arbeits-)Leben danach, ob es diesem Kreativitäts- und Selbstverwirklichungs-Maßstab genügt, und immer mehr haben das subtile Gefühl, an diesem Anspruch zu scheitern. Selbstverwicklung statt Selbstverwirklichung. 
Längst zählt eines in der Arbeitswelt immer weniger, wie das der Kultursoziologe Richard Sennett formuliert: „Eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen.“ Die handwerkliche oder, ja, künstlerische Seite des Arbeitens geht in der Hektik verloren. Man driftet von Projekt zu Projekt, das „irgendwie“ erledigt wird. Da bleibt für viele von Arbeit nur das Arbeitsleid. Sennett: „Gute Arbeit leisten heißt neugierig sein, forschen und aus Unklarheiten lernen… Menschen, die in diesem allgemeinen Sinne handwerklich gute Arbeit leisten wollen, (werden) von den sozialen Institutionen frustriert, ignoriert und missverstanden“.
Vielleicht ist das die größte Paradoxie: Wir leben in einer Gesellschaft, die auf Arbeit viel gibt – und in der viele Leute das Gefühl haben, man lasse sie ihre Arbeit eigentlich nicht machen. 
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