So wird man Jihadist

Salafismus, IS-Fantum und Jihad-Irrsinn sind unter muslimischen Teenagern zu einer Jugendbewegung geworden. Eine Frucht des Mainstream-Islam? Oder, im Gegenteil, reiner radikaler Jugendprotest? Eine Debattenrundschau. Falter, 17, September 2014 
Sie köpfen vor laufenden Kameras. Sie treiben Gefangene in die Wüste, reihen sie Schulter an Schulter auf und mähen die Menschenreihe dann mit Maschinengewehrsalven um. Sie quälen und demütigen – und das „Verbrechen“ ihrer Opfer besteht oft einfach darin, kein sunnitischer muslimischer Araber zu sein, sondern Schiit, Yezide, Kurde, oder gar nur das, was sie „Kafir“ nennen – ein Ungläubiger, vom Glauben Abgefallener, was in den Augen der Mörder auch ein arabischer Sunnit sein kann, der ihre Islamauslegung auch nur leise in Zweifel zieht. 
Die Terrorgruppe vom „Islamischen Staat“ schockt die Welt, stürzt sie aber auch in Erklärungsnöte: Was ist das und wie konnte es dazu kommen? Das Unverständnis äußert sich schon in der Frage, wie man den Haufen eigentlich nennen soll. Terrorgruppe? Aber Terrorgruppen agieren üblicherweise im Verborgenen, in Zellen, im Untergrund oder in Höhlen wie al-Quaida, allenfalls auf begrenztem territorialen Gebiet. IS kontrolliert aber heute ein Gebiet, das etwa so groß ist wie Großbritannien. „Die Geburt eines neuen Staates, eine radikale Veränderung der politischen Geographie im Nahen Osten“, nennt das Patrick Cockburn in einem grandiosen Report in der in der „London Review of Books“. 

Selbst mit der Wahl des Pronomens tut man sich schwer: „Der“ Islamische Staat? Oder „Die“ IS (die Terrorgruppe)? Wie die IS in Syrien und im Irak so stark werden konnte, lässt sich dabei noch einigermaßen erklären: Die Brutalität des Assad-Regimes in Syrien, das Machtvakuum im Irak nach dem Abzug der Amerikaner, die politische Marginalisierung der Sunniten, die die regionalen Machtnetzwerke in ein Bündnis mit den radikalen Islamisten getrieben haben. All das führte zum Aufstieg des IS um den – im Frühsommer – selbsternannten Kalifen Abu Bakr al Baghdadi. Jetzt haben sie ihren Islamstaat errichtet, von dessen Innenleben man aber auch nicht sehr viel weiß. Was uns erreicht, sind die Propagandavideos der IS-Medienaktivisten selbst oder streng kontrollierte Reportagen von Embedded Journalists. 
Die ISIS-Region ist heute ein schwarzer Fleck auf der publizistischen Landkarte: „Wir wissen verdammt viel über die Brutalität von ISIS, aber wir wissen nicht, wer sie sind“, schrieb unlängst Robert Fisk, der legendäre Nahost-Korrespondent des „Independent“. Und das ist nur ein wenig zugespitzt: Wie ihr „Regime“ funktioniert, wieviel hier Repression, wie viel „normales Leben“ ist, wie sich der Alltag in den Städten gestaltet – wir haben schlicht keine Ahnung. Es ist buchstäblich niemand vor Ort, der uns unabhängig informieren und aufklären könnte. 
Was das Phänomen IS betrifft, gibt es also viel mehr Fragen als Antworten. 
Wir sehen die Videos, die Dokumente des Mordens und Schlachten und wenden uns angewidert ab. Aber auch das ist schon wieder eine fragwürdige Formulierung. Denn wer ist das „wir“ in diesem Satz? Sehr viele junge Muslime im Westen wenden sich nämlich gar nicht angewidert ab. Die Schlagzeilen werden beherrscht von jungen Kerls (und auch einigen schulpflichtigen Mädchen), die sich auf dem Weg nach Syrien machen, um sich den Jihadisten anzuschließen. 400 junge Leute aus Großbritannien, rund 250 aus Deutschland, 750 aus Frankreich, rund 100 aus Österreich sollen in den Jihad gezogen sein – so eine Aufschlüsselung des britischen „Zentrum für Radikalismusstudien“. Rechnet man alles zusammen, sind das vielleicht Zwei- bis Dreitausend in ganz Europa. Das ist nicht viel – aber auch keine verschwindend geringe Zahl. Und wenn man sich im Internet auf den Seiten der Jihad-Fans durchklickt, ergibt sich schnell ein erschreckendes Bild: Hunderte, Tausende liken ihre Gräuelvideos, viele junge Leute sind im Sog der Gewaltideologie. 
Hier vor unserer Haustür – in den Schulen in Brigittenau, unter Lehrlingen in Floridsdorf und Donaustadt, in den Berufsschulen in Margareten -, hat der Jihad und speziell IS tausende Fans, wird der sektiererische Eifer, der in Syrien mit Schlachtermessern ausgetragen wird, mit Fäusten geführt: IS-Fans machen Jagd auf „Kafirs“, auf Kurden. Da draußen vor der Tür. So ist die nächste verstörende Frage: Was bringt junge Leute im Westen dazu, sich dem Jihad anzuschließen oder ihn zumindest klasse zu finden? 
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Es gibt ein paar vorschnelle Antworten, aber die sind eigentlich uninteressant: Dass „die Gewalt“ eben im Islam drinnensteckt; dass „der Islam“ – und damit eigentlich alle, die ihm anhängen – mit Demokratie, Menschenrechten nichts am Hut hat. Aber diese Argumente erklären im Grunde nichts: Warum werden junge Leute, die im Vorjahr vielleicht noch ganz anders tickten, plötzlich zu IS Fans? Warum ziehen junge Mädchen den Minirock aus und legen den Niqab an? 
„Das Thema begleitet uns seit etwa einem Jahr“, sagt der Streetworker Fabian Reicher in einem großen Interview mit dem Internet-Portal „Lower Class Magazine“. Damals haben wir zum ersten Mal gemerkt, dass sich etwas verändert. Religion begann eine größere Rolle für viele Kids zu spielen.“ Viele der jungen Teenager werden via Facebook oder Whatsapp beinahe stündlich mit Gräuelvideos der syrischen Armee bombardiert. Das wurde plötzlich ein großes Thema. „Viele empfanden eine große Hilflosigkeit und Ohnmacht.“ Das Gefühl: Man muss da doch was tun. Die Radikalen erschienen als einzige, die etwas dagegen tun. Für muslimischstämmige Teenager, die sich hier ohnehin als ausgegrenzt erleben, versprechen die Radikalreligiösen zudem „die Möglichkeit der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die ihnen Kraft und Identität gibt und die Welt überschaubarer macht.“ 
Der Salafismus ist in diesen Milieus einfach eine Jugendbewegung geworden, und der Bürgerkrieg in Syrien gab dem einem mächtigen neuen Schub. „Leute wie den deutschen Salafisten Pierre Vogel kennt fast jeder von den Kids.“ Und: „Die unglaubliche Empörung in den Medien über die Jihad-Begeisterung unter Jugendlichen macht es für diese noch anziehender: man fällt auf, man grenzt sich ab, man zeigt, dass man gegen diese Gesellschaft ist. Es sind alle Anzeichen einer Jugendkultur vorhanden, bis hin zu stilistischen Merkmalen.“
Eine Protestkultur – gegen die Gesellschaft, aber auch gegen den Mainstream-Islam ihrer Eltern, der als weichgespült, schwächlich erlebt wird. Es hat auch etwas von einem simplen Generationskonflikt. Den Eltern und ihrer Generation entgleiten ihre Kinder. Weshalb der Mainstreamislam auch immer wieder sagt: Das hat doch nichts mit uns zu tun. Aber das ist womöglich wahr und falsch zugleich. 
Der junge muslimische Student Emran Feroz aus Innsbruck (der heute in Tübingen studiert), hat schon vor einigen Monaten in einer bemerkenswerten Reportage in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Geschichte von Ibrahim aufgeschrieben, eines jungen Tschetschenen, der nach Syrien in den Jihad zog und dort mittlerweile gestorben ist. „In einer lokalen Moschee, die mehr einen Hinterhofgebetsraum glich, traf man Ibrahim oft an. Dorthin kamen Muslime aus den verschiedensten Schichten und mit den unterschiedlichsten Hintergründen – somalische Flüchtlinge, afghanische und pakistanische Medizinstudenten, (…) Anwälte. Dass in solch gemischter Gemeinde auch der eine oder andere Hardliner nicht fehlte, konnte kaum verwundern. Man darf deswegen nicht jeden Besucher dieser Moschee als ‚extremistisch‘ abstempeln. Immerhin war auch ich unter ihnen.“ Aber es gab natürlich ein paar Dinge, die unumstritten waren. Assad wurde vom Imam immer verteufelt. Die Muslimbrüder waren in allen Geschichten immer die Guten. Ebenso wie die, die eben gegen Assad oder Ghadafi kämpften. Die Welt war in Gute und Teufel sortiert. „Die Meinungen zu den Ereignissen in der islamischen Welt waren stets einheitlich.“ Ein solcher Mainstream-Islam popularisiert Grundhaltungen, an denen die Radikalen dann andocken können und ist damit gleichzeitig in einer schlechten Position, gegen die Radikalen zu argumentieren. 
Um sehr viel Religion – im Sinne von theologischen Grundsätzen – muss es da fürs erste gar nicht gehen. Die junge Person, die in den Sog dieser Ideologie gerät, muss vom Islam noch nicht sehr viel wissen. Mit Koransuren gegen die Ungläubigen
und die moderaten Warmduscher wird er erst ausgerüstet, wenn er vollends den Tunnelblick hat. 
Als Protest- und Jugendkultur hat der Jihadismus ein paar Eigenarten, die allen radikalen Jugendbewegungen gemeinsam sind: Die Arroganz der Jugend etwa. Die Jihadisten aus dem Westen „sind nicht vom Islam motiviert, sondern von Langeweile“, schreibt Tim Stanley im britischen „Telegraph“. Der westliche Konsumkapitalismus hat Heldentum, einen Kampf für eine „höhere Sache“, etwas mit „Sinn“ für die meisten nicht im Angebot. „So lange der westliche Liberalismus existiert, so lange gibt es auch junge Männer, die ihn als verachtenswert ansehen.“ Das motivierte Punks zu ihrer Rebellion und die jungen RAF-Leute dazu, in den bewaffneten Untergrundkrieg zu ziehen. Rebellion ist cool. Man muss sich nur die Selfies der Jihadisten ansehen. „Hipster-Jihadi“, nennt Stanley diesen Typus, „Islamistische James Deans – rebel with a cause“. Aus dem gleichen Grund, aus dem sich westliche Teenager das Poster verwegener Guerilleros wie Che Guevara an die Jugendzimmerwand klebten, finden jetzt auch muslimische Kids IS klasse. 
Wobei es natürlich einen gravierenden Unterschied gibt: Che Guevara hat seine Gräueltaten (etwa Hinrichtungen mit Genickschuss) immer verheimlicht, seinem Image des „Jesus Christus mit der Knarre“ (Wolf Biermann), hätte das nicht gut getan. IS brüstet sich mit grauenhaften Verbrechen – und es scheint ihnen zumindest im engeren Kreis der Befürworter nicht zu schaden. Im Gegenteil: Die Brutalität ist erst der Ausweis, dass sie es „ernst“ meinen. Sie ist selbst ein PR-Tool, wie die Ausrufung des Kalifats, die die Botschaft sendet: Das ist ein Siegeszug. Erfolg macht Sexy. Brutalität signalisiert absoluten Siegeswillen. Beides begründet die Anziehungskraft der IS. 
Wer in den Sog des IS geraten ist, vollends seine Postulate teilt, der lebt bald gänzlich im Schwarz-Weiß eines manichäischen Weltbildes, in einer Wahnwelt. Interessanter noch ist aber womöglich die Frage, wie der oder die getickt hat, bevor sie in diesen Sog geraten sind. Schließlich haben die meisten ja ein ganz „normales“ Leben geführt. Die Selbstauskünfte, die sie geben, sind ja voller Geschichten der Zäsur. „Die Geschichten der jungen Männer, die aus Europa dem IS zulaufen, sind gespickt mit Legenden von ihrer Bußfertigkeit“, schreibt Joachim Günther in einem Essay für die NZZ, „Buße meint Umkehr. Bevor man Gotteskrieger oder IS-Propagandist wurde, hatte man dem sündigen Leben entsagt, alten Kumpanen den Laufpass gegeben, dem Materialismus abgeschworen.“ Man beginnt buchstäblich eine neue Existenz und ein neues Leben, mit allen vorstellbaren Umkehrritualen – bis hin zur Wahl eines neuen Namens. Man muss sich nur die Facebookprofile der Jihad-Anhänger ansehen: Jeder zweite nennt sich da „Abu Hamza“ oder „Abu Irgendwas“. Das ist ein Statement, das sowohl über die normale arabische Beinamenswahl wie über die Wahl eines Nicknames oder klandestinen Namens hinausgeht. Es ist eine Neubeginner-Aktion. Ich erfinde mir eine neue Identität, ein neues Ich.
Alles Leute mit einem „Vorleben“, das sie demonstrativ hinter sich lassen, wie der als „Jihad John“ bekannt gewordene Brite, der eine Rapperkarriere als L Jinny hinter sich hat oder der deutsche Ex-Gangsterrapper Denis Cuspert, der mittlerweile sogar in die Führungsetage der IS aufgestiegen sein soll. 
Wer dafür anfällig ist? Selbst bei Detailansicht lassen sich nur grobe Muster finden. Von den jungen Leuten, die von Deutschland nach Syrien gegangen sind, hatten 233 einen deutschen Pass. 54 waren Konvertiten. 89 Prozent Männer. Ein Viertel besuchten unmittelbar vor der Ausreise eine Schule. Nur 26 Prozent hatten einen Schulabschluss. Eine Beschäftigung hatten nur 12 Prozent, 20 Prozent waren arbeitslos gemeldet. Die Mehrzahl waren also schon vom Typus: der deklassierte, orientierungslose junge Muslim ohne Aufstiegschance. Aber es gibt auch die vielen anderen Fälle, wie etwa den von Firas H., Österreichs bekanntesten IS-Jihadisten: Gut integriert, gut ausgebildet, ein ganz normaler, (eher vifer) Floridsdorfer Junge, auf dem Weg zur Fachschul-Matura, bevor er die Schule für den Salafismus schmiss. Das Muster gibt es nicht. Allenfalls lassen sich unterschiedliche Muster erkennen, und auch die helfen letztlich nur bedingt weiter, wie schon vor Jahren der deutsche Soziologe Gerhard Schmidtchen formulierte: „Auch wenn wir Besonderheiten bei den Terroristen entdecken, können wir immer auch geltend machen, dass es viel mehr andere Menschen gibt, die in der gleichen Lage nicht die gleichen Konsequenzen ziehen.“ Soll heißen: Wenn wir biographische Besonderheiten bei Leuten wie Firas H. entdecken, was hilft das dann eigentlich zur Erklärung, wenn junge Muslime, die ein Mode-Label-Startup gründen und nie auf den Gedanken kämen, in den Jihad zu ziehen, dieselben biographischen Besonderheiten haben? Die auch Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen gemacht haben? Die auch auf der Suche nach einem höheren Sinn im Leben waren? Die auch ein bisschen Thrill gesucht haben? Die vielleicht auch empört sind über Bilder toter Kinder? 
Firas H. ist den Weg in Krieg und Terror gegangen, hunderte, tausende andere sind in einer Gegenwelt. „Nächstes Jahr Donauinselfest“, postet einer auf Facebook. Soll heißen: Wir sehen uns bei der großen Wiener Sozi-Sause, nicht in Syrien. 
Na, immerhin etwas. 

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