Die Proletenpassion: Eine Revolutionsoper, die plötzlich völlig zeitgemäß erscheint

PrletenpassionMan sitzt da, ein wenig gerührt, gepackt von den Sounds, und ertappt sich bei dem Wunsch, man könne ein bisschen von der Energie dieses Abends in den nächsten Tag retten – und in die Wochen darauf folgenden Alltags. Es ist eine Theatersensation, ein Theatertriumph. Im Wiener Werk X läuft nun seit mehr als einem Monat schon die modernisierte „Proletenpassion“, meist vor gänzlich ausverkauftem Haus. Nachdem ich schon in der Premiere und nun noch bei einer weiteren Aufführung war, hier ein paar Gedanken zu diesem Abend.

Die Proletenpassion ist ja eine Legende in Österreich (und ein bisschen auch darüber hinaus im deutschsprachigen Raum): Mitte der 70er Jahre von den linken „Schmetterlingen“ zusammen mit dem Autor Heinz R. Unger (er war auch diesmal wieder mit an Bord) entwickelt, im damaligen Schlachthof Sankt Marx, der daraufhin besetzt wurde (woraus die heutige Arena entstand), ist es von allem ein bisschen: Rockoper, Nummerrevue, Geschichtserzählung der Aufstände, Siege und Niederlagen der kleinen Leute – von den Bauernkriegen über die französische Revolution, die Pariser Commune, die russische Revolution bis zum Sieg des Faschismus. Es ist Geschichtsschreibung mit den Mitteln von Theater und Musik.

Die Ur-Passion hat mit ihrem leichten 70er Jahre bolschewistelnden, auch mit ihrer Pädagogik und ihrer Anlehnung an Volkslied, Oper, Operette und Arbeiterlied immer schon etwas Melancholisches gehabt, und wirkt heute natürlich ein ganz klein wenig verstaubt. Aber gleichzeitig haben diese Sounds von ihrer Kraft nichts eingebüßt und sie haben die Stärke und Schwäche aller Legenden: Man hat zu ihnen einen nostalgischen Bezug, aber ist doch immer von ihrer Kraft auch beeindruckt. Man hört aber nicht nur alte Lieder, sondern Lieder, deren allen bekannte Geschichte und ihren Status als Legende man natürlich niemals wegdenken kann.

Es muss für die Beteiligten an der jetzigen Produktion nicht leicht gewesen sein, sich diesem Stoff zu nähern: Wie entstaubt man eine Legende? Wie geht man mit dem Pädagogischen, dem Volksbildnerischen der Produktion um? Wie lässt man die versunkene Komintern-Romantik drin, ohne selbst unzeitgemäß zu werden? Wie schreibt man die Geschichte fort? Und: Will überhaupt noch jemand so ein Revolutionstheater? Keine leichte Aufgabe für Regisseurin Christine Eder, die Schauspieler Claudia Kottal, Tim Breyvogel, Bernhard Dechant und die anderen Beteiligten.

Wie grandios das gelungen ist, zeigten schon die unmittelbaren Reaktionen am Premierabend. Das Publikum tobte, unterbrach immer in Zwischenapplaus.

Der Rezensent von „nachkritik.de“ brach noch in Morgengrauen in Begeisterung aus: „Endlich! Endlich einmal nicht durch ein Übermaß an Ironie zerbrochenes Schulterzucktheater, endlich einmal keine gelähmte Ratlosigkeit, nur weil die Welt nun einmal eben so (komplex, undurchdringlich und widersprüchlich) ist, wie sie ist, endlich einmal Mut zur klaren politischen Haltung, obwohl – oder gerade weil – eine klare politische Haltung so schwierig, kompliziert und vorbelastet ist!“

Und der Kritiker der Wiener „Presse“ schrieb: „Noch ein Refrain, und wir hätten das Theater besetzt.“

Der Triumph verdankt sich einer ästhetischen Modernisierung und dem Einbau neuer Textpassagen, die wirken, als wären sie immer schon drinnen gewesen. Was überhaupt nicht mehr geht, etwa das Lob der revolutionären Kampfpartei, wird nicht etwa weggelassen, aber – in diesem Fall – von einem Kind gesungen, das keinen Ton trifft. Doch das bricht es eben nicht ins haltungslos Ironische, das immer auf der richtigen Seite ist, weil es sich auf keine Seite schlägt, sondern die Frage steht da im Raum wie die runter hängenden roten Fahnen: Mit der bolschewistischen Revolutionspartei, das will niemand mehr, aber ohne sich zusammenzutun wird das mit der Weltverbesserung auch nichts werden.

Der Abend steht und fällt aber natürlich mit dem Neuarrangement der Lieder, die Eva Jantschitsch und die anderen aus dem Musikerteam vorgenommen haben. Neuarrangement ist ja eine Hilfsvokabel: Eva Jantschitsch, Knarf Rellöm, Elise Mory & Co. haben eine Coverversion produziert, die man ohne Übertreibung als genial bezeichnen kann. Mal Punk, mal Elektrosounds, mal Swing, mal im Hymnenton. Wenn Eva Jantschitsch (bekannter unter ihrem Bühnennamen „Gustav“) gegen Ende hin dann „Wir wollen mehr Demokratie“ röhrt, dann singt das Publikum schon mit. Mit Gänsehaut und bisschen Tränen in den Augen. Ihr „Jalawa“, das berühmteste Lied der Passion, ist ein Hochamt.

Das Erstaunliche und Überraschende ist, dass all das funktioniert: Dass der Zuseher und die Zuseherin das Belehrende dieses Stückes, das Packende und Mobilisierende nicht etwa aus der Zeit gefallen und altmodisch erlebt, sondern es schier haben will. Dass wir das hören wollen: Dass die Geschichte des Fortschritts erst wieder in Gang kommt, wenn wir uns auf die Hinterbeine stellen und zusammentun. Proletariat? Papperlapapp. Wir sind die 99 Prozent! Utopien und der Glaube, dass es möglich ist, die Welt auf eine neue Spur zu bringen? Ja, bitte! Wir halten es ja nicht mehr aus in der Welt des alternativlosen Reichenrettens und des individuellen Hamsterradrennens. Der Agitprop ist plötzlich keine Schwäche mehr, er ist die Stärke dieser Produktion. Wer hätte das zu prophezeien gewagt? „Wir lernen im Vorwärtsgehen“, heißt es in der Schlusshymne.

Schaut Euch das an – nicht nur, weil dem Team noch viele ausverkaufte Hallen zu wünschen sind. Ach ja, und ihr Theatermanager da draußen zwischen Freiburg, Berlin und Hamburg: Holt Euch Gastspiele an Eure Häuser.

blogwert

5 Gedanken zu „Die Proletenpassion: Eine Revolutionsoper, die plötzlich völlig zeitgemäß erscheint“

  1. Hallo,
    ich bin Fan der alten Proletenpassion. Voller Freude habe ich Ihren Beitrag gelesen. Gibt es die modernisierte Version irgendwo zu kaufen?
    Für einen entsprechenden Hinweis wäre ich Ihnen sehr zu Dank verpflichtet.
    Mir freundlichen Grüßen
    Bodo Bilinski

  2. Habe seinerzeit die Schmetterlinge gesehen, und nun in ORF III diese überarbeitete neue Produktion. Einfach großartig!
    Schade nur, dass es von dieser packenden Produktion keine DVD zu kaufen gibt.
    Geschichte aus der Froschperspektive derer, auf deren Rücken sie geschrieben wird, wird immer noch zu selten geboten. Das ist Bildungsarbeit, wie sie derzeit nicht mehr geschätzt wird.
    Diese Produktion müsste durch Städte und Dörfer ziehen, gerade jetzt…
    Gibt es keine Möglichkeit, eine Aufzeichnung zu kaufen?

    Albert Pulferer
    Klagenfurt

  3. Wie wunderbar! Ich habe im letzten Jahrhundert die „Schmetterlinge“ auf Tour mit der Proletenpassion in Wilhelmshaven im Pumpwerk gesehen. Wäre das super, wenn es eine erneute Tour gäbe – vielleicht nach Oldenburg i.O.?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.