Exzentriker in der Politik

IndesFür die aktuelle Ausgabe des Magazins „INDES“, die sich dem Thema „Die neunziger Jahre“ widmet, beschreibe ich den Aufstieg des Rechtspopulismus in diesem Jahrzehnt. Haider, Berlusconi, Bossi & Co.: Wie Männer, von denen man nicht wusste, ob sie zum Lachen oder zum Fürchten sind, den modernen Rechtspopulismus begründeten.

Link zum Heft gibts hier. 

In den neunziger Jahren waren wir Österreicher gefragte Leute. Ich war damals Deutschland-Korrespondent des Magazins „profil“ und das war gewissermaßen eine Doppelrolle: Einerseits der Hauptberuf, nämlich den Österreichern Deutschland zu erklären, und gleichzeitig der Nebenberuf, nämlich den Deutschen Österreich zu erklären. Nahezu jede Woche kam irgendeine Anfrage eines deutschen Mediums: Hey, was ist bei Euch mit diesem Haider los?

Österreich war damals so etwas wie ein Sonderfall: Laboratorium des Aufstiegs des Rechtspopulismus. Gewiss, es gab auch in Frankreich die Front National, aber deren Zentralfigur war ihr Langzeitvorsitzender, der alte Haudegen Jean-Marie Le Pen. Das roch zu sehr nach altem 50er-Jahre-Rechtsradikalismus um als Signum von etwas Neuem durchzugehen. Aber Österreich hatte mit Haider seinen ersten Pop-Rechten. Einen Fortuyn oder gar einen Wilders gab es noch nicht, auch noch keine „Dänische Volkspartei“, keinen Schill und auch keine „Schwedendemokraten“. Aber doch gab es da schon diesen Verdacht – den Verdacht, dass die Haiderei zugleich ein Fall für sich und doch ein Kind der Zeit sein könnte. Anders gesagt: Dass da die große Welt im kleinen Österreich mal wieder ihre Probe hält. Und das war ja auch nicht so falsch gedacht.

Denn seit Mitte der 80er Jahre hatte sich etwas angekündigt, im Grunde in allen westlichen Demokratien, vor allem aber in Westeuropa: Die Legitimationskrise des alten, traditionellen Politiksystems, mit seinen Parteien, die früher sowohl ein stabiles weltanschauliches Fundament als auch eine fest organisatorische Mitglieder- und Anhängerbasis hatten, und die nun zunehmend als blutleere Technokratenveranstaltungen erschienen.

blogwertVor wenigen Jahren ist ein Buch mit nachgelassenen Schriften des französischen Soziologen Pierre Bourdieu erschienen, das mit dem simplen Namen „Politik“ überschrieben ist. Der Band wird mit einem Text aus dem Jahr 1988 eröffnet, der sehr gut das Klima widerspiegelt, das sich in diesen Jahren auszubreiten begann: „Wir werden von Politik überflutet. Wir schwimmen im unentwegten und wechselhaften Strom des täglichen Geschwätzes über die vergleichbaren Chancen und Verdienste von austauschbaren Kandidaten. Es ist nicht nötig, die Leitartikler von Zeitungen und Zeitschriften zu lesen oder ihre ‚Analyse’… Die Äußerungen zur Politik sind, wie das leere Gerede über gutes oder schlechtes Wetter, im Grunde flüchtig.“

Ein Prozess, der natürlich schon lange im Gange war, begann in den achtziger Jahren augenfällig zu werden. Das politische Feld begann sich abzukapseln. Lebenswelten und politische Parteiungen verloren ihre Leidenschaft, und damit erlahmte auch die Gemeinsamkeit von Anhängerschaft und Parteiführung. Parteiführungen, Mandatare wurden zu Spezialisten. Es etablierte sich ein politisches Feld mit seinen eigenen Spielregeln, mit seinen „Experten“ und „Professionellen“. Je mehr sich das politische Feld professionalisierte und abkapselte, umso mehr entwickelten die Professionellen die Tendenz, auf die Laien herabzusehen. Die Professionellen rivalisierten um kleine Vorteile im Kampf um Zustimmungswerte und ihnen stand eine Phalanx von Meinungsbefragern, Spindoktoren und Kommunikationsexperten zur Seite. In den etablierten Parteien entstand eine Zweiteilung: Einerseits die alten, traditionsbewußten Seilschaften, die Politik anlegten, wie sie das seit den fünfziger Jahren gewohnt waren: Ein bisschen Klientelismus, ein bisschen Breitbeinig, ein Stil, der ein wenig von Gestern wirkte, immer unter Korruptionsverdacht. Andererseits die, die Modernisieren wollen: technokratisch, marktorientiert, professionell, auf Spin und Umfragen bedacht. Zunehmend prägte ein gemeinsamer Stil das moderne Führungspersonal aller etablierter Parteien. Es entwickelte sich ein bestimmter Habitus, gewissermaßen ein Rollenmodell, wie ein Politiker oder eine Politikerin auszusehen habe, und ein Jargon, der die Sprache in diesem Feld wurde. Bei aller Rivalität bildeten die Berufspolitiker der unterschiedlichen Parteien in den Augen der Bürger die Gemeinschaft der Berufspolitiker, was bei den Laien – den Bürgern – (wie Bourdieu weiter schrieb) wiederum den Argwohn nährte, dass eine Art grundsätzliche Komplizenschaft die Leute, die bei dem Spiel mitspielen, das man Politik nennt, miteinander verbindet – vor jeder Meinungsverschiedenheit.

All das vollzog sich vor dem Hintergrund einer beginnenden neoliberalen Hegemonie, also der Vorstellung, dass es keine grundlegenden Alternativen vom vorherrschenden Politikpfad gibt und auch vor dem Hintergrund der Verwandlung der Medienberichterstattung in Richtung Info- und Entertainement.

In dieser Gemengelage hatte die rechtspopulistische Antipolitik ihre große Chance. Sie zeigte mit dem Finger auf jenen Teil des politischen Personals, den noch der frühere Politikstil anhaftete – das ist der Typus „von Gestern“, korrupt, verhabert, verfilzt. Sie entwickelt sich zu dieser Zeit zunehmend aber auch zum Kontrastprogramm zum Politikstil der faden, blutleeren Professionalität. Deren Repräsentanten werden als austauschbare Figuren einer abgehobenen Eliten-Politik charakterisiert. Gegenüber beiden positioniert sich das rechtspopulistische Personal sowohl als „frisch, modern, neu“ als auch als „exzentrisch“, „irgendwie anders.“

Es beginnt die große Zeit des Exzentikers in der Politik, von Figuren, von denen man nie ganz weiß, ob sie zum Fürchten oder zum Lachen sind.

Haider – immer für eine Provokation, immer für eine Überraschung gut. Mal griff er an, dann verfiel er in Depression. Mal präsentierte er sich mit nacktem Oberkörper oder beim Bungie-Jumping, dann wieder im Kärntner Anzug vor Alt-SS-lern. Selbst mit seiner Partei spielte er kalt-warm. Mal war er da, dann schon wieder weg. Drohte mit Rücktritt, machte seine Führungskollegen einen Kopf kürzer.

Stets waren die Medien, die auch wegen seines Unterhaltungswertes von ihm fasziniert waren, mit der Frage beschäftigt: Wie, um Gottes Willen, tickt der Kerl denn? Stets wurde er auf’s Neue unternommen: der Versuch, Jörg Haider zu verstehen.

Dem Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung aus dieser Zeit verdanken wir den Hinweis, dass, „wer nun über die Rationalität von Haiders Handlungsweisen grübelt, die falsche Frage im Kopf“ hat. Das Führerprinzip, so die These, erweise sich erst in der Unberechenbarkeit der Entscheidungen des Leittieres. „Je unergründlicher der einsame Ratschluss des Anführers erscheint, desto stärker seine Aura.“

Doch wurde damit auch insinuiert, es wäre hier immerhin eine sekundäre Rationalität am Wirken. Zweifellos war der Irrlauf Erfolgsrezept, dabei aber keineswegs Taktik. Haider war der Meister solchen Irrlaufs, denn er war eine verletzliche Diva, nachgerade gesegnet mit dem Hang zur „maßlosen Selbstüberschätzung“, bei gleichzeitig „extrem hoher Kränkbarkeit“, wie der Wiener Psychoanalytiker August Ruhs erklärte, der alle Jahre befragt wurde, wenn die politischen Kommentatoren in Hinblick auf die Zentralfigur der österreichischen Innenpolitik wieder einmal mit ihrem Latein am Ende waren. Das ganze Geheimnis gründe in einer narzistischen Persönlichkeitsstörung, so Ruhs Diagnose.

Komme keiner mit dem Vorwurf, dies sei Vulgärpsychologie: Überlegungen wie diese erwiesen sich, mit Blick auf die kontinentale Szenerie, als erste Bruchstücke, Materialien zur Diagnose einer europäischen Gestalt dieser Epoche – des Exzentrikers in der Politik. Nehmen wir nur das bis in die späten neunziger Jahre freundliche, liberale, politisch korrekte Holland. Dort vollzog sich um die Jahrtausendwende der atemberaubenden Aufstieg des Pim Fortuyn, der mit seiner „Leefbar“-Liste in Rotterdam auf Anhieb mit 35 Prozent der Stimmen stärkste Kraft wurde. Der 54jährige Ex-Marxist, Wirtschaftsprofessor, Unternehmer, Kolumnist und spätere Populistenführer faszinierte nicht nur durch sein elegantes Äußeres und seine geschliffene Polemik, er war egozentrisch, provozierte gerne, ließ sich in seinem blitzenden Daimler von einem Chauffeur kutschieren und daheim von einem Butler bedienen. Nur im äußersten Notfall ließ er es sich nehmen, zu öffentlichen Auftritten seine beiden Cocker-Spaniel mitzubringen. Die waren immer ordentlich gebürstet, im Unterschied zu ihrem Herrchen, der seine spiegelblanke Glatze auf eine Art trug, wie ein Pfau sein Gefieder, und der sich gerne mit Zigarre photographieren ließ. Seine Homosexualität schadete ihm im toleranten Holland nicht, dass er die Moslems nach eigenen Bekunden nicht hasste, immerhin aber verachtete, kam nach 9/11 auch ganz gut an. Eigentlich wollte er Priester werden. Später wurde er steinreich. Sogar als ihn Reporter fragten, ob er manisch-depressiv sei, blieb er freundlich. Und beschied die Frage selbstredend negativ. Der Chef der Bundes-„Leefbar“-Liste, mit dem er sich später überworfen hatte, charakterisierte den Typus Fortuyn einmal mit schönen Worten: „Es ist mit Fortuyn wie mit großen Fußballern. Sie sorgen für Probleme, aber sie können den Kampf für dich gewinnen.“

Diese Typen zeichnet bis heute aus: Was die politischen Ämter, für die sie kandidieren, an Aura verloren haben, hat das Programm „Ich“, das sie buchstäblich verkörpern, zu ersetzen. Es ist eine schöne Fügung, dass der Begriff „Exzentriker“, der nichts anderes beschreibt, als Menschen, die aus dem Mittelpunkt ausbrechen, um den unser aller Leben kreist, durch sie eine zusätzliche, starke Bedeutung erhält: sie waren der typologische wie der politische Kontrast zur „Neuen Mitte“. Was für andere Politiker tödlich gewesen wäre, war für sie nicht einmal peinlich.

In Rom sah die Szenerie nicht viel anders aus. Dort regierte Silvio Berlusconi. Sicher, der Mann hatte etwas von einem Dämon. Aber auch von einem Clown. Dass er in der „lächerlichen Eitelkeit, in der er posiert, unverkennbar Mussolini“ ähnelt, ist nicht nur dem österreichischen Schriftsteller Karl-Markus Gauß aufgefallen. Wenn er mitten unter seinen Bodygards mit den dunklen Sonnenbrillen stand, denen er kaum bis zur Brust reichte, sein Siegerlächeln auf dem braun gebrannten Gesicht, das unnatürlich wirkte und außerdem längst aus der Mode war, dann war das niemals ohne unfreiwillige Komik. Und er sagte Dinge, für die jeder andere ohne Zweifel im Handumdrehen für verrückt befunden worden wäre. Dass er „der Beste von allen“ sei, dass ihm kein Leader das Wasser reichen könne – weltweit, wohlgemerkt. Auch zum „Herrn der Vorsehung“ hat er sich schon proklamiert, sich mal mit Napoleon, mal mit Moses verglichen. „Ich habe ganze Städte gebaut“, sagte Berlusconi in einem Interview.

„Das Erstaunliche ist, dass er fest zu glauben scheint, was er sagt“, hat ein Korrespondent, der Berlusconi einmal im Wahlkampf begleitete, verwundert nach Hause berichtet. Es ist auch dies ein Charakteristikum, das die Politiker dieses Typus verband – und bis heute verbindet. Während einem bei ihren Kollegen klassischen Zuschnitts nicht selten das Gefühl beschleicht, sie würden lügen, selbst wenn sie die Wahrheit sagen, so ist es bei den erfolgreichen Populisten genau umgekehrt: Haider-Beobachter waren stets über die Tatsache erstaunt, dass der FPÖ-Chef heute das eine und morgen das Gegenteil behaupten konnte, und dennoch nie ein Adressat der Rede den Eindruck hatte, dass Haider das Gesagte in diesem Moment nicht hundertprozentig glaubte. Diese Authentizität war doppelt erstaunlich, einerseits, weil Jörg Haider ja oft log, dass sich die Balken bogen, andererseits weil diese, ja, fast ist man versucht zu sagen: „Eigentlichkeit“, in höchstem Maße artifiziell war: gingen die Scheinwerfer aus, wurde die Kamera abgedreht, schien auch Haider oft wie abgeschaltet. Er war ein Mensch, „der kleiner wirkte, je näher man ihm kam“, hat eine Reporterin einmal beobachtet.

In Wirklichkeit ist das alles freilich nur scheinbar erstaunlich. Das Schauspielerhafte, das Showmanhafte, tat der Authentizität keinen Abbruch, weil es die Schaustellerei begnadeter Ich-Darsteller war – Haider, Berlusconi, Fortyun, sie waren erst in der Pose ganz bei sich selbst.

Sie verfügten über einem Authentizitätsbonus, der durch ihre Ich-Fixiertheit, ihre narzistische Eigenliebe getragen wurde. Ihre Macken, ihre Sucht nach Aufmerksamkeit, ihre Respektlosigkeit, ihr Vorwitz, ihre Ignoranz gegenüber Gepflogenheiten und Realitäten, mit einem Wort, all jene Charaktereigenschaften, in denen sich ihre Exzentrik erwies, hoben sie vom Typus des politischen Funktionärs ab, der im schlimmsten Fall nicht mehr ist, als das Amt, das er bekleidet. Was politische Kommentatoren vorschnell „personales Charisma“ nannten, ist eine Subjektivität, die diesen politischen Exzentrikern auch erlaubte, obzwar sie meist an der Spitze von Parteien standen, diese hinter sich verschwinden zu lassen – und so das antipolitische Ressentiment zu lukrieren.

Sie waren Parteipolitiker, aber nicht so ganz wirklich.

Dass nicht wenige von ihnen Millionäre waren, erwies sich doppelt von Vorteil: Einerseits verlieh der Erfolg ihnen die Aura des „Self-Made-Mannes“, der der schmutzigen Politik zum Aufstieg im Grunde gar nicht bedarf, andererseits gab ihnen ihr Reichtum jene Unabhängigkeit, ohne die sie ihre Extravaganzen schwer pflegen konnten. Denn wer arm ist und dennoch seine Exzentrik leben will, muss schon sehr tapfer und mutig sein.

Was sich mit Haider angedeutet hatte, wurde Ende der neunziger Jahre zu einem flächendeckenden Phänomen: Mit Haider, Berlusconi, Fortuyn, Umberto Bossi, Pia Kjaersgard, Christoph Blocher, Ronald Schill war die Reihe der erfolgreichen politischen Sonderlinge und Rappelköpfe vergleichbaren Schlages alleine in Westeuropa um die Jahrtausendwende ziemlich lang geworden.

Richard Sennett hatte schon 15 Jahren vorher mit der These Aufsehen erregt, dass auf ähnliche Weise, wie in der Geburtsepoche der Psychoanalyse das klinische Symptom der Hysterie primär ein gesellschaftliches Syndrom gewesen war, heute narzistische Störungen gesellschaftlich „gefördert“ seien – dies ist der Fluchtpunkt dessen, was Sennett den „Verfall des öffentlichen Lebens“ nennt. Dies könnte der Schlüssel zur Beurteilung von Rationalität und Irrationalität im Handeln unseres analysierten Politikertypus sein. Wie sie ihre politische „Star“-Position ihrer Maßlosigkeit verdankten, so stand, derselben Maßlosigkeit wegen, dieser Erfolg auch immer auf des Messers Schneide. Es verband sie die Neigung, durch irre Aktionen all das zu gefährden, was sie sich aufgebaut haben. Haider verfiel häufig in tiefe Depressionen, aus denen er sich reaktivierte, indem er Feuer an die eigene Partei legte. Den Zwang zur „Selbstdynamisierung“ hat das ein enger Berater Haiders einmal genannt. Es war daher kein Wunder, dass Kommentatoren die Art seines Frühablebens als durchaus stimmig mit seinem politischen Stil ansahen: eine halbe Flasche Wodka intus, krachte er mit 180 km/h gegen einen Betonpfeiler, nachdem er in einer Klagenfurter Schwulenbar durchgefeiert hatte.

Die beschriebenen Protagonisten waren freilich keine simplen Narren, sondern eher Borderliner, nicht bloß Politiker, aber auch keine bloßen Verrückten. Gingen sie zu weit, galten sie als Typen, die sich etwas trauen. Warf ihnen ein langweiliger Altpolitiker gar vor, sie hätten keine Konzepte, so kostete sie das nur ein müdes Lächeln: denn wer braucht Konzepte, wer Charakter hat?

Zunächst machten diese Typen übrigens ihren Aufstieg auch nicht als Fürsprecher der abgehängten Unterprivilegierten, sondern eher als Angebot an die unpolitischen Yuppies. Haider scharte um sich seine Truppe aus politisch unbedarften jungen Männern (genannt „die Buberlpartie“), mit schicken Anzügen und Föhnfrisuren. Seine ersten Wahlsiege gingen eher auf Kosten der ÖVP, die moderne bürgerliche Aufsteiger nicht mehr an sich binden konnte. Erst hinterher kannibalisierte er die SPÖ, indem er den Angehörigen der früheren sozialdemokratischen Kernschichten signalisierte, er sei der Robin Hood der einfachen Leute. Der Anti-Elitismus wurde primär auch als Kulturkampf ausgetragen: Gegen die liberale, urbane linke Kultur, die sich in den Jahren 1968ff ausgebreitet hatte.

Womöglich brauchte es solche Typen, um einen Boden zu bereiten, der bereit war, beackert zu werden, aber noch nicht vollends fruchtbar. Das verallgemeinerte Ressentiment, die Totaldelegitimation des Systems Politik, die Wut, die in alle Poren dringt – das also, was wir heute erleben und das selbst talentfreien Nullfiguren wie einen Lucke oder HC Strache erlaubt, Erfolg zu haben, das gab es damals noch nicht. Es gab ein Misstrauen gegenüber der politischen Klasse, es machte sich eine Art von Zorn breit, es herrschte auch Langeweile über eine Politik, in der es scheinbar um nichts mehr ging. Das war die Stunde des Rechtsradikalismus mit Augenzwinkern, von der Art: Wir sagen provokantes, unerhörtes Zeug, aber wir meinen es eh nicht so ernst. Haider konnte sich an dem einen Tag zum Fürsprecher der Kriegsgeneration erklären und am nächsten Tag sagen: „Ich bin der neue Kreisky.“ Er konnte die schlimmsten, verhetzendsten Dinge sagen, aber es hatte immer auch eine ironische Schlagseite, von der Art: ‚Schaut her, was ich mich trau. Ich meins ja nicht wirklich so, aber es bereitet mir diebische Freude, dass Ihr Euch alle so darüber aufregt.‘

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