„Wir haben unseren Siegi verloren“

sigi 2 Zum Tod von Siegfried Mattl 

Foto: Peter Pilz

Das war eine Nachricht vom Wochenende, die mich richtig umgehauen hat: „Wir haben unseren Siegi verloren“, mit diesen Worten leitete Peter Pilz einen Post auf seiner Facebook-Seite ein. Siegi Mattl ist gestorben. Samstag früh. Nach längerer schwerer Krankheit, wie jetzt bekannt wurde. Außer für seine allerengsten Freunde kam sein Tod überraschend. Und das ist nicht nur so dahingesagt mit überraschend: Weil der Siegi Mattl ja so ein vitaler Mensch war, so energetisch und an allem interessiert, mit einem Wort, so lebendig, ist es ja noch einen Dreh unfassbarer, wenn man erfährt, dass so jemand nicht mehr lebt.

Ich kannte Siegi Mattl seit mehr als 30 Jahren, ich nehme an seit etwa 1983. Siegi war damals 28, ich 17. Ich wurde damals als junger Schüler Mitglied der „Gruppe Revolutionäre Marxisten“, und Siegi war einer von den, aus meiner Sicht, „Alten“, die sich langsam schon wieder davon machten. Er und sein engster Kumpel Peter Pilz waren so etwas wie bunte Hunde am Rand des K-Gruppen-Jungbolschewistentums. Bei den nächtelangen Sitzungen hat man sie praktisch nicht mehr gesehen. Dafür haben sie kluge Texte in der Wochenzeitung „Die Linke“ geschrieben und ansonsten schon eher ihre anderen Projekte gestrickt. Siegi primär als Historiker und Autor, so beispielsweise im Team der legendären Ausstellung „Mit uns zieht die neue Zeit“, die berühmte Arbeiterkultur-Schau über das Rote Wien in der Meidlinger Straßenbahnremise.

Wenn man Siegi über den Weg lief, was in den letzten Jahrzehnten vielleicht drei, viermal im Jahr passierte, dann war da immer dieses lachende Hallo, sein schiefer Grinser. Physiognomie ist ja meist nach außen erkennbarer, sichtbarer Charakter: Das Lachen von Siegi war der Siegi. Erstens mal: Äußerung seiner Freundlichkeit. Er war einfach ein freundlicher Mensch, aber, wie wir seit Brecht und Benjamin wissen, ist die Freundlichkeit ja mehr als bloß eine individuelle Charaktereigenschaft, sie ist so etwas wie eine politische Haltung: „Wer das Harte zum Unterliegen bringen will, der soll keine Gelegenheit zum Freundlichsein vorbeigehen lassen“, notierte Benjamin.

Siegis Lachen war, zweitens: Nie zynisch, niemals unernst, aber auch nicht alles ernst nehmend. Ironisch, ohne alles zu ironisieren. Siegi verkörperte gewissermaßen das, was sich eine zeitweise verbiesterte Linke an Gutem von der Postmoderne schnappte, ohne gleich ins Gegenteil zu kippen. Den Witz und die Ironie, und verband diese mit der Ernsthaftigkeit.

Das sind ja Charaktereigenschaften, die häufig einher gehen mit einer Gier und Lust nach Wirklichkeit, Offenheit und damit Interesse für alles, was interessant ist. Und potentiell ist alles interessant, man muss es nur richtig zu betrachten vermögen.

Das machte den Historiker Siegi Mattl zu einem Geschichtsforscher, der weit mehr war als nur historischer Forscher (und schon gar kein Erbsenzähler), und auch mehr als ein theoretisch fundierter Historiker, sondern zu einem Gesellschaftswissenschaftler im besten Sinne: Einen, für den Theorien so wichtig waren wie Alltagsgeschichten, Film so wichtig wie Revolutionsgeschichtsschreibung, Bilder so wichtig wie Texte, Vorstadtweiber wichtiger als Könige, und für den Geschichtsschreibung auch der Literaturwissenschaft eng verbunden war. Stadtforscher, Popforscher, Bildforscher. Deswegen lappte sein Historikersein auch immer ins Schriftstellerische aus. Siegi schrieb keine „Papers“, er schrieb Essays.

Erinnerungsblitze: Siegi irgendwann in den Neunzigern im „Alt Wien“, die wachen Augen, auch sie mit einem Lächeln in den Winkeln. Nachts vorm „Rhiz“. Oder auf der Bühne vom „Bach“ mit seinen Historikerkollegen Wolfgang Maderthaner & Co. – in deren Band, den „New Historicists“, er an der E-Gitarre schrummelte (oder war es der Bass?, nein, ich glaube es war die Gitarre). In den Achtzigern auf der vergammelten Couch im GRM-Headquarter.

Interdisziplinär nennt man so etwas heute gerne, was Siegi betrieb. Aber in Wirklichkeit ist es ein theoretische Welthaltung. Historiker sind bei uns ja meist: Entweder als Zeithistoriker „Geschichtsaufarbeiter“ (nicht zuletzt der NS-Geschichte); oder Sozialhistoriker, die primär aus sozioökonomischen Analysen (alltags-)kulturelle Bewegungen erklären; oder überhaupt simple „Ereignisgeschichtsschreiber“. Siegi Mattl ging aber in keiner dieser Schulen (oder Kreise) völlig auf. Erstens, wie gesagt, war für ihn alles potentiell interessant. Zweitens wäre ihm die Basisannahme eines vulgären Post-Marxismus, der in letzter Instanz alles, von der Jugendkultur bis zum Pop, von der Revolte über die Kleinkriminalität bis zur Kunstgeschichte zumindest primär aus der „sozioökonomischen Basis“ ableitet, entschieden zu eng und intellektuell zu uninspirierend erschienen. Da alles auf alles wirkt und nicht jede Wirkung eine „notwendige“, sondern manchmal auch einfach Zufall ist, ist auch dieses „alles“ das Material des Geschichtsforschers. Das war Siegis „Disziplin“, und deshalb ist dafür „Interdisziplinär“ auch nur ein Hilfsbegriff.

Von Menschen bleiben in der Erinnerung Geschichten. Oder vielleicht sind es primär Bilder? Mein Bild von Siegi, das ist sein freundlicher Grinser, der unvergessen bleiben wird. Unfassbar, dass man dieses Lachen nicht mehr sehen wird. Siegi Mattl wurde nur 61 Jahre alt.

5 Gedanken zu „„Wir haben unseren Siegi verloren““

  1. Lieber Robert!
    Dieser Nachruf hat auch mich sehr berührt. Ich kannte Siegi aus Studentenzeiten. Sein Intellekt und sein Humor werden mir immer in Erinnerung bleiben.
    Astrid

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