Der unbekannte, grandiose Doktor Adler

Victor Adler hat die Arbeiterbewegung vereinigt, die Modernisierung des Landes erkämpft, er gab dafür sein Vermögen, wachte am Totenbett von Friedrich Engels und arbeitete sich tot. Mit sechzig sah er aus wie ein Hundertjähriger. Er war der größte Österreicher der Geschichte. Und dennoch wissen die meisten Leute kaum etwas über ihn. Ein Versuch, das zu ändern.

blogwertDie Frage steht hier ja gelegentlich: „Ist ihnen dieser Blog etwas wert?“ Aber diesmal wieder mit etwas mehr Nachduck. Dieser biografische Essay ist nicht in Zeitschriftenlänge, sondern hat den Umfang eines schmalen Buches. Ich wollte das aber dennoch nicht als kleines Büchlein rausbringen, das dann vielleicht gerade einmal 3000 Leute lesen, sondern es gratis für alle zugänglich machen. Halt dem Motto entsprechend: Gib, was Du kannst… Und wenn das Null ist, ist es Null. Einfach weil es mir wichtig ist, dass das viele – vor allem junge Leute – lesen können, und ohne hier eine Bezahlsperre einzuziehen. Gleichzeitig ist natürlich jedem klar, dass da die Arbeit von ein paar Monaten drinsteckt. Also, wenn Ihnen Recherchen wie diese etwas wert sind… hier IBAN und BIC zum Copy/Pasten: IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW)


Victor Adler, um 1900
Victor Adler, um 1900

„Das letzte Wort des gemütlichen Wienertums ist: ‚Verkaufts mei Gwand, i bin im Himmel!‘ Der grundlose Optimismus, wechselnd mit zu Exzessen neigender Aufgeregtheit, das ist die Stimmung, die durch den Alkohol gefördert wird und die niemand so gefährlich ist als den Österreichern, die ohnehin erblich belastet sind mit gemeingefährlicher Duselei. Wir wollen nicht gemütlich sein, sondern unsere ganze Arbeit will, dass die Arbeiter ungemütlich werden.“ So schrieb Victor Adler 1902 in einem Aufsatz mit den krachenden Titel „Nieder mit der Gemütlichkeit“. In ihm ging es vordergründig um den Kampf gegen den Alkoholismus, einen Kampf, von dessen Sinnhaftigkeit Adler sich übrigens erst lange überzeugen lassen musste. Sein erster Reflex war eher gewesen, dass das Verdammen des Alkohols bei den Arbeitern Abwehr auslösen würde, Ärger auf die, die ihnen etwas wegnehmen, verbieten wollen. Ein lustfeindlicher Verbotsonkel wollte Adler nicht sein.

Aber Adler ließ sich überzeugen, dass viel zu viele Arbeiterfamilien vom Alkohol zerstört werden, und viele Arbeiter sich, anstatt für ihre Rechte zu kämpfen, sich in den Rausch flüchten. Freilich, dieser Text von Adler ist ohnehin nur vordergründig ein Text über den Alkohol, und zugleich auch ein Text über das „Wienerische“. Wienerisch oder österreichisch, gemütlich, unernst, bier- und gefühlsselig, all das wollte Adler nicht sein. Er wollte wirken, handeln, eine Spur hinterlassen, etwas tun, dieses rückwärtsgewandte Österreich modernisieren. Adler wollte eine geradezu ortsuntypische Entschiedenheit verkörpern. „Was wir erzielt haben“, schrieb er schon 1893 an seinen Freund, den in London lebenden Marx-Mitstreiter Friedrich Engels, „erreichten wir dadurch, dass wir nicht Österreicher sind, oder vielmehr uns als Nichtösterreicher maskierten, dass wir nicht schlampert, nicht flackernd, nicht sprunghaft und schnell ermüdet waren“. Kurzum: Dass Adler und seine Mitstreiter einen Plan hatten und den energisch, aber auch mit Geduld verfolgten, etwas, was dem zugeschriebenen Nationalcharakter, der leicht erregbar, aber ebenso leicht wieder ablenkbar war, so überhaupt nicht entsprach.

Adler war, schrieb der Schriftsteller Hermann Bahr einmal, „der erste wahrhaft kluge Mensch, dem ich auf meinem Weg begegnet bin. Nämlich einer mit einem stichhältigen Verstand, der sich durch keinen Affekt je verwirren ließ.“ Unsere Partei, schrieb einer von Adlers Mitstreitern in einer Erinnerung an die frühen Zeiten, „war und ist eine unwienerische Partei… In dem Sinne, dass alles Sumperhafte, das Sich-Gehenlassen und jede falsche Sentimentalität abgelehnt wurde.“ Mögen die herrschenden Eliten überall ein wenig dumm und kurzsichtig sein, so seien sie es in Österreich besonders, war Adler überzeugt. „In Österreich ist es nun einmal so, dass man die Dummheiten freiwillig macht; wenn aber etwas Vernünftiges geschehen soll, dann will man dazu gezwungen werden.“

 

II. Der Zustand des Halbvergessens

Die Figur Victor Adler interessiert mich seit einiger Zeit. Weil wir in diesem Land ohnehin zu wenige Helden haben. Helden im Sinne von: positiven, identitätsstiftenden historischen Figuren. Held in einem pathetischen Sinne war Adler ohnehin nicht, weder war er äußerlich ein Gigant, noch ein grandioser Volkstribun, noch hat er eine große Tat vollbracht im Sinne der einen, einzigartigen Großtat. Als Redner hat er eher durch seine Ernst- und Bedächtigkeit gewirkt als durch rhetorische Wucht. Er war auch von feiner Ironie, und wie jeder gute Ironiker hatte er immer auch einen ironischen Blick auf sich selbst, was erfahrungsgemäß ja keine gute Voraussetzung dafür ist, sich in die Superman-Pose zu werfen.

Aber trotz oder gerade wegen dieser Eigenschaften ist Adler wahrscheinlich der größte Österreicher der politischen Geschichte. Ja, das wahrscheinlich können wir gut und gerne weglassen. Der Superlativ ist schon richtig gewählt. In der Geschichte dieses Landes ist Adler die größte, wichtigste, bedeutendste Figur.

Und dennoch ist er irgendwie vergessen. Nicht in dem Sinne, dass man nichts über ihn wüsste oder völlig vergessen wäre, dass er existierte. Das nicht. Der Name ist so irgendwie bekannt. In Favoriten ist der Viktor-Adler-Markt nach ihm benannt, es gibt Denkmäler und auch einen Gemeindebau; nicht nur Eingeweihte wissen, dass Adler die Sozialdemokratie gegründet hat, und dass er als Armenarzt begann, ist auch nicht völlig unbekannt. Vielleicht gibt es heute einige hunderttausend Österreicher und Österreicherinnen, denen der Name „irgendetwas“ sagt. Aber der Punkt ist eben, dass es über das „irgendetwas“ selten hinaus geht. Adler? „Das war doch irgend so ein Guter“, so ein Sozi aus einer Zeit wo man noch Hochachtung vor Sozis haben konnte. Das ist so ziemlich das, was auch politisch und historisch informierte Leute über Adler wissen. Spezialisten wissen noch ein paar Details. Viel mehr ist es aber nicht. Das ist schon recht seltsam bei einem Mann, der eigentlich als der große Titan der österreichischen Geschichte da stehen müsste.

In der Geschichte dieses Landes ist Adler die größte, wichtigste, bedeutendste Figur. Er ist auch nicht völlig vergessen. Aber viel wissen selbst Informierte nicht über ihn. Das ist schon recht seltsam bei einem Mann, der eigentlich als der große Titan der österreichischen Geschichte da stehen müsste.

Es ist aber noch etwas anderes, was mich beim Nachdenken über Adler immer wieder irritierte. Wir mögen das eine oder andere von ihm wissen, wir haben aber kein wirklich akkurates „Bild“ von ihm – und zwar im metaphorischen und im buchstäblichen Sinne. Adler wirkte in einer Zeit vor der totalen Durchmedialisierung. Wir wissen nicht, wie er war, oder wir haben kaum einen Zugang, uns selbst ein Bild zu machen. Wir haben keinen guten Eindruck von seiner Mentalität, von seinem Habitus. Es gibt eine Handvoll Bilder, und die zeigen praktisch alle einen alten Mann. Dann gibt es nur ganz wenige Jugendbilder, die aber auch mehr den Blick verstellen, als dass sie ihn eröffnen, da die Abgebildeten posieren, wie das üblich war zu einer Zeit, als die Technologie der Fotografie noch recht neu war und eine Aufnahme eine lange Prozedur mit Fotografen, Arrangement der Abgebildeten und langem Stillsitzen bedeutete. War der, der so fotografiert wird, tatsächlich „so“, wie er sich in dieser Pose gibt?

Adler wirkte schon mit fünfzig Jahren alt und mit sechzig war er ein gebückter Mann, dem der Tod bereits im Gesicht stand. Er hat sich praktisch kaputt gearbeitet, und auch viele Sorgen und Schicksalsschläge haben seine Gesundheit früh ruiniert. Wir haben aber kaum ein Bild vor unserem inneren Auge von dem jungen Adler oder dem Adler in mittleren Jahren, dem, der die Herkulesarbeit auf sich nahm, der strotzte vor Energie, der mit ungeheurer Kraft die rebellischen, revolutionären und demokratischen Kräfte in Österreich sammelte, sie zu einer Partei formte, der diese Partei zur Massenpartei machte und von Sieg zu Sieg führte; der soziale Reformen erkämpfte, der die österreichische Despotie zurückdrängte, der das gleiche, demokratische Wahlrecht durchsetzte und der die Saat legte für die demokratische Republik und das „Rote Wien“, das nach seinem Tod Furore machen sollte. „Es gibt wohl nur noch wenige, die sich an den jungen oder doch jüngeren Victor Adler erinnern“, schrieb schon vor fast hundert Jahren Adelheid Popp, die als junge Arbeiterin zur Arbeiterbewegung stieß und eine legendäre Figur der sozialistischen Frauenbewegung werden sollte. „An Victor Adler als Tänzer, wenn er auf Arbeiterbällen beim Schwendner mit den Genossinnen den ersten Tanz tanzte. Auch als Radfahrer habe ich ihn gekannt. Per Rad besuchte er uns… Per Rad kam er von Wien nach Mauerbach.“

Menschen fallen ins Vergessen, wenn wir kein Bild von ihnen haben, und auch das, was nicht vergessen wird, wird überlagert von Phantasie, von einem inneren Bild, das wir uns selbst zurecht legen, aber oft nicht mit der realen Figur – und noch dazu mit der realen Figur in ihren verschiedenen Lebensphasen -, nicht übereinstimmt. Um das simpel zu sagen: Wir haben das spontane Bild im Kopf, selbst dann, wenn wir gut informiert sind, dass ein greiser alter Mann in den 1880er Jahren die demokratische und sozialistische Bewegung vereinigte. Aber das ist natürlich Unfug. Das hat ein junger Mann gemacht, der hinterher bloß älter wurde.

Gedenktafel am Haus Berggasse 19. Hier hatte Victor Adler seine erste Wohnstätte und seine Arztpraxis. Später verkaufte er das Haus an Sigmund Freud.
Gedenktafel am Haus Berggasse 19. Hier hatte Victor Adler seine erste Wohnstätte und seine Arztpraxis. Später verkaufte er das Haus an Sigmund Freud.

Der junge Mann voller Energie ist also „vergessen“, und mehr noch, für die Wiener unter uns ist es „emotional unbekannt“, dass Adler hier politisch aktiv war; dass viele von uns täglich die Wege gehen, die auch er ging. Die Windmühlgasse entlang, wo Adler wohnte, wo auch lange die Redaktion der „Arbeiterzeitung“ war, durch die Schwarzspanierstraße, Berggasse, die Mariahilfer Straße, oder von der Blümelgasse in Mariahilf, da wo heute das Haus des Meeres steht, runter zur Wienzeile, wo in den späten Jahren die Redaktion der „Arbeiterzeitung“ und der Parteivorstand der Sozialdemokraten residierten. Wir gehen an Häusern entlang, wo früher Polizeigefangenenhäuser waren, in denen Adler im Arrest gesessen hatte, wenn er wieder einmal gegen die Zensurbestimmungen oder Versammlungsverbote der kaiserlichen Despotenregierung verstoßen hat. Oder, wenn wir an der äußersten Ecke der Schönbrunner Straße, dort, wo sie praktisch an den Schloßpark grenzt, entlang gehen? Wer hat da schon im Kopf, dass hier früher eine Vergnügungspark mit Versammlungshallen war, in denen Adler und die Legendenfigur des internationalen Sozialismus, Friedrich Engels nämlich, vor einer vieltausendköpfigen Arbeitermenge gesprochen haben? Niemand denkt daran. Faktisch niemand weiß davon. Nichts erinnert in diesem Fall überhaupt noch daran. Das ist eine versunkene Lokalgeschichte, die nicht einmal die Eingeweihtesten kennen.

III. „Das Strebertum des Doktor Adler“

„Bei mir war der Tod meines Alten ein Riss ins Leben“, schrieb Victor Adler einmal in einem Brief an seinen Freund Karl Kautsky, „ich war plötzlich um 20 Jahre älter geworden. (…) Niemals verstand mein Alter ganz, was ich wollte, soweit er mich aber verstand, war er dagegen und so waren wir ewig im Kampfe.“ Bis zum Tod seines Vaters hatte sich Adler aus dem direkten, parteipolitischen, rebellischen Engagement heraus gehalten. Teils aus Akzeptanz der väterlichen Autorität, später mehr um dem alten Mann Sorgen zu ersparen. „Durch den Tod meines Vaters, dem ich das Opfer schuldete, bin ich Herr meines Weges geworden“, formulierte Adler 1886, unmittelbar nach dem Ableben des Vaters.

Victor Adler war damals schon kein Jungspund mehr – sondern ein junger Mann im Alter von 34 Jahren. Es war gewissermaßen ein Zufall, dass Adler gerade zu diesem Zeitpunkt aufgrund des Todes des Vaters in die Lage versetzt wurde, ohne die bisherige Rücksichtnahme Herr seines eigenen Geschicks sein zu können. Aber es war nicht der schlechteste Zeitpunkt. Die österreichische Arbeiterbewegung war tief gespalten und lag darnieder. Eine sozialdemokratische Partei gab es nicht, die Fraktionen der frühen Arbeiterbewegung waren seit Jahren zerstritten, in „Gemäßigte“ und „Radikale“. Die Fraktionen hatten sich mit Verve bekämpft, und der Polizeistaat, den der Habsburger-Kaiser errichtet hatte, tat sein übriges: Nach einer Attentatsserie der Anarchisten wurde 1884 der Ausnahmezustand verhängt. Arbeiteraktivisten aller Richtungen wurden nächtens aus den Betten geholt, auch kleine Funktionäre von Arbeiterbildungsvereinen wurden aus Wien ausgewiesen, sofern sie nicht hier „zuständig“ waren, was so viel hieß wie, sofern sie nicht in Wien geboren waren, worauf sich das Bürgerrecht in der Stadt begründete. Vereine wurden aufgelöst, alle Zeitungen verboten, Versammlungen untersagt.

Die Peitsche der Repression schwang und das entmutigte die wenigen verbliebenen Veteranen der Arbeiterbewegung. Zugleich hat der jahrelange Zwist zwischen den Fraktionen die Streitparteien auch ermüdet. Der Polizeistaat hatte die verschiedenen Gruppen mit seinen Spitzeln durchsetzt. Und nicht nur die auf die soziale Lage der Arbeiter abzielende Arbeiterbewegung oder die Sozialisten, die eine Revolution befürworteten, lagen in Agonie, auch die demokratische Bewegung, die sich gegen den kaiserlichen Absolutismus richtete. Man war müde, blieb aber gewissermaßen aus Gewohnheit zerstritten. Aktivitäten der verschiedenen Gruppen gab es keine mehr. Anarchisten in Österreich waren, wie Adler einmal sarkastisch schrieb, schon zu dieser Zeit keine Leute mehr, die Attentate verübten. „Ein Anarchist, das ist ein Mann, der wartet, bis irgendwo irgendwer auf irgend jemanden ein Attentat verübt – dann freut er sich.“ Es herrschte Depression, und die einstigen Aktivisten wurden passiv. Es gab im Grunde überhaupt keine sozialdemokratische Organisation mehr in Österreich. „Ein geradezu klägliches Bild“, meinte Adler.

Das war natürlich der richtige Moment, dafür zu sorgen, die alten Zwistigkeiten zu begraben – da die große Zeit jener, die einst diese Zwistigkeiten austrugen, vorüber war. Und ein Mann wie Adler, der bisher nicht Teil dieser Gruppenstreitereien war, war der Richtige im richtigen Moment. Er war einerseits sicherlich jemand, der den gemäßigten Sozialreformern von der gesamten Geisteshaltung näher stand, aber, so formulierte er, es „kam mir zu statten, dass ich auch mit den ‚Radicalen‘ als homo novus verkehren konnte“, also als „neuer Mann“.

Adler machte zweierlei: Er gründete eine Wochenzeitung, „Die Gleichheit“, deren Redaktion über und jenseits der Fraktionen stand, aber Stimmen beider Seiten Platz einräumte, und er berief Versammlungen ein, um die Streitparteien ins Gespräch zu bringen. Etwa eine Versammlung beim Schwendner auf der äußeren Mariahilfer Straße. Der „Compromiss“, den man fand, um die beiden Seiten in einen Raum zu bringen, war der denkbar kleinste gemeinsame Nenner: Es wurde abgesprochen, „man werde sich gegenseitig nicht niederbrüllen“.

Adler war schnell die Zentralfigur in der Arbeiterbewegung: „Das Strebertum Dr. Adlers, der jetzt als die Seele der sozialistischen Umsturzbestrebungen in Österreich angesehen werden muss, ist bisher ein sehr erfolgreiches, da alle früheren Arbeiterführer sich vor ihm beugen“, hieß es in einem auf Spitzelberichten beruhenden Polizeireport.

Schon aus diesen frühen Tagen von Adlers Engagement rührt eine erste Bekanntschaft mit Friedrich Engels, der unbestrittenen Zentralfigur der revolutionären sozialistischen Bewegung in Europa, eine Bekanntschaft, aus der engste Freundschaft werden sollte. Aber bevor wir uns dieser bemerkenswerten Freundschaft zwischen dem jungen Mann und dem alten Veteranen, aber auch den weiteren Schritten hin zur Einigung der sozialistischen und demokratischen Bewegung widmen, wollen wir uns in ein paar schnellen Strichen dem Vorleben Victor Adlers zuwenden, den Jugendjahren, die dieser Zeit voraus gingen.

 

IV. Der Adlerhorst

Victor Adler kam am 24. Juni 1852 als Sohn einer deutschjüdischen Prager Familie zur Welt und wurde, so schreibt der Wiener Historiker Wolfgang Maderthaner, der vielleicht beste Kenner von Adlers Biographie, von Adlers Nachlass, von den papierenen und sonstigen Spuren, die er hinterließ, „gleichsam in ein deutschnationales Milieu hineingeboren, fühlten sich die Juden Prags als Vertreter und Retter des Deutschtums gegenüber dem erwachenden slawischen Nationalismus.“ Mitte der fünfziger Jahre noch übersiedelte die zunächst eher arme Familie nach Wien, wo sich Salomon Markus Adler, Victor Adlers Vater, mit verschiedenen wirtschaftlichen Unternehmungen ein beträchtliches Vermögen erwarb. „Die Familie bezog eine Villa in dem Nobelvorort Oberdöbling, klassischer Sitz der gehobenen Bourgeoisie.“

Man „tickte“ demokratisch und deutschnational. Deutschnational hatte damals aber nicht jene Konnotation, die es heute hat, also: rechtsradikal, nationalistisch, rassistisch. Man könnte beinahe sagen im Gegenteil: Deutsch hieß, einer modernen, gehobenen Kultur anzuhängen. Goethe, Schiller, das hieß Rebellion, hohe Kultur, raus aus den Fesseln und den Rückständigkeiten lokaler provinzieller Tradition. Es hieß vor allem: gesellschaftliche, kulturelle und politische Modernisierung. Adler sollte auch die ersten Jahre seinen bewussteren Lebens in dieser gesellschaftlichen Strömung verleben. Die Familie war jüdisch-assimiliert und zugleich ökonomisch aufgestiegen, und schickte den Sohn auf das noble Schottengymnasium. Hier traf der junge Victor Adler auf ein Milieu von Gleichgesinnten, auf politisch, philosophisch und literarisch Interessierte. Man könnte sagen, er tat das, was auch heute aufgeweckte hochintelligente Jugendliche tun: Er las und diskutierte mit ebenso intellektuell interessierten Alterskollegen über das gerade Gelesene, und wie das junge Leute so tun, in der Art, als würden sie die Welt nicht nur entdecken, sondern neu erfinden. Freilich, die Pointe war: Diese jungen Leute waren in eine sich rasant verwandelnde Welt hineingeboren, sodass sie tatsächlich eine Welt entdeckten, die noch unentdeckt war, weil sie sich gerade entwickelte. Moderne Kunst, moderne Wissenschaft, neue Strömungen in der Literatur. Dandytum. Literarische Salons. Fin de Siecle, also diese Verdichtung des Neuen im Wien der zweiten Jahrhunderthälfte. Adler wurde so nicht nur zum herausragenden Politiker, sondern tatsächlich auch zu einer „paradigmatischen Figur sowohl des Wiener Fin de Siecle wie des international Sozialismus“ (Maderthaner).

Zum Kreis, den Adler und seine Mitschüler um sich scharten, gehörten: Engelbert Pernerstorfer, zunächst wohl die Zentralfigur der Gruppe, der ein lebenslanger Mitstreiter Adlers wurde, bei allen seltsamen Irrfahrten die Pernerstorfer auch machte; diverse andere Schulkollegen, aber auch die jungen Männer Heinrich und Adolf Braun, die später in der deutschen Arbeiterbewegung eine herausragende Rolle spielen sollten und die Brüder von Emma Braun waren, der Frau, die Adler sehr bald umschmeicheln und heiraten würde. Später gehörten der legendäre Schriftsteller Hermann Bahr und der Musiker Gustav Mahler zu dem Kreis. Die Runde traf sich regelmäßig in der Villa der Adlers, weshalb sie sich halb ironisch „Adlerhorst“ nannte. „Als Victor Adler 15 Jahre alt war, gründete er mit seinen Jugendfreunden einen Verein ‚Teyln‘, der sozialdemokratische Ideen verfocht“, erinnert sich Heinrich Braun. „Später, als dieser Freundeskreis die Universität bezog, verwandelte sich der Verein in den ‚Adlerhorst‘, und deutschnationale Bestrebungen traten mehr in den Vordergrund… Dieser Kreis interessierte sich auch lebhaft für Kunst, Literatur und Musik.“

Aber die Grenze zwischen Deutschnationalismus und sozialistischem Interesse war nie völlig klar und trennscharf. Die jungen Leute lasen sozialistische Literatur und kauften in den kleinen Gassenlokalen der frühen Arbeiterbewegung auch die Wochenzeitungen der Arbeiterpresse. Zugleich lasen sie Nietzsche, Schopenhauer und hörten Richard Wagner.

Der junge Adler hatte einen großen, runden Kopf, hatte dichtes Haar, – „das rötlichblonde Haar war stark gelockt“ -, und sehr bald den imposanten Schnauzbart und eine Brille. „Nicht etwa, dass seine Erscheinung eine blendende gewesen wäre. Er war nicht mehr als mittelgroß, und seine vorgebeugte Haltung ließ ihn mitunter fast klein erscheinen“, schrieb Franz Steiner, einer von Adlers Mitstreitern. Anders als heute wurde der revolutionäre Geist auch nicht durch modische Attribute unterstrichen, im Gegenteil. Gepflegte Anzüge, hoher Kragen, Krawatte, gehörten damals zum jungen, avancierten Dandyintellektuellen unbedingt dazu, und ganz generell versuchten auch die jungen Männer schon in frühen Jahren möglichst alt und ehrfurchtserweckend auszusehen. Schließlich lebte man in einer Gesellschaft, die auf Seniorität viel hielt, weshalb niemand ernst genommen wurde, der wie ein Bub aussah. Deshalb versuchten auch junge Männer so auszusehen, als wären sie ihre eigenen Großväter. Heute ist das ja bekanntlich eher umgekehrt.

Victor Adler hatte aber noch eine Eigenschaft, die ihn nicht gerade zum späteren Arbeiterführer prädestinierte: Er hatte einen Sprachfehler, das heißt, er stotterte ein klein wenig. Es war keine extreme Behinderung, aber gerade am Beginn einer Rede oder Wortmeldung warf ihm die Sprache gleichsam ab, und manche Töne brachte er einfach nicht heraus. Er konnte sich daran zwar adaptieren, und statt jener Worte, die er nicht raus bekam, andere benützen, die ihm leichter fielen. Dennoch war er in seinem Redeschwall beschränkt, gebremst, und immer bedroht, bei einem widerspenstigen Wort aus der Bahn geworfen zu werden. Adler besuchte dann verschiedene Logopäden, die ihm halfen, die Beeinträchtigung in den Griff zu bekommen. Noch Jahre später, als er bereits als zentraler Organisator der Arbeiterbewegung Fuß gefasst hatte, schrieb er an seinen Freund Karl Kautsky, dieser möge seine Briefe bitte an „Bingen am Rhein bei Spracharzt Gerdts“ richten, wo Adler gerade ein Sprachtraining machte.

Nach dem Gymnasium studierte Adler Medizin, und wurde hinterher, „wie der um vier Jahre jüngere Sigmund Freud, Assistent bei dem herausragenden Gehirnphysiologen Theodor Meynert… Später studierte er, wie Freud auch, vorübergehend beim berühmten Pariser Psychologen und Hypnotiseur Charcot. Seine eigene Arztpraxis in dem von seinem Vater geerbten Haus Berggasse 19 (das 1892 an Freud verkauft werden musste) war von durchaus mäßigem kommerziellem Erfolg begleitet. Es hatte sich bald herumgesprochen, dass der Doktor in der Berggasse seine mittellosen Patienten nicht nur umsonst zu behandeln pflegte, sondern sie darüber hinaus auch noch mit den nötigen Medikamenten ausstattete. Es war vermutlich dieses hautnahe Erleben des unsäglichen Arbeiterelends, das mehr als alles andere für die erneute Hinwendung Adlers zum Sozialismus bestimmend wurde. … Wie es seinem pragmatischen Naturell entsprach, entschloss er sich, zunächst der Sache dadurch zu dienen, indem er sich um einen Posten als Fabrikinspektor bewarb – einer eben erst nach englischem Muster eingerichteten Institution des Arbeiterschutzes. Im Sommer 1883 unternahm er eine mehrmonatige Studienreise durch Deutschland, die Schweiz und England, um sich auf die von ihm angestrebte Beruflaufbahn vorzubereiten. In seinem Gepäck befanden sich Empfehlungsschreiben von Karl Kautsky und Leo Frankel – des in den 1880er Jahren in Wien lebenden legendären Mitglieds der Pariser Commune – an Friedrich Engels“ (Wolfgang Maderthaner).

Adler war als Armenarzt schon legendär geworden – es hatte sich herum gesprochen, dass er ziemlich selbstlos Arbeiter und andere Mittellose gratis behandelte. Adler wiederum hat an seinen Patienten gesehen, dass schlechte Ernährung, Arbeit in heißen, dampfenden oder mit Giften verseuchten Fabriken zigtausende Menschen krank machen, genauso wie schlechter, beengter Wohnraum und haarsträubende hygienische Verhältnisse. Damit wurde ihm schnell klar, dass es ziemlich nutzlos ist, als Arzt die Krankheiten zu bekämpfen – viel besser wäre es durch eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter dafür zu sorgen, dass die meisten Krankheiten gar nicht erst ausbrechen.

 

V. Im Gassenlokal

„Auf dem Rückwege von hier werde ich nach Zürich gehen um Bernstein und andere Genossen kennen zu lernen“, schrieb Adler 1886 vom Spracharzt in Bingen aus an seinen Freund Karl Kautsky. Kautsky, der ursprünglich selbst aus Wien stammte, war damals in der deutschen Sozialdemokratie schon eine große Nummer. Bernstein wiederum war einer der wichtigsten Denker der Sozialdemokratie und ein enger Mitarbeiter Friedrich Engels. Auch August Bebel, der große alte Mann des deutschen Sozialismus, gehörte nach und nach zu den engeren Gesprächs- und Korrespondenzpartnern Adlers. Der „Doktor“ war gerade erst in die organisatorische Kärrnerarbeit eingestiegen, aber schon hatte er seinen fixen Platz im Netzwerk des europäischen Sozialismus. Einmal wollte er sogar zu Kautsky und Engels stoßen, als die an der englischen Küste ihre Sommerfrische verbrachten, fragte aber in vertrautem Ton, „ob ihnen und ihm (Engels) meine Coexistenz nicht zuwider wäre. Das ist nicht abgeschmackte Bescheidenheit, sondern die Erwägung, dass manche Menschen, ich zum Beispiel, Zeiten haben, wo ihnen jedes menschliche Gesicht zuwider ist, und sie Ruhe, aber absolute Ruhe haben wollen. Sollten Sie und Engels solches Bedürfnis haben, so möchte ich nicht gerne stören…“

Einige Zeit später aber kam Kautsky nach Wien und betrachtete Adlers Bemühungen um die Vereinigung der verschiedenen Fraktionen der Arbeiterbewegung aus der Nähe. „Adler hat sich bewunderungswürdig gehalten“, berichtete Kautsky, der von Adlers Aktionen zunächst gar nicht so überzeugt war, sehr bald an Engels: „Ich bekomme täglich mehr Respekt vor ihm. Mit großem Misstrauen gegen ihn kam ich her, er hat sich aber bei jeder Gelegenheit famos gehalten…“

Das Haus Gumpendorfer Straße 79 heute
Das Haus Gumpendorfer Straße 79 heute

Seit dem Dezember 1886 gab Adler die „Gleichheit“ heraus, die sozialdemokratische Wochenzeitung. Wie alle seine auch späteren Unternehmungen finanzierte er sie aus seinem vom Vater geerbten Vermögen. Sie erreichte eine Auflage von gerade einmal 3.600 Exemplaren. Die Redaktion saß in der Gumpendorfer Straße 79 in Mariahilf. „Ein kleiner Gassenladen, neben der Tür ein schmales Fenster, darin hängend die jeweilig letzte Nummer der Gleichheit“, beschrieb Max Winter, selbst einer der großen Reporter der sozialistischen Publizistik die Szenerie: „Drinnen im Laden ein Schalter, der den kleinen Vorraum abgrenzt, hinter diesem der Schreibtisch des Administrators, Expeditors und wenns Not tut auch Kolporteurs, des Genossen August Brettschneider, später neben ihm Jakob Brod. Daneben noch ein Raum, ein Kabinett, ein Fenster auf die Gasse: die Redaktion, in der Victor Adler und Adolf Braun sitzen. So hat die Wiege ausgesehen…“

Immer wieder machte Adler den zerstrittenen Fraktionen deutlich, dass es an der Zeit ist, sich zusammen zu raufen. Adler wird, auch wegen des Traumas der Spaltung, das die österreichischen Sozialisten noch lange begleiten wird, geradezu zu einem Fanatiker der Einheit. Man müsse sich nur darauf besinnen, an einem Strang zu ziehen und einige gemeinsame Prinzipien zu teilen. Darüber hinaus dürfe jeder denken was er will und unterschiedliche Schwerpunkte verfolgen. Es sei gar nicht nötig, „eigene Lieblingsideen hintanzustellen. Und diese hat doch jeder von uns… Denn die sozialdemokratische Partei ist nicht eine Partei, die von einigen Leuten kommandiert wird. … Wir sind keine Partei aus Bleisoldaten in einer Schachtel, einer wie der andere.“

Tatsächlich hatte die Partei, die langsam entstand, nicht einmal einen Vorstand und schon gar niemanden, der sie „kommandierte“ – wenn man einmal von dem sanften, mehr auf Überredung und seiner wachsenden Autorität beruhendem „Kommando“ Adlers absieht. Die Partei hatte eine informelle Führung: Nämlich die Redaktion der Gleichheit. Das war gewissermaßen ein raffinierter Trick, der wohl nicht einmal ein Trick war, sondern aus den Umständen entsprang – dass die Redakteure der Zeitung die wesentlichen einigenden Figuren der Bewegung zugleich waren. Darüber hinaus gab es auch noch andere einflussreiche Arbeiterführer, wie etwa Franz Schuhmeier. Aber sie blieben gegenüber dem neuem Kraftzentrum um Adler peripher. Doch wir greifen vor: Noch sind die verschiedenen Strömungen nicht wirklich vereint.

1888 gelang Adler mit der Gleichheit ein regelrechter Coup. Adler schlich sich in die Ziegelfabriken am Wienerberg ein, wo migrantische Arbeiter, die allermeisten aus Tschechien, unter den schlimmsten Bedingungen arbeiteten und hausten. Er beschrieb das Elend der Arbeiter und ihrer Familien, die in verlausten, stinkenden Massenunterkünften lebten und der Willkür und Ausbeutung des Unternehmens hilflos ausgeliefert waren, in den grellsten Farben – im Stile der, wie man heute sagen würde, investigativen Sozialreportage. Adlers „Aufdeckerstory“ schlug ein.

Die Ausgabe der Gleichheit, in der vom Hainfelder Einigungsparteitag berichtet wird
Die Ausgabe der Gleichheit, in der vom Hainfelder Einigungsparteitag berichtet wird

In diesen wenigen Jahren 1886, 1887, 1888, da nahm Adlers energetisches Engagement Fahrt an – und auch der Widerhall, den es fand, war plötzlich grandios. Um die Jahreswende 1888/89 gelang es Adler dann endlich, die verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung in Hainfeld, einem kleinen Dorf in Niederösterreich, zu versammeln. Man war abseits von Wien, wo der Ausnahmezustand herrschte, und wenngleich auch in der Provinz die Polizeistatthalter ein despotisches Regime etabliert hatten, so war in jedem Bezirk der jeweilige Polizeichef der eigentliche kleine König. Und in dem Bezirk, zu dem Hainfeld gehörte, war der Polizeichef ein recht anständiger Kerl. So konnte der Einigungsparteitag in Hainfeld stattfinden. „Das Proletariat politisch zu organisieren, es mit dem Bewußtsein seiner Lage und seiner Aufgabe zu erfüllen, es geistig und physisch kampffähig zu machen und zu erhalten, ist … das eigentliche Programm der sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich“ – so lautet der Schlüsselsatz der „Prinzipienerklärung“, also quasi des Parteiprogramms, das in Hainfeld verabschiedet wurde. In diesem Satz steckt schon etwas drinnen, was ganz elementar für die österreichische Sozialdemokratie werden würde: der volkspädagogische Geist, der lange Atem auch. Die Arbeiter aufklären – „mit dem Bewußtsein seiner Lage zu erfüllen“ -, es ausbilden, es organisieren, zum Kampf befähigen (was ja auch unterstellt: dass es aktuell noch nicht zum Kampf befähigt ist), es von Vorurteilen und vom Aberglauben und den simplen Wahrheiten zu heilen und so weiter… Das ist kein Programm für Heißsporne, die glauben, mit ein wenig Anstachelung von Empörung könne man übernächsten Donnerstag eine sozialistische Revolution lostreten.

Doch die Dinge waren in Schwung geraten. Die österreichische Sozialdemokratie war zwar noch immer das spät geborene Kleinkind im Kreise des europäischen Sozialismus, und auch Zensur und Polizeirepression setzten der Partei immer noch zu. Der Ausnahmezustand war immer noch intakt. Versammlungen konnten willkürlich untersagt, die Zeitungen – etwa „Die Gleichheit“ – beschlagnahmt werden. Auch auf internationaler Ebene wuchsen die Parteien zusammen. In Nachfolge der in den siebziger Jahren zerfallenen und noch von Karl Marx dirigierten „Ersten Internationale“ wurde in Paris im Juli 1889 die „Zweite Internationale“ gegründet. Adler, der die gerade erst gegründete österreichische Partei vertrat, war sofort zu einer wichtigen Figur der Internationalen geworden: „In Österreich gibt es eine sehr lebensfähige Partei, die unermüdlich arbeitet und vor keiner Schwierigkeit zurückschreckt (…) Die Freiheit in Österreich ist ein zusammengesetztes Wesen, welches die Mitte hält zwischen der Freiheit in Russland und der Freiheit in Deutschland“, sagte Adler mit dem ihm eigenen ironischen Witz, und fügte zur Erheiterung der Versammelten noch hinzu: „Wir haben den Despotismus gemildert durch Schlamperei.“

Die Zusammenkunft der Internationale hatte vor allem einen nennenswerten Beschluss gefasst: Künftig den 1. Mai als Feiertag der Arbeiterbewegung zu begehen. Was darunter zu verstehen sein sollte, wurde nicht besonders ausgeführt. Ein paar Umzüge vielleicht, vielleicht ein paar Versammlungen nach Feierabend. So klar war das nicht.

Hier ein kleines Video, das ich 2014 für die neue Dauerausstellung im Museum in Hainfeld produzierte:

 

VI. Wie Victor Adler den 1. Mai zum Weltfeiertag der Arbeiterklasse machte.

Victor Adler, damals gerade in der zweiten Hälfte seiner Dreißiger, war ein eigentümlicher Umstürzler. Vor übereilten, emotionalen Aktionen hat er immer gewarnt. „Das Gehirn ist ein Hemmungsorgan“, war einer seiner liebsten Aussprüche. Damit meinte er: Wenn man im Affekt oder in sonst einer Gefühlswallung zu einer Handlung neigen würde, dann solle man besser einmal länger nachdenken. Ein anderes Lieblingswort von Adler lautete: „Das Beste am Genie ist Fleiß.“ Soll heißen: Ein Geistesblitz oder eine Großtat bringt gar nichts, viel wichtiger ist mit Ausdauer und Geduld dicke Bretter zu bohren. Die Partei hielt er stets an, ihre Kraft zu vermehren und warnte sie, ihre Kraft zu überschätzen. „Adler war weise“, schrieb Friedrich Austerlitz, der Adlers rechte Hand in der Redaktion der „Arbeiter-Zeitung“ (dem Nachfolgeorgan der „Gleichheit“) werden sollte – er hatte „jenes Zögern, das sich vor dem Handeln aus reizbaren Stimmungen hütet.“ Ein anderer Mitstreiter sagte: „Er war kein Draufgänger, kein Heißsporn.“ Er sei, sagte Adler unter dem Gelächter seiner Parteifreunde in späteren Jahren, ja ein Mann, „der als Bremser in den weitesten Parteikreisen berüchtigt ist.“ Zahllos sind die Artikel, Reden, Briefe und Anekdoten, in denen Adler wortradikale Großredner und revolutionäre Heißsporne verpottet oder zurechtweist – übrigens unter dem Beifall seines Freundes Friedrich Engels, der ja der gemäßigten Warmduscherei völlig unverdächtig ist (aber das nur eine erste Anmerkung zu einem Thema, über das noch zu reden sein wird). Adler war aber nicht nur in Fragen der, nennen wir das einmal, „politischen Taktik“ realistisch und zur Vorsicht neigend, er war auch ein feinsinniger Intellektueller, der nicht selten einen Widerwillen gegenüber Eindeutigkeiten und Schwarz-Weiß-Jargon hatte, selbst dann, wenn es sich um Parolen handelte, die er selbst gelegentlich benutzte. Seinem Freund Kautsky berichtete er einmal amüsiert, er habe letzthin zehn Vorträge über die sozialistische Programmatik gehalten und nach einer dieser Reden sagte „ein gescheiter Genosse zu mir: Ja, Sie reden ja nicht über sondern gegen das Programm! Es waren nämlich intelligente Leute da und da habe ich mich in die Wut hineingeredet, einige von unsern Sätzen als Generalisierungen aufzuzeigen und ihnen zu zeigen, dass die Sachen nicht so sind, wie bei der Äpfelfrau… und schlechtere Sozialdemokraten sind wir alle nicht geworden!“ Adler hatte also nicht nur die Weisheit, zu wissen, dass die eigenen Parolen manchmal etwas allzu Grobschlächtiges haben, sondern hielt es auch für richtig, das offen vor den eigenen Genossen und Genossinnen auszubreiten und ihnen damit ein Denken in der Ambivalenz beizubringen. Bei anderer Gelegenheit bemerkte Adler einmal: „Schuhmeier hat mir wieder einmal den Vorwurf gemacht, dass ich ‚mitten durchschwimme‘. Wahr ist allerdings, dass ich mich bemühe, bei allen Dingen beide Seiten zu sehen.“

Die Eigentümlichkeit bestand aber darin, dass Adler, wenn er eine Chance, eine Möglichkeit gekommen sah – wenn er aufgehen sah, was man heutzutage neumodisch ein „Window of Opportunity“ nennt -, extrem entscheidungsfreudig, mutig und ohne jede Risikoscheu war.

Ein solcher Anlass war gekommen, als Adler die Vorbereitung für die 1. Mai-Feier 1890 anging. Adler stand damals schon unter dauernder Verfolgung durch Polizei und Justiz. „Die Gleichheit“ war polizeilich endgültig verboten worden, Adler und die Redaktion hatten aber – wieder einmal unter Einsatz von Adlers privatem Vermögen – sofort ein Nachfolgeblatt herausgebracht, die „Arbeiter-Zeitung“. Auch die „Arbeiter-Zeitung“ war dauernder Beschlagnahmung ausgesetzt, und Adler als verantwortlicher Redakteur wurde wegen „Aufwiegelung“, „Anarchismus“, in seinem „staatsfeindlichem“ Schrifttum vor Gericht gestellt und verurteilt. Adler musste im Laufe seiner Aktivitäten mehrmals in polizeilichen Arrest einrücken, in Summe saß Adler 17 Monate seines Lebens im Gefängnis. Aber Adler ließ sich davon nicht abschrecken. Auch 1889 wurde er vom Ausnahmegericht für einige Monate ins Gefängnis geschickt, und die Behörden haben den Haftantritt absichtlich so gelegt, dass Adler während des 1. Mai im Gefängnis saß. Aber in den Vorbereitungen war er federführend.

„Ich erinnere mich noch sehr gut einer Unterredung“, schreibt Kautsky, „in der Adler mit mir beriet, welche Art der Demonstration in Österreich am zweckmäßigsten sei. Er kam zu dem Resultat, allgemeine Arbeitsruhe sei anzustreben, und für Wien besonders ein Zug in den Prater. Skeptisch schüttelte ich den Kopf zu diesen Plänen.“ Einer solcher Kraftprobe sei die junge Arbeiterbewegung nicht gewachsen, war die allgemeine Ansicht. „Aber der Enthusiasmus, mit dem der sonst so nüchtern rechnende Adler seine Auffassung verfocht, steckte schließlich auch mich an.“

„Und mitten in dieser fieberhaften Agitationsarbeit musste ich ins Loch“, schrieb Adler später lakonisch. In den Wochen vor dem Maiaufmarsch herrschte in den Kreisen der Oberschicht hellster Aufruhr. Man erwartete Straßenschlachten, Plünderungen, eine brennende Innenstadt, einen roten Mob geradezu. Adler saß im Gefängnis und konnte von da höchstens ein wenig die Fäden ziehen. „Und dann schrieb ich Aufrufe und verfasste Instruktionen. Heute kann ich’s ja gestehen, dass es mir gelang, manches Produkt meiner Gefängnisarbeit ins Freie zu schmuggeln.“

Der Tag war voller Hochspannung. Aber am Ende zog ein massiver Arbeiteraufmarsch durch den Prater, und viele Unternehmen hatten ihren Arbeitern und Arbeiterinnen arbeitsfrei gegeben, um größere Kalamitäten zu verhindern. Nur Adler wusste von all dem den ganzen Tag nichts. Erst „gegen 10 Uhr noch kam mein Aufseher und berichtete, er habe es ganz sicher erfahren: es ist alles ruhig abgelaufen und großartig soll’s gewesen sein.“

Es sei ohne Zweifel, schrieb der alte Friedrich Engels danach in der „Arbeiter-Zeitung“, „dass auf dem ganzen Festland Österreich, und in Österreich Wien, den Festtag des Proletariats am glänzendsten und würdigsten“ begangen hätte.

„Unser eigentlicher Feind, unser furchtbarster Feind, den wir ausrotten müssen, wenn er sich einschleicht, ist die Routine.“

 

VII. Der sehnsüchtige Doktor Engels

„Erwarte Euch mit Sehnsucht“, steht da in dem Brief: „Also nicht lange überlegt & komm mit samt Deiner Frau! – Dein alter F. Engels.“ Spätestens 1890 waren Engels und Adler enge Freunde. Der alte 1848er-Revolutionär sah in Adler eine der größten Hoffnungen des internationalen Sozialismus. Adler erwiderte zärtliche Briefe, die mit „lieber General“ überschrieben waren. „General“ war der alte Spitzname Engels‘, der noch aus seiner Freundschaft mit Karl Marx rührte. Marx war „Mohr“ – wegen seines dunklen Teints -, Engels „der General“, weil er sich in Militärangelegenheiten ein gewisses Fachwissen angelesen hat. Adler beklagte, der „stündliche Kampf mit der Dummheit, Kleinlichkeit, Brutalität im eigenen Lager“, sei das größte Opfer, das man zu erbringen habe, viel schlimmer als Gefängnis und Polizeinachstellungen. Engels wiederum sorgte sich um den jungen Freund, der sich täglich kaputt arbeitete, kaum Einkommen hatte, dessen Vermögen faktisch aufgezehrt war, und dessen Ehefrau und Tochter binnen weniger Jahre an schweren psychischen Erkrankungen labortierten. Womöglich erinnerte Adlers nonchalanter Umgang mit Geld Friedrich Engels auch ein wenig an seinen alten Buddy Karl Marx.

Engels schlug Adler beispielsweise vor, dass alle Buch- und Artikelhonorare, die Engels in Deutschland erzielte, direkt an Adler überwiesen werden, aber nur wenn dieser bezüglich der „Verwendung einige Vorbehalte“ akzeptiere. Der Vorbehalt: Adler dürfe das Geld nicht in die Partei stecken, sondern müsse es privat einsacken, weil doch die Überarbeitung „Deine ganze Zeit & Kraft“ kostet.

Gemeinsam machte man sich auch über die linksradikale innerparteiliche Opposition lustig, die andauernd revolutionäre Kraftproben anstacheln wollte, während Adler und auch Engels längst an kontinuierliches Wachstum der Arbeiterbewegung durch geduldige Reform- und Organisationspolitik glaubten. „Im übrigen meine ich, die Opposition von links müsste erfunden werden, wenn man sie nicht hätte; nur würde man sie um eine Nuance gescheiter u. anständiger machen“, schrieb Adler und fügte hinzu: Die Parteiführung brauche das Drängende der Rebellen schon, allein, um nicht in Routine zu erstarren – „wir ‚Hofräte der Revolution'“, nannte er sich und Engels sarkastisch und äußerte die Furcht, dass „wir uns überall in die Faulheit hineinsiegen“. Noch Jahre später wird Adler diesen Gedanken aufgreifen und sagen, „unser eigentlicher Feind, unser furchtbarster Feind, den wir ausrotten müssen, wenn er sich einschleicht, ist die Routine.“

Engels wiederum gratulierte Adler dazu, wie er die kampfeslustige Strömung der Partei, die am liebsten sofort mit einem „Generalstreik“ das allgemeine, gleiche, demokratische Wahlrecht durchsetzen wollte, ausgetrickst hat: „Zu der Art wie Du den Generalstrike in Schlummer gewiegt hast gratuliere ich Dir.“

Das Wachstum der sozialistischen Bewegung zur Massenpartei veränderte auch Engels Ansichten, er hielt nach und nach eine reformorientierte Transformation der auf chronischen Ungerechtigkeiten und Ausbeutung basierenden kapitalistischen Gesellschaft für möglich: „Die Ironie der Weltgeschichte stellt alles auf den Kopf“, schrieb Engels im Vorwort zu einer Neuauflage von Marx‘ „Klassenkämpfe in Frankreich“, und fügte hinzu: „Wir, die ‚Revolutionäre‘, die ‚Umstürzler‘, wir gedeihen weit besser bei den gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz“.

Engels selbst reiste im Jahr 1893 für einige Tage gemeinsam mit August Bebel nach Wien, und zusammen mit Victor Adler nahmen die beiden an einer Massenversammlung Wiener Arbeiter und Arbeiterinnen in der Katharinenhalle im Dreherpark in Meidling teil – einem Vergnügungspark am Ende der Schönbrunner Straße. Nach und nach wurde Adler vom Freund zusätzlich auch zum ärztlichen Berater des alternden Engels, der postalisch nach Wien berichtete: „Ich treibe Diät nach Noten, behandle meinen Verdauungskanal wie einen mürrischen, bürokratischen Vorgesetzten, dem man immer nach der Pfeife tanzen muss, & lasse mich gegen Husten, Bronchialkatarrh & dergleichen einwickeln, einheizen & überhaupt in alle Richtungen misshandeln.“

Als die „Arbeiter-Zeitung“ auf tägliches Erscheinen umstellte, half Engels, da schon sehr krank, immer wieder sowohl mit Beiträgen als auch mit hohen Geldbeträgen aus. 1895 fuhr Adler dann zu Engels nach London, wo er bis zum Lebensende des todkranken Freundes an dessen Krankenbett blieb. Adler war Leibarzt und buchstäblich Sterbebegleiter von Engels. „Wir haben einen unserer besten Mitkämpfer verloren, wir haben einen Freund verloren, der die Fahne vorangetragen fünfzig Jahre lang“, sagte Adler bei der Gedenkfeier für Engels im Sommer 1895. „Auf uns Österreicher, Genossen, hat er immer sehr viel gehalten… Er hat viel von uns gehalten, seitdem er hier in Wien war und uns persönlich kennen gelernt hat.“

„Wir Hofräte der Revolution“ – Victor Adler an Friedrich Engels

 

VIII. Victor Adler und die Arbeiter

Zu den seltsamen Eigentümlichkeiten Adlers gehörte eine besondere Mischung aus Intellektualität und Anti-Intellektualität. Abstrakte intellektuelle Debatten interessierten ihn überhaupt nicht. „Ich habe nicht den geringsten Beruf zur ruhigen wissenschaftlichen Arbeit, glaube aber ein ganz brauchbarer Colporteur fremder Ideen zu sein“, schrieb Adler schon zu Beginn seiner politischen Tätigkeit, und später dann, schon um die Jahrhundertwende nannte er sich einen „Praktiker, (…) dem das Organ beinahe fehlt für die Theorie.“

Zugleich war Adler aber natürlich vielseitig philosophisch und literarisch gebildet und interessiert, schon seit den Jugendtagen im „Adlerhorst“. Er verkehrte auch in den Intellektuellenzirkeln und der dazugehörigen Wiener Kaffeehauskultur, etwa im legendären Cafe Griensteidl, wo er mit Pernerstorfer regelmäßig tarockierte und sich hinterher die Diskussionen an den Kaffeehaustischen entwickelten. Hier verkehrte das Who is Who der geistigen Szene der Stadt und jeder kannte jeden.

„Ich habe nicht den geringsten Beruf zur ruhigen wissenschaftlichen Arbeit, glaube aber ein ganz brauchbarer Colporteur fremder Ideen zu sein“

Gerade auch die „Arbeiter-Zeitung“ führte Adler als intelligente „Vollzeitung“ und nicht als bloßes parteiisches Propaganda- und Kampforgan, besonders ab 1895, nach der Umstellung zur Tageszeitung, was nicht zu einem geringen Teil zur Reputation der österreichischen Sozialisten im allgemeinen und Adler im besonderen beitrug. Die Zeitung erreichte eine Auflage von 30.000 Stück und „begann auch erfolgreich nach außen hin zu wirken. Auch Bürgerliche verfolgten vor allem in den Kaffeehäusern und Gaststätten die Artikel des Blattes, vor allem Adlers Leitartikel“ (Peter Pelinka und Manfred Scheuch in „100 Jahre AZ“).

Aber „der Doktor“, wie der ehemalige Arzt Victor Adler bald voller Hochachtung – ja, buchstäblich voller Liebe – von seinen Anhängern genannt wurde, hatte seinen eigenen Zugang zur Politik. Als Arzt waren ihm die Menschen wichtig. Das klingt jetzt klischeehaft, aber es lässt sich kaum anders sagen. Die einzelnen Proletarier lagen ihm mehr am Herzen als irgendeine abstrakte Idee von der „proletarischen Revolution“ oder vom „historischen Fortschritt“, ganz zu schweigen von politischen Machtspielchen. Man kann auch einfach sagen: Adler war ein Menschenfreund.

„Er hatte zur Arbeiterklasse ein ganz anderes Verhältnis als die meisten Intellektuellen“, schrieb Otto Bauer in einer Erinnerung an Adler. „Er war der Arzt, der die armen siechen Leiber der Proletarier heilen wollte. Ihm war die Arbeiterklasse nicht, wie den anderen, das Werkzeug, den Sozialismus zu verwirklichen… sondern umgekehrt, der Sozialismus das Mittel, proletarische Not, proletarische Krankheit zu überwinden. Der Klassenkampf… die tägliche Bemühung, dem Schlosser und dem Dreher, dem Weber und dem Bergmann gesündere Nahrung, gesündere Wohnung zu erringen. Dieser Tatsachensinn, die Gegenständlichkeit… das war vielleicht der größte Vorzug seines Intellekts. Aber vielleicht auch seine einzige Schwäche.“

Das ging bis ins allermenschlichste Detail: Wenn ein Mitstreiter krank wurde, ein kleiner Arbeiterfunktionär seine Miete nicht mehr bezahlen konnte und von Delogierung bedroht war – Adler griff in die Schatulle und half mit seinem Privatgeld aus, auch als sein Vermögen schon aufgezehrt war. Diese Geschichten gingen um und machten Adler in den Augen vieler einfacher Leute zu einer fast mythologischen Figur. „Es umgab ihn eine Aura von Tugendhaftigkeit und Menschenliebe“ (Peter Melichar). Umso mehr machte Eindruck, dass Adler auch in späterer Zeit, als älterer Mann, dem sein Ruhm längst vorauseilte, mit jungen Arbeiterinnen und Arbeitern völlig normal umging: „Adler nahm mich ernst und sprach wie zu seinesgleichen“, erinnert sich Marie Beutlmayer, die als junge, scheue Arbeiterin Adler kennen lernte. „Zum Sozialismus kommen hieß zu Victor Adler kommen“, formuliert eine andere Arbeiterin. Soll heißen: Mehr noch als die Idee von der Befreiung der Arbeiterklasse oder die Organisationsfähigkeit der kleinen Funktionäre strahlte einfach die Persönlichkeit Adlers und seine Reputation und Glaubwürdigkeit aus und trug zum Wachstum der Arbeiterbewegung bei.

Kaum ein Streik in einer Branche, bei dem Adler nicht persönlich Hilfe leistete und Ratschläge gab – beginnend beim berühmten Tramwaykutscherstreik von Wien. Seine große Reportage über die Ziegelarbeiter von Wien schlug derart ein, dass die Obrigkeit gezwungen war, die schlimmsten Mißstände abzustellen. Die Arbeiter waren wie Sklaven gehalten und wurden mit wertlosen Blechmünzen bezahlt, die sie in den werkseigenen Kantinen eintauschen konnten. „Die Preise in diesen Kantinen sind bedeutend höher als in dem Orte Inzersdorf“, berichtete Adler in dem Report: „Aber in den Ort hinausgehen, um einzukaufen, darf der Arbeiter nicht. … Kaufen also können und dürfen die Arbeiter nicht auswärts. Aber zu betteln ist ihnen erlaubt. Da laufen sie zur Konservenfabrik in Inzersdorf, welche gegen Abend von den armen Teufeln umlagert ist, und wo sie um ‚Gollaschsaft‘, eine unappetitliche Brühe, bitten gehen… (Alle Arbeiter müssen) im Werke schlafen. Für die Ziegelschläger gibt es elende ‚Arbeitshäuser‘. In jedem einzelnen Raum, sogenanntem ‚Zimmer‘ dieser Hütten, schlafen je drei, vier bis zehn Familien, Männer, Weiber, Kinder, alle durcheinander, untereinander, übereinander. … In einem dieser Schlafsäle, wo 50 Menschen schlafen, liegt in einer Ecke ein Ehepaar. Die Frau hat vor zwei Wochen in demselben Raum, in Gegenwart der 50 halbnackten, schmutzigen Männer, in diesem stinkenden Dunst entbunden! (…) Die Sträflinge in Sibirien sind besser versorgt als diese Leute, die das Verbrechen begehen, die fetten Dividenden für die Aktionäre der Gesellschaft zu erzeugen.“

Fast drei Jahrzehnte später, Adler war da schon Abgeordneter im Parlament, führte Adler einen detailversessenen Kampf für das Verbot des Phosphors, das in Streichholzfabriken für die Zündköpfchen benutzt wurde und das fürchterliche Gesundheitsschäden auslöste. In einer berühmt gewordenen Rede führte der Parlamentarier und Arzt seinen Abgeordnetenkollegen plastisch und eindringlich vor Augen, was dieses Gift mit den Arbeitern macht, die wegen nicht beachteter Hygienebestimmungen mit ihm in Verbindung kommen, wie es über kleinste Verletzungen in den Körper eindringt, den Knochen zersetzt, zur Verstümmelung etwa der Kieferknochen führt, wie schwere Eiterungen entstehen, sodass „der Mensch ein ganz elendes Dasein führt“. Und dann wandte er sich direkt an seine Abgeordnetenkollegen: „Ich führe das nicht an, um auf ihre Nerven zu wirken, sondern um auf Ihren Willen zu wirken“ – auf den Willen, das abzustellen. Adlers Engagement blieb nicht ohne Wirkung. Das Phosphor, das im Jahr einige hundert oder tausend Arbeiter ins Unglück stürzte, wurde verboten.

 

IX. Wenn die Sozialisten den Job der liberalen Demokraten erledigen müssen

„Gestatten Sie, dass ich Ihnen meine Meinung sage – denn es handelt sich da ein wenig auch um mich, den Sie als einen besonnenen Mann kennen, ja, der als Bremser in den weitesten Parteikreisen berüchtigt ist … (Heiterkeit) … Aber so wie die Besonnenheit eine Pflicht ist, die uns unsere Verantwortlichkeit auferlegt, wo es die Pflicht der Partei ist, abzuwarten und ruhig zu bleiben: so legt uns dieselbe Verantwortlichkeit die Pflicht auf, den entscheidenden Moment zu benützen, um mit der ganzen Kraft voranzugehen … Wir erachten jetzt alle diesen Moment für gekommen!“ – Bei den Parteiversammlungen im Jahre 1905 konnten die Genossen ihren Anführer gar nicht mehr wieder erkennen. Plötzlich hatte sich, wie schon rund um den 1. Mai fünfzehn Jahre vorher, der stets zu Ruhe mahnende Adler in einen enthusiastischen Vorwärtsstürmer gewandelt. In Russland war eine demokratische Revolution gerade dabei, die Autokratie des Zaren in Bedrängnis zu bringen, und Adler wollte den Enthusiasmus, den Wirbelwind der Revolution und den Schrecken, von dem plötzlich die Herrscherhäuser in ganz Europa erfasst waren, nutzen. Das Ziel: Endlich ein demokratisches Wahlrecht durchsetzen! Endlich durchsetzen, dass auch Österreich ein demokratisch gewähltes Parlament bekommt, für dessen Wahl die Stimme jedes einzelnen Bürgers gleich viel zählte, egal ob er nun ein armer Schlucker oder ein Hochwohlgeboren war.

15 lange Jahre geduldigen, unaufhörlichen „Wahlrechtskampf“ wollte Adler endlich zu einem erfolgreichen Ende führen. Denn als Adler die Partei geeinigt hatte, da herrschte in Österreich nicht nur Ausnahmerecht, Zensur, und ein strenges Regime, das Versammlungen oft verbot, es gab eigentlich auch kein Parlament, das diesen Namen auch nur annähernd verdiente. Erstens wurde die Regierung vom Kaiser eingesetzt und das Parlament hatte ohnehin nur geringfügige Befugnisse. Aber die Abgeordneten des Parlamentes wurden nach einem komplizierten Zensussystem gewählt. Der Feudaladel wählte seine Abgeordneten. Die reichen Bürger, die eine hohe Steuerleistung erbrachten, wählten ihre Abgeordneten. Diese von Obrigkeit und Establishment gewählten Abgeordneten machten die allergrößte Zahl der Parlamentarier aus. Und dann gab es noch eine kleine Gruppe von Abgeordneten, die von allen Leuten gewählt wurden, die mehr als fünf Gulden Steuern zahlen. Da durften also auch ein paar Leute mitstimmen, die nicht zu den Superreichen zählten. Aber da die meisten Arbeiter überhaupt keine Steuern zahlten, weil sie einfach zu wenig verdienten, waren sie vom Wahlrecht vollkommen ausgeschlossen.

In zwei gewaltigen Wahlrechtskämpfen setzte die sozialistische Bewegung zunächst 1896 ein „demokratischeres“ Wahlrecht durch, das allen Arbeitern eine Stimme gab, wenngleich es die Privilegien der gehobenen Stände nicht annähernd brechen konnte; 353 Abgeordnete wurden von den besitzenden Klassen alleine gewählt, bloß 72 Parlamentarier durch das allgemeine Wahlrecht bestimmt. Dennoch, die Arbeiterklasse hatte ein kleines demokratisches Recht erkämpft und einen Fuß in der Tür: „Zum ersten Mal“, sagte Adler in einer großen Wahlversammlung vor seinen Anhängern, „spreche ich zu Ihnen nicht mehr als zu Rechtlosen, sondern zu Wählern!“

Schon 1891 waren die Ausnahmebestimmungen gefallen. Die Partei eroberte das Vereinsrecht, die Pressefreiheit, das Versammlungsrecht und brachte einen ersten Fuß in die Tür eines allgemeinen, gleichen Wahlrechts. 1896 zog damit auch eine erste, kleine sozialdemokratische Fraktion ins Parlament an der Ringstraße ein. Allerdings wurde Adler nicht gewählt, nicht, weil die Partei in Wien extrem schlecht abgeschnitten hätte, aber weil es ihr in keinem Wahlkreis gelang, stärkste Partei zu werden – die Christlichsozialen unter Karl Lueger, die man heute „populistisch“ nennen würde, gewannen weitgehend auf Kosten der Sozialdemokraten. Adler selbst eroberte erst 1905 einen vakant gewordenen Parlamentssitz. Um von hier den Anlauf zu nehmen, das allgemeine, gleiche Wahlrecht – übrigens: Männerwahlrecht, das Frauenwahlrecht konnte erst nach der Revolution von 1918 etabliert werden – durchzusetzen. „So wie es töricht ist, das Eisen schmieden zu wollen, wenn es kalt ist, so wäre es Wahnsinn und Verbrechen, das Eisen nicht zu schmieden, wenn es glüht und wir sind uns jetzt bewußt: Das Eisen ist heiß, jetzt muss es geschmiedet werden! Für uns gibt es kein Zurück, für uns gibt es kein Aufhalten… Wir wissen sehr genau, dass dieser Kampf Opfer bringen kann“, rief Adler.

„Zum ersten Mal spreche ich zu Ihnen nicht mehr als zu Rechtlosen, sondern zu Wählern!“

Adler, der plötzlich entgegen seiner Art wie tollkühn wirkte, gelang eine taktische Meisterleistung: Einerseits mobilisierte er die Straße, andererseits schmiedete er Bündnisse und zog sogar den Kaiser auf seine Seite. Arbeiterbewegung und Kaiser schlossen eine temporäre Allianz, weil sie ein gemeinsames Interesse hatten, die Machtprivilegien des Feudaladels zu brechen (oder zumindest zurechtzustutzen). Es wurde Adlers großer Triumph: 1907 zog er an der Spitze von 89 sozialistischen Abgeordneten aller österreichischen Nationen in das Parlament ein.

Dass Adler durchaus bereit war, sich für historische taktische Vorteile auch ein wenig zu verbiegen, zeigt ein Brief an August Bebel, den deutschen Sozialistenführer, den er eindringlich bat, den Erfolg der österreichischen Genossen beim Parteitag nicht allzu triumphalistisch rauszuposauen – weder wollte er den Kaiser, noch seine Bündnispartner verschrecken, aber genauso wenig öffentlich machen, dass er taktische Bündnisse eingegangen ist, zumal der Erfolg zu diesem Zeitpunkt noch nicht in trockenen Tüchern war. Zugleich zeigt diese Briefstelle auch Adlers Denken in Ambivalenzen, sein Gespür dafür, dass die Wirklichkeit durchaus verschiedene Seiten hat, und überdies auch Adlers ironische Schlagseite: „Wir können weder wünschen, dass in Mannheim hinausgeschrieen wird, ‚die österreichische Sozialdemokratie hat schließlich alle Parteien zum Wahlrecht gezwungen‘ – was die Wahrheit ist – noch ist es erwünscht, dass man sage: ‚Die österreichischen Sozialdemokraten haben nur mit Hilfe des Kaisers, der russischen Revolution, der ungarischen Wirren etc. siegen können, allein wären sie zu schwach gewesen‘ – was auch die Wahrheit ist. Du verstehst, ich wünsche, dass unsere Partei weder allzu sehr gerühmt noch allzu sehr verkleinert werde.“

Die Geschichte des Wahlrechtskampfes und der Bewegung um andere demokratische Freiheitsrechte wie Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit hat aber auch noch eine andere, gewissermaßen prototypische Seite, die für den Sozialismus in Österreich prägend wurde: Es waren die Sozialisten, die jene demokratischen Modernisierungsreformen durchsetzten, die anderswo vom liberalen Bürgertum erkämpft wurden. Nirgendwo war die liberale und demokratische Modernisierung so sehr mit den Sozialisten verbunden wie in Österreich, diesem feudalen, innerlich verrotteten Vielvölkerstaats, der zunehmend unregierbar war und dem ein scheinbar absoluter, aber in Wirklichkeit halb ohnmächtiger Monarch vorstand. Den Begriff, die Sozialdemokratie sei die „modernste“ aller Parteien, prägte Adler schon 1888 in der „Gleichheit“. Gerade diese Tatsache führte dazu, dass manche schon zu Adlers Zeiten die Sozialisten eine in Wirklichkeit „staatserhaltende“ Partei nannten, die sich mit Umsturzrhetorik gewissermaßen nur mehr aus Gewohnheit umgab. „Staatserhaltend“, das falle ihm doch gar nicht ein, erwiderte Adler, denn an diesem Staat sei ohnehin nichts erhaltenswertes, „aber staatsbildend sind wir, wollen wir wenigstens, müssen wir sein, weil die besitzenden Klassen auch diese erste, primitiveste Leistung schuldig geblieben sind.“

Der Wind des ökonomischen und sozialen und demokratischen Wandels brauste, und wie häufig verdichtete er sich auch in dem altmodischen Österreich zu einem Zeitgeist, und es ist keine kleine Paradoxie, dass gerade die sozialistische Partei, die Partei der kleinen, einfachen Leute, die Anti-Establishment-Partei immer wieder in der Geschichte schlechterdings zum Agenten dieses Zeitgeistes wurde.

 

X. „Man schleppt sich halt weiter.“ Spaziergang mit Adler

Aber wie war ER wirklich? Wie macht man sich ein realistisches Bild von jemanden, den man nur über Texte kennt, über Briefschnipsel und von dem man Fotografien ins Hirns gebrannt hat? Ich bilde mir ein, man müsste Adler wenigstens ein bisschen näher kommen, wenn man einfach die Wege abschreitet, auf denen er täglich gegangen ist, sich in die Örtlichkeit, die städtischen Räume hineinbegibt, in der diese Person lebte, sich in die Welt zurückversetzen versucht, in die Viertel, wie die damals aussahen. Ich gehe die Berggasse runter, zum Haus Berggasse 19, wo Adler seine Arztpraxis hatte und er bis 1889 wohnte. Danach zog er dann nach Mariahilf, erst wohnte er einige Jahre in der Chwallagasse, dann in der Windmühlgasse 30a, später dann in Blümelgasse 1 / Gumpendorfer Straße 54, gleich beim Haus des Meeres, wo Adler die Zeit von 1905 bis zu seinem Tod verbrachte.

Adlers Wohnhaus in der Berggasse 19
Adlers Wohnhaus in der Berggasse 19

Hier hatte er die die wichtigsten Adressen in Gehweite: Gumpendorfer Straße 79, wo schon die Redaktion der „Gleichheit“ eingemietet war und später auch die „Arbeiter-Zeitung“. Ein einfaches Vorstadthaus, heute schick renoviert. Später dann übersiedelte die Redaktion zur Gumpendorfer Straße 62, heute ein einförmiger Sechziger-Jahre-Gemeindebau. Dann hatte die Redaktion kurz ihren Sitz in der Koperinikusstraße, das ist gleich um die Ecke beim Apollokino.

In der Schwarzspanierstraße residierte die "Arbeiter-Zeitung" in den neunziger Jahren
In der Schwarzspanierstraße residierte die „Arbeiter-Zeitung“ in den neunziger Jahren

Nur von 1893 bis 1900 hatte Adler einen längeren Weg in die Redaktion, die während dieser Zeit in dem Eckhaus Schwarzspanierstraße/ Festelgasse bei der Votivkirche eine schon größere Gassenetage zur Verfügung hatte. Danach, im Jahr 1900 übersiedelte die Redaktion zurück, und zwar in die Mariahilfer Straße 89, wo sie rund zehn Jahre blieb, bis das legendäre „Vorwärts-Haus“ an der Wienzeile bezogen werden konnte.

Adler Blümelgasse
Adlers Wohnhaus in der Blümelgasse 1 / Gumpendorfer Straße 56

Kaum irgendwo weist etwas darauf hin, dass hier dieser seltsame Held gearbeitet hat, geschuftet hat, sieht man von einem Hinweis in der Berggasse und einem bronzenen Relief in der Blümelgasse ab. Es ist wie eine Art Metapher für die schwierige Annäherung an Adler, der mit so viel Mythologie umrankt ist, dass man sich, gerade wenn man mehr über ihn erfährt, umso schwerer durch den Mythos durchgraben muss. In gewissem Sinn hat man das Gefühl, immer weniger über ihn ganz persönlich zu wissen, ihn sich umso schwerer vorstellen zu können, je mehr man über ihn erfährt. Immer wieder muss ich mir den jungen Victor Adler ins Gedächtnis rufen, vor mein geistiges Auge, der in den Gassenlokalen sitzt, die Partei war gerade erst gegründet und er an der Schwelle in seine Vierziger. Rundes Gesicht, die Haare ein wenig wie Mäcki der Igel aus den Kindercomix, aber rötlichblond gewellt (tatsächlich hat er auf einigen Fotos als jüngerer Mann eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Mäcki, ein hübsches Charaktergesicht bekam Adler erst in älteren Tagen). Da sitzt er, und wenn ein intelligenter, aufstrebender Arbeiter mit seinen ersten journalistischen Versuchen daher kommt, nimmt Adler das Papier in die Hand, „schob seine Brille von den Augen zur Stirn“, liest, nickt wohlwollend, blickt freundlich, der Schnauzbart wippt – noch bei den Anfängern sieht er, wenn vorhanden, das Talent.

Bronzerelief in der Gumpendorferstraße
Bronzerelief in der Gumpendorferstraße

Ich vergrabe mich in alte Stadtfotos. Die Gumpendorfer Straße, klassische Kleinbürger- und Arbeitergegend, mit hoher Fabrikdichte und vielen kleinen Krämer- und Greißlerläden und Werkstätten. Die meisten Häuser sind noch die einfachen zwei- oder dreistöckigen Vorstadthäuser, in jedem sind auf der ebenerdigen Gassenzeile mindestens zwei, drei verschiedene Läden drin. Die Türen stehen tagsüber oft offen, die Kaufleute oder Handwerker verbringen die Zeit vor der Tür, wenn nicht gerade Kundschaft da ist oder gearbeitet wird. Adler und seine Mitarbeiter sitzen in so einer Gassenzeile. Gelegentlich schauen beim Fenster heraus, stelle ich mir vor. Draußen stehen Arbeiter und lesen in den Schaukästen die „Arbeiter-Zeitung“. Auf der anderen Straßenseite geht der Blick auf ein zweigeschößiges Eckhaus, mit Erker und Holzbalustrade.

Adler ist gar nicht „der Arbeiterführer“ schlechthin. Das wird er erst durch seine Rolle. Schuhmeier, der polternde Populist aus der Ottakringer Vorstadt, knapp 12 Jahre jünger als Adler, so etwas wie eine Lokalgröße, ist ihm in dieser Rolle voraus, und auch unter Adlers engsten „Offizieren“ gibt es Leute, die diese Rolle viel eher ausfüllen. Julius Popp etwa, der Mann von Adelheid Popp, der für die Parteipresse als Organisator so viel leistete wie Adler und später Austerlitz als Autoren. Überhaupt, eine der vielleicht größten Genialitäten Adlers bestand darin, sich mit talentierten Leuten zu umgeben. Er ging, wie das Bruno Kreisky einmal formulierte, „mit der Wünschelrute in der Hand durch die Bewegung“. Otto Bauer wurde sein Assistent, als dem schnell alternden Adler die Arbeit über den Kopf wuchs, später stieß Karl Renner dazu, Karl Seitz, und natürlich Adlers eigener Sohn Fritz. Die ganzen großen Männer des späteren „Roten Wien“ hat Adler „entdeckt“, wie man heute sagen würde, sie gefördert und in verantwortliche Positionen gehievt. „Wir alle haben wie im Feldlager gelebt, ohne Ruhe, ohne Muße, stets von der Hand in den Mund“, sagte Adler später einmal.

Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Und die Bilder der Welt, in die das alles eingebettet war: Arbeitervorstadt. Die Hinterhöfe ohne fliesendes Wasser. Die Einzimmerwohnungen, in denen die Arbeiterpaare ihre Vier-, Fünf-Kinder-Familien hineingebaren. Die Kinder, die im Sommer barfuss gingen, weil es kein Geld für Schuhe gab und man die Sohlen für die Zeit schonen musste, in der Schnee lag. Die Kinder, die nach vier Jahren Schule dann „in Dienst“ gehen mussten, oder, wenn sie Glück hatten, eine Lehre machen durften. „In Dienst“ als kleine Haushälterinnen in Bürgerhaushalten, oder als Näherinnen, oder was auch immer in Handwerk und Fabriken, in Branchen, die sich nur schleppend entwickelten. Auch damals war Wirtschaftskrise und es gab viel mehr Leute, die einen Job suchten als es offene Stellen gab. Die meisten Arbeiter und Arbeiterinnen waren schon froh, wenn sie für ein, zwei Monate eine Stelle ergatterten. Man lief von Fabrik zu Fabrik, von Werkstatt zu Werkstatt, nahm die Mütze ab, fragte, ob jemand gebraucht wird. Die Väter versoffen nicht selten den Lohn, der ohnehin nur knapp reichte, die Mütter schlugen mit den Groschen, die die Kinder heim brachten, die Familien durch. Das war alles eher die Regel als der Sonderfall. Und diese jungen Leute haben von diesem Adler gehört, der sich für die Arbeiter einsetzt. Sie marschierten oft stundenlang quer ans andere Ende der Stadt, denn Geld für die Tramwaykutsche hatten sie ja nicht, um diesen Victor Adler einmal reden zu hören.

So war das. Etwa. Und dazwischen war ganz viel Alltag, monotoner gleichbleibender Alltag, über den es gar keine großen Berichte gibt. Drüben in Gaudenzdorf, in Meidling, da stank es, weil die Fabriken und Färbereien ihr Abwasser direkt in den Wienfluss leiteten. Und an den Hausecken, draußen in Ottakring oder in Sechshaus oder in Hernals, da rauchten die Arbeiterjungs, bildeten so etwas wie Banden. Immer wieder gab es Randale, brannte es an einer Ecke. Die Anarchie der Vorstadt, vor der hatte man Angst in den inneren Bezirken. Die besseren Leute kamen natürlich nie da raus in die finsteren Ecken, aber in umso düsteren Farben malten sie sich diese Welt von Verbrechen, Krawall und Liederlichkeit aus.

Man muss sich das alles vor Augen führen, als Film gewissermaßen: Diese Parallelgesellschaften. Diese städtische Welt, die viel mehr noch als heute aus vielen städtischen Welten bestand. In der Innenstadt die Kaffeehäuser, die Kulturtempel des aufstrebenden Bürgertums, der Musikvereinssaal, die Pracht der Ringstraße. Und draußen die ein, zwei, dreistöckigen Häuser, die schmutzigen Straßen, die Einstellplätze für die Fuhrwerke, für die Pferde zu ebener Erde. „Ebenerdig“ wohnen, was für ein Wort aus der Vergangenheit. Aber aus einer Vergangenheit, die wiederum nur einen Wimpernschlag vorbei ist. Meine Großmutter etwa hat es noch wie selbstverständlich benutzt.

Adler und die Sozialisten waren auch Verbindungsglieder zwischen diesen Parallelgesellschaften. Adler, der Bürgerliche, der vermögende Unternehmersohn, der Arzt, „unser Doktor“, der zur Arbeiterbewegung stieß. Die Unterprivilegierten waren auch stolz darauf, „so einen Doktor“ in ihren Reihen zu haben. Ohne diesen Stolz, der ja nur die andere Seite der narzistischen Kränkung, der Herabwürdigung der Unterprivilegierten war, ohne diesen Stolz lässt sich das Verhältnis von Adler zu seiner Partei auch nicht vollends verstehen.

Die Mariahilfer Straße, in die die „Arbeiter Zeitung“ 1900 übersiedelte, war dann schon ein ganz anderes Pflaster. Um 1900 galt sie bereits als die größte Geschäftsstraße Wiens, in der man Zeitungsberichten zufolge „immer den Pulsschlag der Zeit fühlt, in der man gedrängt und geschoben wird, wenn man nicht selbst drängt oder schiebt“, und wo man das Gefühl hat: „Hier sind wir Großstadt“. Max Winter beschreibt in einem ausführlichen Bericht in der „Arbeiterzeitung“ 1903 die Mariahilfer Straße als einen geradezu paradigmatischen Ort moderner Dynamik und kapitalistischer Warenzirkulation, geprägt von Lärmen und Hasten, von Stoßen und Drängen, von grellem Lichterglanz und schreiender Reklame – und zugleich gibt es hier Ecken des „ältesten Wiens“. Er wunderte sich über die „Seltsamkeiten dieser Straße“ und fragte sich: „Die teure Mariahilfer Straße, wo jeder Klafter Grund ein kleines Vermögen kostet, wie ist es doch möglich, dass sie noch für so und so viele alte und älteste Häuschen Raum hat, dass diese steinernen Greise noch nicht von ihren mächtig anstrebenden Nachbarn erdrückt wurden?“

Arbeiterheim Favoriten, Rückseite
Arbeiterheim Favoriten, Rückseite

Adler selbst hat der Stadt auch architektonisch durchaus sichtbar seinen Stempel aufgedrückt. Ich stapfe die Laxenburger Straße hoch, rechts nach der Landgutgasse liegt hier das legendäre Arbeiterheim Favoriten. Als die Genossen im zehnten Bezirk ein großes Parteihaus bauen wollte, war es Adler selbst, der die Sache in die Hand nahm. Auch, weil es in den frühen Jahren überall an guten Leuten fehlte. In der Parteipresse genauso wie im Genossenschaftswesen und anderen Abteilungen der Arbeiterbewegung – wieviele Parteimitglieder gab es schon, die eine gute Schulbildung genossen hatten, die vielleicht studiert hatten, die eine kaufmännische Ausbildung hatten, die Bilanzen lesen konnten? Ja, es gab sie schon, aber es waren immer zu wenige für die rasant wachsende Bewegung. Und wer verstand schon etwas vom Immobilienwesen, vom Häusermarkt, von Investitionen, Vermögensbildung, Rendite?

Arbeiterheim Favoriten, Vorderansicht von der Laxemburger Straße
Arbeiterheim Favoriten, Vorderansicht von der Laxemburger Straße

„Ich hörte, dass Du … Dich um jedes Detail kümmertest. Ich glaubte, das hättest Du allmählich aufgegeben“, schrieb Bebel streng an Adler. So war es auch beim Bau des Favoritner Arbeiterheimes. Adler hat den Ort ausgewählt – repräsentativ gelegen und für den Vorstadtbezirk dennoch in Zentrumsnähe -, und sich um jedes ästhetische Detail gekümmert. Es wurde, berichtete ein Weggefährte, „keine Mauer angetragen und keine aufgeführt, von der Adler nichts wusste.“ Und ein anderer: „Adler hat viel zum Entstehen unseres ersten Arbeiterheims in Favoriten beigetragen.“ Es war die beginnende Blütezeit der Jahrhundertwende-Moderne, und die sozialdemokratischen Parteibauten, die unter Adlers Regie errichtet wurden, zählen zu den wichtigeren Jugendstilhäusern der Stadt.

Adler Favoriten 2Heute ist noch die SPÖ-Favoriten im Untergeschoß, das Arbeiterheim selbst ist in eine Hotel umgewandelt. Seit Herbst 2015 ist es provisorisch zu einem Wohnheim für Flüchtlinge umgewandelt. Adler würde das bestimmt gefallen, denke ich, dass das Haus endlich wieder einem Zweck zugeführt ist, der den Geist jener Werte entspricht, die Adler so geprägt haben.

Ich gehe die verschiedenen Redaktionsadressen der „Arbeiter-Zeitung“ entlang. Auf dem Weg von der Schwarzspanierstraße in die Mariahilfer Straße erinnere ich mich daran, dass 1902 Leo Trotzki genau diesen Weg gegangen sein muss, weil er sich einen Führer engagiert hatte, der ihn zu Adler bringen sollte, der jedoch nicht wusste, dass die Zeitung bereits umgezogen war. Also brachte er ihn erst an die falsche Adresse und danach ins neue Redaktionshaus die Mariahilfer Straße. Da es ein Sonntag war, war Adler nicht in der Redaktion und der strenge Friedrich Austerlitz musste von Trotzki erst überredet werden, die Privatadresse Adlers herauszurücken. Adler lachte, als Trotzki das berichtete: „Groß? Er schrie? Das ist Austerlitz!“ Dann half Adler, Trotzkis Weiterreise nach Zürich zu arrangieren. Adler und Trotzki hatten ein recht freundschaftliches Verhältnis und Trotzki hatte Adler bewundert, auch wenn der Gründer der Roten Armee später in seinen bolschewistischen Propagandatexten das zu verleugnen suchte. Es gibt ein Foto von der Tagung der Internationale aus dem Jahr 1910, bei dem sie nebeneinander stehen. 1914 hat Adler seinen Freund Trotzki nach Kriegsausbruch aus der Patsche geholfen. Trotzki lebte damals im Wiener Exil und lief Gefahr, als „feindlicher Ausländer“ verhaftet zu werden. „Zusammen mit Victor Adler ging er aufs Polizeipräsidium, wo die beiden erfuhren, dass die Behörden die Internierung aller russischen Emigranten planten. Daraufhin packten Trotzki und seine Familie ihre Koffer und fuhren noch am selben Tag ins sichere Zürich, wo inzwischen auch Lenin Zuflucht gefunden hatte“ (Meysels).

Vorwärts-Haus, Wienzeile
Vorwärts-Haus, Wienzeile

Die sozialistische Signalarchitektur während Adlers Ägide ist aber das berühmte Vorwärts-Haus an der Wienzeile, wo 1910 Parteiführung und „Arbeiter-Zeitung“ einzogen. Hier hatte Adler sein Büro, und wenn der Lift ausfiel arbeitete er im Erdgeschoss, weil er mit seinem schwachen Herzen und der kaputten Lunge die Stufen nicht mehr hoch schaffte.

Parteivorstandszimmer im Vorwärtshaus
Parteivorstandszimmer im Vorwärtshaus

Oben ist das legendäre, getäfelte Parteivorstandszimmer, das tatsächlich über eine mit einem Bücherregal und gefakten Buchrücken getarnte Geheimtüre verfügte, die den Parteiführern im Falle einer Polizeirazzia erlaubte, sich in Sicherheit zu bringen. Ich hole Luft, wie man das so reflexartig macht, wenn man glaubt, man könnte irgendwie etwas von einer vergangenen Atmosphäre schnuppern. Aber natürlich ist das nur der Staub der alten Bücher. In den Räumen hier ist jetzt der „Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung“ unter gebracht, der bis unter die Decke voll ist mit Schätzen. Der größte Schatz des Bestandes ist aber wohl der Nachlass Victor Adlers, mit allen seinen Notizen, Briefen, seinem gesamten Archiv.

Wo heute das Top-Kino seinen Platz hat, war im 19. Jahrhundert das Polizeigefangenenhaus Teobaldgasse. Auch Victor Adler drehte hier seine Runden im Hof.
Wo heute das Top-Kino seinen Platz hat, war im 19. Jahrhundert das Polizeigefangenenhaus Teobaldgasse. Auch Victor Adler drehte hier seine Runden im Hof.

Ich cruise durch die Stadt. Gehe die Rahlgasse rein, zur Ecke Teobaldgasse. Hier in dem Eckhaus, in dem heute das Top-Kino untergebracht ist und im Nebenhaus – Teobaldgasse 2-4 – da war vor hundert Jahren die Polizeistation. Hier saß Adler im Jahr 1900 nach der 1. Mai-Demonstration noch für zwei, drei Tage in Haft. Rauf, in den oberen Teil von Mariahilf, hinüber nach Rudolfsheim. Hier war das Lieblingsgefängnis von Adler, der wegen seiner „staatsfeindlichen“ Aktivitäten immer wieder einige Monate in Arrest verbringen musste. Ja, Lieblingsgefängnis! Der Gefängnisroutinier Adler hatte tatsächlich seinen Lieblingsknast. Das Gefangenenhaus Rudolfsheim. Der Aufseher hier war ein verständiger Mann, der Adler viele Vergünstigungen erwies. Im Austausch gaben Adler und seine Mitgefangenen dem Buben vom Wärter Nachhilfeunterricht. Adler durfte auch Besuch empfangen, was natürlich völlig illegal war. Als dann mal eine unangekündigte Kontrolle kam, musste sich der Besuch in der Wohnung vom Wärter verstecken. „Despotie gemildert durch Schlamperei“, wie Adler das nannte, ja, und gemildert durch das ortstypische, wienerische „man muss sich ja nicht an alle Regeln halten, man muss sie ja nicht kleinlich auslegen…“

„Ich hoffe es geht Dir hinter den schwedischen Gardinen gut. Ruhe hast Du auf alle Fälle, die Leute wie wir, nie zu viel haben können“, schrieb Eduard Bernstein einmal an Adler. Ja, auch das ist Teil dieser Geschichte, eine ironische Pointe: Diese Gefängnisaufenthalte waren für Adler auch Urlaube beinahe, sie waren zudem seine einzige Möglichkeit, systematisch zu lesen. An Kautsky schrieb er aus dem Arrest in Rudolfsheim: „Ich habe den II. Band und die Hälfte vom III. Band des Kapital schon gelesen… Nun bin ich allerdings begierig, ob ich wenn ich fertig bin auch was Praktisches vom Geld, Währung etc. wissen werde… Ich betrachte das bisher als eine mir unzugängliche Geheimlehre, deren Besitzer ich stumm und dumm bewundere.“

Mir gehen so Adler-Sätze durch den Kopf: „An nichts hält man leidenschaftlicher fest, als an seinen Irrtümern.“ Oder ein anderer solcher Satz: „Es ist nicht meine Aufgabe, objektiv zu sein.“ Einer seiner Lieblingssätze war der vom „Laster meiner Tugenden“, was soviel heißen sollte wie: Es gibt keine gute Seite, die nicht ihre schlechten Seiten hat. Ist jemand schwungvoll und leidenschaftlich, dann neigt er womöglich zugleich zu Kopflosigkeit und Heißspornigkeit. Ein anderer mag immer alles mögliche bedenken, bis er zu einer völligen Entscheidungsunfähigkeit neigt. Adler wusste, aus der Beobachtung seiner Zeitgenossen, aber wohl auch aus Selbstbeobachtung, dass es keine Stärke gibt, die nicht auch mit einer Schwäche korrespondiert, keine Tugend, der nicht auch ein Laster gegenüber steht. Mir gefallen solche Sätze. Es sind Sätze, die etwas in mir zum schwingen bringen. Warum tun sie das? Wohl, weil man etwas wieder erkennt, was man bisher nur ahnte, weil sie ein Wissen in Begriffe fassen, über das man bisher nicht so viel nachgedacht hat und für das man deswegen auch noch keine Worte hat.

Das ständige Hamsterrad, die Parteiarbeit, die Vorträge, die Zugfahrten, die tägliche Redaktionsarbeit und die siebzehn, achtzehn Probleme, die Adler jeden Tag lösen musste, dazu auch die persönlichen Sorgen und privaten Krisen – erst die kranke Frau, dann die kranke Tochter, dann die Sorgen um die Söhne Fritz und Karl -, Adler kämpfte und kämpfte „bis zur Erschöpfung“ (Lucian O. Meysels). Franz Steiner: „Auf die Dauer hielt seine Gesundheit den Aufregungen und überwältigenden Sorgen nicht stand. Die Lunge und das Herz wurden immer schwerer angegriffen.“

„Ich werde alt, lieber Freund“, schrieb Adler, da war er noch keine fünfzig, an Kautsky. „Alles lässt nach, die Schneid, der Biereifer und vor allem die Geduld, dazu viel persönliche Sorgen und Qualen, die ich jetzt schwerer vertrage als einmal. Und das Bewusstsein, immer dümmer zu werden… Man schleppt sich halt weiter.“ Er spüre eine tiefe „Müdigkeit“, schrieb er, knapp nach seinem Fünfziger. „Hüten wir uns grämliche Großväter oder gar verhasste Erbonkel zu werden.“ Und wenige Wochen später: „Ich habe heuer respektive 1902 keine Sommerferien gehabt, einen schweren Winter… Ischias und bin abgerackert wie ein Hund… Du hast keine Vorstellung davon, wie schwer mir das Leben wird, je älter ich werde, desto schwerer.“

Adler war gerade in der Mitte seiner Fünfziger, da war er praktisch schon ein Wrack.

„Alles lässt nach, die Schneid, der Biereifer und vor allem die Geduld, dazu viel persönliche Sorgen und Qualen, die ich jetzt schwerer vertrage als einmal. Und das Bewusstsein, immer dümmer zu werden…“

XI. Die Schlagworte totschlagen

Adler war, wie gesagt, ein „Fanatiker der Parteieinheit“ und zugleich, wie er es selbst formulierte, ohne jedes „Organ … für die Theorie“. Umso schlimmer fand er es, wenn sich Parteigenossen über Fragen zerstritten, die er als doktrinär und akademisch, also intellektuell schon interessant, aber für den Fortschritt der Menschheit belanglos empfand. Als in Deutschland seine Freunde August Bebel und Karl Kautsky auf der einen Seite und der ehemalige Engels-Mitarbeiter Eduard Bernstein über die Frage des „Endziels“, des Sozialismus, der Revolution und der Sozialreform in heftige theoretische Debatten gerieten, Freundschaften zerbrachen und ein Keil in die sozialistische Bewegung getrieben wurde, verstand er das nicht.

Bernstein hatte die Frage aufgeworfen, ob sich nicht ein paar von Marx‘ Voraussagen, vor allem aber ein paar der Basispostulate, die sich nach Marx‘ Tod in den sozialistischen Kreisen verbreitet hatten, als falsch herausgestellt hatten. Etwa, dass das Proletariat verelende; dass die Klassengegensätze sich immer mehr zuspitzten; dass sich antagonistische Widersprüche im Kapitalismus immer mehr verschärfen und dieser notgedrungen seinem Zusammenbruch entgegengehe. Es war ja auch unübersehbar: Es gab sozialen Fortschritt und die Arbeiterbewegung hatte nicht unerheblich dazu beigetragen.

Bernstein pflegte in seiner Polemik keine vornehme Zurückhaltung. Die Sozialdemokratie, postulierte Bernstein, habe in Wirklichkeit „den baldigen Zusammenbruch des bestehenden Wirtschaftssystems … weder zu gewärtigen, noch zu wünschen“, vielmehr hätten die Linken „für alle Reformen im Staate zu kämpfen, welche geeignet sind, die Arbeiterklasse zu heben und das Staatswesen im Sinne der Demokratie umzugestalten“. Die Linken sollten einfach „die Summe von Freiheit in der Gesellschaft erhöhen“ und sich von der „Phraseologie emanzipieren“.

Der Kampf um diese Thesen wurde gewissermaßen bis aufs Blut geführt.

Es gäbe theoretische Unstimmigkeiten, aber doch „keine praktisch vor uns liegende Frage der Taktik“, in der man uneins sei – schrieb Adler wenig erfreut an seine Genossen. Er werde die Befürchtung nicht los, „dass Ihr, vor allem Du und Karl durch allzu große Strenge Ede immer mehr nach rechts drängt“, schrieb Adler an Bebel. Ihn störte nicht, dass Bernstein der sukzessiven, vernünftigen Sozialreform das Wort redete, an Bernstein störte ihn vielmehr, dass dieser so tat, als würde er damit gegen gewalt- und revolutionsversessene Irre in der Sozialdemokratie argumentieren. Bernstein renne doch „offene Thüren“ ein, tue das aber in einen Ton, der „die Partei in Verdacht (bringt), dass sie der Vernunft nicht zugänglich und er der einzige kühle Kopf sei.“ Und an Bernstein direkt gerichtet: „Du konstruierst Dir einen Begriff von ‚Revolution‘, den kein Mensch mehr hat, außer ein paar ganz alte Polizisten, und sagst dann emphatisch, wir sind nicht ‚revolutionär‘, wir sind Reformpartei… Du stellst uns als Schafe im Wolfspelz dar und willst uns das Fell rauben!“

Adler spürte, oder glaubte zu spüren, dass es bei all dem womöglich auch um etwas anderes ginge. Nicht um die Frage von Sozialreform und/oder Kapitalismusüberwindung, sondern einerseits ums doktrinäre Rechthaben und andererseits um brave Anpasslerei. „Zweifelscheißei“, das würde Bernstein doch in Wirklichkeit betreiben, schrieb er diesem offen. Diese sei aber „in letzter Linie ein Karakter- und Temperamentfehler: eine gewisse Unfähigkeit sich zu entscheiden.“ Man wolle es endlich bequem haben, und bastle sich dafür eben eine Theorie. Adler, der ein feines Gespür für die Wirklichkeit hatte, verstand aber auch sofort, dass Bernsteins Neuinterpretation eben nicht nur eine „Abweichung von Theoretikern“ ist, wie Kautsky und Bebel vermuteten, also ein reiner Intellektuellenspleen von Buchstabenhengsten, sondern auch eine Sehnsucht in der Arbeiterschaft selbst aufgreife: Die Arbeiter wollten ein wenig Wohlstand, ein wenig Wohlstand habe man auch schon durchgesetzt, und jetzt wolle man das auch ein bisschen genießen, man wolle, dass es kontinuierlich, ohne große Kalamitäten weiter aufwärts gehe, ohne Aufregungen oder gar Revolutionen.

Nichts machte Adler fuchsiger als Bücherwürmer, die doktrinäre Theorien verfolgten, dann durch intellektuelle Eitelkeiten Konflikte schürten und Leute, deren Meinung sie nicht teilten, als „Kapitulanten“, „Verräter“ oder „Opportunisten“ verunglimpften. „‚Opportunisten‘ … es kommt noch so weit, dass alle vernünftigen Menschen diesen Spitznamen tragen werden“, schrieb er scherzend. Gelegentlich verließ Adler aber sein Humor. Niemand aus dem Kreise der Mitstreiter in der Internationalen hasste er so sehr wie Rosa Luxemburg, die keinen Konflikt auswich und jede kleine theoretische Differenz zu einem heftigen Debatte nutzte. „Doktrinäre Gans“ hieß er sie, und an anderer Stelle: „Das giftige Luder wird noch sehr viel Schaden anrichten, umso größeren, weil sie blitzgescheit ist, während ihr jedes Gefühl der Verantwortung fehlt und ihr ein einziges Motiv eine perverse Rechthaberei ist.“ Als er ihr einmal über den Weg lief, soll er seinen Spaziergenossen zugeflüstert haben: „Hier kommt der hysterische Materialismus.“

All diese Ideologiedebatten hätten doch nur den Zweck, mit Schlagwörtern aufeinander einzudreschen, war Adler schon früh überzeugt, ihm dagegen wäre lieber, die Schlagwörter würden totgeschlagen: Schon 1892 sagte er in Hinblick auf die beliebte Streitfrage, ob die Sozialisten nun eher revolutionär oder sozialreformerisch agieren sollten: „Ich erkläre ihnen offen, dass ich, wenn ich diese Frage beantworten sollte, in sehr großer Verlegenheit wäre. Für mich sind es bloß Worte, nichts als Worte. (…) Es wird mir zum Vorwurf gemacht, dass ich kein ‚Revolutionär‘ sei. Ich habe angeblich das Verbrechen begangen, dass ich bei einem Streik davon abgeraten hätte, ein Haus zu plündern oder zu stürmen oder so was Ähnliches. Ich bin frei von diesem Verbrechen, weil ich zufällig nicht anwesend war. Aber wenn ich anwesend gewesen und die ganze Geschichte wahr wäre, hätte ich wohl die Pflicht gehabt, den Leuten zu sagen: ‚Was ihr tut, möget ihr für revolutionär halten (…), aber es ist nicht revolutionär, es ist einfach – unvernünftig.“

„Das giftige Luder wird noch sehr viel Schaden anrichten, umso größeren, weil sie blitzgescheit ist, während ihr jedes Gefühl der Verantwortung fehlt und ihr ein einziges Motiv eine perverse Rechthaberei ist.“ – Victor Adler über Rosa Luxemburg

Wovor Adler, der mit soviel Geschmeidigkeit die zerstrittenen Fraktionen der Arbeiterbewegung geeint hatte, regelrechte Panik hatte, war die Neigung vieler Beteiligter in theoretischen Debatten und innerparteilichen Kämpfen, die jeweilige Gegenseite niederringen zu wollen. Er wusste: Wenn man eine Gruppe von Menschen, egal wie groß sie war, gemeinsam kampffähig halten wollte, dann mussten alle stets die Möglichkeit haben, mit erhobenen Häuptern aus Konflikten heraus zu kommen. Ja, dann ginge es auch darum, sich wechselseitig einfach wertschätzend zu behandeln, wie man das heute im Psychojargon sagen würde. „Derlei Diskussionen müssen ohne ‚Besiegte‘ enden, das heißt, dem Geschlagenen müssen alle Demütigungen erspart werden“, beschwor er Kautsky. Und immer wieder bekundete Adler: „Wir glauben, bei aller Schärfe unserer Überzeugung, in unseren Ausdrücken und in der Form unserer Polemik mit der größten Vorsicht zu Werke gehen zu müssen, da wir damit das Bestreben verbinden, nicht nur das Ansehen unserer Partei, sondern auch das Ansehen der Parteigenossen, gegen die wir polemisieren, nicht zu untergraben.“ Adler, so schreibt Wolfgang Maderthaner, verfügte über Ironie und eine unnachahmliche Fähigkeit zum Kompromiss.“
XII. Der Hofrat der Revolution

Ja, Adler hatte schon etwas von einem „Hofrat der Revolution“, mit seiner Vernünftigkeit, mit seinem Gespür für das praktisch Mögliche, mit seiner Ausdauer. So brachte es Adler, wie es sein Schüler Karl Renner formulierte, „vom Kriminal zum Ballhausplatz“. Renner: „Falsch ist es zu meinen, die geschichtliche Tat sei in der Regel das, was man eine Großtat nennt, und sie springe fertig in die Welt wie Minerva. Die Großtat baut sich auf wie ein gotischer Dom aus lauter kleineren und größeren Steinen.“ Es gehört zu den bitteren Paradoxien, dass Adler, der eine solche Großtat ohne einzelne Großtat vollbrachte, am Ende seines Lebens Triumphator und Gescheiterter zugleich war.

Gescheiterter aus zwei Gründen: Adler hatte eine sozialistische Partei im Vielvölkerstaat aufgebaut, und aufgrund des Spaltungstraumas der Vergangenheit hatte er ihr den Wert der Einheit, des zusammen-bleibens, des Kompromisse-schließens regelrecht eingeimpft. Die Partei in diesem Vielvölkerstaat zerriss es aber dann nicht entlang politisch-ideologischer Linien, sondern entlang der Nationalitätenkonflikte. Die deutschösterreichische Sozialdemokratie gegen die tschechische Sozialdemokratie, und so weiter. Schon früh dämmerte es Adler, dass das Nationalitätenproblem im Vieflvölkerstaat ein Problem ist, für das es einfach keine Lösung gab. Adlers zweite politische Lebenstragödie war dann der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Adler, kaum über sechzig Jahre alt, war damals schon weitgehend arbeitsunfähig. Dennoch reiste er zu den Antikriegskonferenzen in den Jahren vor dem Kriegsausbruch. Immer wieder musste er seine Arbeit durch monatelange Kuren unterbrechen. Als sich im Frühsommer 1914 die Weltkrise aufbaute, die zum Kriegsausbruch führte, hat die Partei die Gefahr zunächst gar nicht richtig begriffen. Adler selbst war auf Kur und weit weg – aber auch er hat die Dramatik der Krise unterschätzt. Als der Krieg dann vom Zaun gebrochen wurde, wurden die Sozialisten völlig am falschen Fuß erwischt und waren auch mit einer Stimmung des Hurra-Patriotismus konfrontiert. Faktisch machte die Partei eine Pro-Kriegs-Politik, und vor allem Friedrich Austerlitz schrieb in der „Arbeiter-Zeitung“ ein paar ziemlich widerwärtige kriegstreiberische Leitartikel. Da der Kaiser und seine Regierung mit Notverordnungen regierten blieb es der Partei wenigstens erspart, im Parlament explizit für den Krieg und die Kriegsgesetze zu stimmen. Adlers eigene Haltung, so weit sie sich rekonstruieren lässt, war wohl weniger von Kriegsbegeisterung getragen, sondern erstens von der Überzeugung, dass dieser Krieg ohnehin nicht verhindert werden könnte – denn dazu sei die Sozialdemokratie zu schwach und die Kriegsbegeisterung zu groß -, zweitens, dass die Partei Gefahr laufe, sich von ihren Anhängern zu isolieren, wenn sie eine militante Anti-Kriegsposition einnehme, dass sie drittens Gefahr laufe, zum Opfer des Kriegsregimes zu werden – bis hin zum Parteiverbot -, wenn sie sich gegen die Regierungspolitik stellen würde und dass viertens darauf hin zu arbeiten sei, dass dieser Krieg nicht lange dauere. Kurzum, die Partei war im Augenblick gelähmt, so Adlers Meinung und müsse sich für das, was komme, fit halten. Diese Adlersche Haltung ging in das Manifest der Parteiführung zu Kriegsbeginn deutlich ein: „Der Krieg wird ein neues Österreich schaffen (…) Darum ist es eure Pflicht in dieser Stunde“, wandte sich das Manifest an die Mitglieder, „unsere Organisation aufrecht zu erhalten.“

Heroisch unterzugehen habe keinen Sinn, war Adlers Überzeugung. Vorausschauend sei es, die Partei intakt zu halten, damit sie am Tag nach dem Krieg handlungsfähig sei. „Die Partei ist wehrlos“, sagte er. „Man läuft Gefahr, die Arbeit von dreißig Jahren zu vernichten ohne irgendein politisches Resultat… Wir wollen die Partei retten.“

Dieses Gefühl des doppelten Gescheitert-seins hat Adlers Krankheit wohl auch noch beschleunigt. Adler saß daheim, abhängig vom Sauerstoffinhalationsgerät und sieht auf Bildern aus dieser Zeit aus wie ein Hundertjähriger, obwohl er noch nicht einmal fünfundsechzig Jahre alt war. Sein Sohn Fritz, bis zum Kriegbeginn gemeinsam mit Otto Bauer gewissermaßen „geschäftsführender Parteichef“, legte seine Parteisekretärs-Funktion aus Protest gegen die Kriegspolitik zurück, Bauer wiederum wurde zum Soldatendienst eingezogen. Aus Protest gegen die Kriegspolitik, aber auch aus innerer Verzweiflung, aus einem Gefühl der Schande heraus – die innersten Motive sind bis heute nicht wirklich klar -, erschoss Fritz Adler den Kriegsminister des Kaisers, den Ministerpräsidenten und Hardliner Karl Graf Stürkh. Zum Zeitpunkt der Tat löste sie Schock und Verwunderung aus und man führte sie eher auf einen verschrobenen Affekt Fritz Adlers zurück, aber nur wenige Monate später, als sich die Kriegsbegeisterung endgültig in Kriegsmüdigkeit verwandelt hatte, machte sie Fritz Adler in den Augen der Parteibasis zu einem Helden, der einsam heroisch handelte, als alle anderen noch verirrt waren. Adler wurde zum Tode verurteilt, ein Urteil, das der Kaiser aber zu einer Gefängnisstrafe verwandelte und wurde 1918 dann begnadigt. Aber für Victor Adler war diese Tat, die Gefahr des Todesurteils und die Haft seines Lieblingssohnes natürlich noch eine weitere psychische Belastung.

Triumph und Tragödie, gigantische Lebensleistung und Gescheitert-sein, diese Dichotomie überschattete nicht nur das letzte Lebensjahrzehnt Adlers, sondern auf geradezu bizarre Weise noch die letzten Tage seines Lebens. Als der Krieg sich dem Ende neigte und mit ihm die Habsburg-Herrschaft, als das Vielvölkerreich zerfiel und sich im deutsch-österreichischen Teil der Monarchie jene „ordentliche Revolution“ zutrug, die so sehr zu der Person Adler passte, war die Sozialdemokratie tonangebende Kraft geworden, und ihr greiser Übervater, obwohl er formal keine zentrale Funktion mehr einnahm, war die neue Gravitatsionsfigur der österreichischen Politik. Es war Adler, der in der provisorischen Nationalversammlung am 21. Oktober 1918 die zukünftige demokratische Republik in klaren, pathetischen Strichen skizzierte. „In jedem Fall soll der deutschösterreichische Staat ein demokratischer Staat, ein echter Volksstaat sein… auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts aller Männer und Frauen… gegründet auf die Gleichberechtigung aller seiner Staatsbürger ohne Unterschied der Klasse, des Standes, der Religion und des Geschlechtes.“ Dieser demokratische Staat werde es ermöglichen, „auf den Trümmern der kapitalistischen Weltordnung den Sozialismus aufzurichten.“

Adler selbst wurde, nicht zuletzt seiner mittlerweile von allen Seiten unbestrittenen Autorität und seiner internationalen Reputation wegen neun Tage später zum „Staatssekretär des Äußeren“, also zum ersten Außenminister der Republik, die freilich noch keine Republik war. Einen Tag später schleppte sich der todkranke Mann im Kreise seiner Ministerkollegen die Treppen der Hofburg hoch, wo er im Zwischengeschoß noch einen Schwächeanfall erlitt. Gestützt schaffte er es hoch bis zum Kaiser, der von der Regierung wünschte, die Friedensbedingungen der Kriegsgegner zu akzeptieren. Es war an Adler, der die selbstverständliche Zentralfigur der Regierung war, dem Kaiser zu erwidern, dass es nicht die Sache der neuen Republik sei, mit dem Krieg verbunden zu werden – und sei es nur durch dessen Beendigung -, sondern dass jene Kraft, die ihn begonnen hätte, ihn auch zu beenden habe: also derjenige, der – noch – die Funktion des Monarchen einnehme selbst.

Victor Adler starb am 11. November 1918.

Einen Tag später, am 12. November, wurde die demokratische Republik proklamiert.

blogwertWas für ein irrer Witz der Geschichte. Wie Moses in der biblischen Legende, der das Volk Israel 40 Jahre durch die Wüste in Richtung Gelobtes Land führte, noch hinübersah, aber starb, bevor es erreicht wurde, sah Adler „noch hinüber“, in die Republik, die einiges erreichte und in der seine Schüler vor allem in Wien manches, wenn auch nicht alles von dem verwirklichten, was Adler vorschwebte.

 

XIII. Adler, Bauer, Kreisky. Und dann?

Für uns ist das alles Vorgeschichte, politisches Paläozoikum. Ein Leben in einer Welt mit Problemen und Herausforderungen, von der uns förmlich ein Ozean trennt. Aber doch bewohnen wir eine Welt, die Adler mit geschaffen hat. Es gibt sogar noch die Partei, die Adler gegründet hat. Aber was ist aus ihr geworden? Und wieviel junge Leute sehen sich heute Filmdokus von Bruno Kreisky an und denken sich dann: Was war das noch für ein Politiker? Für diese jungen Menschen sind Leute wie Kreisky Giganten, Politiker, die noch etwas wollten, die noch Werten folgten, die auch kein Risiko scheuten. Die in einer Sprache sprachen, die politisch authentisch war, die auch das Gegenüber nicht für dumm verkaufte. Aber Kreisky selbst war nur einer, der auf den Schultern seiner Vorgänger stand, etwa auf denen Otto Bauers, und Bauer wiederum stand auf den Schultern Adlers. Von Adler aber, der all das begründete, wissen wir wenig. Dass es von ihm keine Filmdokumente gibt, ist ein wichtiger, wenngleich auch banaler Grund dafür. Er hat die progressiven Kräfte in Österreich vereinigt und dann zusammen gehalten, weil er wusste, dass es wichtiger ist, sich in einigen Prinzipien einig zu sein und dann an einem Strang zu ziehen als sich in Kleingruppen abzukapseln, die alle für sich und gegeneinander „recht haben“, aber nichts bewirken können. Und das alles unter Bedingungen, die alles andere als leicht waren. Aber die Weltverbesserer sind ja auch nicht für Situationen gemacht, in denen es leicht geht. Man braucht sie ja nicht, wenn eh alles prima ist, sie sind ja gerade für Epochen gemacht, in denen Weltverbesserung notwendig ist. Adler interessiert mich auch deshalb, habe ich gesagt, weil es in diesem Land ohnehin viel zu wenige positive Identifikationsfiguren gibt. Ja, wir Österreicher und Österreicherinnen neigen ja dazu, unsere Geschichte als Abfolge von Schrecklichkeiten zu interpretieren. Wer einen politisch prägenden Österreicher nennen soll, dem fällt als erster Hitler ein, und auch auf Rang zwei und drei wird man meist eher unsympathische Gesellen finden. Jeder könnte für ein solches Ranking sicher gute Gründe anführen, aber es könnte auch ein wenig mit nationaltypischer Miesepeterei zu tun haben, dass man auf die guten Seiten der Geschichte hier eher vergisst als auf die schlechten Seiten.

Auswahl der verwendeten Literatur:

Victor Adler aus seinen Reden und Schriften. Band 1 von „Große Gestalten des Sozialismus“, Wien 1947

Victor Adler: Briefwechsel mit August Bebel und Karl Kautsky, Wien 1954

Victor Adler: Aufsätze, Reden und Briefe. Wien, 1929

Victor Adler im Spiegel seiner Zeitgenossen, Wien 1968

Wolfgang Maderthaner (Herausgeber): Victor Adler / Friedrich Engels. Briefwechsel. Akademie-Verlag, Berlin, 2011

Lucian O. Meysels: Victor Adler. Die Biographie. Wien 1997

Franz Steiner: Viktor Adler. Wien 2009

Brigitte Kepplinger (Herausgeber): Der Aufstieg zur Massenpartei.

Helene Maimann (Herausgeber): Die ersten 100 Jahre. Österreichische Sozialdemokratie 1888-1988. Wien, 1988.

9 Gedanken zu „Der unbekannte, grandiose Doktor Adler“

  1. Ich danke für diese hervorragende „Zusammenschau“ der Anfänge der österreichischen Sozialdemokratie, der, wie mir scheint, von den besten Charaktereigenschaften Victor Adlers inspiriert ist!
    Auch im persönlichen Rückblick erkenne ich, daß der (verbale) „Linksradikalismus eine kleinbürgerliche Verirrung“ darstellen kann! Gerade die (jungen) ungeduldigen Linken innerhalb und außerhalb der Sozialdemokratie, welche so wichtig und notwendig für deren Weiterentwicklung sind, sollten diese ihre Würdigung Victor Adlers beherzigen! Deshalb wünsche ich mir, daß Sie diesen Text (mit anderen Diskussionsbeiträgen) vielleicht doch als Buch veröffentlichen! Nochmals herzlichen Dank!

    1. Nur dass die „jungen ungeduldigen Linken“ (die heute die Gemäßigten sind, die radikalen Umstürzler gibt es sowiso nicht mehr!) den letzten Rest der Sozialdemokratie verkörpern. Das Establishment dieser Partei hat mit Sozialdemokratie leider nur mehr den Namen gemein. „Das Volk aufklären – „mit dem Bewußtsein seiner Lage zu erfüllen“ -, es ausbilden, es organisieren […], es von Vorurteilen und vom Aberglauben und den simplen Wahrheiten zu heilen und so weiter…“ Wohl das Gegenteil von dem, was die SPÖ seit 30 Jahren macht. Neoliberale Politik und Machterhalt statt Kampf für den Fortschritt. Sollten die Rechtspopulisten Europa wieder spalten, ist das unsere Schuld, unsere Schuld alleine.

  2. Glückwunsch zu diesem Essay. Ich bin auch der Meinung, dass Victor Adler einer der ganz großen Österreicher (und Sozialdemokraten) war, dem heute viel zu wenig Beachtung geschenkt wird.
    Das war auch einer der Gründe, warum ich Texte von ihm, die für uns auch heute noch von großer Aussagekraft sind, neu herausgegeben habe.
    Adler zum Nachlesen, sozusagen…
    Nähere Details: http://peterglanninger.at/category/sachbuecher/
    Danke für Ihren Beitrag.

  3. Danke, Robert Misik, für die kurzweilige Lektüre. Aber auch eine Lektüre voller Wehmut, hatte ich doch stets den trostlosen, ideologisch verwahrlosten Zustand dieser Partei vor Augen. Es ist lediglich das von Misik mit spürbar innerer Anteilnahme in Erinnerung gerufene Erbe, das mich dieser Bewegung noch zugehörig sein lässt.

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