Zeitdiagnose Einsamkeit

Einsamkeit, so die Behauptung, sei das Lebensgefühl unserer individualisierten Erfolgsgesellschaft. Was daran zutrifft – und was nicht.

Neue Zürcher Zeitung, Juli 2018

Es war eine jene nichtssagenden Episoden, wie man sie als Twentysomething in Berlin der frühen neunziger Jahre fast täglich erlebte: Man saß in der Kneipe, hatte vor sich ein Whiskyglas und sprach mit einem Bekannten über das Leben. Aber ich erinnere mich noch genau, wie mein Gegenüber seinen Blick schweifen ließ, über die Tischrunden, die Mädchen und die Jungs, zum Tresen, wo die Trinker standen, wo flüchtige Gespräche begannen und wieder endeten. „Vor nichts haben die Menschen so eine Panik wie vor der Einsamkeit“, sagte mein Kumpan da. „Sie laufen nur ihrer Einsamkeit davon.“

Das ist eine existenzielle Aussage, von der Art wie das Urteil Thomas Wolfes, wonach „die Einsamkeit… die unausweichliche, zentrale Tatsache des menschlichen Daseins“ sei. Aber heute scheint Einsamkeit mehr zu sein als eine Tatsache der menschlichen Existenz, sondern ein Signum des Zeitalters. Kaum eine Zeitung, die in diesem Frühjahr nicht eine große Story über Einsamkeit brachte. „Ohne alle“, titelte die Süddeutsche jüngst und hielt dann ein Plädoyer für das Alleinsein, das Wiener „profil“ widmete dem „Lebensgefühl unserer Zeit“ eine Cover-Story, und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung analysierte: „Ist der Mensch einsam, leidet die Demokratie.“

Die Einsamkeit ist etwas gänzlich anderes als das Alleinsein. „‚Einsam‘ hat eine emotionale Dimension, der ‚allein‘ nicht bedarf“, formuliert der norwegische Philosoph Lars Svendsen, der ein ganzes, kluges Buch über die „Philosophie der Einsamkeit“ geschrieben hat. Einsam ist, wer weniger soziale Beziehungen hat als er gerne hätte – und der darunter leidet. Man kann auch in Gesellschaft einsam und von dem Gefühl der Einsamkeit gequält sein – genauso, wie man alleine sein und das als bereichernden Zustand erleben kann. Schon der Begriff selbst ist eigentümlich. Etymologisch ist er ein ulkiger Zwitter aus „Eins“ und „Gemeinsam“.

Hält man sich an die alarmistischen Diagnosen, dann ist Einsamkeit heute eine „Epidemie im Vorborgenen“. So formulierte unlängst eine Kommission, die die britische Regierung eingesetzt hat. Weil viel zu viele Menschen unter chronischer Einsamkeit leiden, hat Premierministerin Theresa May nach dem Bericht der Kommission gleich eine ihrer Ministerinnen mit dem Thema betraut. Sie ist jetzt die weltweit wohl erste „Einsamkeitsministerin“.

Dabei ist sehr fraglich, ob die chronische Einsamkeit tatsächlich heute zunimmt. Gewiss, es ist viel von der Individualisierung, von Singlewelten und dem Verlust traditioneller Gemeinschaften die Rede, berühmt ist beispielsweise die große Studie des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Robert D. Putman mit dem klingenden Titel „Bowling alone“, aber belastbare Daten, die eine Zunahme krank machender Einsamkeit nahelegen, sind eher rar. Sehr stark geplagt von Einsamkeit sind in den verschiedensten Ländern, die darüber längere Datenreihen erhoben, zwischen 1-2 Prozent der Bevölkerung, stark geplagt rund 3-5 Prozent. Das würde bedeuten, dass rund 5-7 Prozent der Bevölkerung Einsamkeit als chronische Belastung erleben ziemlich konstant. Schlimm genug. Aber noch keine Epidemie, vor allem aber keine, die dramatisch zunehmen würde.

In Wirklichkeit geben die Zahlen freilich nicht sehr viel her, weiß der deutsche Wissenschaftler Janosch Schobin. In solchen Surveys, so Schobin, erkennt man, „dass sehr kleine Veränderungen im Fragelaut, aber auch in der Fragetechnik zu unglaublich großen Unterschieden führen.“ Fragt man tausend Menschen in direkten Interviews, sind nicht sehr viele einsam. Nähert man sich ihnen in Online-Umfragen, sind es sehr viel mehr. Das kann daran liegen, dass man im direkten Gespräch nicht sehr gerne zugibt, einsam zu sein. Die Ursache könnte aber auch sein, dass man in der Online-Situation die eigene Einsamkeit drastischer erlebt als in einem Gesprächsmoment mit einer realen Person. Man weiß das nicht so genau.

Rentner oder Rentnerinnen sind bekannterweise oft einsam, wenn sie verwitwet und auch noch immobil sind und nur mehr auf die tägliche Essen-auf-Räder-Lieferung warten. Neuerdings gibt es das signifikante Wachstum von Singlehaushalten, selbstgewähltes Alleinsein, das in Episoden der Einsamkeit umschlagen kann. Karrieremuster und häufige Wohnortswechsel können den Aufbau stabiler Freundschaftsnetze verunmöglichen. Neue Arbeitsformen verbreiten sich, in denen echte Kollegialität kaum mehr entsteht.

Einsamkeit untergräbt das Immunsystem und chronische Einsamkeit ist Stress, führt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, geht mit dem Erleben einher „keine Kontrolle über das eigene Schicksal zu haben“, schreibt der Psychiater Manfred Spitzer in seinem Buch „Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit“. Einsamkeit kann tödlich sein. Wer einsam ist, erlebt widrige Situationen nicht nur als Widrigkeit, sondern schneller als ausweglos.

Einsamkeit droht „das gesamte Dasein zu unterminieren“, formuliert drastisch der Philosoph Svendsen. Aber summiert sich das alles gleich zu einem „Zeitgefühl“? Individualisierte Gesellschaften sind, um die alte Dichotomie zu benützen, sehr viel mehr Gesellschaft und sehr viel weniger Gemeinschaft. Auch wer eingewoben ist in Fäden und Netze des Sozialen, hat oft eher Bekannte als enge Freunde. Man driftet durch oberflächliche Begegnungen. Selbst Partnerschaften sind flüchtig. Sogar wenn man selbst nicht so lebt – sondern Partner und drei beste Freunde hat -, dann weiß das Subjekt stets, dass die Lebenswelt um einen herum eben so ist.

In der Erfolgsgesellschaft läuft jeder für sich, muss den Erfolg ausstellen und verkörpern, denn nur der, dem man den Erfolg ansieht, der hat ihn auch. Das triggert Posertum und eine Kultur des Narzissmus. Zugleich weiß das Subjekt in solchen Gesellschaften, dass es am Ende elementar auf sich allein zurück geworfen ist. Man ist gewissermaßen existenziell einsam, sogar wenn man es lebenspraktisch gar nicht ist.

Womöglich ist das ja der tiefere Grund für den gegenwärtigen Hype um die Einsamkeit: das beklemmende Gefühl, dass man in solch einer Lebenswelt doch einsam sein müsste.

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