Der Schnösel gegen die Armen, die faul herum liegen

Sebastian Kurz‘ Verhöhnung der Armen

Gerade Wien sei ein Hort des Faulenzertums, sprach Sebastian Kurz zu Beginn der Regierungsklausur. „Ich glaube nicht, dass es eine gute Entwicklung ist, wenn immer weniger Menschen in der Früh aufstehen, um zu arbeiten, und in immer mehr Familien nur mehr die Kinder in der Früh aufstehen, um zur Schule zu gehen.“ Dass ihm dieser Satz nur passiert ist, darf man getrost ausschließen. Erstens, weil Sebastian Kurz, eine Art Roboter der politischen Kommunikation, wahrscheinlich noch nie einen Satz gesagt hat, den er nicht vorher mit seinen PR-Agenten entworfen und danach auswendig gelernt hat. Zweitens, weil er genau diesen Satz schon einmal gesagt hat. Es ist ja auch keine Überraschung: Nach Diffamierung der Opposition, Diffamierung von Nichtregierungsorganisationen, Diffamierung von Medien und Journalismus gehört die Diffamierung von Armen und Arbeitslosen als Faulenzer, die an ihrem Geschick selbst schuld sind, zum Grundbestand der konservativen und rechtspopulistischen Sprachregelung, zur „Rhetorik der Reaktion“, wie das einmal der große Albert O. Hirschman genannt hat.

Die Frage ist, ob Kurz damit einen Fehler gemacht hat. Ich denke schon, nur ist die Sache nicht so einfach. Kurz vertritt eine Partei, die seit jeher die Partei der Geldleute ist, derer, die sich als etwas Besseres vorkommen. Daraus folgt aber noch nicht zwangsläufig, dass ihre Diffamierung gegen „Durchschummler“ und „Sozialschmarotzer“ nicht auf fruchtbaren Boden fallen kann, zumal dann, wenn man sie mit dem Ausländertrick kombiniert, also implizit nicht nur unterstellt, dass Menschen auf Kosten anderer faul herum liegen, sondern dass die, die in der Früh nicht aufstehen und den anderen auf der Tasche liegen, Fremde seien. Und diesen Ausländertrick wendet die Regierung ja bei jeder Gelegenheit an.

Wir sollen auch nicht glauben, dass Menschen aus der Mittelschicht, aber auch aus der Arbeiterklasse automatisch ein Gefühl der Solidarität mit jenen haben, die etwa arbeitslos sind oder von Chancenlosigkeit befallen sind. Die arbeitende Mittelschicht, Büroangestellte, Installateure, Arbeiter, auch das neue Dienstleistungsproletariat im Supermarkt oder bei den Paketdiensten, sie haben alle ihre eigenen materiellen Probleme: der Stress steigt, die Lebenshaltungskosten ebenso, die Einkommen stagnieren. Aber dennoch sind sie nicht identisch mit jenen, die überhaupt keine Jobs mehr finden, sei das deswegen, weil sie zu schlecht qualifiziert sind, sei das deshalb, weil die Konkurrenz am Arbeitsmarkt zu hart geworden ist, sei das deswegen, weil sie krank sind, oder weil sie schlecht deutsch können, sei das deswegen, weil sie temporär eher wenig flexibel sind (etwa Alleinerziehende mit zwei kleinen Kindern).

In der arbeitenden Mittelschicht ist, auch, wenn man das nicht wahrhaben will, ein dichtes soziales Netz, das alle auffängt, nicht notwendigerweise populär. Diese Bevölkerungsgruppen sind stolz darauf, dass sie ihre Familien mit ihrer Arbeit durchbringen, und jubeln nicht automatisch über Sozialprogramme, die den Armen helfen. Die US-amerikanische Juristin Joan C. Williams hat die verschiedenen Bedrohungslagen und die daraus resultierenden politisch-emotionalen Reaktionsweisen der „weißen Arbeiterklasse“ in ihrem Essay „What so many people don’t get about the U.S. working class“ analysiert. Ergebnis: Natürlich kann man auch Arbeiter damit gewinnen, wenn man gegen die Faulenzer hetzt. Die „Grammatik der Härte“, wie sie bei Konservativen so beliebt ist, kann auch hier auf fruchtbaren Boden fallen. Mutatis mutandis ist das hierzulande nicht viel anders.

Dennoch ist Sebastian Kurz Vorgehen ein Fehler und zwar aus drei Gründen:

Erstens, die Sprache von Hohn und Verachtung. Kurz‘ Erfolgsrezept war ja bisher, die Thematiken der radikalen Rechten zu übernehmen ohne ihren Geifer zu übernehmen. Wenn man so will: er schürte Stimmung gegen Ausländer, aber ohne an sich die niedrigen Instinkte erkennen zu lassen. Aber dieser Grad an Verächtlichmachung, die daraus spricht, Menschen als antriebslose Leute zu skizzieren, die nicht einmal ihren Kinder ein Jausenbrot schmieren, kommt nicht besonders gut an. So viel Gehässigkeit schreckt sogar jene ab, die die Botschaft „ich muss mich auch anstrengen, mir schenkt auch keiner was“ durchaus ansprechen könnte. Verhöhnung der Armen ist sozusagen ein Tick zuviel.

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Zweitens, die Vermischung des Faulenzer-Frame mit Wien. Kurz wollte sozusagen zuviel: Er wollte sich als Vertreter der Tüchtigen gegen die Faulen positionieren und auch als Gegner von Wien. Beides zusammen ist aber heikel, weil du dann die Botschaft aussendest: Alle Wiener sind faul. Auf der emotionalen Ebene muss sich nicht nur jeder Arbeitslose von Kurz angegriffen fühlen, sondern auch jede Wienerin und jeder Wiener. Er sagte ja: In dieser Stadt sei der Anteil an Faulen besonders hoch. In dieser Stadt konzentrieren sich die Faulen. Das kann man machen, wenn man sich die Stimmen in der Provinz holen will und Wien eigentlich schon aufgegeben hat.

Drittens aber, und das ist der schwerste Fehler: Es kommt halt immer darauf an, wer den „die Tüchtigen gegen die Faulen“-Frame bedient, also wer spricht. Das kann man gut machen, wenn man ein rechtskonservativer Politiker ist, dem Attribute wie „volksnähe“ oder „einfacher Typ aus dem Volk“ zugeschrieben werden, also, wenn man ein Ronald Reagan ist oder ein Donald Trump. Als Oberschichtsbubi, das noch nie etwas gearbeitet hat, das mit 14 Jahren zur Jungen Volkspartei ging, das eine schnöselhafte Ausstrahlung hat, mit gegelten Haaren herumläuft und dem leicht vorhaltbar ist, vom Leben keine Ahnung zu haben, ist Verachtung der Armen genau das, was du dir nicht leisten kannst, weil es dich gerade dort verletzbar macht, wo du ohnehin eine offene Flanke hast. Im Grunde weiß Kurz das ja auch: Seit Jahren hat er genau daran gearbeitet, das Image ein „Staatssekretär für Schnöselangelegenheiten“ zu sein (das er zu Beginn seiner Karriere hatte) zu bekämpfen. Weil er weiß, das ist seine größte Verletzbarkeit. Aber offenbar geht mit ihm jetzt die Selbstherrlichkeit durch, er verliert seine Disziplin. Wofür es übrigens eine Reihe weiterer Indizien gibt, über die hier nicht gesprochen werden kann. Nur so viel: Kurz hebt ab, fühlt sich als Krösus und wird daher fehleranfälliger.

18 Gedanken zu „Der Schnösel gegen die Armen, die faul herum liegen“

  1. Ich denke auch Herr Kurz hebt ab!
    Entweder war er zuviel im Ausland ubd hstvden Bezug zu uns die östetreichische Bevölkerung verloren oder er ist selbst von seinen Worten 0berzeugt!
    Das erste wäre erklärbar das zweite nicht mehr!

    1. Men@sische Logik wird dem „Arbeiter nicht helfen. Die Musik Anten Ahrbeiten Ährenamtlich? Einen guten „Roten“ wie Kern erkennt man am Abgang!

  2. Auch mit Gel im Haar und Anzug. Sebastian Kurz ist von seiner Herkunft und inhaltlich ein Kleinbürger. Die Psychografie „Oberschichtsbubi“ trifft es somit nicht. Wäre er eines, hätte er vermutlich eine Tendenz zu sozial-liberaler Großzügigkeit. In seiner Welt zählt nur „Aufstieg“ und „Leistung“. Er will nach oben. Auch die anderen müssen nach oben wollen. Dann zählen sie was. „Wer arbeitet, soll essen“. Da steckt eine andere Motivation dahinter als wenn jemand mit dem golden Löffel im Mund zur Welt gekommen ist.

    1. ob der Sohn eines Siemens Managers und einer Gymnasiallehrerin Oberschicht oder obere Mittelschicht ist, darüber kann man diskutieren. Den Aufstieg jedenfalls haben seine Eltern gemacht, er war immer schon Teil dieser JVP – Lacostehemdchen – Schnöselpartie, da gibt es keine Brüche…

    2. Vielen Dank für die Analyse! Ich nehme stark an, S. Kurz hat Aufstieg und Leistung als das einzig „Richtige“gelernt ohne darüber viel zu Reflektieren, als ewig braver Sohn. Er gibt daher auch genau das weiter. Der moralisch erzieherische Perfektionismus gehörte vermutlich schon zur Kinderstube, – und er scheint es nie hinterfragt zu haben. Wann auch? Dann wenn andere vernünftige Entwicklungsschritte machen und über sich nachdenken? Da widmete er sich doch längst den Repräsentations“pflichten“. Und nun eben der „Erziehung“ der Wiener Bevölkerung. Wer möchte denn nicht gern erzogen werden von einer Regierung? Papa Allüren in jungen Jahren? Von einem der so jung ist und sich möglicherweise selbst nie viel kulturelle oder geistige Nahrung gegönnt hat. Und sicher nicht oft genug die Zeit hat zum Ausschlafen? Auch das macht bekanntlich fehleranfällig. Wünsche mir noch weitere solcher Fehler bis es auch dem geblendetsten Wähler klar wird. Kurz wird aber wohl von Leuten wie W. Schüssel “ sehr gut“ beraten und sich möglichst weiter bedeckt zu halten, sich einfach nicht zu zeigen, und so auch im Vorfeld jeden Raum für Mitsprache zu beschneiden. Durch Schweigen. So agiert er mit der FPö allzu „fleissig“ und derzeit noch fast ungestört in seinem „höflich“ autoritären Stil und es regt sich fast keiner auf. Ausser er selbst über paar Kleinigkeiten wie das „unhöfliche “ Verhalten der Opposition. Die Relationen sind egal. Denn Hauptsache Sozialabbau verkauft sich gut als „Veränderung“, auf Sündenböcke abladen können, Ventile schaffen , die zu sozialem Unfrieden führen. Egal was der dann kostet. Auch egal wie destruktiv für alle Betroffenen. Ja so blind muss man sein, um sich so etwas Unfassbares überhaupt erlauben zu können. Eine zornige Wienerin.

  3. Zuerst einmal war es nett zu lesen, wie man jetzt über Bastian mit (B)SE denkt. Oder auch denken kann.
    Auch die Informationen über ihn waren nicht uninteressant.
    Ob und wann er jetzt zu KURZ kommt, ist eine andere Angelegenheit.
    Aber wie seine – vielleicht freche oder auch direkte – Aussage dargestellt wird, ist schon etwas HERDSIG.
    Wie auch er ist.
    Mir ist nicht ganz genau bekannt, ob alles Wiener und Wienerinnen faul sind. Vielleicht hat er – Sebastian – ja genauere Quellen…
    Aber:
    Ist nicht auch er – unser Herr Bundeskanzler – faul, wenn er noch nie so gearbeitet hat, daß ihm beispielsweise das Kreuz weh getan hat…
    Es ist schon möglich, daß sich Sebastian jetzt bei Heinz C, der Strafe für die Demokratie, besser aufgehoben fühlt, als bei der SPÖ damals.
    Wobei die Sozialdemokraten bei dem Wahlkampf zuletzt ja ihm – Sebastian – etwas hinein reiten wollten. Mit dem Pinocchio-Verschnitt und der langen Nase…

  4. eine treffende Analyse , herrlich geschrieben! Das Wien mehr Nichtarbeitende hat liegt sicherlich nicht an der Faulheit der Wiener!
    Hier hat sich Herr Kurz völlig verirrt! Derart Aussagen schüren Hetzerei entbehren jeder sachlichen Basis!

  5. Eines der größten Probleme vieler ist, dass sie einfach selbstgerecht sind. Wer sich für den Moment oben wähnt, der meint, er hätte es selbst und alleine geschafft und auch verdient, dort zu sein. Aber auch ein Kurz kann ganz schnell ersetzt werden im Politapparat. Sobald die Umfragewerte sinken, adios! Zudem bestimmt er nicht einmal selbst, was er anzieht: eine Marionette der Berater ist er.

    Doch ein Kurz allein macht noch keine Politik. Unterstützt wird er auch vom Volk, den Lohnsklaven selbst, die ihre Jobs hassen, aber arbeiten müssen, um ihre Kinder zu ernähren. Mann will eine Frau, Frau will Kind/er, Familie braucht Geld. Eine einfache Gleichung ist das. Wenn man mal Familie und Verantwortung hat, kann man auch leichter versklavt werden. Menschen, denen der Job Spaß macht, sind zwar auch existent, aber in der Minderheit.

    Jetzt hassen diese Lohnsklaven also ihre Jobs, aber auf die nutzlosen Langschläfer können sie wenigstens hinunterschauen dank Bundeskanzler. Sie haben einen gemeinsamen Feind. Orwells 1984 fällt mir da ein. Ja, man verdient nicht so viel wie Manager und Politiker, aber man ist ein anständiger Mensch, weil man arbeitet. Da schwillt gleich die Brust an. Diese Lohnsklaven mit miesen Jobs sind keine Faulenzer, ne, wenigsten das nicht.

    Solange sich die Menschen auseinanderdividieren lassen, haben Politiker wie Kurz ein leichtes Spiel.

    In der Politik geht es nur um Macht und die Wahrheit sagt am ehesten noch die Partei, die in der Opposition ist. Denn instinktiv merken die Menschen, was falsch läuft. So dumm sind die nicht. Aber sobald eine Partei selbst an der Macht ist, spielt sie das gleiche Spielchen wie alle.

    In Österreich sind sie alle zum Schmeißen!

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