Was macht die radikale Rechte stark?

Im Kreisky Forum hatte ich gestern Johannes Hillje zu Gast, der eine großangelegte Studie über die Frustrationen in sozialen Brennpunkten erstellte. Eine unverzichtbare Quelle, wenn man den Zuspruch zum autoritären Nationalismus verstehen will.

Was macht die radikale Rechte so stark und führt dazu, dass die Demokratie an allen Ecken in Gefahr gerät? Johannes Hillje und seine Kollegen haben sich für eine großangelegte Studie des Berliner „Progressiven Zentrums“ in strukturschwachen Regionen umgehört, in Hellersdorf Marzahn in Berlin, in Gelsenkirchen, aber auch in der französischen Provinz, in Calais und anderswo. Alles Regionen, in denen der Wähleranteil der AfD (und des früheren Front National, heute Ressemblement National) hoch liegt, in denen die Durchschnittseinkommen niedrig sind und es signifikante Unterprivilegiertheit gibt. Sie haben keine simple Meinungsumfrage gemacht, sondern soziologische Tiefengespräche: sie klopften an 5000 Türen, 500 Menschen waren zu eingehenden Gesprächen bereit. Ohne Themen vorzugeben, fragten die Forscher nach den „Problemen“ der Leute (Link zur Studie).

Die großen medial verhandelten Thematiken der radikalen Rechten – Islamisierung, Anti-Europa, Lügenpresse -, wurden von den Menschen nicht einmal erwähnt. Fragte man nach den „drängendsten Problemen des Landes“, wurde zwar in Deutschland die Migration am Häufigsten genannt, sowie in Frankreich die Wirtschaftslage, die Lage sah aber ganz anders aus, fragte man die Menschen nach ihren Problemen beziehungsweise den Problemen im Alltag, im Nahbereich. Da wurden die Arbeitsbedingungen beklagt und niedrige Löhne, der Zerfall der öffentlichen Infrastruktur, dass die Postämter schließen, die Busse viel zu selten fahren usw.

Hier ein Filmtrailer zur den Befragungen:

In ethnisch sehr gemischten Zuwanderervierteln wurde nicht die Anwesenheit der Zuwanderer generell beklagt, sondern dass die einen eben nicht verstehen, dass man sich nicht unterhalten kann. Alles in allem entstand ein Panorama des Heimatverlustes, auch eines Verlustes an Status (die Stadtviertel verlieren an Prestige), von Vergessensein (die Infrastruktur von Schulen bis zum Verkehrssystem, von den Märkten bis zu den Supermärkten geht vor die Hunde). Die Menschen blicken pessimistisch auf ihre Aussichten (junge Menschen äußerten, dass sie keine Kinder bekommen werden, weil sie ihnen keine gute Zukunft garantieren können). Die Menschen äußerten aber auch das Gefühl, dass ihre Lage praktisch niemanden interessiert, weder in den Medien noch in der Politik. Viele sprachen gerne und ausführlich mit den Soziologen, weil sie sich freuten, dass überhaupt einmal jemand vorbei kommt und sich für ihre Lage interessiert. Man verspürt keine Solidarität, bekommt aber zu hören, dass man mit der Welt solidarisch sein soll.

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Heißt das, der Aufstieg des rechten Populismus ist vor allem eine Sozialrevolte, in ihren Motiven berechtigt, in ihrer Form pervers? Das wäre natürlich zu viel gesagt, da diese Milieus nur eine der sozialen Gruppen sind, in denen Rechtspopulisten zulegen. Es gibt ja auch die „rohe Bürgerlichkeit“ in den oberen Mittelschichten, die nicht von ökonomischer Abstiegsangst befallen sind, oder jedenfalls nicht auf solche Weise. Außerdem gibt es bei sozialen Prozessen nie nur den einen, entscheidenden Grund, es gibt immer ein Bündel an Motiven und Kräften. Es grassieren ja eine Reihe von Erklärungsversuchen für den Aufschwung es autoritären Nationalismus: dass es generell einen Verdruss an der Politik-Politik gibt, an den politischen Eliten und deren Spielchen, dann eben die sozio-ökonomische Hoffnungslosigkeit der Abgehängten, aber auch die Erklärung, dass „linke Identitätspolitik“ zu viel Ton auf Minderheiten gelegt hat und auf Themen wie Respekt, Homo-Ehe, Lebensstile, und weniger auf universalistische Gerechtigkeitsfragen, oder, wieder ein anderer Erklärungsansatz, dass eher konventionelle, kulturell konservative Milieus einen Gefühl der Abwertung ihrer lebenskulturellen Orientierungen erleben. Hinzu kommt das Erklärungsmotiv von Globalisierung und ökonomische Konkurrenz, die Anti-Migrations-Programmatiken unterstützen, weil Migration als zusätzliche Konkurrenz um knappe Güter wie Wohlfahrtsprogramme, Jobs, Wohnraum erlebt wird. Man sollte diese Interpretationen nicht als widerstreitende Analysen betrachten, sondern als einander ergänzende, da die Wirklichkeit sich ohnehin nie aus einem Grund erklären lässt, sondern aus einem Bündel von Motiven.
Wie genau die Menschen in unterprivilegierten Stadtteilen am Rand der Metropolen, in kleinen Städten oder in abgehängten Dörfern ticken, was sie als die Probleme ansehen, wie sie ihren Hoffnungen und Hoffnungslosigkeiten äußern – das kann man an der Studie, die Johannes Hillje präsentiert, gut verstehen.

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