Authentisch unecht

Mythos Authentizität. Politiker sollen authentisch sein, aber permanent kontrolliert. Auch normale Menschen sollen stets natürlich sein, sich aber immer von der besten Seite zeigen. Einblicke in das kuratierte Leben.

Neue Zürcher Zeitung, 9. Februar 2019

Echt? Unecht? Pose? Oder authentisches Unglück? Wer weiß das schon…

Es ist eine der Eigenarten einer Gesellschaft des Hyperindividualismus, dass das Individuum sich nicht nur auf sich selbst zurück geworfen weiß, sondern dass es sich auch stets mit sich selbst beschäftigen muss. Es spürt die Anforderung, etwas Besonderes sein zu müssen, aber natürlich ist es nicht damit getan, eine Besonderheit zu entwickeln, von der andere nichts wissen. Man muss diese Besonderheit auch immer ausstellen, oder einfach gesagt: von einer Besonderheit, die nicht von anderen als solche erkannt und anerkannt ist, kann man sich nichts kaufen.

In einer durchmedialisierten Gesellschaft kommen dann noch zwei Probleme hinzu. Jeder, besonders aber natürlich der Prominente, ist jederzeit beobachtet. Vor allem Politiker und Politikerinnen sollen nicht in die Rollenmuster und Sprachschablonen fallen, die ihr Berufsbild mitbringt, schon gar nicht sollen sie wie Politiker wirken, denn die haben einen schlechten Ruf. Sie sollen echt wirken, man muss ihnen den Überschuss des Eigenen ansehen, man muss den spüren. Zugleich natürlich müssen sie fehlerfrei sein, also authentisch kommunizieren, aber sich nie um Kopf und Kragen reden. Sie sollen permanent authentisch und zugleich permanent kontrolliert sein. Sie sollen keine sichtbaren Emotionen haben, aber Emotionen darstellen.

Kontrollierte Authentizität, ein Widerspruch in sich. Nur den Allerbesten gelingt eine dauerhafte Schauspielerei des Echten, ohne bei dieser unmöglichen Gratwanderung abzustürzen.

Zugleich, das ist die zweite Eigenart der durchmedialisierten Gesellschaft, wird diese Anforderung, die bisher nur an den Prominenten gestellt wurde, heute ein Imperativ, der sich tendenziell an alle richtet. Du musst Dich darstellen! In der Berufswelt ist es schon die halbe Miete, als erfolgreich zu erscheinen. Aber auch von Facebook über Twitter bis Instagram, überall setzt sich das Ich einer Öffentlichkeit aus, in der es sich im besten Licht zu zeigen und zugleich ganz es selbst sein soll. Es lernt, mit Technologien des Posertums umzugehen, die Gefallsucht, früher noch ein Untugend, wird zur zweiten Natur. Dass all diese Kanäle auch noch nach anderen Gesetzen funktionieren, macht die Sache nicht leichter – auf Twitter verkündest du deine Meinungen, ganz generell willst du dein interessantes Leben ausstellen, auf Instagram dein Glück usw. Der echte Könner ist auf allen Kanälen verlogen, aber in jedem Kanal auf andere Weise und wirkt dabei auch noch echt. Man ist gezwungen, das eigene Leben gleichsam zu kuratieren.

Seit nur der Hauch der Idee vom Individuum aufkam, bewegte es sich stets in diesem Spannungsverhältnis, ja, unauflösbaren Widerspruch: auf der einen Seite der Anspruch, aus seinem Selbst etwas zu machen, es zu vervollkommnen, an ihm zu arbeiten, was ja nichts anderes heißt, als es zu verändern, auf der anderen Seite die Forderung, sich von Konventionen nicht verbiegen zu lassen, das Eigene frei zu legen, keine Rollen zu spielen, das Wahre gegen das Falsche.
Die ganze Geschichte der Ich-Idee ist gewissermaßen ein bizarrer, aber immer rasanterer und absurderer Torlauf zwischen diesen Postulaten. Es waren die Eliten und die aristokratische Oberschicht, die mit dem begannen, was man heute Technologien des Selbst nennt. Sie führten Tugendtagebücher, entwarfen sich selbst, investierten viel Zeit in die Überlegungen, wer sie denn sein wollten. Dies natürlich immer in Hinblick auf ein öffentliches Bild, also auf den Blick anderer, was aber stets mit der Selbstbeobachtung begann. Von „Selbstbeziehung“ spricht der Berliner Kultursoziologe Wolfgang Engler in seinem Bändchen „Authentizität“, eine Selbstbeziehung, die mit der Frage Hand in Hand geht: „Wer bin ich?“ – „Wer will ich sein?“

Die „Verschwisterung von Narzissmus und Authentizität“ ist in der Selbstbeziehung schon angelegt.

Die nächste Revolte geschieht im Namen des Echten, oder, wie man bald auch sagt, des Natürlichen. Weg mit den Zwängen und Fremdzwängen! Marx‘ Entfremdungsbegriff postuliert unter anderem, dass das Subjekt seine Anlagen nicht entwickeln kann, wenn es eingespannt ist in die gesellschaftliche Apparatur. Rollen zu spielen gilt als Ausdruck der Entfremdung. Von Lebensreformern bis zu Hippies und 70er-Jahre-Rebellen will man das Ich befreien, emanzipieren, und diese Emanzipation wird sehr oft als Durchbruch des Echten, Authentischen definiert. Darin steckt freilich auch ein essentialistischer Begriff vom „Wesen des Menschen“, der bald wieder eine eigene linke Kritik an der linken Entfremdungskritik nach sich zieht, eine Kritik an der Kritik sozusagen. Dass es ein echtes Wesen des Menschen gäbe, ist ein romantisches Ideal, fasst die Philosophin Rahel Jaeggi diese Einwände zusammen: Rollen zu spielen ist keineswegs ein Indiz für Entfremdung, sondern selbstverständlich in komplexen Gesellschaften, wo man das Leben in konzentrischen Kreisen aus Nähe und Ferne, inmitten von Bekannten, Unbekannten, Freunden, im Berufsleben und in der Familie, hinter verschlossenen Türen und im Lichtkegel der Öffentlichkeit lebt. Nicht, dass wir Rollen spielen, ist das Problem – entscheidend ist, ob wir Autoren des Skripts sind. Wenngleich gewiss niemand alleiniger Autor seines Lebensvollzugs ist, so sollte er doch zumindest als „Co-Autor“ seiner selbst amtieren. Jaeggi: Unhaltbar ist die Behauptung, „dass wir durch Rollen überhaupt ,unserer selbst entfremdet’ sind“, sehr wohl aber sind wir es „manchmal in Rollen“.

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Dem Kult der Natürlichkeit kann das nichts anhaben, und wie jedes Motiv des Rebellischen wird auch der Authentizitäts-Imperativ sofort in den Mainstream eingespeist, kommerzialisiert, zur Anforderung, der sich das Ich ausgesetzt sieht. „Die Kunst, authentisch zu sein“ – Ratgeber mit Titeln wie diesen finden sich in jedem Erfolg & Karriere-Regal der Buchhandelsketten. „Als Forderung, sich selbst treu zu sein, die Kultivierung des eigenen Ich ganz in den Vordergrund zu stellen, wurde Authentizität zum moralischen Imperativ des modernen Lebens“, schreiben die kanadischen Autoren Andrew Potter und Joseph Heath in ihrem Buch „Konsumrebellen“.

Das Authentische verwandelt sich sogar in ein Marktprodukt. In der Künstlichkeit der Warenwelt werden bestimmte Waren als „natürlich“ und „authentisch“ gebrandet, um ihren Preis hoch zu treiben oder überhaupt erst einen Markt für sie zu schaffen. Noch mehr gilt das für Dienstleistungen, etwa im Tourismus. Überall wird nach Authentizitätsreserven gesucht, nach Resten des Ursprünglichen, die man vermarkten kann. Heute ist das so verbreitet und bekannt, dass man das Wort „ursprünglich“ kaum mehr naiv benutzen kann, „weshalb die neue Authentizitätsforderung unablässig in ironischer Distanz zu sich selbst formuliert werden“ muss, wie Luc Boltanksi und Eve Chiapello in ihrem monumentalen Werk „Der neue Geist des Kapitalismus“ schreiben.

George Orwell schrieb einmal über einen Autor, „es brauche schon eine Menge Mut, öffentlich so ein Stinktier zu sein“. Aber was heißt das genau? Negative Ich-Attribute oder auch nur solche, die nicht Gefallen finden, stelle man doch üblicherweise nicht aus. In dieser süffisanten Wendung steckt einer der vielen Kurzschlüsse des Authentischen. Man ist aufgefordert, sein wahres Selbst nicht nur zu entwickeln, sondern es für andere sichtbar zu entwickeln, aber natürlich bestimmen dann die anderen mit darüber, wie man selber ist. „An einem Selbstbild festzuhalten, das alle Welt zurückweist“ (Wolfgang Engler), muss man erst einmal schaffen – ganz abgesehen von der Frage, was daran erstrebenswert sein soll. Eine Welt, in der alles öffentlich ist, in der jeder gesehen und dem Urteil anderer ausgesetzt ist, wird beinahe zwangsläufig zu einer verlogenen Welt, was aber nur in einem zweiten Schritt dazu führt, dass die Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit und Echtheit größer wird. Sichtbar unauthentisch sein ist die größte Sünde, öffentlich authentisch sein das größte Risiko.

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