„Ein ganz brauchbarer Colporteur fremder Ideen“

Gestern erhielt ich in Berlin im Haus des deutschen Sparkassenverbandes den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft, einer Vereinigung progressiver Wirtschaftswissenschaftler des deutschsprachigen Raumes. Hier meine Dankesrede:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich darf Ihnen hier, unter uns, etwas verraten: Als ich die Nachricht erhielt, dass Sie mir den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft zuerkannt haben, habe ich mich sehr gefreut.

Gut, das mag jetzt nicht so überraschend sein. Aber ich meine wirklich gefreut. Also mehr gefreut als gefreut.

Und zwar aus folgendem Grund:

Ich bin seit mittlerweile 30 Jahren Journalist, und ja, im Laufe der Jahre verändert sich so ein wenig das Berufsbild, also ich bin Journalist und Autor und Vortragsreisender und so weiter, aber im Grunde bin ich doch primär oder zumindest ursprünglich „politischer Journalist“. Für diese gibt es ja eine Reihe von Journalistenpreisen, von denen ich schon ein paar erhalten habe.

Aber über zwei Preise habe ich mich doch besonders gefreut:

Da ist einmal der Österreichische Staatspreis für Kulturpublizist, die höchste Auszeichnung für literarische Essayistik.

Und nun der Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft.

Der eine, sagen wir grob, für kulturtheoretische Essayistik, Betrachtungen über unsere Gegenwart, den Zeitgeist, die Geschichte und Gegenwart von Ideen, aber auch über den Alltag, über Lebensstile, über Werte auch, die sich in das Leben hineinfressen. Ein bisschen dafür: Seismograf für das Leben zu sein.

Und der andere, ebenso grob gesagt, für makroökonomische Publizistik.

Als politischer Autor hat man mit solchen Preisen nicht unbedingt zu rechnen. Und als Generalist kann ich für mich nicht beanspruchen, ein Fachexperte Sensu Strictu in einem dieser Felder zu sein.

Aber als Autor, der die Gegenwart verstehen und darstellen will, musst du, auch als Generalist, dir ein gewissen Fachwissen in den verschiedensten Feldern aneignen. Und das war immer mein Antrieb. Und Preise in den unterschiedlichen Feldern sind dann eben eine Anerkennung dafür, dass das offensichtlich nicht ganz schlecht gelungen ist.

Zwei Dinge sind es, von denen ich überzeugt bin: Die Dinge sind komplex, sie sind kompliziert. Denn alles hängt mit allem zusammen. Ich kann nicht politischer Journalist sein und nur über die Machtmechanik schreiben, wer jetzt wieder gegen wen in der SPD oder in der CDU und warum die jetzt wieder in der Krise sind oder jene.

Sondern ich brauche ein Verständnis der tieferen Prozesse, die dahinter liegen: Auflösung klassischer Milieus, etwa die Entwicklung einer Gesellschaft des Hyperindividualismus, in der jeder das Gefühl hat, am Ende steht man alleine da – Entsolidarisierung! -, eine Erfolgskultur, die alle nur im Hamsterrad rennen lässt und die keine kollektiven Quellen mehr für Stolz kennt sondern nur mehr individuelle – oder sagen wir genauer: die diese kollektiven Quellen für Stolz immer mehr unterminiert.

Beschämungen und Abwertungen, etwa der unteren Mittelschicht und der Arbeiterklasse, das was Richard Sennett schon vor 40 Jahren die „hidden Injuries of Class“ genannt hat, die verborenen Verletzungen in Klassengesellschaften.

Zweitens:
Aber ich kann diese Prozesse auch nicht verstehen ohne zu verstehen, wie es kommt, dass sich Angst in unsere Gesellschaften hineinfrisst, und das ist auch nicht zu verstehen ohne einen Begriff für die Veränderung von ökonomischen Arrangements. Ich kann nicht einfach sagen: Gesellschaften mit mehr ökonomischer Sicherheit werden besser funktionieren. Ich kann nicht einfach behaupten: Gesellschaften mit mehr ökonomischer Gleichheit werden nicht nur zu mehr sozialer Kohäsion führen, sie werden auch zu mehr ökonomischem Wachstum und mehr Prosperität führen. Ich kann auch nicht einfach behaupten, dass ein ausgebauter Sozialstaat ökonomische Instabilitäten abfedert, dass er nicht nur individuelle Risiken minimiert, sondern auch makroökonomische Risiken. Dass er auch zu höherer Produktivität beiträgt. USW. Dass er also nicht etwas ist, was wir uns nicht leisten können – sondern etwas, was wir uns NICHT NICHT leisten können.

Ich kann das alles nicht einfach behaupten. Ich muss das auch beweisen oder zumindest mit belastbaren Argumenten untermauern.

Deswegen habe ich viele Jahre meines Lebens auch ökonomische Fachliteratur gelesen.

Lassen Sie mich noch etwas anderes hinzu fügen: Als Autor hat man eine Verpflichtung, jedenfalls so sehe ich das, seinem Publikum gegenüber. Nämlich komplexe Sachverhalte zu erklären und zwar so, dass man sie als interessierter Laie verstehen kann.

Nun ist gerade der ökonomische Diskurs ein Fachdiskurs und oft auch geprägt von Begriffscholastik. Man kann auch sagen: Einer Herrschaftssprache. Einer Herrschaftssprache, die normalen Menschen schon signalisiert. Da kannst du nicht mitreden. Eigentlich kannst du nicht einmal zuhören, denn Du wirst kein Wort verstehen.

Auch damit habe ich recht viel Zeit verbracht, eine solche Übersetzungsleistung zu erbringen. In meiner Publizistik in Tages- und Wochenzeitungen, in Videos, aber auch in anderen Formen. Volkshochschulkursen mit dem Titel „Erklär mir die Finanzkrise“, aus denen dann auch ein Buch hervor gegangen ist.

Victor Adler sagte einmal, er sei ganz ungeeignet für eigenständige die theoretische Arbeit aber „ein ganz brauchbarer Colporteur fremder Ideen“. Ich fand das immer etwas Schönes, Vorbildliches, beziehungsweise, ich finde es nicht als Kritik, wenn jemand sagt, so viele eigene bahnbrechende Ideen hätte ich noch nicht gehabt. Nö, fremde Ideen so darzustellen, dass hunderttausend normale Laien sie verstehen können, halte ich für ein ausreichend ambitioniertes Ziel. Es war ja einmal ein hehres Ziel, das man mit dem Begriff der Volksbildung umschrieb.

Ein Letztes:

Ich habe oben angedeutet, wie ein ökonomisches Prosperitätsmodell, das Ungleichheiten wachsen lässt und die Sicherheitsbedürfnisse breiter Bevölkerungsteile erodieren lässt, das auch das Gefühl des Fortschritts, dass es vorwärts geht, zersetzt und zu Krisenstimmung führt, wie ein solches Prosperitätsmodell eine Angstkultur etabliert und eine Politik der Angst begünstigt. Eine Politik des autoritären Nationalismus auch.

Das Land, aus dem ich komme, ist jetzt, nach Ungarn, nach Polen, gemeinsam mit Italien ein weiteres Land innerhalb der EU, das im Griff dieses autoritären Nationalismus ist. In dem Rechtspopulisten mit Rechtsradikalen koalieren, wo von der Regierungsbank mit permanenten Kampagnen regiert wird, mit Kampagnen gegen die Opposition aber auch gegen die kritische Zivilgesellschaft und auch gegen kritische Stimmen aus Journalismus und Publizistik. In dem, mit der „liberalen Demokratie“ auch der Pluralismus ins Visier gerät. In dem kritische Stimmen nicht mehr bloß oppositionelle Stimmen sind, sondern wieder dissidente Stimmen, die mundtot gemacht werden sollen, oder zumindest verächtlich gemacht, lächerlich gemacht, aus dem Diskurs verdrängt werden sollen.

Auch deshalb danke ich Ihnen für diesen Preis.

Er ist nicht nur eine Anerkennung, über die ich mich freue, er ist in dieser Lage auch eine Unterstützung und Rückendeckung, und von der können wir im Augenblick nicht zuviel bekommen.

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