Von Unsicherheit befallen – das neue Proletariat

Veronika Bohrn Mena hat einen packenden Report über „Menschen in prekären Verhältnissen“ geschrieben. Vergangenen Dienstag hat sie ihr Buch im Kreisky Forum vorgestellt.

Erkan trägt eine Jacke mit dem Posthorn darauf und einen Polo mit dem Post-Logo – er ist offensichtlich als Post-Mitarbeiter erkennbar. Aber rechtlich gesehen ist Ercan ein Selbständiger. Er fährt Pakete für die Post aus, hat keinen Einfluss auf seine Tagesgestaltung, um vier Uhr morgens muss er aus dem Bett, um in einer stinkenden Lagerhalle Pakete zu sortieren – letztendlich unbezahlt. Denn bezahlt wird der „Unternehmer“ Erkan nur pro zugestelltes Paket. 45 Cent erhält er für jedes Päckchen, das er zum Adressaten bringt. 120 Pakete liefert er pro Tag aus – sechs Mal die Woche. Er hat keine Freizeit, kein Leben, der Rücken tut ihm weh. 400 Euro macht er wöchentlich – brutto. Steuern und Sozialversicherungen muss er selbst zahlen, dazu kommen Abzüge vom Auftraggeber. Sogar für das digitale Gerät, mit der die Strichcodes gescannt werden, muss er „Miete“ zahlen – 80 Euro monatlich.

„Die neue ArbeiterInnenklasse – Menschen in prekären Verhältnissen“, heißt das Buch von Veronika Bohrn Mena, in dem sie Menschen wie Erkan porträtiert. Menschen, die in Prekarität leben, also von Unsicherheit befallen sind. Sei es, weil sie atypisch beschäftigt sind, als freie Dienstnehmer, Werkvertragsnehmer, sei es, weil sie in Teilzeit gefangen sind und damit schlecht verdienen und später einmal eine Mini-Pension erhalten, sei es, weil sie als Leiharbeiter in instabilen Verhältnissen arbeiten. Die Figuren, die so etwas wie Prototypen sind, die im Buch porträtiert sind: Manuel, der geprellte Praktikant. Claudia und Insko, ausgeliehen und ausgebeutet. Sabine, die seit Jahren wider Willen in Teilzeit gefangen ist. Berat und Ayaz, die knochenhart anpacken, um Kunden ihre Einkäufe zu liefern. Wissenschaftlerinnen, die sich von Befristung zu Befristung hangeln.

Hier die Veranstaltung zum Nachhören:

Präkarität und instabile Beschäftigung haben viele Gesichter und Geschichten. Längst sind sie keine Randerscheinung mehr. Je nachdem, wie man zählt, kommt man auf rund ein Drittel der Erwerbsbevölkerung, also auf etwas mehr als eine Million Menschen. Von den rund eine Million neu aufgenommenen Beschäftigungsverhältnissen im Jahr 2010 wurden rund 78 Prozent innerhalb von zwei Jahren wieder beendet. Die atypische Beschäftigung nahm seit 2008 um 29 Prozent zu. Rund 47 Prozent der Frauen sind teilzeitbeschäftigt – ein Großteil eher unfreiwillig.

Befallen sind die Kreativen in Journalismus und Design genauso wie die Schweißer in der Industrie, die nur bei Leiharbeitsfirmen unter kommen, die vielen Frauen im Pflegebereich und in den psychosozialen Diensten genauso wie Erntehelfer in der Landwirtschaft, viele Menschen in der Gastronomie, das gesamte Dienstleistungsproletariat von Paketdiensten bis zu Supermärkten. Arbeitszeitregelungen gelten für sie entweder ohnehin nicht, oder sie werden ignoriert – oder ohnehin „flexibilisiert“, sodass die 12 Stunden, die manche vorher schon arbeiteten, jetzt legal sind, und damit auch angeordnet werden können.

Veronika Bohrn Mena schilderte eindrucksvoll, was all das mit Betroffenen macht, wie ein Arbeitsmarkt, der so etwas zu lässt, für alle nur mehr die Angst parat hält (die Angst nämlich, ebenfalls in die Zone der Instabilität zu fallen), was es für die Einkommensstruktur einer Gesellschaft bedeutet, wenn ein Drittel in Stagnation oder Abstieg befallen ist.

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