Die ganze Welt als Feind – warum sich Sebastian Kurz echt als Opfer sieht.

In den vergangenen Wochen sind eine Reihe von Chefredakteuren und führenden Journalisten, die Sebastian Kurz äußerst gewogen waren, zu ihm auf Distanz gegangen. Die Gründe dafür, sofern sie ausgesprochen oder angedeutet wurden, scheinen immer die gleichen zu sein.

Da ist seine Dünnhäutigkeit, seine prinzessinnenhafte schnelle Beleidigtheit, kombinidert mit seinen autoritären Anwandlungen, also die Welt manichäisch in bedingungslose Freunde und Feinde unterscheiden zu müssen (Feinde, die dann mit allen Mitteln bekämpft werden). Kurzum: seine charakterliche Ungeeignetheit für ein hohes Amt. Seine penetrante Art, sich als Opfer wahrzunehmen, mag also primär Wahltaktik sein, aber sie ist es nicht alleine: Er sieht sich tatsächlich als Opfer. Es gibt da etwas, das einem immer wieder an Kurz auffällt, gerade dann, wenn die Maske fällt: Seine Larmoyanz.

Die schauspielerischen Fähigkeiten von Kurz und die Professionalität seiner Truppe haben das nur sehr stark verdeckt. Tatsächlich ist Kurz ja wirklich talentiert darin, vollkommen einstudierte Dinge zu sagen und dabei dennoch authentisch zu wirken. Aber gelegentlich geht der „echte Kurz“ mit ihm durch. Gestern habe ich hier ein Beispiel angeführt, ich bringe hier noch einmal die Originalquelle: Jener Kurz, der tatsächlich glaubt, dass er sich für uns opfert und das auch noch für ein Taschengeld, nämlich die Peanuts von 331.000 Euro jährlich. Falls wer die Originalquelle lesen mag – hier ein Ausschnitt aus dem „profil“ vom Juni.

In meinem Buch „Herrschaft der Niedertracht“, in dem ich in einem ganzen Kapitel Sebastian Kurz porträtiere („Der Mann mit dem gewissen Nichts“), habe ich über diese Seite von Sebastian Kurz – nämlich dem, der sich permanent und offenbar authentisch empfunden – immer „als Opfer“ sieht, folgendes geschrieben:

Bei den allermeisten Menschen, auch bei jenen, die im Lichtkegel der Öffentlichkeit stehen und verständlicherweise versuchen, ihr öffentliches Bild unter Kontrolle zu halten, kann man dennoch Spuren des Authentischen und echter Emotionen aufstöbern, wenn man sich nur lange genug durch das Material wühlt, wenn man Interviews ausführlich liest oder Selbstzeugnisse auf verräterische Stellen des Echten abklopft. Bei Sebastian Kurz ist man mit dieser Methode aber auf der Verliererstraße – beinahe. Aber eines springt dann irgendwann dann doch ins Auge, wenn man sich mit seiner Person beschäftigt.

Da ist eine bemerkenswerte Larmoyanz, die Behauptung, er habe es im Leben schwer gehabt. Allen Ernstes sagte er immer wieder in Interviews: „Ich habe härtere Phasen erlebt, als die meisten anderen in der Politik. Als ich mit nur 24 Jahren Staatssekretär wurde, war der Gegenwind so stark, dass es für mein Team, für meine Familie und für mich eine wirklich furchtbar schwierige Zeit war.“ Manche Leute, sogar in der eigenen Partei, hätten ihn gemieden. Kurz erzählt diese Geschichte so oft und stets mit dem Gefühl tiefer Gekränktheit, so dass man annehmen kann, dass er das in seiner Selbstbezogenheit tatsächlich so meint. Aber das muss man sich einmal vorstellen: Da wird jemand mit 24 Jahren Staatssekretär, also Regierungsmitglied, erhält einen Job, von dem die allermeisten Leute seiner Generation nur träumen können, eine Stelle, die mit hohem Sozialprestige verbunden und mit einem Salär von rund 15.000 Euro monatlich vergütet ist – und bringt gerade das als Exempel dafür, es im Leben nicht leicht gehabt zu haben.

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Nun kann natürlich auch so ein Aufstieg seine negativen Begleiterscheinungen haben, gerade wenn man, wie Kurz behauptet, dann im Feuer höhnischer Schlagzeilen steht. Auch der Autor dieser Zeilen lästerte 2011 über den neuen „Staatssekretär für Schnöselangelegenheiten“, darüber, dass „ein völlig Ahnungsloser, der in seinem Leben noch nichts Erkennbares geleistet hat, ein solch ein wichtiges Ressort“ anvertraut bekommt. Bloß: Innerhalb von einer Woche drehte sich damals der Wind. Sebastian Kurz stellte sich in der wichtigsten Nachrichtensendung des Landes, der „Zeit in Bild 2“ den harten Fragen des Anchorman Armin Wolf, machte eine hervorragende Figur, und die kritischen Stimmen verstummten schnell. Ich weiß zufällig ziemlich genau wovon ich spreche, denn ich war es, der Kurz damals aus der Schusslinie nahm. Eine Woche nach meinem kritischen Kommentar schrieb ich „Habe ich Ihnen Unrecht getan, Herr Kurz?“, räumte ein, einen Fehler gemacht zu haben, rühmte den jungen Mann dafür, „weitgehend vernünftiges Zeug zum Thema Immigration und Integration gesagt, und das auch noch eloquent auszudrücken vermocht“ zu haben, und resümierte: „Damit hat er den meisten anderen seiner Berufs- und Parteikollegen ordentlich etwas voraus.“ Fazit: „Das, was man in der vergangenen Woche vom Sebastian Kurz gehört hat, war das Vernünftigste, was man seit langer, langer Zeit von einem ÖVP-Regierungsmitglied zu diesen Fragen gehört hat.“

Mit diesem Kommentar war das höhnische Gerede über den jungen überforderten 24jährigen in der österreichischen Medienlandschaft zu Ende. Das heißt aber auch: Was Kurz bis heute andauernd im larmoyantem Gejammer als traumatisierendes Erlebnis, als Beweis dafür anführt, es im Leben schwer gehabt zu haben, waren ein paar schnippische und kritische mediale Begleitnotizen zu seinem Amtsantritt, die gerade einmal eine knappe Woche andauernden und dann ein schnelles, jähes Ende fanden. Wie wenig muss man vom echten Leben und dessen Problemen berührt worden sein, um das schon als schwere Phase, als „eine furchtbare Zeit“ (ja, so nennt er das wirklich!) zu bezeichnen?

Ein Gedanke zu „Die ganze Welt als Feind – warum sich Sebastian Kurz echt als Opfer sieht.“

  1. es ist leicht in ruhigen gewässern zu segeln. jetzt hat sich der wind gedreht und er muß einen neuen kurs wählen. herr kurz ist mir eigentlich egal, ich erwarte mir von einem ca. 30jährigen nicht eine schwierige zeit, vieles ist im umbruch, zu meistern. was mich entsetzt ist, was das über seine partei aussagt. wie unterdrückt muß man sich fühlen, wie wenig zukunfstorientierte lösungen muß man haben um sich so einem oberflächlichem werbekonstrukt bedingungslos unterzuordnen. herr kurz ist ein politisches talent aber er ist nur der besen. wo ist sein meister?

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