Rechtsextremismus gemildert durch Vertrotteltheit

Österreich ist das Heimatland des Pfusches und der Schlamperei. Zumindest das aber hat seine positiven Seiten. Es gibt zwar Regeln, aber die muss man doch nicht zu streng auslegen. Irgendwo gibt es immer ein österreichisches Hintertürl. Ein Lob der Schlampigkeit.

Der Victor Adler hat ja einmal gesagt, bei einer Tagung der Sozialistischen Internationale 1890, also da war alles versammelt was Rang und Namen hatte, ich glaub sogar der Friedrich Engels noch, und der Kautsky, und der Bebel, und da hat er gesagt: In Österreich herrscht Despotismus, aber gemildert durch Schlamperei. Und wenn der im Knast gesessen ist, das war halt Karzer, aber, so streng haben das die Wärter nicht gesehen. Da hat er lesen dürfen, seine Frau hat jeden Tag Strudel vorbei gebracht, es war eher so eine WG im Gefangenenhaus, und der Adler hat dafür dem Sohn vom Wärter Nachhilfeunterricht gegeben, und wenn mal jemand vorbei gekommen ist, kontrollieren, ob eh alle strengen Auflagen erfüllt sind haben sich die Besucher in der Wohnung vom Wärter versteckt.

So ist das halt in Österreich. Eh viel zu selten heutzutage. Heutzutage haben wir allenfalls Rechtsextremismus gemildert durch Vertrotteltheit. Dessen Protagonisten ist sogar zum Stehlen zu blöd. Das gibt ihnen zugleich eine menschliche Note.

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Aber zurück zum österreichischen Pfusch: ist der denn so schlecht? Dieses: Ja, wir haben Regeln. Aber man muss sich doch nicht zu streng und sklavisch an sie halten. Dieses schlamperte, das hat ja auch ein Element des Vertrauens. Wenn man sich wechselseitig misstraut, dann ist gut, dass man für alles Regeln hat und sich an die Regeln sklavisch hält. Aber wenn man sich vertraut, kann man auch von den Regeln abgehen. Also, das Missachten der Regeln in Österreich ist ja meist auch eine Folge von etwas Gutem: Von Vertrauen. Mir wern kan Richter brauchen.

Früher hatten wir Despotie gemildert durch Schlamperei. Heutzutage haben wir allenfalls Rechtsextremismus gemildert durch Vertrotteltheit. Dessen Protagonisten sind sogar zum Stehlen zu blöd. Das gibt ihnen zugleich eine menschliche Note.

Hugo von Hofmannsthal entwarf einmal sogar ein grobes Schema das die Deutschen, also die Preußen, von den Österreichern unterschied. Deutscher: Handelt nach Vorschrift. Österreicher: Handelt nach Schicklichkeit. Deutscher: Unfähig sich in andere hineinzudenken. Österreicher: Hineindenken in andere bis zur Charakterlosigkeit.

Natürlich kommt da auch die österreichische Konfliktscheue zum Ausdruck. Widersprechen und eine abweichende Meinung kundtun, das tut man bei uns doch nicht so. Das ist sehr unösterreichisch. Die Brigitte Ederer hat mir mal, da war sie noch Siemens-Vorstand in Deutschland, gesagt: „Die Deutschen sind besser darin, einen Prozess konsequent abzuarbeiten, sie sind da disziplinierter. Die Österreicher sind aber besser darin, zu improvisieren, sobald die Dinge nicht wie geplant klappen.“

Und damit werden Dinge möglich, die natürlich nie möglich würden, wenn man auf Perfektionismus versessen wäre. Sie kennen ja die Leute, die perfekte Dissertationen abgeben wollen, also Masterarbeiten, oder perfekte Bücher, perfekte irgendwas. Das sind die Lebensuntüchtigen, die dann nie mit etwas fertig werden.

Das sind die Literaten ohne Werk. Wohingegen das schlamperte „das passt schon“ eben vieles möglich macht.

Kennens eh den Witz aus den 60er Jahren? Wirtschaftswunder hats ja eigentlich nur in Österreich gegeben. Weil die Deutschen haben ja wirklich gearbeitet.
Soll heißen: Mit Fleiß und Anstrengung und viel Arbeit und strenger Regelbeachtung ist es natürlich leicht was voran zu bringen. Also leicht und schwer zugleich. Aber das eigentliche Mirakel, das österreichische Wunder, besteht ja darin, ohne viel Anstrengung das Gleiche hinzukriegen. Dieses Provisorische, dieses Auslegen der Regeln so, dass sie schon keine übertrieben rigiden Auswirkungen haben, das hat natürlich, ich weiß das schon, nicht nur seine guten Seiten.

Es macht jeden, der die Macht hat, die Strenge oder Nichtstrenge der Regelauslegung zu bestimmen, zum kleinen Diktator, der über Wohl oder Wehe entscheidet, der kleine Amtsrat mit dem Damoklesschwert in der Hand. Der dich retten, aber auch vernichten kann. Und es macht den Bürger zum Bittsteller, zum kleinen Wicht, der sich duckt, und der schleimt.

Gehen‘s bitte, Herr Inspektor, können‘s nicht eine Ausnahme machen? Gehns bitte, Frau Amtsrätin, da gibt‘s doch sicher noch eine andere Möglichkeit. Gibt‘s da nicht einen Ausweg? Oder ein Hintertürl? Das österreichische Hintertürl, wie das die Kollegin Anja Melzer mal genannt hat.

Und noch eine negative Seite. Noch eine Seite, des Schlechten im Guten: Es setzt, um gute Wirkungen zu erzielen, kulturelle Nähe voraus. Man muss sich ähnlich sein, wenn man fremd ist, hat man in so einer Kultur keine Chance. Im Gegenteil, gegenüber Fremden schlägt die Freundlichkeit der österreichischen Schlampigkeit in die Bestialität und Gemeinheit um. Weil wir können die unnötigsten Regelungen sanfter auslegen, aber wir können sie natürlich auch gemeiner, brutaler, böser auslegen. Wir können auch anders. Sie werden sich noch wundern, was alles geht. Eigentlich auch ein sehr österreichischer Satz.

Wir können so, aber wir können auch anders. Wir können sanft, aber wir können auch bestialisch. Können wir. Und wir machen‘s auch, weil wir‘s können. Und sie können nie wissen, ob wir im nächsten Moment sanft oder bestialisch sind. Deswegen bin ich nicht nur für Schlampigkeit. Kein blinder Freund der Schlamperei und Regelvergessenheit. Aber Schlampigkeit, gemildert durch Humanität, das ist mir eigentlich schon lieber als diese papierene Regelversessenheit.

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