Sebastian Kurz und die Medien – eine Entfremdung

Vor zwei Jahren waren Österreichs Medien noch eine einzige Sebastian-Kurz-Fankurve. Jetzt ist das Urteil der Branche: Gefährlicher Hasardeur, der dauerbeleidigt, aggressiv, mit Hang zum Autoritären ist. Aber wird sich das auch auf die Stimmung im Land auswirken?

Welche Rolle Journalisten als Meinungsmacher spielen, darüber kann man diskutieren. Der oder die jeweilige Einzelne hat sowieso keinen großen Einfluss über den Kreis derer hinaus, die ohnehin schon so in etwa mit ihnen überein stimmen. Aber was, wenn ein großer Teil der meinungsbildenden Journalisten und Journalistinnen eine Meinung teilen, sodass eine allgemein anerkannte Meinung in den Medien entsteht? Also, wenn in der medialen Welt so etwas wie annäherndes Einheitsdenken herrscht? Wie groß ist dann der Einfluss auf die Deutungen, die sich in einer Gesellschaft durchsetzen? Man würde annehmen, dass der Einfluss in diesem Fall groß ist – aber auch das muss nicht immer sein.

Bei den Wahlen 2017 und in ihrem Vorfeld war die österreichische Medienlandschaft im Grunde eine große Sebastian-Kurz-Fankurve. Er wurde allgemein mit Begriffen wie „Jahrhunderttalent“, „jung“, „gegen den Stillstand“, „mutig“, „entschlossen“ verbunden, und was vielleicht auch noch wichtiger ist, er wurde als „erfolgreich“ angesehen, als der, der einfach gewinnen wird. Und beim Sieger will man doch einfach dabei sein. Das traf sich mit einer allgemeinen Stimmung in der Bevölkerung und wurde durch die perfekte Wahlkampagne von Sebastian Kurz unterstrichen, die praktisch vom Tag des Rücktrittes Reinhold Mitterlehners fehlerfrei lief.

Neuerdings ist aber etwas Seltsames passiert. Wichtige Teile des meinungsbildenden Journalismus, auch in der Breite, sind dramatisch von Sebastian Kurz abgerückt.

Klar, früher gab es auch dissidente Gegenstimmen, von Hans Rauscher im „Standard“ bis Florian Klenk und Armin Thurnher im „Falter“, aber die Phalanx der Branche stand geschlossen hinter Kurz und die Bürger und Bürgerinnen konnten daher den Eindruck haben, dass er einfach der Beste sei – schließlich wurde dieses Urteil ja im Zentrum der politischen Öffentlichkeit kaum merkbar angezweifelt. Aber jetzt ist das sehr anders.

Hubert Patterer, Chefredakteur der Kleinen Zeitung, schreibt etwa: „Kurz ist das Gegenteil von unbekümmert und schmerzbefreit. Er will in jeder Sekunde wissen, wer ihn liebt und wer ihn ablehnt (‚wieso mögt ihr mich nicht‘). (…) Das hat mitunter Züge von Obsession. Schon die kleinsten Abweichungen vom Selbstbild lösen in ihm eine Unruhe aus. (…) das kann man autoritär nennen oder leicht unsouverän. Tendenziell neige ich Letzterem zu.“

Helmut Brandstätter, der ehemalige Herausgeber und Chefredakteur des Kurier, hat in seinem Buch öffentlich gemacht, welche Nachstellungen das Freund/Feind-Denken der Kurz-Truppe auslösen kann – gewissermaßen den Vernichtungswillen gegenüber allen, die sich nicht ihrer Macht unterwerfen. Brandstätter spricht von einem „Klima der Angst“, das Kurz und seine Garde verbreiteten.

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Selbst der „Kronen-Zeitung“ geht Kurz dauernde Opferrolle schon auf die Nerven: „Warum machen gerade die Türkisen auf eine Internetseite, die sonst nie jemand gefunden, geschweige denn gelesen hätte, aufmerksam? Hat Sebastian Kurz nach mehreren Pannen die Opferrolle schon so nötig?“

Der letzte Podcast des „profil“ wurde überhaupt zu einer Art Abrechnung mit Kurz. Christian Rainer, der „profil“-Herausgeber, und die Innenpolitikchefin Eva Linsinger, attestieren den Kurz-Leuten Dilettantissmus. Wenn sie nicht einen klaren Plan minutiös abarbeiten können, geraten sie offenbar sofort ins Stolpern, so Linsinger: „Man fragt sich, was die tun, wenn sie mit einer richtigen Krise konfrontiert sind“. Christian Rainer bescheinigt Kurz dauernde Beleidigtheit, die in Aggression umschlage: „Aggressive Larmoyanz“, nennt Rainer das. Hinzu komme „Hybris“. Viel deutlicher kann man nicht machen, dass einer für hohe Staatsämter charakterlich ungeeignet ist. Was umso Spektakulärer ist, als Rainer und Kurz ja wirklich befreundet waren, gemeinsam in die Berge gingen.

Ich könnte noch einige weitere Beispiele aus der jüngsten Zeit nennen. Klar, es gibt noch ein paar Nester der Basti-Anbetungsliga – aber es wird langsam peinlich, dazu zu gehören. Wer will schon bei einem Verein sein, zu dem nur mehr ultratürkise Jubeljournalisten und Schrullis gehören? Am Boulevard trommelt „Österreich“ für ihn, aber das hat wenig mit Zuneigung, viel mit Berechnung zu tun. Die Berichterstattung der „Krone“ ist gespalten. In der „Presse“ will man sich besser nicht deklarieren, aber ungetrübte Freundschaft dürfte das auch nicht mehr sein, was, aus Sicht von Kurz heißt, der ja nur in Freund-Feind-Kategorien denken kann: Dass auch die „Presse“ im Feindeslager ist. Von den Bundesländerzeitungen weht Kurz sowieso nur mehr kritischer Wind ins Gesicht. Und hinter vorgehaltener Hand erzählt einem praktisch jeder mittlerweile, welch schlechten Eindruck der jeweilige Gesprächspartner von Sebastian Kurz hat.

„Dass Kurz abhob, mit der Situation nicht umgehen kann, gefährlich autoritäre Züge des Beleidigten aufweist, ein verantwortungsloser Hasardeur ohne gefestigte demokratische Grundsätze, also kurzum, eine riesengroße Enttäuschung ist, ist mittlerweile die von der Mehrheit der österreichischen Journalistinnen und Journalisten geteilte Meinung.“

Dass Kurz abhob, mit der Situation nicht umgehen kann, gefährlich autoritäre Züge des Beleidigten aufweist, ein verantwortungsloser Hasardeur ohne gefestigte demokratische Grundsätze, also kurzum, eine riesengroße Enttäuschung ist, ist mittlerweile die von der Mehrheit der österreichischen Journalistinnen und Journalisten geteilte Meinung. Anders als 2017 ist diese Meinung aber nicht identisch mit dem allgemeinen, durchschnittlichen Meinungsbild der Bürgerinnen und Bürger. Und damit komme ich zurück zum Beginn.

Wird die mehrheitliche Auffassung des meinungsbildenden Journalismus so weit durchsickern, dass sie das vorherrschende Meinungsbild über Kurz prägen wird? Oder wird das nicht geschehen, weil sich letztlich die Menschen durch so etwas viel weniger beeinflussen lassen als man glaubt? Oder nicht so schnell? Oder sind wir einfach in einer anderen Welt, wo die „gängigen Interpretationen“ nicht mehr automatisch zur „vorherrschenden Interpretation“ werden, weil „soziale Medien“, die Eigenkommunikation der Politiker über diverse Kanäle viel bedeutender geworden sind? Oder zählt, im Gegenteil, wie in demokratischen Urzeiten letztlich die Mobilisierungsstärke der Parteien sowieso mehr, also auch die Möglichkeit, im direkten Kontakt die Menschen für sich zu gewinnen? Reicht für Kurz in seiner gegenwärtigen Situation, in der er zwar die Unterstützung der meisten seiner medialen Fürsprecher jenseits des Boulevard verloren hat, aber immer noch populär ist, einfach die Kombination aus Facebook, „Krone“ und „Österreich“ aus? Das weiß man nicht.

Aber was man weiß ist: Der Gegenwind für Kurz ist beachtlich rauer geworden.

Ein Gedanke zu „Sebastian Kurz und die Medien – eine Entfremdung“

  1. Treffende Analyse. Die „Hochzeiten“ von Kurz sind vorbei. Es wird sich zeigen, wie er weiter mit der Lage umgeht, ob vl. doch noch inkriminierendes Material gegen ihn an die Öffentlichkeit gelangt, was bei und nach der Wahl geschieht. Was ich mich aber v.A. frage: Wenn der Stern vollkommen sinkt – was macht die ÖVP dann? Man hat sich Kurz komplett ausgeliefert (Durchgriffsrechte etc.) und alles auf ihn gesetzt. Wenn er weg ist/muss, wer soll dann folgen??

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