Ein paar Gedanken zur Causa Chorherr

Hätten die Bauträger nicht für arme Kinder in Afrika gespendet, sondern monatlich 49.900 Euro klandestin in Parteikassen überwiesen, wäre offenbar alles okay – jedenfalls wenn man die Maßstäbe jener Parteien anlegt, die sich jetzt über den Grünen Ex-Planungssprecher echauffieren.

Christoph Chorherr wird gerade durch die mediale Manege gezogen, und alle seine bisherigen Wegbegleiter ziehen den Kopf ein, betreiben Planungssprecherweglegung. Einen schweren Fehler habe er gemacht, er sei jetzt eh ausgetreten aus der Partei, am besten nichts mehr zu tun haben mit dem Mann, der vor einem Jahr noch einer war, auf dessen Leistungen man stolz war – das ist jetzt die „Verteidigungslinie“. Ich kann das alles nachvollziehen, mitten in einem Wahlkampf, wo man weiß, der Anschein von etwas Unsauberen reicht schon, den Anschein kriegst du sowieso nicht weg, auch wenn der Anschein, und wäre er auch noch so absurd, mit der Realität nichts zu tun hat. Verständlich finde ich das, ich finde es aber zugleich auch ein bisschen feig und schäbig. Aber gut, ich hab leicht reden, ich muss nicht am Sonntag ein gutes Wahlergebnis einfahren.

Zunächst kann man sagen: Was genau soll Christoph Chorherr Schlimmes gemacht haben? Auch Immobilienentwickler haben für ein Projekt gespendet, mit dem Chorherr und andere in Südafrika Schulen für arme Kinder entwickelt haben. Mit manchen dieser Immobilienentwickler hat Chorherr als Politiker zu tun gehabt und er musste auch mitentscheiden über Projekte, die diesen Immoblienentwicklern Vorteile verschaffen. Natürlich hat er sich damit in eine Grauzone begeben, die ihm wahrscheinlich gar nicht aufgefallen ist. Natürlich ist vorstellbar, dass der eine oder andere Entwickler gespendet hat mit dem Hintergedanken: „Kann ja nicht schaden, wenn der mich für einen guten Menschen hält.“ Aber nicht mal das muss sein. Dass man mit Bau-Leuten zu tun hat, wenn man eine Schule baut, ist ja jetzt auch nicht so überraschend.

Diese Grauzonenhaftigkeit ist schwer bestreitbar, aber sagen wir es offen: Hätten die selben Immobilienentwickler jedes Monat 49.900 Euro am Rechnungshof vorbei in die Parteikasse der Grünen gespendet, statt für ein Hilfsprojekt in Afrika, dann wäre ja offenbar alles okay – jedenfalls wenn man die Maßstäbe jener Parteien anlegt, die sich jetzt über Chorherr echauffieren. Daran sieht man schon, wie absurd die Vorwürfe eigentlich sind. Die ÖVP hat Parteispenden von Leuten angenommen, und danach saßen diese Leute oder deren Töchter in Aufsichtsräten. Warum wird eigentlich gegen Sebastian Kurz nicht ermittelt? Der Anfangsverdacht, wie das in diesen Fällen dann immer heißt, ist ja wohl tausend mal klarer als bei Chorherr.

Aber in einer Grauzone hat sich Chorherr sicherlich bewegt. Und, ja, vielleicht ohne es zu merken. Weil es gar nicht wirklich möglich ist, sich nicht in solchen Grauzonen zu bewegen, wenn du als Politiker etwas bewegen willst. Chorherr war rund ein viertel Jahrhundert in der Stadtplanung aktiv. Wer ihn kennt, weiß, dass er mit viel Elan und großen Kinderaugen und Begeisterungsfähigkeit unterwegs ist. Als Planungspolitiker hebst du ja nicht nur am Ende eines Prozesses dein Händchen zum Ja oder Nein, du versuchst die Projekte ja schon im Vorfeld zu beeinflussen. Bauträger von einer genialen Idee zu überzeugen; Investoren dafür zu begeistern, Neubauten so zu errichten, dass auch öffentliche Räume entstehen, Begegnungsorte; nicht nur für die Reichen zu bauen, sondern auf Durchmischung zu achten. Um die dazu zu bringen, musst du lange auf sie einreden, viele Stunden mit ihnen verbringen, viele Jahre ein Projekt begleiten. Am Ende ist ihr Projekt auch dein Projekt. Und es ist vielleicht auch eine Nähe da, die zu nah ist. All das sehe ich schon, frage mich aber: Wie soll das anders gehen? Gibt es dazu wirklich eine Alternative? Will man wirklich Politiker, die nicht auch versuchen, Bauträger von ihren Ideen zu überzeugen, sondern nur im Rathaus rumsitzen, warten bis Projekte eingereicht werden und dann „ja“ oder „nein“ sagen? Ich glaube, dass das Chorherrs Problem wurde. Aber natürlich ist mir ein Politiker lieber, der tausend Projekte anschiebt, als einer, der faul in seinem Rathauskämmerlein rumsitzt, und nichts tut.

Vielleicht täusche ich mich ja auch. Vielleicht gibt’s diesen einen Fall oder zwei, wo Chorherr bei seiner Gratwanderung einen Fehler gemacht hat. Aber bis jetzt gibt es dafür nicht einmal den Schatten eines Indizes. Und solange das so ist, sollte man Chorherr nicht alleine im Regen stehen lassen. Denn schließlich steht „solidarisch“ ja in manchen Parteiprogrammen. Auch in dem der Grünen.

2 Gedanken zu „Ein paar Gedanken zur Causa Chorherr“

  1. Sehe ich ganz genauso! Vielen Dank für Ihre Worte! Ohne Hr. Chorherr zu kennen und auch wenn jetzt Wahlkampf ist, finde ich es nicht gut, Jemanden so allein zu lassen, der sich im schlimmsten Fall in einer Grauzone bewegt hat, um Gutes und Positives zu bewegen, und nicht um sich selbst oder die eigenen Parteikassen zu bereichern. Wo sind die Ermittlungen bei der ÖVP?

  2. Ja, Herr Musik, Sie täuschen sich. Es gibt ohne Zweifel genug Eu-Länder, in denen politische Arbeit in diesen Grauzonen stattfindet. Die sollten aber kein Vorbild für die politische Kultur Österreichs sein.
    Dass man nur in dieser Grauzone etwas bewegen kann, ist absurd und gefährlich.

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