Wie die „Aufklärung“ in Vergessenheit geriet…

…und warum das nicht gut ist.

Eine Kurzfassung dieses Textes erschien in Der Standard, 15. September 2019

Vor dreißig Jahren noch war „die Aufklärung“ ein großes Thema. Als historische Epoche war sie da zwar auch schon zweihundert Jahre alt, aber sowohl Intellektuelle als auch linke und linksliberale politische Aktivisten sahen sich in ihrer Tradition. Aufklärung unaufgeklärter Zustände, vernünftige Kritik unvernünftiger Umstände, das schien noch irgendwie ein großer Zeitstrahl zu sein, der mit den französischen Aufklärern begann, bei Kant und Hegel weiter ging – bei Kant mit dem legendären Diktum: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit… Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Die Fortsetzung erfuhr das in der deutschen Religionskritik und dann im Marxismus, der auf den Schultern von all dem stand. Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung sah sich sowieso als Agentin der Aufklärung und ihrer Prinzipien von Rationalismus, Wissen, Umsturz aller Fürstenthrone und unbegründbarer Autoritäten – und damit des egalitären Prinzips –, und das ging sogar in ihre Bildsprache und ihr Liedgut ein. Die Welt sollte ins helle Licht der Vernunft gerückt werden. Kein sozialdemokratisches Plakat ohne Lichtstrahl. „Wissen ist Macht“ war die Parole, „der Sonne entgegen“ wurde gesungen. „Vernunft“ war eine selbstverständliche Vokabel in den Volksreden von Victor Adler und anderen.

Diese pathetische Verbindung mit der Aufklärung überstand noch die Vernunftkritik der „kritischen Theorie“, die nicht nur die „Fortschrittsidee“ zerlegte (die eng mit der Zuversicht der Aufklärer verbunden war), sondern in der „Dialektik der Aufklärung“ den Vernunftglauben selbst einer grau gefärbten Selbstkritik unterzog. „Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“, schrieben Adorno und Horkheimer. Rationalismus, als instrumentelle Vernunft pervertiert, kann zu simplem Nützlichkeits- und Effizienzdenken führen, mit seinen Prinzipien kann man auch Konzentrationslager betreiben.

Aber diese Selbstkritik der Aufklärung zerstörte nicht das aufklärerische Pathos, schlug nicht in Antiaufklärung um und noch der konkurrenzlose Verweser des Erbes der „kritischen Theorie“, Jürgen Habermas, sah sich wohl noch als den großen Aufklärer seiner Epoche. Seine „Theorie des kommunikativen Handelns“ hielt den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ hoch und war von der Zuversicht getragen, eine zunehmend vernünftige Diskursordnung würde sich dem immer weniger durch reine Machtpolitik entziehen können. So wie Habermas das nicht nur in der Theorie hoch hielt, sondern in seinen vielen öffentlichen Wortmeldungen in Praxis zu verwirklichen suchte, so verstanden sich noch die politischen Aktivisten der Zeit als „Aufklärer“. Die Wahrheit muss ans Licht, sie ist „den Menschen zumutbar“, in vernünftigen Diskursen würden Vorurteile und falsche Ansichten verglühen und mit ihnen auch die Machtkamarillas, die sich auf die Unaufgeklärtheit stützen können. Die großen Debatten um die historische Vergangenheit, das was man so „Vergangenheitsbewältigung“ nannte, wurden wie selbstverständlich in einer aufklärerischen Tradition gesehen. Noch die radikale Studentenbewegung, Rudi Dutschke etwa, sprach von „Massenaufklärung“.

Vieles, was heute gängige Auffassung ist, ist im Grunde antiaufklärerische Kacke: dass Betroffenheit mehr zähle als begründbare Argumente; dass die Vernunft nur eine Illusion sei, die Wahrheit sowieso nur im Plural existiere; dass jedes Gelaber gleich viel – oder gleich wenig – wert sei; dass man eine Auffassung am besten bekämpfe, indem man die Person delegitimiert, die sie vertritt.

Aus all dem folgten ein paar Grundsätze: dass Meinungen geäußert werden sollen, und zwar so ziemlich alle, weil die Freiheiten, die die Aufklärung erkämpfte, also die bürgerlichen, demokratischen Freiheiten nicht nur unhintergebare Prinzipien seien, sondern deren Wettstreit eben die Voraussetzung des Fortschritts. Dass eben diese Freiheiten keine „bourgeoisen Nebensächlichkeiten“ seien. Dass – wenn überhaupt – die Konfrontation mit ungeliebten Meinungen und Wahrheiten den Menschen die Augen öffnen wird. Auf die Idee, man müsse die Menschen vor falschen Meinungen schützen, wäre niemand gekommen.

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Die Idee der Aufklärung verblasste dann langsam, und in jüngeren Generationen waren andere Gedankenbausteine wichtiger. Dass „Wahrheit“ nur ein Konstrukt sei, ein leeres Wort (wofür die Postmoderne gute Argumente vortragen konnte), dass die Verbindung von Aufklärung, Rationalität und Wahrheit eine eurozentrische Perspektive sei, da Weltdeutungen von Tradition, Geschichte und Kultur geprägt seien und daher eine Vielzahl gleichberechtigt und auf ihre Weise wahr sein können, dass es sowieso nicht die rationale Vernunft gäbe, die nicht-vernünftige Aspekte (etwa die Emotionen) ausschließen könne. In der wirklichen Welt gewinne doch kein Argument wegen seiner vernünftigen Überzeugungskraft, sondern weil es in der Lage ist, Anhängerschaft zu erzeugen, und zur Anhängerschaft gehören Leidenschaft, der Wunsch, dazuzugehören und sogar niedrigste Instinkte untrennbar dazu. Kein Mensch vertritt Auffassungen nur seiner klug abgewogenen Überlegungen wegen, sondern wegen Gefühlen oder Werthaltungen, die er schon vor der Überlegung hat. Für diesen theoretischen Antirationalismus ließen sich gute Gründe vorbringen. Außerdem waren diese Aufklärer doch fast alle Männer.

Wirklichkeit gibt’s nur im Plural, und nicht mal das, da sie immer primär medial und diskursiv erzeugt ist, also nur in einem schwachen Sinne wirklich. Der jüngste Strukturwandel der Öffentlichkeit machte dann sowieso klar, dass öffentliche Debatten eher wegen der Emotionen, die man schürt, gewonnen werden, und nicht wegen der Stichhaltigkeit nüchtern erwogener Argumente, die man vorbringt. Und in multikulturellen Gesellschaften sind verschiedene kulturelle Prägungen präsent, weshalb kein Platz für einen Absolutheitsanspruch sein kann, den die Aufklärung hatte. Und war Voltaire nicht auch Rassist, der den Islam nicht nur wie jede Religion einer Religionskritik unterzog, sondern die Muslime und überhaupt alle „Wilden“ selbst verachtete? Weit her war es also mit dem menschenfreundlichen Pathos der Aufklärung auch zu Beginn nicht. Außerdem war die Aufklärung natürlich von der Vorstellung geprägt, vernünftige Großdenker könnten die dummen Volksmassen erziehen, was ja auch irgendwie paternalistische Kacke sei.

Die Folge davon war aber nicht nur Kritik jener lange prägenden Geistesströmung der Aufklärung (für deren Selbstbefragung es selbstverständlich viele Anlässe gäbe). Sondern im Grunde die Absenkung ins Vergessene. Liest man heute einen Essay über die Aufklärung, kann man fast sicher sein, dass sein Autor über siebzig ist. Modische „Theorys“, die heute alle begeistern, und morgen schon wieder vergessen sind, gewannen an Dominanz. In deren Zuge setzten sich Postulate durch, die gute Argumente für sich, aber auch sehr fragwürdige, offen antiaufklärerische Schlagseiten haben: etwa, dass nicht jeder mitreden soll, sondern jeweils nur die Opfer beklagenswerter Umstände, dass weniger das Wissen zählt, als die Betroffenheit, dass Gefühle als Argumente durchgehen usw. Dass alles mögliche auf der Welt wichtig ist, aber die alten bürgerlichen Freiheiten eher Nebensachen sind. Dass jedes Gelaber gleich viel – oder gleich wenig – wert ist, wenn nicht sogar der Versuch, Argumente vernunftmäßig zu untermauern als elitäre Strategie von Gatekeepern in Feuilletons und Universitäten angesehen wird. Äußerungen werden nicht mehr nach der Plausibilität – oder auch nur Berechtigung – der Argumentation beurteilt, sondern nach der Person des Sprechers oder der Sprecherin selbst, wenn sie nicht sogar damit delegitimiert werden, dass sie irgendjemanden kränken könnten. Sätze werden mit Formulierungen „ich als XY sehe das so,…“ begonnen, von der selbstverständlichen Überzeugung ausgehend, eine identitäre Essenz gäbe einen Argument Nachdruck.

Nichts von all dem ist gänzlich falsch oder unargumentierbar, aber im Zuge davon wurden auch ein paar wichtige Prinzipien in Vergessenheit gedrängt, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und eine wesentliche Tradition emanzipatorischen Denkens einfach abgeschnitten. Man sieht das daran, wie leichtes Spiel gelegentlich antiaufklärerische Positionen haben, etwa die, dass man extremistische oder menschenverachtende Meinungen nicht einmal referieren solle, da das gemeine Volk, doof wie es ist, von denen infiziert werden könnte. Oder dass wir uns vor Schockerfahrungen schützen müssen, die bisweilen schon mit der provokanten, ungeschönten Abbildung der Wirklichkeit einher gehen. Früher hätte man gesagt: Wenn die Welt weiß, wie Krieg aussieht, würden die Menschen gegen Kriege protestieren. Heute sagt man eher: Wenn du das Bild von Kriegstoten in die Zeitung bringst, könnte sich jemand beim Anblick erschrecken. Wir sollten die gute alte Aufklärung wieder mit mehr Nachdruck verteidigen.

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