„Beziehungstat“

Kritik der Wortkritik: Gewalttaten grob nach Motivlagen zu unterscheiden, bedeutet nicht unbedingt, sie klammheimlich zu rechtfertigen.

Wann immer es zu einem abscheulichen Gewaltverbrechen kommt, bei dem eine Frau – oder eine Familie – von einem männlichen Täter getötet wird und dann in den Medien die Rede davon ist, dabei habe es sich um eine „Beziehungstat“ (oder, auch so ein beliebtes Wort, ein „Beziehungsdrama“ gehandelt), kommt sofort der Aufschrei: „Beziehungstat“ wäre doch ein viel zu beschönigender Ausdruck für Mord, die männliche Gewalt würde dadurch klammheimlich gerechtfertigt. Und auftrumpfend wird dann dazu gesagt: Das Wort ist einfach Mord.

Die Motive hinter dieser Argumentation kann ich sehr gut nachvollziehen, aber ich halte sie dennoch für – teilweise – falsch.

Zunächst ist die Aussage, das Wort sei „Mord“ eine, die eigentlich am Punkt vorbei geht. Natürlich ist das Wort für solche Taten „Mord“. Nur ist „Mord“ gewissermaßen der Überbegriff. Darüber hinaus haben wir natürlich eine Reihe von Begriffen, die „Mord“ nach der Motivlage unterscheiden. Es gibt den Raubmord, da wissen wir, das Motiv wird Geldgier gewesen sein. Dann gibt es die Amokläufe, da wissen wir sofort, die Opfer hatten meist das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Es gibt die Morde, bei denen die Opfer und die Täter sich nicht kennen, es gibt die Morde, bei denen sie sich kennen. Es gibt die rassistischen Morde, bei denen die Hautfarbe oder die Ethnie der Opfer das Motiv sind. Es gibt, sowohl bei Raubmorden als auch bei Beziehungstaten, die kaltblütige Planung als auch die Tat aus einem spontanen Impuls heraus und so weiter und so fort.

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„Beziehungstat“ sagt also nichts anderes, als dass das Motiv für die Tat in der Beziehung liegt, die Opfer und Täter zueinander hatten und dass das zentrale Motiv ist – also etwa, dass Geldgier höchstens ein untergeordnetes Motiv ist (man denke an einen Mord unter Beziehungspartnern, bei denen eine/r eine Lebensversicherung abgeschlossen hat).

Kurzum: Natürlich ist der Oberbegriff Mord, aber die sprachliche Differenzierung nach Motivlage und konkreten Umständen ist noch keine klammheimliche Legitimation für die Motive.

Es ist etwa so ähnlich wie beim Wetter. Schneefall, Regen, Sonnenschein, Hagel sind alles Wetterlagen. Dennoch sagen wir selten: Heute ist Wetter. Sondern wir sagen: Heute schneit es. Weil letzteres die deutlich präzisere Beschreibung ist.
Nun haben die Kritikerinnen und Kritiker natürlich in einem recht. Bei „Beziehungstat“ und noch mehr beim „Beziehungsdrama“ schwingt eine implizite Legitimierung mit. Gerade das Wort „Beziehungsdrama“ löst Assoziationen aus, etwa, dass sich da zwei in einem „Drama“ hochgeschaukelt haben bis einer ausgeflippt ist, aber dieses „ausflippen“ sei ja irgendwie zumindest nachvollziehbar und ein bisschen wird das Opfer schon mitschuld gewesen sein. Das Wort „Beziehungstat“, wiewohl es viel neutraler ist, ist von diesen Assoziationen zumindest ein wenig infiziert. Es löst sofort aus, dass man sich im Kopf etwas ausmalt, was die Taten verständlicher macht: der Mann war „rasend vor Wut“ wegen etwas, was die Frau vielleicht getan hat, oder umgekehrt auch, wenn die Frau die Täterin ist, sie habe spontan zugestochen, weil sie es nach Jahren psychischen Terrors vielleicht nicht mehr ausgehalten hat.

Also, das Problem besteht sehr wohl, dass unser Gehirn sofort „mildernde Beweggründe“ geltend macht, wenn von „Beziehungstaten“ die Rede ist. Wenn ein Mann aber glaubt, eine Frau sei sein Besitz und wenn die ihre eigenen Wege gehen wolle, könne er sie einfach ermorden, dann ist das kein milderndes, sondern eher ein besonders verwerfliches Motiv.

Das ändert aber nichts daran, dass „Beziehungstat“ sehr wohl ein brauchbarer Begriff ist, wenn wir uns nur bewußt sind, dass das Wort eigentlich nur eines aussagt: Dass wir es in einem solchen Fall mit jener Sorte Mord zu tun haben, bei der das zentrale Motiv in der Beziehung von Opfer und Täter zueinander liegt.

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