Ein Lob der Freundlichkeit

Freundlichkeit gilt allgemein als eine persönliche Charaktereigenschaft. Aber sie ist auch ein politische Tugend: die kleine Weltverbesserung im Alltag.

NZZ, September 2019

Mein Freund Christian Semler, der früh verstorbene deutsche Journalist, schrieb einmal den Satz: „Freundlichkeit ist eine Haltung, sie ist lernbar.“ Semler schrieb diesen Satz in einem Essay über Bertolt Brecht, durch dessen Werk sich das Thema „Freundlichkeit“ ja tatsächlich wie ein roter Faden gezogen hat. „Er ist ein Zentralbegriff für den Dichter“, schrieb Semler. „Wo Freundlichkeit nicht geübt werden kann, wegen der Härte der Klassenauseinandersetzungen, leben wir in finsteren Zeiten. Freundlichkeit ist zuverlässiger als Liebe. Gegenüber der Liebe, besonders in ihrer überschwänglichen Form, ist nach Brecht Misstrauen angebracht.“ Immer wieder finden wir bei Brecht so Sätze: „Ach wir / Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit / Konnten selber nicht freundlich sein.“ Walter Benjamin formulierte darüber in seinen Brecht-Interpretationen: „Wer das Harte zum Unterliegen bringen will, der soll keine Gelegenheit zum Freundlichsein vorbeigehen lassen.“ Nun schrieb Brecht all das unter dem Eindruck – einerseits – eines Kapitalismus, in dem die Klassenkämpfe noch viel härter tobten, in dem auf Streikende geschossen wurde, in dem es auch keinen Sozialstaat gab und in dem, wer unten war, einfach um das nackte Überleben kämpfen musste; und er schrieb – andererseits – später als seltsamer Kommunist unter dem Eindruck von Faschismus und Nationalsozialismus auf der einen Seite und Stalinismus auf der anderen Seite, einer welthistorischen Konstellation, in der man schwer sauber bleiben konnte. Die Frage, ob Brecht selbst die freundlichste Person auf Erden war, tut hier wenig zur Sache. Die Thematik ist, auch wenn wir in gänzlich anderen Zeiten leben, keineswegs unaktuell.

Die Freundlichkeit ist eine persönliche Tugend, wenn man so will, eine individuelle Charaktereigenschaft, scheinbar weit unterhalb des eigentlichen Politischen, des Öffentlichen. Aber sie hat immer doch auch eine Dimension des Politischen, des Allgemeinen: Die Freundlichkeit ist mehr als nur eine individuelle, geradezu intime Charaktereigenschaft des Einzelnen. Sie hat immer auch politischen Charakter.

Wer die Welt zu einem besseren, faireren Platz machen will, kann nicht gleichzeitig unfreundlich sein, andere herablassend behandeln, beispielsweise, oder als Mittel zu seinen Zwecken. Oder besser: Er kann es schon, aber er wird seine Werte in seinem Alltagsleben damit dementieren und konterkarieren. Und umgekehrt: Wer zu jedermann und jederfrau, ohne Ansehen der Person, freundlich ist, der behandelt jeden auf Augenhöhe und mit Respekt.

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Freundlichkeit ist eine egalitäre Tugend. Aber wir haben auch gesellschaftliche Bedingungen geschaffen, die uns die Freundlichkeit abgewöhnen, die es schwer machen, freundlich zu sein.

In Beruf und gesellschaftlichem Leben: Wir neigen dazu, andere instrumentell zu behandeln. Oft sind wir freundlich, wenn uns das nützt. Und sind bei anderen, die uns nicht nützlich sein können, schon weniger freundlich. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, weiß: Das kommt nicht selten vor. Wer scheinbar von niedrigerem Rang ist, wird abgefertigt, unfreundlich und respektlos. Und wir wissen umgekehrt, dass Freundlichkeit oft nur eine Maske dessen ist, der seine eigenen Zwecke verfolgt, und begegnen daher selbst der Freundlichkeit mit einem Generalverdacht – wenn schon in Management-Ratgebern gelehrt wird, dass man mit Freundlichkeit mehr aus seinen Mitarbeitern rauspressen kann.

Wo alles ökonomisiert wird, ist auch die Begegnung mit anderen eine stetige Gewinn- und Verlustrechnung. Freundlichkeit setzt auch Aufmerksamkeit voraus. Aber tausend Dinge konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit, und die Aufmerksamkeit für konkrete Menschen fällt dem nicht selten zum Opfer. Auch die Digitalisierung unserer Begegnungen scheint der Freundlichkeit nicht gut zu tun. Oder haben Sie schon einmal einen freundlichen Dialog unter Postern gesehen? Oder auch dieses schnelle, oberflächliche Beurteilen von Menschen, das wir uns angewöhnt haben, dieses Bewerten und – damit auch gelegentliche Abwerten von Leuten.

Gewiss gehört die Freundlichkeit zu den gesellschaftlich anerkannten Werten. Aber wir haben auch gleichzeitig kulturelle Skripts im Kopf, die die Unfreundlichkeit feiern: Der Egomane, der alles niederreißt, sein Ding macht, nicht links und nicht rechts schaut. Der Autorität ausstrahlt, nicht Weichheit. Das ist das Erfolgsmodell des Egomanen gewissermaßen, der nichts als seine eigene Selbstverwirklichung verfolgt und sich so zu einem besonderen, einzigartigen Subjekt macht, der ist ja heute so etwas wie eine gesellschaftliche Leitfigur. Der die Welt vorwärts bringt, und deswegen angeblich jene Kraft ist, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Eine Kraft, die den persönlichen Vorteil sucht und den allgemeinen Nutzen produziert.

Von diesen ostentativen Ego-Figuren geht ja eine gehörige Faszination aus. Es gibt aber auch eine andere Egozentrik, die heute weit verbreitet, aber kulturell weniger repräsentiert ist, die Egozentrik in den Verlierer-Milieus, diese resignative Individualisierung, die in dem oft gehörten Satz zum Ausdruck kommt: „Ich kümmere mich nur um mich selbst.“

Demgegenüber ist Freundlichkeit eine unzeitgemäße Haltung angesichts der Unmenschlichkeit der Gegenwart. Sie ist, um das aus Brechts Sicht zu formulieren, geradezu subversiv, fast eine Antizipation einer Welt ohne Kälte, zugleich aber schier unlebbar, wo uns doch in einer Konkurrenzgesellschaft das Gutsein nicht nur an den Rand des Abgrunds bringt, sondern uns hinabstürzen kann. Man muss das nicht mit so pathetischen, gigantomanischen Vokabeln beschreiben. Wenn Gesellschaften zerreißen, Menschen neben- und gegeneinander herleben, die Lebenswelten in Submilieus zerfallen und eine Kampfesstimmung Einzug hält, dann sind Gesten der Freundlichkeit die kleinen Weltverbesserungen im Alltag. Dann ist es ein politischer Akt, jeden als Gleichen zu behandeln; den Passanten nicht als „des Menschen Wolf“ oder allenfalls als Mittel zum Zweck zu sehen, sondern als Teil eines „Wir“. Den Fremden, sei es im engeren oder im weniger engen Sinn, also den bloßen Unbekannten oder auch den kulturell Fremden.

In der Schweiz sorgte ja unlängst ein Wahlplakat der weit rechts stehenden SVP für Aufsehen, auf den ein von Würmern zerfressener Apfel zu sehen ist, umrahmt von der Aufschrift, dass „Linke und Nette“ die Schweiz zerstören.

Allgemein wurde der Skandal darin gesehen, dass politischen Konkurrenten als Gewürm dargestellt werden. Was für Beobachter aus der Ferne aber noch mehr erstaunte, war, dass der Begriff „nett“ schon als politische Kampfvokabel taugte, so wie „Gutmensch“. Die Freundlichkeit selbst wird da zum Charakterfehler gemacht, wer zu anderen „nett“ ist zum Weichei erklärt, dem die nötige Härte im Leben fehlt. Absurd? Vielleicht nicht wirklich. Es ist wie im Liebesleben: Wer will schon eine schmutzige, heiße Affäre mit jemanden, der bloß „nett“ ist?

Seltsamerweise gibt es in der globalen Geisteswelt über alles Theorien, aber es gibt keine wirkliche Theorie der Freundlichkeit. Noch am nächsten kommt die Höflichkeitstheorie, zu deren basalen Annahmen etwa zählt, dass Kulturen dann mehr Herzlichkeit und Zugewandtheit aufweisen, wenn es historisch gesehen mehr Platz gab – dann muss man weniger darauf achten, seine Mitmenschen nicht zu stören. In Großstädten ist man eher auf Anonymität bedacht, man kann hier auch nicht zu allen nett sein – wohingegen man im amerikanischen Westen nur selten jemandem begegnete und dann gleich so tat, als wäre der der beste Freund. Beim Dalai Lama im Himalaya war das vielleicht ähnlich. Für Aristoteles war die Freundlichkeit die Mitte zwischen Gefallsucht und Streitsucht. Aber gut, der lebte inmitten anderer Probleme.

Aber zurück zum Eingangssatz: „Freundlichkeit ist eine Haltung. Sie ist lernbar.“ Sie ist eben kein innerer Charakterzug. Wir können zu einer gewissen Arroganz neigen; oder auch nur zur Scheuheit; wir können Eigenbrötler sein und instinktiv darauf bedacht nehmen, keine Gespräche entstehen zu lassen und Unbekannte auf Abstand zu halten. In diesem Fall ist der Versuch, freundlicher zu sein, eine Art Arbeit am Selbst. Selbstbeobachtung, Selbstveränderung. Aber nicht um der Selbstoptimierung wegen, jedenfalls, wenn wir Brecht folgen.

Sondern eben, weil die Freundlichkeit eine politische Tugend ist. Menschen als Befehlsempfänger zu behandeln, sie spüren lassen, dass ihnen weniger Respekt zukommt, ist die Pathologie von Gesellschaften, die zerreißen. Freundlichkeit ist so gesehen ein erster Akt des Widerstandes, aber vielleicht sogar mehr als das, dessen notwendige Bedingung. Sie ist lernbar.

Ein Gedanke zu „Ein Lob der Freundlichkeit“

  1. Was für eine bestechend kluge und freundliche Analyse – vielen Dank dafür! Für mich erklärt Ihr Text sehr gut, inwiefern Berlin sich in den vergangenen Jahren verändert hat und warum mittlerweile so viele Menschen, die jahrzehntelang gerne hier gelebt haben, nur noch wegwollen (und sei es als Rückzug ins Private, auf die uckerländische Datsche). Die Berliner gelten ja als unhöflich, mäkelig, zu direkt, aber als ich 1987 nach Berlin kam, fand ich sie sehr freundlich: die einen weil sie als Zugezogene wussten, dass einem die Freundlichkeit derjenigen, die vor einem kamen, die Dinge vereinfacht; die anderen, weil sie sich erinnerten, wie die Stadt nach dem Mauerbau auf dem sinkenden Ast war, als so viele Menschen weggingen. Und auch wir, die Neuankömmlinge, waren freundlich, wach, neugierig, auf der Suche nach etwas, das besser war als das, wo wir herkamen, unabhängig davon, ob das Antalia oder irgendein Ort in der westdeutschen Provinz war. Das scheint mir heute bei vielen anders, die Mentalität vieler Neuzuzügler (und fast aller Touristen) ist oft eher so eine unangenehme Version von „First we take Manhattan, now we take Berlin“. Vor allem aber ist natürlich die Stadt selbst kälter geworden: der ökonomische Druck, der die Leute zwingt, mehr zu arbeiten, als gut für sie ist; die Angst, sich die Stadt bald nicht mehr leisten zu können; das kollektive Misstrauen, das entsteht, wenn einer des anderen Wolf sein soll. Dazu der Wegfall von Räumen, die nicht der Gewinnmaximiierung dienen. Berlin ist auf dem Weg von einem Ort der Begegnung zu einem Ort der Verwertung mittlerweile leider schon sehr weit vorangeschritten, scheint mir. Von daher vielen Dank für diesen am Ende doch irgendwie hoffnungsfroh machenden Schlussabsatz: „Menschen als Befehlsempfänger zu behandeln, sie spüren lassen, dass ihnen weniger Respekt zukommt, ist die Pathologie von Gesellschaften, die zerreißen. Freundlichkeit ist so gesehen ein erster Akt des Widerstandes, aber vielleicht sogar mehr als das, dessen notwendige Bedingung. Sie ist lernbar.“

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