Wie wollen wir eigentlich nach dieser Krise leben?

Der Druck wird enorm, wieder zur Normalität zurück zu kehren

Nach zwei Wochen Notmaßnahmen ist der Ausnahmezustand langsam zur Normalität geworden. Oder wenigstens zu einer neuen Normalität auf Zeit, in der wir uns einrichten. Und natürlich gibt es dieses „wir“ nicht, denn die Umstände, mit denen wir zurecht kommen müssen, sind sehr unterschiedlich.

Manche arbeiten mehr oder weniger unverändert in der Firma, andere haben jetzt einen Höllenjob, wie Pflegepersonal und Ärztinnen und Ärzte.

Andere sind arbeitslos geworden und wissen nicht mehr, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen. Oder sie haben ein kleines Unternehmen, haben monatelang keine Umsätze und können kaum einschlafen vor Sorgen.

Manche leiden, weil sie zu fünft in einer kleinen Wohnung sitzen. Andere leiden unter der Einsamkeit.

Dann gibt es auch noch jene, die persönlich – oder deren nahe Angehörige – ein ganz hohes Gesundheitsrisiko haben und diese Menschen haben einfach wirklich Todesangst. Und wieder andere sitzen im Homeoffice oder daheim in Kurzarbeit, sehen gelassen in die Zukunft, und haben vor allem Stress damit, die Kinder bei Laune zu halten oder mit ihnen zu lernen.

Und viele genießen sogar auch ein wenig diese Ruhe und Verlangsamung von Alltag und Leben.

Es fällt vielleicht gar nicht so leicht, das zuzugeben, weil es ja als zynisch und geradezu frivol erscheint, den neuen Umständen etwas abzugewinnen, während so viele andere leiden und manche sogar schwer krank sind und sterben und ganze Landstriche und Metropolen in Italien oder Amerika in einer Katastrophe versinken.

Aber ich habe schon mit vielen Menschen aus ganz verschiedenen Klassen und sozialen Gruppen gesprochen, und mein Eindruck ist, dass diese Empfindung bei gar nicht so wenigen Menschen verbreitet ist. Manche finden die Verlangsamung gut. Andere wieder, dass sie sich im Homeoffice viel besser konzentrieren können und all das Nervige wegfällt, das „Beobachtetwerden“ vom Chef. Man muss nicht mehr so tun, als würde man permanent gestresst arbeiten – und bringt gerade deshalb viel mehr weiter. Und manche spüren, dass das gut ist, mehr Zeit in der Familie zu verbringen, dass man sich mehr um die Angehörigen kümmert, dass man zusammen wächst als Familie oder Patchwork.

Und all das ist okay, weil Menschen unterschiedliche Lebenslagen haben und daher unterschiedlich auf die jetzige Situation reagieren.

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Aber wenn gar nicht so wenige Leute manches von unserer „neuen Normalität“ sogar als gut empfinden, sagt das viel über die Perversität unserer „normalen Normalität“ aus. Das Rennen im Hamsterrad, das Leben im harten Taktschlag von Job und Karriere, von Geld und Konsum, von mehr und mehr und mehr, das verursacht offenbar so viel Leid, sodass viele in einer solchen Zwangsentschleunigung erst einmal durchatmen.

Wenn wir diese Krise überstanden haben, wird der Druck immens sein, wieder zur alten Normalität zurück zu kehren. Weil die Wirtschaft dann wieder brummen muss, damit wir die Krisenkosten bezahlen können. Es werden Sonderschichten gefahren werden.

Eigentlich wäre es gescheit, wenn wir uns alle jetzt schon Gedanken manchen würde, was wir nach der Krise anders machen wollen. Denn, nur so ein Beispiel: Wir werden dann sowieso Konjunkturprogramme brauchen. Es wäre gescheit, dann jene Branchen zu stärken, die uns langfristig ein besseres Leben bringen. Und nicht jene, die das Klima verpesten und die Umwelt ruinieren.

Österreich, 30. März 2020

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