Die Schaumschläger-Gesellschaft

Wirtschaftliche und moralische Insolvenzen verbindet womöglich mehr, als wir wahrhaben wollen.

Die Firma „Wirecard“ war als digitaler Zahlungsdienstleister der große Stolz der deutschen Wirtschaft – wenigstens ein Unternehmen im Internet-Sektor mit globaler Bedeutung, hat man sich gedacht. Und in Österreich waren wir auch gleich ein bisschen stolz, waren mit Marcus Braun und Jan Marsalek gleich zwei Österreicher in den Chefetagen des Konzerns. Braun an der Spitze, Marsalek als schräger Schattenmann. Jetzt stellt sich heraus: Der ganze Konzern war ein großer Schwindel, über drei Milliarden Euro haben die Manager verschwinden lassen – oder besser gesagt, erfunden. Die aufgeblähten Bilanzen sollten den Eindruck erwecken, dass die Firma hochsolide ist, damit sie an Kredite kommt, mit denen dann wieder der Schwindel länger am Leben gehalten werden konnte. Und mit denen sich die fürstlichen Lebensstile der Schwindler finanzieren lassen. Jetzt ermitteln die deutschen Behörden sogar schon wegen „Bandenbetrugs“. Braun ist in Haft, Marsalek flüchtig.

Schaumschläger und Hochstapler, auf die alle herein gefallen sind – weil man offenbar gerne auf Typen dieser Art hereinfällt heutzutage. Jetzt ist die Wirtschaftswelt nicht voller krimineller Betrüger, aber doch voller Großtuer, die den Eindruck erwecken wollen, irgendwie genial zu sein, die die Formel für Erfolg gefunden haben. Auf die Inszenierung kommt es an: als Popstar der Wirtschaft. Ob das, was da produziert wird, für irgend jemanden einen Sinn hat, ob das Geschäftsmodell funktioniert – da schaut keiner mehr so genau hin, wenn man nur ausreichend begeistert ist von den bombastischen Schaumschlägereien dieser Leute.

Das ist längst eine Seuche im Wirtschaftsleben, aber auch in der Politik. In der Schaumschläger-Gesellschaft geht es viel zu oft nicht um Substanz, nicht darum, das Land vorwärts zu bringen, das Leben der normalen Menschen zu verbessern oder die Solidarität in Europa in kleinen Trippelschritten wachsen zu lassen – sondern nur um Show, darum, gut dazustehen, in Umfragen zuzulegen, ein Image mit PR aufzubauen. Auch Wähler können auf Hochstapler hereinfallen.

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Insider, Juli 2020

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