Mühen des Corona-Alltags

Wieder ein wenig Normalität leben und zugleich die Pandemie im Griff halten – das ist offenbar viel schwieriger als ein Shutdown.

Vor drei, vier Monaten saßen wir im Shutdown. Die allermeisten von uns reduzierten ihre sozialen Kontakte auf das Minimum, hockten weitgehend zu Hause, allenfalls machte man Ausflüge ins Grüne. Über eine Million Menschen hatten ihre Arbeit – vorübergehend – völlig eingestellt, mindestens so viele werkten vom Home-Office aus. Es war der absolute Einbruch des Ausnahmezustandes in unser Leben, das Außerordentliche hebelte das Gewohnte aus. Und dennoch dämmert uns langsam, dass das vielleicht noch die einfachere Zeit war. Sechs Wochen das Leben völlig umkrempeln – das ist gar nicht so schwer. Es monatelang in hohem Maße umkrempeln – das ist viel, viel schwerer.

„Sind wir zu leichtsinnig?“, titelte am Wochenende der „Spiegel“, der Wiener „Standard“ hatte die beinahe gleichlautende Schlagzeile und in den meisten anderen Zeitungen kann man – zwar nicht Wortgleiches –, aber in der Sache Ähnliches lesen. Botschaft: Wir sind zu lässig geworden.

Das Problem besteht einfach darin: Man kann den absoluten Ausnahmezustand nicht ewig aufrechterhalten – und zugleich können wir nicht zur alten Normalität zurückkehren.

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Man will den Tourismus ankurbeln, die Geschäftstätigkeiten, den Handel, die Restaurants – und das führt erstens logischerweise zu neuen Ansteckungen und Clustern, zweitens aber auch dazu, dass die Menschen gelegentlich die Vorsicht verlieren. Man kann auch jungen Leuten, die gerade die Welt entdecken, die Familienkreise durchbrechen und sich große Freundeskreise aufbauen (also das tun, was seit jeher zur Jugend dazu gehört), nicht für ewig ein jugendgerechtes Leben untersagen. Insofern müssen wir mit dem Virus leben lernen. Es wird weiter Ansteckungen geben. Es wir Menschen geben, die schwer und lange erkranken. Und es wird Menschen geben, die sterben. Nicht alle Tote wird man verhindern können. Aber wir müssen verhindern, dass wir mit 2000 oder 3000 Infizierten in die kalte Jahreszeit gehen, in der dann alle wieder rotzen und husten und man sich viel mehr in engen, geschlossenen, ungelüfteten Räumen aufhält. Denn dann kann es ganz schnell wieder zu einem exponentiellen Anstieg kommen. Aber wie schwierig das ist, die dafür nötige langfristige Disziplin aufzubringen und die Opfer an Spaß und Lebensfreude zu erbringen, das sehen wir jetzt eben – und ich denke, jeder und jede merkt das bei sich selbst.

Unsere polarisierten und oft vertrottelten öffentlichen Debatten machen das ganze nicht einfacher. Die Gesundheitspolitik ist zum Teil des Ideologiestreits geworden, in einem Maße, das schon wirklich absurd ist. Man kann ja Maskentragen als „mainstream“ oder gar „links“ ansehen und das Leugnen des Virus als „rechts“ – es ist nur nicht wahnsinnig schlau. Denn das Corona-Virus schert sich nicht sonderlich um unsere immer bizarrer werdenden Meinungsanordnungen. Im Grunde wäre uns allen gedient, wenn wenigstens die akute Anti-Pandemie-Politik aus dem überideologisierten Gezänk herausgehalten werden kann. Dann kann man nämlich sachlich und tastend sehen, was funktioniert – und Fehler korrigieren, wenn etwas nicht funktioniert. Grabenkriegsmentalität erschwert solchen Pragmatismus aber.

Aber das Hauptproblem geht sowieso nicht weg: Viel schwieriger als ein Shutdown von ein paar Wochen ist es, viele Monate lang einen Lebensstil der Vorsichtigkeit aufrechtzuerhalten.

2 Gedanken zu „Mühen des Corona-Alltags“

  1. Die Schutzmaske ist zum Symbol von Gemeinsinn und Widerstand geworden. Es hängt davon ab, ob man sie trägt oder nicht. Daran zeigt sich die ganze Oberflächlichkeit der Debatte. Der Zorn über das neue Leben artikuliert sich politisch hilflos wie zuletzt in Berlin gesehen.

  2. Ausgewogener Artikel, liest man nicht so häufig, insbesondere der Aussage zum Zustand der öffentlichen Debatte kann ich nur zustimmen.
    Die Bevölkerung hat vielleicht den richtigen Instinkt, wenn sie es auch mal locker angehen läßt, schließlich müssen wir die Akkus wieder aufladen, v.a. auch psychisch, das hier ist nicht die letzte Pandemie, die auf uns zurollen könnte.
    Und wir brauchen dringend eine Debatte über die tieferen Ursachen der Pandemie, die eine Folge unseres maroden Gesellschaftssystems ist und eben nicht Gottes Fügung. Nicht nur die etablierten Medien führen diese nur selten, auch viele „covid-Kritiker“ verweigern sich einer solchen Diskussion.

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