Rettet die Künstler, Tüftler und Spinner!

Clubs sind Brutstätten der Innovation, wichtig für die Freizeitkultur, sie machen Städte spannend. Sie dürfen nicht untergehen.

„Österreich“, 30. August 2020

Was Künstler und Künstlerinnen so genau tun, weiß man ja nicht immer, gerade dann, wenn sie innovativ und experimentell arbeiten. Hinzu kommt, dass die Kulturszenen nicht nur was die Künstler angeht, sondern auch was das Publikum betrifft, sehr heterogen sind: die einen gehen gerne ins Kabarett und in die Comedy, die anderen hören gerne Schlager, wieder andere bevorzugen die großen Staatstheater, andere wieder die experimentellen Innovationsbühnen, der nächste die Oper, die übernächste liebt Techno-Clubs mit hämmernden Bässen. Eine endlose Reihe.

Es gibt darüber hinaus ja auch genügend Leute, die Künstler irgendwie unnötig finden – oder zumindest jene Künstler, deren Produktionen man eher selten aufsucht. Und ganz generell haben fast alle von uns so Vorstellungen von der „echten Arbeit“ im Kopf, die unseren Wohlstand schafft (die in Fabriken, am Bau, im Büro, in den Supermärkten erledigt wird). Die Kultur wird dann so etwa wie der Schlagobersgupf auf der Melange gesehen – nett, aber nicht wirklich wichtig.

Aber täuschen wir uns da nicht. Die Kunst und Kultur schafft Werte und Einkommen, macht Städte attraktiv, ohne sie stünde der Tourismus schlechter da. Auch wichtige Industrien brauchen den Input experimenteller Künstler, man denke nur an die Mode, die Elektronik, die Medien oder die Filmindustrie. Kunstszenen sind so etwas wie Brutplätze, an denen Tüftler irgend etwas tun, was ausstrahlt. Junge Leute üben hier oft Fähigkeiten ein, die sie später im Berufsleben unverzichtbar machen.

Corona hat diese Kunstszenen aber sehr hart und manche brutal hart getroffen, etwa Diskotheken und die gesamte Club-Kultur. Dass es in den neunziger Jahren eine vibrierende Elektro- und DJ-Szene in Wien gab, haben viele gar nicht mitgekriegt, hat die Stadt aber attraktiv für viele junge Leute aus ganz Europa gemacht. Dass wir mit Metropolen wie Berlin an vibrierender Innovationskraft mithalten können, hängt damit zusammen.

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Und stellen wir uns einmal vor, wie unsere Städte aussehen würden, was es für die Jugendkulturen bedeuten würde, wenn es keine Clubs, keine Bars und keine sonstigen Lokale mehr gäbe, in denen das wilde Leben erst nach 24 Uhr so richtig beginnt. Und wenn es die Kunsträume nicht mehr gäbe, in denen sich die Leute drängen. All diese Räume und Betriebe stehen praktisch still. Und sie werden noch lange stillstehen. Denn wenn da wieder Leben einziehen würde, hätten wir schnell das nächste Ischgl. Das hat aber eine brutale Konsequenz: Jeder dieser Orte wird in einem Jahr pleite sein. Die Künstler und Betreiber, die meist auf Honorarbasis oder als prekäre Unternehmer arbeiten, werden ihre Existenz verloren haben. Und keiner soll glauben, dass sich nach einem solchen Kahlschlag diese Branchen so schnell erholen werden.

Unsere Städte werden langweiliger und hässlicher sein, Innovationskulturen werden verloren gegangen sein, wir werden dann auch für Touristen uninteressanter sein und Firmen werden sich fragen, woher sie neue, verrückte Ideen nehmen sollen, wenn die Tüftler und Spinner alle bankrott sind. Bund, Länder und Städte müssen Rettungsprogramme auflegen, die sicherstellen, dass es diese Brutplätze des Neuen und der Stadtkultur auch in Zukunft noch gibt.

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