Die Phantasten und die Realität

Es kam, wie alle Realisten voraussagten. Jetzt müssen wir endlich gemeinsam an einem Strang ziehen.

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Die zutiefst menschliche Eigenschaft, eine unerfreuliche Wirklichkeit zu leugnen, den Kopf in den Sand zu stecken und sich eine Phantasie- und Märchenwelt zurecht zu legen, haben wir in den vergangenen Wochen ausgiebig bestaunen können. Noch nach einem Jahr Pandemie, in dem die Voraussagen der „Pessimisten“ – also der Realisten – immer eingetreten sind, haben noch immer Leute gedacht, Corona sei nicht so arg, die Zuwächse an Infektionen wären kontrollierbar und man könne sich Öffnungsschritte und mehr Kontakte leisten, ohne dass das katastrophale Auswirkungen haben würde.

Da sich die Wirklichkeit und die Natur um naive Wünsche von Kommentatoren und Politikern nicht scheren, kam es wie es kommen musste und prognostiziert war. Wir schlittern massiv in die Dritte Welle, und diesmal trifft es vor allem jüngere Patienten. Dreißigjährige, die in der Intensivstation gerade noch wiederbelebt werden können, 42jährige Politiker, die künstlich beatmet werden müssen, ganz überwiegend Männer zwischen 45 und 70 Jahre, aber auch Kinder, Jugendliche, junge Leute in ihren Zwanzigern.

Und trotzdem ist zu befürchten, dass es immer noch Unbelehrbare gibt, die nicht begreifen wollen. Aber vielleicht sollten die sich nur einmal eines überlegen: Wenn ein Politiker wie Hans-Peter Doskozil, der Dienstag Mittag noch von der Öffnung der Thermenhotels träumt, Dienstag Abends so geschockt ist, weil man ihm mit allen Daten und Fakten den Ernst der Lage klar gemacht hat, und er daraufhin eine 180-Grad-Wende vornimmt – dann ist wohl klar, wie es steht.

Da alle Maßnahmen, die wir jetzt setzen, erst in zwei Wochen wirken, ist nicht einmal sicher, ob wir die Katastrophe auf den Intensivstationen vermeiden können. In London blieben Patienten um die Jahreswende stundenlang in den Rettungsautos auf den Klinik-Parkplätzen, weil es kein Bett mehr für sie gab.

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Die Regierung drückt sich um die unangenehmen Wahrheiten, der Kanzler, nur als Schönwetterpolitiker geeignet, ist einfach untergetaucht. Die Wahrheit ist nämlich: Wir werden um einen ziemlich harten Lockdown im April nicht herumkommen. Das haben uns die Halligalliphantasten eingebrockt. Danke für nichts.

Wir haben es jetzt auf die harte Tour lernen müssen, aber wir sollten wenigstens aus dieser Lektion etwas mitnehmen. Erstens: Verantwortungslosigkeit rächt sich bitter. Zweitens: Man hat entweder niedrige Infektionsraten oder hohe, wenig Covid oder viel Covid.

Die Öffnungsphantasten hatten ihren Versuch. Er ist krachend gescheitert. Wir sollten jetzt den anderen Weg gehen. Keine halben Sachen mehr, sondern mit einer kurzen, aber ordentlichen Anstrengung massiv runter kommen. Damit wir vielleicht ab Juni, wenn ausreichend viele Menschen geimpft sind, wenigsten einen lebenswerten Sommer haben. Das gibt uns allen am Ende mehr Lebensqualität als das ewige Auf-und-Zu, das Jojo-Spiel mit den halben Sachen. Auch der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit kann nur so einen Erfolg haben.

Das muss endlich mit großzügigen Unterstützungen für die Arbeitslosen, für die Ein-Personen-Unternehmer und die Kleingewerbetreibenden, für die Wirte und all jene begleitet werden, die die größten Opfer dieser Krise sind. Man muss nur in die Augen dieser Leute sehen, wenn man sie auf der Straße trifft und mit ihnen über ihre Ängste redet, wenn sie erzählen, von den Schulden und den offenen Rechnungen und den schlaflosen Nächten. In diesen Augen ist die blanke Angst. Die Regierung muss diesen Menschen ihre Angst nehmen, wenn man will, dass alle solidarisch beim Kampf gegen die Pandemie mitmachen.

Damit wir uns wenigstens eine vierte Welle ersparen.

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