Noch einmal Lockdown?

Die dritte Welle rollt über uns, eine Katastrophe wie im November muss verhindert werden. Aber uns allen geht schon die Luft aus.

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Die stets wiederkehrende Redewendung von Gesundheitsminister Rudolf Anschober, die kommenden Wochen würden „entscheidend sein“, ist ja längst zu einem geflügelten Wort geworden, das für Belustigung des Publikums sorgt. Manche fragen sich, ob der Grüne Krisenpolitiker mit irgendjemanden eine skurrile Wette am Laufen hat, dass er es schaffen würde, den Satz stets unterzubringen. Rein logisch ist der Satz ja fragwürdig, denn wenn jede Woche entscheidend ist, dann ist es am Ende keine. Weil: Entweder ist eine Zeitspanne besonders, oder sie ist es eben nicht. Aber gut, das ist vielleicht sprachpolizeiliches Wortgekringel, und darauf kommt es ja nicht an. Wir haben wichtigere Probleme und keine Zeit für sprachwissenschaftliche Debatten um Ministerformulierungen.

Und irgendwie hat er ja auch immer auch recht. Auch jetzt sind wir in einer sehr heiklen Phase. Einerseits nähern wir uns dem Sommer an und auch jener Zeit, in der dann irgendwann die Mehrheit der Menschen geimpft sein wird. Im Juni werden wir diese Seuche vielleicht schon überstanden haben, weil 70 Prozent unserer Mitbürger und Mitbürgerinnen die Spritze erhalten haben, auf die die meisten von uns so sehnlich warten. Zugleich müssen wir aber noch diese zwölf bis fünfzehn Wochen überstehen, ohne dass wir in eine Katastrophe schlittern, also in eine dritte Welle, in der noch einmal einige tausend Menschen unnötig sterben.

Auch wenn wir es nicht mehr hören können, stimmt es natürlich: die nächsten Wochen werden wieder einmal entscheidend sein.

Wir müssen da durchkommen, haben es aber alle zunehmend satt.

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Wir stehen bei über 3000 Neuinfektionen täglich und die Kurve zeigt nach oben. Zugleich gibt es Indizien, dass die neuen Mutationen nicht nur infektiöser, sondern auch aggressiver sind und schneller zu schweren Verläufen auch bei jüngeren Patienten führen. Im Durchschnitt betrug die Sterblichkeit bisher knapp unter zwei Prozent, selbst wenn sie (wegen der Impfung der Senioren) auf ein Prozent sinkt, dann führen 4000 Neuinfektionen zu 40 Toten pro Tag. Das sind 1200 im Monat. Was 6000 Neuinfektionen bedeuten würden, wollen wir uns gar nicht ausmalen.

Ein Dilemma. Einerseits müssen wir etwas tun. Andererseits wird es schwierig, einen dritten Lockdown durchzuhalten. Einerseits sind die Schulen und Kindergärten zu echten Treibern der Pandemie geworden (Kinder und Jugendliche infizieren sich und tragen die Infektion in ihre Familien), andererseits will man verständlicherweise neuerliche Schulschließungen tunlichst vermeiden, weil die Kinder schon genug gelitten haben. Was können wir gemeinsam machen, um wieder Sozialkontakte und Ansteckungen zu reduzieren?

Und hat, wenn es unumgänglich wird, die Regierung überhaupt noch ausreichend Rückhalt in der Bevölkerung, um noch einmal Notmaßnahmen zu verhängen? Wir haben es schließlich mit einer Regierung zu tun, deren stärkster Part – die ÖVP nämlich – gerade in einen Sumpf an Korruptions- und Filzskandalen unter zu gehen droht, die an allen Ecken mit Ermittlungen konfrontiert ist, die damit zu kämpfen hat, dass wenn immer irgendwo in diesem Land ein schmutziger Vorgang ans Licht kommt, die Kanzlerpartei irgendwie mit drin steckt. Das macht Sebastian Kurz und seine Entourage nervös, sie verliert jede Souveränität.

Sie verzettelt sich im Überlebenskampf.

Kurzum: Gerade jetzt bräuchte man eine Regierung die handlungsfähig ist, die über jeden Verdacht erhaben ist, die auch eine zunehmend gereizte Bevölkerung zusammenzuführen vermag. Aber wir haben eine Kurz-Regierung, der jetzt auf den letzten Metern die Luft ausgeht.

Die Lage wäre für jede Regierung sowieso schwierig genug. Aber mit unserer haben wir auch noch zusätzlich Pech.

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