Revolte gegen die Angst

Die Steyrer MAN-Belegschaft fegt ein schmerzhaftes Rettungskonzept vom Tisch. Harakiri? Oder ein längst überfälliger Aufstand der Würde?

Die Zeit, April 2021

Weithin sichtbar steht das MAN-Logo über dem Werk im Südosten von Steyr. Vor ein paar Monaten flatterte hier ein Transparent mit einem großen Fragezeichen auf dem Turm, bis es der Werkschutz herunterholte. Nur einen Steinwurf entfernt beginnt der Stadtteil, der als „Arbeitersiedlung“ bekannt ist, vom Werkspatron Josef Werndl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet. „Arbeiterstraße“, „Karl-Marx-Straße“ oder „Viktor-Adler-Straße“ heißen da die Gassen, die sich kreuzen. Und über dem Panorama thront, oben auf einem Hügel, die „Villa Werndl“, als Machtarchitektur des frühen Industriezeitalters.

Vergangenen Freitag zerriss plötzlich ein wildes Hupkonzert die Routine. Die Arbeiter kamen zusammen, tröteten mit allen fertig montierten LKWs. Stolz, Trotz und sogar Euphorie machte sich breit. Einzelne klopften sich auf die Schulter, denn man hatte gezeigt, dass man sich „nicht alles gefallen lässt“, wie das einer formuliert.

Ein Panorama, das schon wichtige Aspekte dieser Geschichte erzählt, einer Geschichte von Macht und Arroganz, aber auch von Aufmüpfigkeit. Und von Angst und Unsicherheit.

63 Prozent der Arbeiter und Angestellten des MAN-Werks in Steyr haben vergangene Woche den Übernahmeplan des Industriellen Siegfried „Sigi“ Wolf verworfen, des gut vernetzten einstigen Magna-Chefs. MAN will den Standort schließen, Wolf hat einen Rettungsplan präsentiert. Rundherum wurde genug medial getrommelt, man kennt das: dass die Übernahme „alternativlos“ sei, Wolf der rettende, weiße Ritter. Und dennoch haben die Beschäftigten den Plan weggefegt.

„Die trauen sich aber was“, war da die staunende Reaktion mancher. Auch in Steyr selbst gab es genügend Stimmen, die meinten, wie das ein Gesprächspartner formuliert: „Mir ist der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach.“

„Der Steyrer Arbeiter ist ein Stolzer“, sagt Ernst Schönberger. Der 67jährige schiebt das so raus, mit seiner rauchigen Stimme. Bis vor ein paar Jahren war Schönberger Betriebsrat bei MAN, er hat die Geschichte der letzten fünfzig Jahre mitgemacht. Schönberger hat da viel zu erzählen. „Es geht ja um Existenzen.“ Es ist eine Geschichte, in der Emotionen eine Rolle spielen, aber auch wirtschaftliche Fakten und die Details des Konzepts, das Wolf vorlegte und hinzu kommt noch eine eher grob missglückte Dynamik, seitdem MAN ankündigte, den Standort schließen zu wollen.

Das Wolf-Konzept sah vor, dass das Unternehmen künftig für den russischen LKW-Konzern Gaz, aber auch weiter für MAN produzieren und billiger zuliefern sollte. Die Beschäftigten hätten dabei auf rund 15 Prozent ihres Netto-Lohnes verzichten sollen. Je nach Zulagen und Überstunden kann das aber auch mehr sein. Rund 2400 Beschäftigte malochen in dem Werk, Wolf wollte mit knapp tausend weniger auskommen. Rund 2500 Euro netto verdient ein Arbeiter oder eine Arbeiterin am Band durchschnittlich. Sie wären auf etwa 2100 Euro runtergefallen. Kann man da überhaupt zustimmen?

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Helmut Elmer ist Arbeiterbetriebsrat und seit Freitag der Betriebsratsvorsitzende von MAN. Sein Vorgänger, längst im Pensionsalter, hatte bis zur Abstimmung noch weiter gemacht und dann vergangenen Donnerstag sein Amt niedergelegt. Elmer lacht, weil er gerade viel zu erklären hat, ob denn das Votum der Kolleginnen und Kollegen jetzt bewundernswert mutig oder arg riskant gewesen sei. „Da kommt ein Investor, sagt, ich kürze Euch das Einkommen, ich hau fast die Hälfte von Euch raus und ich sag außerdem nicht dazu, wer von Euch betroffen sein wird – ist es da so verwunderlich, wenn die Leute sagen, so geht es aber nicht?“ Klar, man verdiene nicht schlecht bei MAN, aber „die Arbeiter sind im Dreischichtbetrieb und gute Facharbeiter, die gefragt sind.“

Vieles hat in die emotionale Dynamik hineingespielt. Da ist zunächst einmal das Verhalten von MAN, des Nutzfahrzeugsriesen, der zum deutschen Volkswagen-Konzern gehört. Man hatte in Steyr investiert, noch unlängst 70 Millionen in eine neue Lackiererei gesteckt, man war stolz auf die innovativen Elektro-LKW, die man im Blitzlichtgewitter, flankiert von Politikern, präsentierte. Dass im Management des VW-Volkswagen-Konzerns manches im Argen liegt, das kann man dem täglichen Wirtschaftsteil der Weltpresse entnehmen. 2019 hatte MAN noch eine Standortgarantie vertraglich unterschrieben, nur um sie 2020 wieder zu kündigen. Im Grunde könnte, sollte das Werk wirklich geschlossen werden, jeder einzelne Beschäftigte auf Einhaltung seines Vertrages klagen. So richtig fair fühlte man sich von der Konzernzentrale auch nicht behandelt. Wolf hat diese Wut abgekriegt. Dass er in den Chats von Thomas Schmid als enger Kurz-Vertrauter auftaucht, hat das Vertrauen auf den letzten Metern auch nicht gerade verstärkt.

Aber man kann das Geschehen nicht verstehen, ohne die Geschichte der vergangenen 150 Jahre, und im Grunde geht die Identität von Steyr als rebellischer Arbeiterstadt noch weiter zurück, in die Zeit, als die Eisenproduktion Fahrt aufnahm, als beim steirischen Erzberg das metallhaltige Gestein rausgehauen wurde, die Flößer das Rohmaterial über die Enns transportierten und dann Messer, Spaten, Hacken, Maschinen in Steyr gehämmert wurden. Die Flüsse Steyr und Enns waren Transportwege, Verkehrsknotenpunkt, aber auch Energiequelle für die Wasserräder und Hammerwerke. Die Werndl-Familie machte die Stadt zum industriellen Zentrum, mit der Waffenfabrik, die einst in alle Welt exportierte.

Bald wurden auch Fahrräder produziert, das berühmte „Steyr-Waffenrad“, später kamen Autos, Traktoren, Lastwägen dazu. Der Steyr-PKW war ein Luxusprodukt. Legendär ist die Geschichte, dass Bertolt Brecht ein Werbegedicht für das prächtige Cabriolet schrieb, dafür ein Auto geschenkt bekam und es prompt zu Schrott fuhr (er erhielt dann flugs ein zweites). Steyr und das Werk – in der Nachkriegszeit als „Steyr-Daimler-Puch AG“ weithin bekannt –, das war eins. Erst der Strukturwandel der achtziger Jahre führte zu Krise und Umstrukturierung. MAN übernahm die Nutzfahrzeugsparte. BWM baute ein Motorenwerk. SKF siedelte sich an. Steyr-Mannlicher ist als Waffenproduzent eine große Nummer am Weltmarkt.

„Und dann war Krise“, erzählt Ernst Schönberger. Denn die Erschütterung hörte trotz erfolgreicher Modernisierung und Umstrukturierung nie mehr auf. „Einige Jahre lang sind regelmäßig Hundertschaften an Beschäftigten entlassen worden“. Er habe, berichtete er (dem Autor?) schon vor Jahren, „erwachsene Männer gesehen, die geplärrt haben“ (siehe „Die Zeit“, Nr. 45, 2019). Stets war da die Angst, die Erpressbarkeit, auch die Entsolidarisierung. „Die Angst ist nie mehr weg gegangen.“

Auch das ist die Geschichte hinter dem „Nein“ von vergangener Woche: Es ist auch so etwas wie eine Revolte der Würde gegen dieses „Friss oder Stirb“.

Geht man durch die Werkshallen und das Gelände, dann bietet sich ein Bild großen industriellen Könnens. Auf den Förderbändern schnurren die LKW-Teile Meter um Meter flott voran, die Achsen werden montiert, Schrauben und Muttern festgeschraubt. Automatisierte Wägelchen rumpeln durch die Halle und bringen die Teile an die richtige Stelle am Band. Mehrere Arbeiter packen an, um den schweren Motorblock einzubauen. Das ist hohe Ingenieurskunst, heikle logistische Feinarbeit und traditionell harte Männerarbeit. Heute stehen auch Frauen am Band, strecken sich in Führerkabinen, montieren über Kopf Teile zusammen. 40 Monster-LKW laufen pro Schicht vom Band, fast keiner gleicht dem anderen, ist auf die Wünsche der Kunden zugeschnitten.

Was man salopp die traditionellen Werte der arbeitenden Klassen nennen könnte, hier sind sie einfach eine Selbstverständlichkeit: Man kann was. Man leistet schwere Arbeit. Man schwitzt für sein Geld. Man ist kein Großredner im Büro. Das ist das Selbstbewusstsein der „MANler“.

„Das hier ist alles Fertigungsstufe Null“, erklärt ein Facharbeiter. Heißt: Jedes Teil wird anderswo produziert und nur zur Montage nach Steyr gekarrt. Das vielleicht größte Wunder der Autoproduktion ist die Logistik: Dass jedes Teil aus Ingolstadt oder aus Polen zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Auch ein wenig verrückt: Lastkraftwagen fahren um die ganze Welt, damit Lastkraftwagen produziert werden können. Ein Perpetuum mobile.

Jetzt hängen nicht nur 2.400 Arbeitsplätze bei MAN an einem seidenen Faden, sondern über 8.000 bei Zulieferern, aber auch viele sonstige Jobs in der Stadt – bei knapp 40.000 Einwohnern und rund 70.000 insgesamt im Umland. Jetzt geht es zurück an den Start, an die Verhandlungen mit der MAN-Führung und den VW-Konzern. Neue Rettungsoptionen müssen her, Zusperren ist keine Lösung. Auch andere Investoren basteln Konzepte, um den Standort als „Green-Mobility-Center“ in die Zukunft zu führen.

„Steyr ist eine Eisenstadt“, sagt Markus Vogl. „Das prägt auch die Menschen. Man lässt sich nicht leicht verbiegen. Man ist spröde.“ Vogl ist Vizebürgermeister und lokaler SPÖ-Chef, vorher war er Angestelltenbetriebsrat bei MAN, und er soll demnächst den langjährigen Bürgermeister ablösen. Steyr hat Massenentlassungen und Krise schon erlebt. Man hört ihm an, dass er sich seinen Start etwas weniger sorgengeplagt gewünscht hätte.

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