Radikale Rechte versuchen das Christentum zu einer Waffe im politischen Kampf umzuschmieden.
Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden:
Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW
Es ist ein Charakteristikum der Clowns, die uns heutzutage regieren, dass man nicht immer genau weiß, ob sie zum Lachen oder zum Fürchten sind. So sind auch manche der Kontroversen schockierend und unterhaltsam zugleich. Jüngst gab es beispielsweise einen heftigen Streit zwischen Donald Trumps Bande und dem Papst. Die Welt wird „von einer Handvoll Tyrannen zerstört“, sagte Papst Leo XIV. Er wendete sich auch gegen einen Machtmissbrauch des Religiösen. Trump und seine Leute brachte das auf die Palme. Vizepräsident J.D. Vance konterte mit drohendem Unterton, der Papst sollte „vorsichtig sein“ wenn er über Theologie spricht. Vance, vor sieben Jahren zum Katholizismus konvertiert, ist gewiss eine bessere Auskunftsperson in theologischen Fragen.
Aber abseits der skurrilen Note des Geschehens gibt es einen ernsteren Hintergrund: Wesentliche Teile der reaktionären Maga-Bewegung verwandeln die Republikaner in einer fundamentalistisch-religiöse Sekte. Gewiss, ein frömmelnder Ton, der Europäern manchmal fremd anmutet, gehört traditionell zur politischen Sprache der USA. Aber es geht mittlerweile weit darüber hinaus.
Kriegsminister Pete Hegseth gehört radikalen evangelikalen Fundamentalistengemeinschaften an. Auf seinem Körper hat er sich Kreuzrittersymbole eintätowieren lassen sowie den Gotteskriegerslogan „Deus Vult“ („Gott will es“), ein zentraler Ruf aus der Kreuzzugsära. Dass es eine radikal-fundamentalistische Strömung im US-Protestantismus gibt, die unverschämt nach politischer Macht greift, ist nicht überraschend – an diese evangelikalen Strömungen hat man sich seit Jahrzehnten gewöhnt.
Eher neu ist ein Fundamentalismus in der katholischen Szene. Gelegentlich ist schon von „Katholiban“ die Rede. J. D. Vance gehört in dieses eigentümliche Milieu. Peter Thiel, der Milliardär, Maga-Sponsor und Tech-Bro, ist eine der Zentralfiguren einer eher rigoros ausgelegten politischen Theologie. Seit Jahrzehnten widmet er sich schon der Lektüre von René Girard, dessen Buch über „Das Heilige und die Gewalt“ zu den Schlüsselwerken philosophisch-theologischer Literatur zählt, und durchaus verschiedene Lesarten zulässt. Unter jenen Leuten, die sich mit viel Liebe zum Abgründigen den Schriften Girards widmen, gibt es eher Linke und eher Rechte.
Peter Thiel liest auch gerne den deutschen Nazi-Staatsrechtler Carl Schmitt, der in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit „Politische Theologie“ und anderen Schriften zur Polit-Religiösität Texte zum Thema vorlegte, die bis heute einflussreich sind, wobei Schmitt vor allem ein autoritärer Freund der Ordnung und weniger der fanatischen Ideen war. Die jahrtausendealte Hierarchie des „römischen Katholizismus“ kam seiner Formverliebtheit eher entgegen als die Radikalität von Glaubenskriegern. Seine „Politische Theologie“ umkreiste auch eher das Weiterleben von theologischen Konzepten in säkularen Begriffen der Gegenwart – so glaubte er, der „Ausnahmezustand“ wäre ein säkulares Äquivalent zum „Wunder“ in der Theologie. Thiel hält neuerdings häufig Vorträge über den „Antichristen“ und über den „Katechon“, jene Macht, die das Diabolische aufhalten könne. Auch diese eher schrill anmutenden Gedankengänge sind merklich von Schmitt beeinflusst. Schmitt sah in der seltsamen Figur des „Katechon“, den „Aufhalter“, der sich gegen das Unheil stemmt. Besonders hat es Thiel die Apokalyptik angetan. Dass Thiel in einem „New York Times“-Interview die Überlegung anstellte, jener Antichrist, der eine Weltregierung etablieren wolle, könnte sich vielleicht in Greta Thunberg verkörpern, verlieh dem hohen Schmittschen Gedanken dann allerdings einen Schuss ins Lächerliche.
All das klingt wirr, und bis zu einem gewissen Grade vielleicht sogar lustig. Aber das Bild das sich bietet ist weniger amüsant: Die Maga-Leute versuchen mit viel Energie, die Religion in den Dienst radikaler Politik zu stellen.
Dieser Radikalismus ist gewiss eher unsystematisch. Er vermengt alle möglichen Motive Extremen, manchmal auch einfach das Überdrehten, das Religiöse mit den radikalen Thesen der „Neo-Reaktionäre“ („N-Rex“) und der „dunklen Aufklärung“, wie sie etwa von Figuren wie Curtis Yarvin und Nick Land verbreitet werden, die allesamt Stichwortgeber der Gruppe um Peter Thiel sind. Dazu passen Vorstellungen eines strafenden, eifernden Gottes und eine Kreuzzugsmentalität, bei der man am Ende zu Christus, dem Erlöser, betet – und ihn um den Sieg im Krieg bittet.
Ein Zentralmotiv bei all dem: Das Christentum wird so in einen Kult der Härte umgeformt und damit sogar einem extremen Neoliberalismus und Individualismus dienstbar gemacht. Peter Thiel hat unlängst in einem Talk mit einem rechten Youtube-Format darauf hingewiesen, dass das Christentum mit der Idee der Nächstenliebe aus seiner Sicht schon vor Jahrtausenden auf Abwege geriet, weil es deswegen den Opfern, den Losern, den Schwachen zugewandt war. Damit habe man den Starken ein schlechtes Gewissen eingeredet, was die Ursünde des Christentums sei. Wenn wir ihn recht verstehen, hätte er gerne ein Christentum, dass sich solch gutmenschlicher Konzepte wie der Nächstenliebe entledigt und mit dem extremen Ego-Individualismus der Libertären deshalb vereinbar wird. In diesen Milieus versucht man beispielsweise auch die „Empathie“ schlecht zu reden, also die menschliche Eigenschaft, sich in das Leid anderer hineinfühlen zu können. „Toxic Empathy“ ist eine populäre Vokabel in diesen Biotopen.
Alles nur eine unterhaltsame Schrulligkeit? Man tut gut daran, die Ideologen erst zu nehmen und nicht nur als Clowns abzutun. Thomas Assheuer hat unlängst in der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ den Verdacht geäußert, dass die „Religion gnadenlos zur Waffe umgeschmiedet“ wird. Ein zorniges, kriegerisches Christentum wird getrommelt, und als Mittel eingesetzt, die Menschen aufzuhetzen.
Für reichlich Gespött sorgte vor einigen Tagen der US-Kriegsminister Pete Hegseth, der im Zuge einer Lobrede auf seine Militärs vermeintlich aus einem alttestamentarischen Vers zitierte: „…ich will große Rache an denen vollführen, die da versuchen, meine Brüder zu vergiften und zu vernichten. Und mit Griff werde ich sie strafen, dass sie erfahren, ich sei der Herr, wenn ich meine Rache an ihnen vollstreckt habe!“ Es stellte sich dann heraus, dass Hegseth eine bastardisierte Variante der Passage vortrug – aus einer Persiflage aus Trentin Tarantinos „Pulp Fiction“. Der Vers wird dort gewohnheitsmäßig von einem Auftragskiller gesprochen, bevor er seine Opfer ermordet. Was freilich wiederum kein schlechtes Sinnbild für Trump und seine Mitstreiter ist. Der Missbrauch des Religiösen und christlicher Motive kommt Gotteslästerung schon recht nahe.
In den vergangenen Jahrhunderten hat sich schließlich doch eher eine humanistische und emanzipatorische Interpretation der christlichen Botschaft durchgesetzt. Aber auch die alttestamentarische, jüdische Tradition ist voller Botschaften wie: „Die Fremdlinge sollst Du nicht bedrücken“. Oder: „Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache.“ Die biblische Tradition ist einfach auch das Inhaltsverzeichnis der revolutionären und egalitären Ideale der Menschheitsgeschichte, und stellt damit eine Fundus der Sprache auch für den Kampf gegen Beherrschung bereit, wie sie immer wieder von Widerstandskämpfern wie Martin Luther King angeschlagen wurde. Die biblische Sprache von Propheten und Predigern ist eine kraftvolle Rhetorik, die man weltlicher Herrschaft entgegenschleudern kann – das berühmte „Truth to Power“.
Aber zugleich ist das Zornige, das Aggressive, das Strafende in den Religionen angelegt, und besonders in den monotheistischen Religionen, die eine gewalttätige Unbedingtheit ins Feld des Religiösen eingeführt haben. Viele Gelehrte, wie etwa der verstorbene Religionswissenschaftler Jan Assmann, haben darauf hingewiesen, dass der exklusive Wahrheitsbegriff des Monotheismus, dessen Unterscheidung zwischen dem einen, richtigen Gott und den vielen falschen Göttern Rhetoriken der Strenge und der Kompromisslosigkeit etabliert haben. Der Herr als „verzehrendes Feuer“, als „eifernder Gott“, von dem gesagt wird: „Wen der Herr liebt, den züchtigt er.“ Einer der zentralen, berühmtesten Sätze der Evangelien lautet schließlich: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.“ Das ist in gewissem Sinne ja der furchtbarste Satz der Menschheitsgeschichte. Darin konzentriert sich die eifernde Sprache des Fundamentalismus, mit dem eine Unduldsamkeit in die Welt kommt – und den alle Tyrannen der Welt zu ihrem Leitspruch machten.
US-Kriegsminister Hegesth sieht die US-Militärs, die gerade den Iran bombardieren, nicht nur in einem geopolitischen Konflikt, sondern in einem Krieg „für Jesus“. Damit wird an eine Sprache angeschlossen, in der Heilserwartung und Vernichtung nah beieinander liegen, es wird eine „Verbindung von Frömmelei und Blutrünstigkeit“ beschworen, und „militante Maskulinität mit christlicher Gewissheit“ (The Guardian) kombiniert. Hegseths engster religiöser Vertrauter, der Pastor seiner Gemeinde, ist beispielsweise für die Abschaffung des Frauenwahlrechts und die Errichtung einer Theokratie.
Wir sehen heute, wie dieser Irrwitz auch auf die christlichen Milieus in Europa ausstrahlt. Fundamentalisten, die früher kaum Wahrnehmung gefunden und ein Schattendasein gefristet hätten, gewinnen im rechtsextremen Biotop und in Krawallmedien Aufmerksamkeit und infiltrieren auch katholische und protestantische Milieus, sie schwingen sich zu Verteidigern des christlichen Europa auf, spüren Aufwind, sie glauben etwa, die Fristenlösung abschaffen zu können. Was vor wenigen Jahren noch der Narrensaum war, wird selbstbewusster: neo-integralistische Propagandisten träumen sogar von einer Theokratie, einem Gottesstaat, in dem das religiöse Sittengesetz und die weltliche Herrschaft nicht mehr getrennt sind.
Der Artikel beschreibt zutreffend die gefährliche Politisierung religiöser Motive im Umfeld der MAGA-Bewegung. Was ihm jedoch fehlt, ist der Blick auf die tiefere religiöse Grundierung Amerikas selbst, und damit auch auf jene säkularisierte Theologie, die längst Europa erreicht hat.
Die religiöse Radikalität, die heute in den USA politisch mobilisiert wird, ist kein neuer Import schriller Figuren und kein primär katholisches Problem. Sie ist älter, strukturprägender und kulturell tiefer verankert. Amerika ist kein säkularer Staat, der plötzlich von Religion überfallen wird. Es ist eine Gesellschaft, die von Beginn an aus puritanischer, calvinistischer und augustinischer Theologie hervorgegangen ist, auch dort, wo sie sich selbst für aufgeklärt hält.
Die eigentliche Blindstelle des Artikels liegt darin, dass er den Fokus stark auf katholische Konversionen und randständige theologische Begriffe lenkt, während er die protestantisch-puritanische Tiefenstruktur amerikanischer Politik weitgehend ausblendet. Das, was heute als religiöser Extremismus erscheint, ist in Wahrheit oft nur die Enthemmung einer alten Denkfigur: Erwählung, Schuld, Disziplin, Erfolg als Zeichen von Gnade, Scheitern als moralisches Versagen.
Diese Logik ist nicht neu. Sie prägt das amerikanische Selbstverständnis seit den ersten Kolonien. Sie wirkt im Leistungsdenken, im Strafrecht, in der Außenpolitik, und selbst dort, wo Religion scheinbar verschwunden ist. Der säkulare Moralismus des Marktes, das sogenannte Prosperitäts- oder Welfare-Evangelium, ist keine Verirrung des Christentums, sondern eine konsequente Weiterführung calvinistischer Prädestinationslogik mit ökonomischen Mitteln.
Hier wirkt Augustinus fort, nicht der Augustinus der Heilung und der Gnade, sondern jener des pessimistischen Menschenbildes, vermittelt über die Reformation und radikalisiert durch Johannes Calvin. Diese Theologie lebt weiter, auch wenn sie sich heute „Meritokratie“, „Eigenverantwortung“ oder „liberaler Individualismus“ nennt.
Wer diese Genealogie nicht sieht, läuft Gefahr, Symptome zu verwechseln mit Ursachen. Dann erscheinen katholische Konvertiten als Ursprung des Problems, obwohl sie vielfach nur versuchen, einem bereits bestehenden moralischen Individualismus eine neue liturgische Form zu geben. Die religiöse Rhetorik mag wechseln, die Struktur bleibt.
Noch gravierender ist, dass diese Blindheit nicht nur Amerika betrifft. Der säkularisierte Calvinismus hat Europa längst erreicht: in technokratischen Eliten, in einem moralisierten Leistungsdenken, in einer Politik, die Erfolg legitimiert und Scheitern individualisiert. Auch hier wird Ordnung höher bewertet als Gerechtigkeit, Disziplin höher als Strukturkritik.
Die Religion wird heute nicht erst zur Waffe gemacht. Sie war immer schon Teil des westlichen Machtinstrumentariums, einmal offen, einmal säkular verkleidet. Wer das kritisieren will, muss tiefer ansetzen: nicht bei einzelnen Akteuren oder Konfessionen, sondern bei dem alten Erwählungsdenken, das sich immer neue Masken aufsetzt.
Erst dann wird sichtbar, dass es nicht um katholisch oder evangelikal geht, sondern um eine theologisch grundierte Weltsicht, die Macht heiligt, solange sie erfolgreich ist.