Anna-Verena Nosthoff beschreibt den Siegeszug der Kybernetik, der Wissenschaft vom Staat, Mensch und Maschine.
Was die Kybernetik überhaupt ist, ist keineswegs so klar: eine interdisziplinäre Wissenschaft, die Mathematik, Technikforschung, viel Futurismus und KI-Utopismus, Steuerungstechniken, Philosophie und manchmal auch die Liebe zur steilen These kombiniert. Gelegentlich grenzt sie ein wenig an Scharlatanerie. Der Begriff selbst ist keine allseits vertraute Vokabel. Dabei bestimmt Kybernetik Leben, Alltag und vor allem unsere Gegenwart. Sie ist überall – so sehr, dass es uns gar nicht bewusst wird.
Wenn Sie einen Kommentar in Soziale Medien hineinhämmern, beeinflussen Sie die öffentliche Meinung, aber noch mehr das Grundrauschen der Diskurse. Algorithmen steuern, was sichtbar ist, doch Sie steuern die Sichtbarkeit durch Ihre Präferenzen gleich mit; wenn Sie Online einen Flug buchen, beeinflussen Sie die Preisbildung; wenn Sie beim Händler ein Auto kaufen, setzen sie sofort eine unendliche Kette an automatisierten Vorgängen und eine Produktionskette in Gang. Wenn Sie bei einer Meinungsumfrage teilnehmen, bringen Sie andere in die Lage, die Entwicklung der Meinungsbildung zu beobachten – und beeinflussen natürlich die beurteilten Politiker.
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Kybernetik als Theorie der „Kommunikation und Kontrolle“, als „Regelungs- und Steuerungswissenschaft“ und damit als das Denken über das Verhältnis „von Mensch und Maschine“ – so die Definition in Anna-Verena Nosthoffs „Kybernetik und Kritik“ – hatte ein paar Voraussetzungen: Erstens, die Entstehung hochkomplexer technologischer Instrumente, die automatisierte Produktion, Datenverarbeitung und Computerisierung ermöglichten; zweitens die Erkenntnis, dass komplexe Gebilde (der Staat, große Konzerne, „die Gesellschaft“) nicht einfach durch Befehl und Gehorsam zu steuern sind.
Nosthoff beschreibt dicht auf über 600 Seiten die Geschichte der Kybernetik, von Techno-Utopien und einer Gesellschaftswissenschaft, in der soziale Prozesse, die Wirtschaft, aber eben auch die Technologie aufeinander einwirken. Ein Schlüsselbegriff ist der der „Gouvernementalität“, der beschreibt, wie Regeln, Wirtschaft, Moral, Technologie, Zeitgeist und vieles mehr Feedbacksysteme entwickeln, um einigermaßen erwünschte Ergebnisse in komplexen Systemen zu erzielen, die für planvolles Handeln zu kompliziert sind. Karl Marx formulierte einmal, die Produktion produziere nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand, kurzum: die Menschen werden an die Maschinerie angepasst und verändert. Techno-Utopien können autoritäre Beherrschungsphantasien sein, wie der dunkle Autoritarismus der Tech-Bros und des „Muskismus“; sie können aber auch emanzipatorische Utopien inspirieren, von Gleichheit, mehr Effizienz, Schaffung unermesslicher Reichtümer und der Mitrede-Möglichkeit Aller im demokratischen Prozess. In Salvador Allendes Chile wurde beispielsweise versucht, die Wirtschaftssteuerung mit Echtzeitdaten und Beteiligung Aller mit einem echten demokratischen Sozialismus zu verbinden.
In den vergangenen knapp 80 Jahren hat die Kybernetik Computerforscher, Gesellschaftstheoretiker, aber auch Künstlerinnen und Künstler fasziniert. Der Aktionist Peter Weibel war von ihr gebannt, Philosophen wie Jean Baudrillard oder Autoren wie Hans-Magnus Enzensberger grübelten an kybernetischen (Anti-)Visionen herum.
Zu den spannendsten – und auch abwegigsten – Aspekten des Themas gehört das Nachdenken über das Verhältnis von Mensch und Maschine. Nosthoff nennt das die „Kybernetisierung des Subjekts“. Der Mensch wird häufig wie eine Maschine dargestellt, der nur auf Reize, Impulse reagiert – und das „zweckgerichtet“ und dessen Gehirn „verdrahtet“ sei. Umgekehrt werden die Maschinen vermenschlicht, man denke nur an die Begrifflichkeiten, dass die KI „denkt“, dass sie gegen uns rebellieren könnte, oder dass die Datenflüsse in „neuronalen Netzwerken“ geschehen, die beschrieben werden wie das menschliche Gehirn.
Anna-Verena Nosthoff: Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Berlin, 2026. 671 Seiten. 28,80.- Euro.