Politische Theologie für Spinner

Herumgeschmitte. Warum Hitlers Kronjurist Carl Schmitt heutzutage US-Gotteskrieger wie Peter Thiel und J. D. Vance inspiriert.

Um die vergangene Jahreswende widmete ich mich dem Feinschliff meines Buches „Erziehung zur Grausamkeit“, das demnächst erscheint.

Im August 2026 erscheint mein Buch "Erziehung zur Grausamkeit" im Suhrkamp-Verlag. "Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus"
Im August 2026 erscheint mein Buch „Erziehung zur Grausamkeit“ im Suhrkamp-Verlag. „Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus“

Ich feilte an paar Sätzen herum. Diese finalen Verbesserungen nenne ich gerne meine „Carl-Schmitt-Operation“, denn das Faszinierendste an dem ultrarechten Juristen waren immer seine ersten Sätze. Natürlich auch die Eiseskälte, die seine Texte durchweht. Man nannte Schmitt Hitlers „Kronjuristen“.

Schmitts Texte starten mitunter mit explodierenden Einstiegssätzen, die eine These formulieren, apodiktisch, provokant. Nicht selten sind sie ein Postulat, auf das man normalerweise nicht leicht käme. „Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus“, ist etwa so ein Satz. Schmitts Einstiegsknaller sind schnörkellos, kurz, auf das Wesentliche reduziert, maximal verdichtet, so ähnlich wie Suppenwürfel. In denen ist ja auch die Brühe zusammengepresst. Und sie ziehen einen sofort in den Text hinein.

Man kann auch von Nazis was lernen. Natürlich könnte man die Feinschliff-Operation genauso gut die „Franz-Kafka-Unternehmung“ nennen, dessen erste Sätze auch legendär sind. Man denke nur an: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

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Neben diesen Handwerks-Kniffen habe ich noch meine Terry-Eagleton-Technik. Der britische Marxist und Literaturtheoretiker hat etwas, was Carl Schmitt völlig abging, nämlich Humor. Er schreibt die tiefgründigsten Abhandlungen, macht sich aber die Extramühe, sie möglichst lässig zu formulieren. Seine Maxime: Kompliziert und unverständlich über Philosophie und Kulturtheorie kann jeder schreiben. Echte Könner dagegen vermögen es so zu übersetzen, dass auch interessierte Laien mitkommen. Dazwischen streut Eagleton Witze oder lustige Metaphern, sodass mir vor Lachen das Buch aus der Hand fällt. Der Terry-Eagleton-Jünger in mir denkt sich manchmal bemüht ein paar Witze aus. Wenn mir keiner einfällt, frage ich chatgpt. Der ist aber auch nur halblustig, so ähnlich wie Dieter Nuhr. Viele stört ja, dass Nuhr ein Reaktionär von eher schlichtem Gemüt ist. Mich stört mehr, dass er nicht lustig ist. Wahrscheinlich lässt er sich auch seine Pointen von chatgpt schreiben. Seine „Pointen“.

Zurück zu Carl Schmitt, dessen Oevre ich in den neunziger Jahren fast vollständig gelesen habe, ohne dass mich das zu einem schlechteren Menschen gemacht hätte. Die Lektüre hat mich noch nicht einmal „traumatisiert“, womit heute ja oft gemeint ist, dass man sich ein bisschen ärgert. „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ – der berühmte erste Satz seiner „Politischen Theologie“. Oder: „Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe“ (so beginnt das dritte Kapitel).

Peter Thiel, der rechte Strippenzieher der Trump-Regierung, Milliardär und Sponsor halb- und ganzfaschistischen Geisteslebens weltweit, liest in den vergangenen Jahren auch sehr viel Carl Schmitt. Der hat es ihm ebenso angetan wie der katholische Religionsphilosoph René Girard. Schmitts Diktum, dass alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre säkularisierte theologische Begriffe seien, ist zunächst einmal bloß eine ideengeschichtliche Behauptung, weil beispielsweise in der westlichen Welt Endzeitideen, eine Geschichtsphilosophie, die von einem Fortschritt in Richtung einer Höchststufe der Entwicklung ausgeht – einem „Ziel der Geschichte – an tradierten christlichen Zeitvorstellungen geschult seien, genauso wie die messianische Idee von Befreiung. So unterschiedliche Charaktere wie Walter Benjamin (er schrieb an Schmitt einen bewundernden Brief) oder der jüdische Rabbiner und Philosoph Jacob Taubes hatten ein tiefes Einverständnis mit Schmitt. Diese „Linksschmittianer“ fanden plausibel, dass etwa Vorstellungen vom Paradies eine gewisse Analogie zum „Kommunismus“ haben. Auch Ideen vom großen Ereignis, das die Zeiten scheidet, weisen starke Züge religiöser Motive auf, möge man dazu Rückkehr des Messias sagen oder Weltrevolution. Manche linke Philosophinnen bauen ihr halbes Werk auf Herumgeschmitte auf, wie die Theoretikerin Chantal Mouffe seit bald dreißig Jahren mit ihren Thesen, dass „das Politische“ den mehr Konflikt und weniger Konsens braucht.

Dass es zwischen theologischen und weltlichen Begriffen eine metaphorische Ähnlichkeit gibt, heißt noch nicht viel. Katholischen Fundamentalismus kann man daraus noch nicht begründen. Peter Thiel und seine wackeren Gotteskrieger-Freunde gehen aber weiter. Sie lesen Schmitt buchstäblicher als er das selbst gewollt hätte. Thiel ist von einer tiefen Angst besessen. Etwa, dass wir bald vom Antichristen beherrscht werden. Der Antichrist – also der Teufel – würde uns aber nicht unterwerfen, sondern in sein Regiment hineinlocken wie der Konsumkapitalismus in den Einkaufstempel. Eine progressiv-liberale Weltregierung, sie wäre ein diabolischer Plan des Antichristen, meint Thiel, mit ihrem Versprechen von Frieden, Toleranz, Sicherheit. Der Antichrist hätte auch keine Hörner am Kopf. Womöglich ist ja Greta Thunberg der Antichrist, meinte er unlängst. Denn sie verspricht, uns vor der Klimakatastrophe zu retten. Einem solchen Weltregime müsse man sich entgegenstellen. Die Trump-Regierung tut das schon ein wenig, indem sie die paar Fundamente einer globalen, liberalen Weltordnung zerstört. Dabei greift Thiel wieder ein Motiv Carl Schmitts auf, nämlich das vom „Katechon“, dem Aufhalter, der sich dem Unheil und dem Fortschritt entgegenstellt. Ein bisschen durchgeknallt ist das alles. Quasi politische Theologie für schrullige Käuze.

Man vergesse freilich nicht: Thiel hat seinen Jünger J. D. Vance schon im Amt des Vizepräsidenten untergebracht. Vance ist wie Thiel der Meinung, die Schwäche des Christentums sei die Nächstenliebe, die Empathie, weil sie den Starken ein schlechtes Gewissen macht. Jedenfalls entsteht in den USA ein extremistisch-fundamentalistischer Katholizismus. J. D. Vance ist mit viel Trara zum Katholizismus konvertiert. Er hat sogar den letzten Papst besucht. Der ist daraufhin gleich verstorben.

Ein Gedanke zu „Politische Theologie für Spinner“

  1. Robert Misik gelingt es wie kaum einem anderen, die ideengeschichtlichen Verwerfungen der Gegenwart auf den Punkt zu bringen. Und doch bleibt der Text hinter dem zurück, was er verspricht. Denn Misik verfällt dem Fehler, Carl Schmitt und Peter Thiel zu den Ursachen eines Phänomens zu machen, das viel älter ist als beide. Schmitt wird zum Kronzeugen einer religiösen Politisierung stilisiert, Thiel zum finsteren Magier, der die Fäden zieht. Das ergibt ein unterhaltsames, fast romanhaftes Szenario, aber es ist ideengeschichtlich schief und politisch bequem und selbstgerecht.

    Denn was ist Carl Schmitt schon, wenn man ihn beim Wort nimmt? Ein Denker der Ordnung, kein Prophet des apokalyptischen Kampfes. Seine „Politische Theologie“ ist eine Beschreibung säkularisierter Begriffe, keine Anleitung zum Gotteskrieg. Dass Thiel und Vance Schmitt heute „buchstäblicher“ lesen, als er selbst geschrieben hat, ist kein Beweis für Schmitts Wirkung, sondern für die Sehnsucht nach autoritärer Klarheit, die in bestimmten Kreisen immer schon vorhanden war. Schmitt ist hier nicht der Vater des Gedankens, sondern der willkommene Alibi-Lieferant für eine Haltung, die sich längst gebildet hatte.

    Misik übersieht, das religiöse Radikalität der MAGA-Bewegung sich nicht aus der Schmitt-Lektüre einiger Nerds, sondern aus dem puritanisch-calvinistischen Erwählungsdenken, das Amerika seit den ersten Kolonien prägt, speist. Thiel und Vance sind nicht die Erfinder einer politischen Theologie der Härte, sie sind ihre späten Enkel, die jetzt auch noch katholische Requisiten tragen. Der „Katholiban“ ist kein neues Phänomen, sondern der neueste Aufguss einer sehr alten protestantischen Mentalität, die Erfolg als Gnade und Scheitern als Verdammnis deutet.

    Besonders stört mich der Ton der finalen Pointe: „Vance hat sogar den letzten Papst besucht. Der ist daraufhin gleich verstorben.“ Wenn der Feind lächerlich ist, muss man ihn nicht mehr ernst nehmen. Und genau das ist gefährlich. Denn die „Gotteskrieger“ sind nicht lächerlich, weil sie Schmitt lesen oder an den Antichristen glauben, sie sind gefährlich, weil sie eine tief in der amerikanischen, ja in der gesamten westlichen Kultur verwurzelte protestantische Denkfigur bedienen: die Erwählung der Starken, die Verdammung der Schwachen, die Sakralisierung des Erfolgs.

    Diese Denkfigur findet sich nicht nur bei Thiel und Vance. Sie findet sich in jedem neoliberalen Seminar, in jeder technokratischen Reformagenda, in jedem Manager-Büro, das von „Leistungsträgern“ und „Bremsern“ spricht. Sie ist die säkularisierte Theologie des Westens selbst. Wer das bekämpfen will, muss nicht bei Carl Schmitt ansetzen, sondern bei der calvinistischen Erbsünde, die wir alle in uns tragen, ob wir nun fromm sind oder nicht.

    Misik hat recht, wenn er schreibt, dass man von Nazis handwerklich lernen kann. Aber er irrt, wenn er meint, dass die Bekämpfung des Neoreaktionismus in den USA und der Posthumanismus in Europa in der Entlarvung einiger schrulliger Ideologen besteht. Die Wurzel liegt tiefer. Sie liegt im protestantischen Arbeitsethos, im amerikanischen „Manifest Destiny“, im europäischen Leistungsdenken. Solange wir diese Wurzeln ignorieren, werden wir immer nur Symptome bekämpfen, und uns dabei noch über die Komik der Symptome amüsieren.

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