Schule der Umbarmherzigkeit

Erziehung zur Grausamkeit. Warum Menschen für das Autoritäre empfänglich sind, ist gut erforscht. Übersehen wird gern, wie sie sich dabei verändern.

Dieser Essay beruht meinem Buch „Erziehung zur Grausamkeit. Massenpsychologie des Neuen Faschismus“, das dieser Tage im Suhrkamp-Verlag erschien. Es sollte ab sofort in Eurer Buchhandlung erhältlich sein.

 

 

Leo Löwenthal war eine Zentralfigur der „Frankfurter Schule“, er verfasste im US-Exil eine bahnbrechende Untersuchung über autoritär-populistische Agitation („Falsche Propheten“) und sagte im hohen Alter 1981 einen sehr erhellenden Satz: die Eigenart dieser Agitation ist, „dass sie die Psychoanalyse auf den Kopf stellt“. Versuche der Psychoanalytiker die Neurosen, psychotischen Störungen und die Spuren von Traumata im Individuum zu heilen, so betreibe die populistisch-faschistische Agitation das exakte Gegenteil: Sie mache „die Menschen neurotisch und psychotisch und schließlich völlig abhängig von ihren sogenannten Führern“. Sie schürt die Wut, die Verbitterungsgefühle, will ihre Anhänger in vollends paranoide Charaktere verwandelt, nährt einen Kult der Härte, die Freude an der Gemeinheit, destruktive Fantasien über allerlei Grausamkeiten, die man jenen antun möchte, die man als verantwortlich für das eigene Unbill sieht und verstärkt „die mörderischen, aggressiven und destruktiven Impulse“.

Im propagandistischen Hagel der Affektbewirtschaftung wird die Anhängerschaft nicht bloß „verführt“. Die Menschen verändern sich, wenn sie in die Fänge der Agitation geraten, sie werden einer Art Gehirnwäsche ausgesetzt und ummontiert, wie Galy Gay in Bertolt Brechts berühmten Stück „Mann ist Mann“, in dem erprobt wird, wie man Menschen mitsamt ihren Einstellungen beliebig formen kann.

Man wird nicht als Fanatiker geboren, man wird zu ihm gemacht. Allmählich, und dann plötzlich, fabriziert die faschistische Agitation Charaktertypen. Es sind Jahre der Gewöhnung, an einen Tonfall, an die Erregung, an die ständige Wiederholung derselben Feindbilder. An die Lust, sich gemeinsam zu empören. An das Gefühl, Teil einer belagerten Gemeinschaft zu sein. Wer in den Sog der Agitation gerät, empfindet bald jede Kränkung als moralischen Anspruch auf Vergeltung. Es sind Lehrjahre der Unmenschlichkeit.

Das ist die Zeit, in der wir jetzt auch wieder leben.

Hergebrachte Faschismusanalysen und Theorien über den „autoritären Charakter“ untersuchen in erster Linie, welche mächtigen gesellschaftlichen Gruppen ein Interesse an autoritärer Herrschaft haben, manche beschreiben einleuchtend, wie Frust, ökonomische Abstiegsängste und der Vertrauensverlust der traditionellen Arbeiterparteien Menschen empfänglich für die rechte Agitation machen. Vielfach und genau ist auch erforscht, welche autoritären Charakterdispositionen Menschen mitbringen, die besonders empfänglich für rechte Weltbilder sind. Aber es ist recht wenig untersucht, wie sich Menschen verändern, wenn ganze Gesellschaften vom Kältestrom durchzogen werden, und warum sie nach und nach einen Lustgewinn empfinden, wenn ein Kult der Härte um sich greift.

Eines Morgens entschied sich Kristi Noem, ihre Hündin zu erschießen. Das Haustier war erst 14 Monate alt, unfolgsam und trotzte allen Versuchen, sich abrichten zu lassen. Statt Fasane zu apportieren, machte sie sich über die Hühner des Nachbarn her. Da muss, erklärte Noem, Gnadenlosigkeit walten. Gefühlsseligkeit ist fehl am Platze. Kein Mitleid, so die ostentative Botschaft. Kristi Noem, damals Gouverneurin von South Dakota, empfahl sich damit nicht nur der Anhängerschaft, sondern auch Donald Trump für höhere Weihen. Später wurde sie US-Homeland-Ministerin, posierte theatral vor Anhaltelagern in El Salvador, in die man Migranten deportiert hatte, die kahlgeschoren den Hintergrund von Noems Inszenierung bildeten. Botschaft: Grausamkeiten müssen nicht nur begangen werden, sie müssen öffentlich ausgestellt werden. In den Social Media Portalen feierte ein aufgehusster Mob Noems Aktivitäten. Erst als die Paramilitärs der Einwanderungsbehörde ICE auch normale Bürger und friedliche Protestler erschossen, wurde Noem zu einer Belastung für die Regierung und musste gehen.

Die Anhängerschaft ist co-produktiv in die Dynamik verstrickt. Es entsteht ein Menschentyp voller Rachegelüste und Feindseligkeit, angestachelt zum (Online-)Mob. Alle Überschreitungen der Anführer und alle Überschreitungen bisher als fix angesehener zivilisatorischer Grenzen erlebt diese Anhängerschar als Befreiung.

Schon Theodor W. Adorno und sein Kollektiv an Wissenschaftskolleginnen hatten in ihren berühmten Studien über Autorität und Familie sowie „über den autoritären Charakter“ das „potentiell faschistische Individuum“ ins Zentrum ihrer Forschungen gestellt, es aber vor allem mit Menschen zu tun gehabt, die in autoritären Familien, Schulen, in den strengen Hierarchien des Militärs im ersten Weltkrieg sozialisiert waren. Die Charaktereigenschaften dieser autoritären Menschentypen waren: Konventionalismus, Unterwürfigkeit, autoritäre Aggression gegen Andersdenkende oder jene, die vom Konformismus abwichen, Aberglaube und Stereotypie, Machtdenken und Kraftmeierei, Destruktivität und Zynismus. All das gibt es immer noch, aber heute ist ein Sozialisationstypus in den rechten Bewegungen dominanter, den auch schon Adorno und Co. wahrnahmen: der „Spinner“, der „Rebell“. Sigmund Freud wiederum hatte in seiner „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ prophetisch beschrieben, welche Veränderungen sich dem Einzelnen aufnötigen, wenn er sich in eine Masse einreiht, in eine „Kollektivseele“. Triebhemmung setzt aus, ein „Schwinden des Gewissens“ setzt ein, „Gefühlsansteckung“ und „Herdentrieb“ tun ihre Wirkung. Löwenthal letztlich beschreibt in „Falsche Propheten“ eine Dynamik, die sich wie ein Protokoll der Jetztzeit liest: Der Agitator stilisiert sich zum Retter, er watet nicht nur durch die Malaise der gesellschaftlichen Verhältnisse, er genießt sie geradezu. Er häuft erfundene Schrecken auf wirkliche, um jede Gegenwehr zu rechtfertigen. Er spricht eine rüpelhafte Sprache, obszön und voller Lust zur Gewalt, aber, so Löwenthal, gerade „seine schlechten Manieren werden zum Garanten seiner Aufrichtigkeit“. Wer in den Tunnelblick einer solchen Agitation gerät, sieht nur mehr Kriminalität, Mord, Totschlag, Bedrohung, selbst in den wohlgeordnetsten Gemeinwesen der Geschichte. Er entwickelt einen regelrechten paranoiden Wahn und lebt in einer Pseudorealität.

Wenn Ihnen die Texte gefallen und Sie meine publizistische Arbeit unterstützen und damit freien Journalismus befördern wollen, freue ich mich sehr über über Spenden:

Robert Misik, IBAN    AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW

Nicht nur die zeitgenössische sozialwissenschaftliche und sozialpsychologische Theoriebildung liefert viele Hinweise auf Dynamiken der De-Zivilisierung, sondern auch kleinteiligere Forschungen. US-Wissenschaftler haben jüngst die Verbreitungswege faschistischer Weltbilder studiert, und bemerkt, dass „objektive“ Faktoren – wie wirtschaftlicher Niedergang, periphere Lage, hohe Arbeitslosigkeit – kaum eine Erklärung bieten. Rechte Weltbilder breiten sich wie „Infektionen“ in Netzwerken aus, in Regionen, wo Menschen starke Kontakte mit rechter Ideologie haben. Je häufiger Menschen Parolen und der kollektiven Verstärkung in Netzwerken ausgesetzt sind, umso stärker die autoritäre Dynamik. Sozialforscher haben herausgefunden, dass sogar Gegner der Rechtsradikalen ausländerfeindlicher werden, wenn sie in einem Wahlkampf dauernd an vielen ausländerfeindlichen Plakaten vorbei gehen müssen. Andere Studien zeigen, dass die Selbstvergiftung der Seelen umso effektiver geschieht, wenn sich ein Online-Ökosystem der Agitation mit verteilten Rollen herausbildet: Da gibt es die „Werber“, die mit kühlem Kopf versuchen, Menschen zur Unterzeichnung von Petitionen zu bringen, dann die „Lehrer“, die rechte Argumentationsreihen scheinlogisch durchbuchstabieren, weiters die „Flammenwerfer“, die toxischen, empörenden Content verbreiten, dann die „Motivierer“, die eine Gruppenidentität stärken („Wir, die einfachen Leute, halten zusammen gegen die Eliten und die Feinde“), und schließlich die „Microinfluencer“, die Aspekte der rechtsextremen Weltbilder in gemäßigte Kreise und ihre Freundesgruppen tragen. Selbst in der psychiatrischen Forschung schlägt man sich mit dem Problem bereits herum, weil immer mehr Menschen mit psychotischen Störungen in Kliniken aufschlagen, die zugleich ein rechtsradikales Weltbild haben. Nicht alle Rechtsextremen sind verrückt, aber viele Verrückte sind heutzutage rechtsextrem. Die Verbindung von „Psychopathologie und extremistischer Gewalt“ ist seit Langem etabliert, heißt es in einem Forschungspaper, mache aber den Ärzten in den Kliniken neuerdings auch ganz praktisch ihre Arbeit schwer.

Die massenpsychologische Dynamik dieser Prozesse löst eine unübersehbare Selbstradikalisierung von Milieus aus, in denen die rechtsradikalen Parteien nur ein Faktor sind, die Rückkoppelungen mit einer immer paranoideren Anhängerschaft und die Pathologien von Social Media Propaganda weitere Ursachen. Selbst die Agitatoren sind in diesem Komplex zu einem Teil nur Getriebene, wie Zauberlehrlinge, die ihrer eigenen Schöpfung nicht mehr Herr werden. Neuerdings hat eine Debatte angehoben, ob der Gebrauch des Begriffs „Faschismus“ nicht viel angebrachter ist als Verharmlosungsvokabel wie „Populismus“. „Ja, es ist Faschismus“, sagt Jason Stanley, der US-Faschismusforscher. Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger sprechen vom „demokratischen Faschismus“, weil diese Gefühlswelten „als faschistische Fantasie in der Demokratie“ existieren. Der Philologe Jan Philipp Reemtsma fragte wiederum jüngst öffentlichkeitswirksam, was eigentlich damit gewonnen sei, wenn man mit dem F-Wort operiert: „Ich muss das Phänomen untersuchen, nicht darüber reden, wie ich es benenne“. Andere haben ihm widersprochen, es ginge nicht um eine Phrase, sondern um die analytisch akkurate Erfassung dieser Verrohung, Dehumanisierung und Gewalt sowie des gesellschaftlichen Zuspruchs und der eigentümlichen Zerstörungslust.

Ein „autoritärer Charakter“ ist, anders als die Autoren der klassischen Untersuchungen annahmen, vielleicht gar keine Voraussetzung dafür, sich vom Agitator begeistern zu lassen, „sondern das Ergebnis dieser Begeisterung“ (Sebastian Winter). Das ins Ressentiment verliebte Subjekt neige, genauso wie der Agitator, zu einem auffällig theatralen „affektiven Furor“ (so der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Hans-Jürgen Wirth), einer Übersteigerung von Tonfall und Lautstärke, einer starken Gefühlaufwallung, die Folge der Bedeutung von Gefühlspolitik des Faschismus ist. Dessen grundlegende emotionalen Leitmotive sind: Wut, Hass, Rachsucht, Ekel, Neid, Ressentiments, Verbitterung, Sarkasmus, Zynismus, Destruktivität, Empathieverweigerung.

Was zeichnet Faschismus aus? Führerkult, paranoide Weltbilder, ein absolutes Schwarz-Weiß-Denken, antagonistische Feindbilder, vor allem von Minderheiten, aber auch gegen vermeintliche innere Feinde. Aggression, die unablässig aufgepeitscht wird. Ein Kult der Härte, der die faschistische Rechte und Libertäre und Pseudoliberale einander anverwandelt. Maximale negative Emotionalisierung, um eine Anhängerschaft in eine erregte und wütende Masse zu verwandeln. Der Forscher Robert O. Paxton hat den Faschismus einmal als „Nebel von unterschwelligen Einstellungen“ beschrieben. Er braucht keine Theorie – weil er vielmehr von „mobilisierenden Leidenschaften“ lebe. Der Faschismus beginnt nicht mit dem Mord, er beginnt mit der Freude daran, ihn sich vorzustellen. Die Gewalt bezieht im Inneren Quartier, bevor sie sich draußen austobt. Erst wird nur gelacht über die Gemeinheit, dann wird sie als befreiende Ehrlichkeit empfunden und zuletzt als notwendige Konsequenz in einer feindlichen Welt. Die Faschisierung des Sprechens ist durch hohe Erregung, Pathos und Brutalität gekennzeichnet. Die Leistung der Propaganda besteht darin, Grausamkeit wie Gerechtigkeit aussehen zu lassen. Die Masse wiederum gibt dem Einzelnen die Carte Blanche, schlechter zu sein, als er alleine wäre. Das Subjekt wird umformatiert. Der Fanatiker verteidigt seine Gefühle gegen die Tatsachen.

Faschismus ist so gesehen eher eine Stimmung, die einen nach und nach erfasst und überwältigt. Die Affekte von Gekränktheit, Angst, Neid, das Ressentiment und die Erlösungssehnsucht, sie sind ansteckend, und die Gefühlsansteckung läuft nicht bloß von den Agitatoren zu den Anhängern, sondern wirkt kreuz und quer, und wie bei Synapsenverschaltungen in neuronalen Netzwerken werden die Verbindungen gestärkt, je intensiver sie benützt werden. Emotionen, Tonfall und Phrasen werden übernommen, steigern sich zu Fanatismus. So gesehen ist der Faschismus weniger eine Ideologie als ein sozialer Prozess. Ansteckung ist kein Zufall, sie gedeiht in Milieus, in denen Gefühle zirkulieren wie ein Echo, das lauter zu rückkehrt, bis der Fanatiker als normal erscheint und der Normale als verdächtig.

3 Gedanken zu „Schule der Umbarmherzigkeit“

  1. Eine sehr interessante Analyse, herzlichen Dank.

    Ich würde mir nur wünschen, die Quellen wären verlinkt, wo das möglich wäre, aber auch die Seite zum Buch des Verlags.

  2. Mich beschäftigt vor allem der Gedanke, dass schlechte Manieren irgendwann als Beweis für Aufrichtigkeit gelten. Das ist ein bemerkenswerter Fortschritt. Früher musste ein Politiker wenigstens versuchen, glaubwürdig zu wirken. Heute genügt es offenbar, sich daneben zu benehmen und anschließend darauf hinzuweisen, dass man wenigstens „kein Blatt vor den Mund nimmt“.

    Das Verfahren ist praktisch, weil es jede Form von Anstand verdächtig macht. Wer höflich spricht, verbirgt vermutlich etwas. Wer differenziert, drückt sich. Wer zögert, ist schwach. Und wer beleidigt, gilt plötzlich als ehrlich.

    Damit wird Charakter zu einer Art Rückwärtszeugnis: Je schlechter die Note, desto überzeugender die Echtheit.

    Besonders unheimlich ist dabei die Gewöhnung. Die erste Grenzüberschreitung empört noch, die zehnte unterhält, die hundertste gehört zum Tonfall.

    Vielleicht ist das tatsächlich die eigentliche Schule der Unbarmherzigkeit.

    Man lernt nicht, grausam zu sein. 🦌

  3. Prinzipiell mag die Menschenanalyse zutreffen. Was das jedoch mit links oder rechts orientierten Meinungen zu tun hat, erschließt sich nicht. Linke Diktaturen verhalten sich ebenso wie man aktuell erleben kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert