Der Ressentimentmensch ist in seine Verbitterung verliebt. Er muss ständig die Bedingungen reproduzieren, unter denen sich diese Bitterkeitsstörung weiter etabliert.
Eine leicht gekürzte Version dieses Beitrags erschien ursprünglich im Standard.
Dass das verhetzte Individuum nicht vom Himmel fällt, sondern gemacht ist – das ist keine sonderlich originelle Behauptung. Es durchläuft Lehrjahre der Unmenschlichkeit, in denen es ununterbrochen mit Propaganda beschossen und mit Lügen bombardiert wird, in denen erfundene Schrecken auf wirkliche gehäuft werden. Diese Agitation schürt Wut, Verbitterungsgefühle, zielt darauf ab, Menschen in vollends paranoide Charaktere zu verwandeln. Diese Propaganda und Gehirnwäsche leben vom Kult der Härte, der Freude an der Gemeinheit, Fantasien über allerlei Grausamkeiten, die man anderen antun könnte. Sie verstärkt, wie schon der Sozialwissenschaftler Leo Löwenthal sagte, die „mörderischen, aggressiven und destruktiven Impulse“.
Weder ist der Mensch von seinem Wesen dagegen immunisiert, noch ist er seinem Wesen nach böse, paranoid und von Aggression besessen, voller Ressentiment auf Feindbilder – eine Tatsache, die schon darauf hinweist, wie unfruchtbar Thesen und Theoreme über „die Essenz“ des Menschen sind. Was der Mensch „ist“ – vorgängig, vor seiner Verstrickung in Welt und Umwelt?
Er ist Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse, Produkt seiner Umstände, wozu eben auch die Aufganselungs-, Verhetzungs- und Erregungszusammenhänge unserer Zeit zählen. Der Mensch ist veränderbar und kann daher auch zur Bestie ummontiert werden und zur Kriegsmaschine wie Brechts Galy Gay. Der Horror der Geschichte lehrt uns, dass Menschen bei Verbrechen enthusiastisch mitmachen, die sie sich Jahre zuvor nicht vorstellen konnten. Dazwischen liegen immer Lehrjahre der Unmenschlichkeit, in denen die Mörder des jeweiligen Morgens geformt werden.
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Ein Ton wird gesetzt, aufbrausend ins Schrille gedreht, nach und nach überdreht, steigert sich zu Fanatismus, wird aber auch von Konformismus begleitet, denn was gestern noch als unsagbar erschien, gilt heute als die Normalität. Reden alle Nachbarn rechtsradikales Zeug, redet man es eben nach, und kommt sich womöglich auch noch ganz toll anti-mainstreamig vor, rebellisch wie Chorknaben, die in Reih und Glied marschieren, sich aber wechselseitig versichern, dabei aus der Reihe zu tanzen. Noch bevor er die Staatmacht erobert, lebt der neue Faschismus vom Mitläufertum jener Leute, die sich auch noch für „Selberdenker“ halten.
Nicht nur Tonfall und Phrasen werden übernommen, auch Emotionen passen sich an. Man hat nicht nur eine Meinung; man ist wütend und leidenschaftlich eben jener Meinung, auf dauererregte Weise also, auf rasende Art. Von „affektivem Furor“ sprechen Sozialpsychologen. Und dieser affektive Furor, das Rasende, und die Infektion mit der Raserei lassen den Begriff „neuer Faschismus“ passender erscheinen als „Rechtspopulismus“ und andere verharmlosende Vokabel. Vielleicht sind es weniger die sogenannten „Inhalte“ selbst, sondern die vollendete Paranoia und affektive Überzogenheit, der Geifer, die das F-Wort als passender erscheinen lassen. Faschismus als mobilisierende Leidenschaft, als sozialer Prozess. Durch die hohe Affektaufgeladenheit lugt der Wunsch schon durch, jene, die man ablehnt, zu ermorden. Das F-Wort hilft, diesen affektiven Furor zu erkennen, auch wenn ohne Zweifel kaum irgendwo jener terroristische Vollausbau totalitärer Herrschaft sichtbar ist, wie man ihn mit dem historischen Faschismus verband. Aber bekanntlich waren auch die Faschisten früherer Zeiten schon Faschisten, bevor sie die Macht an sich gerissen hatten und in der Lage waren, ihre Terrorherrschaft zu errichten. Der Massenmord stand auch bei ihnen nicht am Beginn, sondern am Ende.
Der Agitator watet in der Malaise, er genießt sie. Seine Anhängerschaft leidet nicht unter Paranoia, sie berauscht sich an ihr. Der Ressentimentmensch ist so verliebt in seine Verbitterung, dass er unaufhörlich die Bedingungen reproduzieren muss, unter denen sich diese Bitterkeitsstörung weiter etabliert. Das Ressentiment wird zum grundlegenden Persönlichkeitszug, vergiftet schleichend, heimtückisch. Nicht die Heilung, die Steigerung der Fieberkurve ist ihr Ziel. Das ist die innere Weisheit des Löwenthalschen Diktums wonach die faschistische Agitation „die Psychoanalyse auf den Kopf stellt“. Wenn der Analytiker die Traumata und Neurosen heilen will, will sie der Agitator düngen und nähren, so wie der Bauer, der die Gülle ausbringt.
Die Pathologie unserer Zeit lässt sich ohne Massenpsychologie nicht verstehen. In der Masse, angestachelt von ihr, verliert der Einzelne sein Wirklichkeitsgefühl. Das geschieht in der Masse, und nur in der Masse, denn die Masse verändert den Einzelnen. Alle fühlen gemeinsam. Alle hassen gemeinsam. Die Menge gibt dem Einzelnen die carte blanche, schlechter zu sein, als er alleine wäre. Wer mit der Masse brüllt, ist in ihr gefangen, erlebt diese Gefangenschaft aber zugleich als Befreiung. So wie Löwenthal die rüpelhafte Sprache, obszön und voller Lust zur Gewalt, die schlechten Manieren des Agitators als obskuren Garanten seiner Aufrichtigkeit – seiner Echtheit und Authentizität – erkannte, so sah Sigmund Freud schon vor mehr als hundert Jahren hellsichtig die Masseneffekte, die Veränderung, die sich dem Einzelnen aufnötigt, wenn er sich in eine Kollektivseele einreiht: Aussetzung der Triebhemmung, „Schwinden des Gewissens“, „Gefühlsansteckung“, „Herdentrieb“. Heute ist die Tatsache der „sozialen Ansteckung“ allgemein bekannt, die Werbung spielt mit ihr, setzt das, was man „Trends“ nennt, und die faschistische Propaganda produziert zersetzte Seelen, die sich aneinander infizieren. Freud hatte noch die Menge vor Augen, die sich, aufgepeitscht und angestachelt, in den Straßen drängt, die durch die Städte marodiert, aber die Masseneffekte, das wechselseitige Aufstacheln, Aufpeitschen, das Hochlizitieren zu immer krasseren Takes und verrückteren Überschreitungen, zu Gewaltphantasie und Mordgier, sie gedeihen auch unter den vernetzten Massenindividuen, die scheinbar individualisiert und vereinsamt vor ihren digitalen Endgeräten sitzen. Richard David Precht musste viel Spott von Internet-Schlaumeiern über sich ergehen lassen, als er einmal bemerkte, der Shitstorm sei das moderne Pogrom, aber die Psychodynamiken, mit denen eine enthemmte Masse den Opfern nachstellt, diese Enthemmung aber in einem wechselseitigen Aufschaukelungszusammenhang von jedem Teilchen der Masse mit-hergestellt wird, diese Psychodynamiken sind denen des Pogroms gewiss ähnlicher als uns Abwiegler und Zyniker Glauben machen wollen. Agitatoren, Pseudomedien und die Brandbeschleuniger in den Sozialen Medien versetzen jene, die in ihr Fahrwasser geraten, in eine Tunnel- und Parallelrealität, in der sie alle, die nicht ihrer Meinung sind, für Feinde, Bedrohungen ihrer Existenz und Zerstörer von Nation und Abendland halten. Der Ton wird hoch gedreht, damit die Gefolgschaft durchdreht. Ein „schleichender Genozid am deutschen Volk“ wird – etwa von AfD-Mandataren – beklagt, begangen von „Eindringlingen“, „Invasoren“, die Europa in eine „Kolonie“ verwandeln, gegen die jede Gegenwehr berechtigt ist und „wohltemperierte Grausamkeit“ (Björn Höcke) notwendig. Das Publikum stößt diese Schrillheit nicht ab, sondern geilt sie erst so richtig auf.
Wenn im Menschen die Triebhemmungen so leicht gesenkt und die zivilisatorischen Standards so einfach untergraben werden können, was sagt uns das dann über sein Wesen, müssen wir eine positive Anthropologie dann nicht völlig aufgeben, und durch eine negative Anthropologie ersetzen? Heißt das gar, dass die Möglichkeit des Faschismus auf krause Weise jenem autoritären Konservatismus recht gibt, der ja immer vom Menschen als potenzielle Bestie ausging, die durch strenge Herrschaft in Schach gehalten werden müsse? Ist der Mensch vorgängig schlecht, nur weil er zur Kampf- und Mordmaschine formbar ist?
Vielleicht ist es das, was die meisten wohl immer schon ahnten, nämlich dass anthropologischer Essentialismus eher unergiebig ist. Der Mensch ist nie das reine Ich, das Subjekt, er ist stets schon verstrickt in seine Umwelt, zu der für ihn auch die anderen Menschen, die Geschichte und jener Alp früherer Geschlechter zählen, von denen Marx sprach. Womöglich ist es ja auch so, dass der Wunsch, mörderische Impulse zu bändigen, zur Etablierung von Institutionen, Moral, Triebhemmung, Gesetzen und geregelter Ordnung führt, die einerseits zivilisatorischer Fortschritt sind, und zugleich das Potential der De-Zivilisierung in sich trägt, jenes „Unbehagens an der Kultur“ wegen, für das uns Freud die Augen öffnete. Der Kulturfortschritt selbst ist es, der die Gier und die Freude daran nährt, alles kaputt zu schlagen und endlich so richtig böse sein zu dürfen.
Ein Gedanke zu „Der Faschismus und die Seele des Menschen“