Die Ankunft des Endzeit-Faschismus

Die Leugnung der Klimakatastrophe ist nicht bloß ein bizarrer Spleen von Rechtsextremisten wie Herbert Kickl und Co.

Nicht einmal beim Ausklang dieses Katastrophensommers mit regional bis zu 50 Hitzetagen mit weit über 30 Grad ließ Herbert Kickl die Gelegenheit verstreichen, die Klimakatastrophe zu leugnen. Klimaschutzmaßnahmen nannte der Rechtsextremist einen „Ablasshandel“, als würden diese dazu dienen, sich ein gutes Gewissen zu erkaufen, statt den CO2-Ausstoß zu reduzieren, damit wenigstens ein bisschen etwas an der Katastrophe verhindert wird. Der verkrachte Philosophiestudent, der nie etwas gelernt und außerhalb der Politik nie einen Beruf ausgeübt hat, verstieg sich sogar dazu, die Physik mit seinen Hausmädchen-Märchen zu belehren. Diese übersehe, dozierte der verkannte Nobelpreisträger, dass viele Arten von Emissionen zur Erderwärmung beitragen, nicht nur das durch die menschliche Wirtschaft ausgestoßene CO2.

Wahrscheinlich hat ihm niemand gesagt, dass die Physik das natürlich besser weiß als der simpel gestrickte Herbi, aber die die zusätzlichen, überschießenden menschengemachten Schadstoffausstöße eben gerade den Unterschied machen zwischen der natürlichen Entwicklung und der katastrophalen Entwicklung. Mit seiner zunehmend absurden Behauptung, dass das doch alles ganz normal sei, verhöhnt er zusätzlich alle Menschen, die in ihren kleinen, aufgeheizten Wohnungen in diesem Sommer litten, er verhöhnt die tausenden, die an den Hitzefolgen gestorben sind, er verlacht die Bauern, deren Existenz an der Kippe steht. Herbert Kickl hasst die Menschen, weshalb er sie zum Gegenstand seiner zynischen Witze und seichten Propaganda macht.

Die tiefen Krisen nützen den Rechten

Aber es gehört zu den seltsamen Eigenheiten unserer Zeit, dass die Rechtsextremisten die Klimakatastrophe leugnen, weil sie sich längst schon in ihrer selbstgestrickten Phantasiewelt verloren und jeden Kontakt zur Wirklichkeit verloren haben – und zugleich auf perverse Art seine Profiteure sind. Denn genauso wie die stagnierende Wirtschaft, der Kult der Härte des Neoliberalismus, die Zerstörung jeder Solidarität durch den Konkurrenzgeist, in dessen Lichte die gesamte Existenz wie ein Kampf aller gegen alle um die letzten Krümel erscheint, trägt eben auch die Klimakatastrophe zu jenem Negativismus und jener leisen Zukunftspanik bei, die Wasser auf den Mühlen der Rechtsextremisten sind. Die Leugnung selbst ist eine Erscheinungsform einer aggressiven Verdrängung eines Wissens, das alle haben, und möge es auch unbewusst sein. Seit der Psychoanalyse sind wir mit diesen Mechanismen bestens vertraut, dass also cholerische Abwehr nur ein Symptom eines Wissens ist, das man von sich fernhalten will. So führt die Klimakatastrophe auf bizarre Weise nicht unbedingt zur Stärkung jener Parteien, die sie abwenden, sondern auch zur Stärkung jener, die die Wirklichkeit nicht wahrhaben wollen.

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Indem aber eine Art von Endzeitstimmung in alle Poren und Ritzen dringt, breitet sich in unserer Gesellschaft jene Angst aus, die seit jeher dem Faschismus günstig ist.

Die wirtschaftlichen Kosten der Hitze

Wir machen allesamt allmählich und auf die harte Tour eine Erfahrung, die das bloß abstrakte Wissen, das wir schon hatten, erst zu vollendetem Bewusstsein bringt. Populistische Phrasen, wonach „die Wirtschaft“ unter Klimaschutzmaßnahmen leide, und wir umgekehrt „die Wirtschaft“ leistungsfähig halten müssen, um die Folgen der Erderwärmung zu meistern, entpuppen sich vor unser aller Augen als Schmafu. Denn die Erderwärmung selbst belastet Wirtschaft und Infrastrukturen derart, dass alle infantilen Ideen von der Anpassung an die Erhitzung ihre Lächerlichkeit erweisen. Es beginnt mit den wirtschaftlichen Kosten der Erhitzung im engeren Sinne: Milliardenausfälle für die Landwirtschaft; die Hitze senkt die Produktivität in fast allen Sektoren der Wirtschaft; die heißen Sommer reduzieren das BIP schon alleine dadurch geschätzt um ein halbes Prozent. Dürre führt zu höheren Nahrungsmittelpreisen. Die Autobahnen schmelzen vor unseren Augen.

Während wir wegen der Erderwärmung aus den fossilen Energiequellen aussteigen müssen, bedroht eben diese Erderwärmung die Stromversorgung durch Wasserkraft (wegen der Flüsse, die fast oder ganz austrocknen) und durch Atomkraft (die Nuklearmeiler müssen abgeschaltet werden, weil das Kühlwasser fehlt). Wer blauäugig glaubte, wir werden dann eben alle Klimaanlagen einbauen, wenn es wochenlang 40 Grad hat, ahnt jetzt langsam, dass das zu kurz gedacht war: Wenn die Stromversorgung zusammenbricht, hilft auch das schönste Klimagerät wenig. Abgesehen davon, dass die Hersteller jetzt schon nicht mehr nachkommen mit der Produktion der Geräte.

In vielen Gemeinden trockneten Brunnen und Wasserreservoirs aus, die Haushalte mussten mit Tankzügen versorgt werden. Helikopter brachten Wasser auf die Weiden und Almen, ansonsten wäre das Vieh verdurstet. Die Wasserversorgung vieler Städte ist heute schon prekär, in wenigen Jahren könnte sie zusammenbrechen – und das betrifft schon bald Großstädte wie Berlin und München. Dabei haben wir es gegenwärtig noch „bequem“, denn durch die Erhitzung schmelzen die Gletscher, was das Gletscherwasser in die Flüsse sprudeln lässt. Wenn die Gletscher aber vollends geschmolzen sind, dann droht das endgültige Ende der Fahnenstange.

Stadtplaner und Kommunalpolitiker wissen natürlich, was alles zu tun wäre. Wir verschwenden viel wertvolles Wasser völlig unnütz. Bis zu 30 Liter verbraucht jeder und jede von uns täglich alleine für das Spülwasser in der Toilette, in der man theoretisch genauso gut Abwasser aus der Dusche benützen könnte. Nur müsste man dafür alle Wohnungen und alle Wasser-Installationen umbauen. Dafür fehlen sowohl Mittel als auch die Installateure und wenn man es rasant anginge, was nötig wäre, dann gäbe es bald auch Logistik- und Lieferkettenprobleme. So beißt die Katze sich an jeder Stelle in den Schwanz.

Schon jetzt ist die Wirtschaft der führenden Nationen in einem Zustand jahrelanger Stagnation, was nicht nur den Wohlstand der normalen Bürgerinnen und Bürger senkt, sondern überall zu angespannten Staatshaushalten führt, denn die öffentlichen Ausgaben steigen aus einer Vielzahl von Gründen, während die Einnahmen mit dieser Dynamik nicht mithalten. „The Coming Debt Emergency“, titelte der „Economist“ schon im Vorjahr, „Der kommende Schulden-Notfall“.

Eine drohende Finanzkrise

Am Horizont sehen wir bereits das Wetterleuchten einer kommenden Finanzkrise. Die Zinsen, die die USA auf ihre Staatsanleihen zahlen müssen, überstiegen in den vergangenen Wochen und Monaten markant das Zinsniveau, das Länder wie Deutschland und Österreich anbieten müssen. Das ist deshalb ein Alarmsignal, weil die USA erstens die stärkste Volkswirtschaft der Welt sind und sich zweitens in eigener Währung verschulden können, was heißt: Sie können die Dollars letztendlich einfach „drucken“, mit denen sie ihre Gläubiger bedienen müssen. Das können Deutschland und Österreich als Euro-Nationen nicht so leicht, da ist das die Sache der Europäischen Zentralbank. Deswegen galten Staatsanleihen der USA bislang als besonders sicher, aber das Vertrauen darauf haben die berühmten „Märkte“ offenbar verloren. Es sind nur schmale, unscheinbare Kurven in Grafiken auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen, aber wer sie lesen kann, sieht: Es brennt lichterloh. Eine Flucht aus den US-Staatsanleihen könnte eine Kettenreaktion auslösen wie bei der letzten Finanzkrise. Aber damit fängt es erst an.

Denn die „Märkte“ haben die Folgen des Klimakatastrophe noch gar nicht eingepreist. Üblicherweise ist es ja so, dass jeder Unternehmer, jedes Wirtschaftssubjekt, jedes Investmenthaus dann als gesund gilt, wenn die Schulden ihre Vermögen nicht übersteigen. Zu diesen Vermögen kann alles Mögliche zählen, Aktien, Immobilienvermögen, Häuser, Zahlungsverpflichtungen anderer, also Kredite, die sie vergeben haben usw.

Was aber, wenn der Wert von Vermögensanlagen etwa bei Gas- und Ölkraftwerken, bei Ölmultis in den Keller rasselt, was erwartungsgemäß der Fall sein wird? Wer hat die erwartbaren Wertverluste schon in seiner Bilanz, wenn viele Grundstücke und Häuser in Küstennahen Regionen zum Portfolio zählen, die demnächst untergehen? Wer ist rechnerisch reich, weil er Landwirtschaften in Süditalien oder Sizilien oder in Spanien besitzt, für die man bald kaum mehr Käufer finden wird? Haben alle Immobilienfonds ihren Hausbesitz in New Orleans schon in der Bilanz als wertlos abgeschrieben? Denn Käufer wird man für den Schrott, der bald unter Wasser steht, kaum mehr finden. Die Antwort ist: Natürlich haben sie das nicht. Das heißt: Durch unser gesamtes globales Finanzsystem zirkulieren „Vermögenswerte“ als Besicherung für Schulden, die längst schon keine Vermögen mehr sind, und bald wertlos sein können.

Die Angst vor dem „Minsky-Moment“

Diese Wertberichtigungen werden irgendwann einmal vorgenommen werden müssen, aber gerade dann, wenn das geschieht, ist mit Chaos zu rechnen, denn dann setzt das ein, was man in der Finanzbranche den „Minsky-Moment“ nennt: verfallen Vermögenswerte, dann müssen viele Investoren panisch verkaufen, aber weil alle gleichzeitig panisch verkaufen, verfallen die Werte noch mehr. Was dann noch 20.000 Dollar wert wäre, erzielt überhaupt keinen Verkaufswert mehr, weil sich keine Idioten mehr finden, die kaufen. Das ist dann üblicherweise der Moment, in dem eine Finanzkrise wie ein Flächenbrand ausbricht.

Der Zusammenhang von Angst und Faschismus

Was uns all diese Details und Dominoeffekte lehren, ist, simpel gesagt folgendes: Nicht der Kampf gegen die Klimakrise verursacht wirtschaftliche Kosten, die Klimakatastrophe selbst kann einen Wirtschaftskollaps auslösen. Niemand weiß, ob das überhaupt noch abwendbar ist, aber jeder weiß, dass es nur abwendbar ist, wenn wir sehr schnell und sehr entschlossen handeln.

Es ist dieses bewusst-unbewusste Wissen, das jene Endzeitstimmung mitverursacht, die unsere Gesellschaften in emotionale Großkampfarenas verwandelt, da die Empfindung um sich greift, dass jeder auf sich allein gestellt seine Existenz verteidigen muss. Wenn es für alle bergauf geht, ist der Nachbar der Kollege, mit dem man den allgemeinen Fortschritt teilt, wenn es für alle bergab geht, ist der Nachbar der Konkurrent, von dem man hofft, dass er unter die Räder gerät, damit es einem selbst nicht erwischt.

Es ist diese Stimmung, die den Kult der Härte nährt, der die Faschisten stark macht. „End-Time-Fascism“ – „Endzeit-Faschismus“ – nennt das die Bestsellerautorin Naomi Klein in ihrem neuesten Buch.

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