Ein Traum vom Fernsehen

Wider die Mieselsucht, die sich durch viele Kommentare zur Wrabetz-Wahl zieht. Standard, 21. 8. 2006

 

Die Kommentierung der Wahl von Alexander Wrabetz zum neuen ORF-Generaldirektor ist auf einen eigentümlichen Grundton gestimmt, gerade auch in jenem (links-)liberalen Lager, in dem zuvor kein Zweifel daran bestand, dass die Lindner-Mück-Führung ein einzigartiges Fiasko ist.

Da geht schon wieder die Angst um, der ORF könnte „vom Regen in die Traufe“ geraten, da ist vom Geburtsfehler die Rede, davon, dass das Bündnis von Stiftungsräten, die die SPÖ, dem BZÖ, den Grünen, der FPÖ und der ÖVP angehören oder nahe stehen, ein übles Präjudiz darstelle – jetzt sieht man wieder, wird insinuiert, die linken Gutmenschen haben halt doch keine Berührungsängste mit den rechten Bösmenschen. Fast lustvoll wird spekuliert, der Sozi, der sich da eine Mehrheit zusammenbastelte und zum General avanciert ist, habe wahrscheinlich seine Seele verkauft. Man hat fast den Eindruck, da werden die Haare in der Suppe gesucht, damit man sich nur ja nicht freuen muss. Es wird eh alles bleiben, wie es ist, wird da auf, dem Nationalcharakter entsprechende austro-depressive Weise prophezeit, vielleicht sogar noch schlimmer, wenn jetzt der Westenthaler das Programm diktiert, nicht der Schüssel und der Molterer, wie unter Lindner-Zeiten.

 

Mir geht, muss ich gestehen, diese Kleinmütigkeit ein wenig auf die Nerven. Denn über die Wahl von Wrabetz zum ORF-Generaldirektor sind doch wohl zunächst vier Dinge zu sagen: Erstens: Toll! Zweitens: Toll! Drittens: Toll! Und dann vielleicht viertens: Mal sehen, was daraus wird. Aber bitte in dieser Reihenfolge.

 

Denn schließlich herrschte bisher die Auffassung vor, dass die ÖVP, mit ihrem Geschick, alle Machtzentralen schwarz einzufärben, walten könne, wie sie wolle. Dass sie ihre Leute an alle Stellen platzieren kann, völlig unabhängig von deren fachlicher Kompetenz. Dieser Auffassung hingen nicht nur die ÖVP-Strategen an, sondern eigentlich auch ihre Kritiker: schließlich weiß man ja, wie die Dinge in diesem Land laufen. Erstaunlicherweise hat sich diese Auffassung als falsch erwiesen.

 

Wenn die Kandidaten des vorherrschenden Machtblocks von aufreizender Inkompetenz sind, und dem ein kompetenter Aspirant gegenüber steht, dann ist es offenbar auch in diesem Land möglich, dass sich Mehrheiten verschieben und nach Qualifikation entschieden wird. Das ist doch wunderbar! Damit soll nicht blauäugig unterstellt werden, die BZÖ-Stiftungsräte hätten nur aus fachlichen Überlegungen entschieden – aber natürlich war es wohl auch nicht so, dass fachliche Überlegungen überhaupt keine Rolle gespielt hätten.

 

Schließlich wurde das Team Lindner ja nicht nur, was erstaunlich genug wäre, von einer rot-orange-grün-blauen Koalition abgewählt, dem sich am Ende sogar zwei ÖVP-Stiftungsräte (aus gewiss nicht ausschließlich altruistischen Motiven) anschlossen – sie hat ihre Mehrheit ja auch verloren, weil ihr mit Wolfgang Lorenz ein bürgerlicher ÖVP-Mann die Gefolgschaft aufkündigte und zwei liberalkonservative Stiftungsräte für diesen stimmten. Es gibt also auch Selbstreinigungskräfte im konservativen Milieu – und das ist vielleicht das Erfreulichste an der ganzen Chose.

 

Angesichts all dessen kann man natürlich sagen: Jetzt hat Wrabetz ganz schön viele Königsmacher in seinem Rucksack, deren Wünsche er erfüllen muss. Aber warum muss man eigentlich immer die Schlimmste aller Möglichkeiten annehmen? Warum soll eigentlich im ORF nicht funktionieren können, was grosso modo in jedem modernen seriösen Medienunternehmen funktioniert, ob öffentlich-rechtlich oder nicht: dass die beteiligten Journalisten, egal welcher Couleur, ihren Beruf frei und entsprechend journalistischer Standards ausüben; dass Journalisten aus ihrer Nähe zu einer politischen Gruppierung kein Nachteil erwächst, sie aber ihre berufliche Position auch nicht dazu benützen, ihrer politischen Gruppierung einen unlauteren Vorteil zu verschaffen. Das klappt bei ARD, ZDF, BBC und in Österreich bei Standard, profil, Kurier (Liste ganz unvollständig!) meist ganz okay – warum sollte das also beim ORF unmöglich sein? Es soll in normalen publizistischen Unternehmen sogar vorkommen, dass Journalisten den privilegierten Zugang zu der Partei, der sie weltanschaulich am nächsten stehen, nicht dazu nützen, diese zu protegieren, sondern dazu, an möglichst gute Storys ranzukommen. All das gibt es in der großen weiten Welt der freien Medien, glaubt mir das Leute!

 

Heißt es auf Wunder hoffen, wenn man davon träumt, dass im ORF auch gelingt, was an sich „normal“ ist? Vielleicht ist es ein Traum – aber unrealisierbar?

 

Warum also jetzt schon schlechte Stimmung verbreiten, was ja immer auch den Mutigen den Mut nimmt, statt zu sagen: dem Wrabetz ist zuzutrauen, dass er das schafft. Dass er eher einer breiten Koalition sein Amt verdankt, kann paradoxerweise sogar ein Vorteil sein – weil er damit unabhängiger ist, als jemand, der nur einem Block verpflichtet ist.

 

Jetzt also bitte nicht in Kleinmut verfallen, sondern groß denken. Es wäre nicht nur zum Wohle des gebührenzahlenden Publikums, sondern schließlich auch zum Wohle des Unternehmens, dem er bald vorsteht – das schließlich in Konkurrenz mit anderen Unternehmen steht. Es geht ja immerhin auch um Geld und um die Marktposition einer großen Firma, die nur reüssieren wird, wenn sie sich an den international Besten ihrer Branche orientiert. Vielleicht können auch die Stiftungsräte in diesem Unternehmen etwas mit diesem Argument anfangen, ja, vielleicht sogar mancher Strippenzieher in der BZÖ-Zentrale. Schließlich sind, wie wir gesehen haben, doch auch in diesem Land Dinge möglich, die man nicht für möglich gehalten hat. Und: Mieselsucht ist immer, und besonders in diesem Fall, ein schlechter Ratgeber.

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Stop making capitalism!

Kapitalismuskritik. Das Unbehagen am "System" kommt in der Mitte an. Keiner kann mehr hören, dass es zu Kürzungen und Kündigungen keine Alternative gebe. Ein Sturm im Wasserglas? – Falter, Frühjahr 2005 

Sie hoffe, sagte die Theaterregisseurin Andrea Breth vor einigen Tagen, "die Menschen stehen auf und machen all diesem Getöse ein Ende. Ich hoffe auf eine Revolution. Die wird kommen, und sie wird furchtbar werden".

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„Unter einem helleren Himmel“

 Peter Sloterdijk über die Verwirrung als Produktivkraft, die verdichtete Welt des „Kapitalinnenraums“, seine prägenden Jahre als Bhagwan-Jünger in Poona und was die Linke und Banken gemeinsam haben.

  

In einer Rede über die 68er haben Sie einmal gesagt: „Man musste mehr Verwirrung wagen, um mehr Demokratie zu bekommen.“ Ist die Verwirrung eine Produktivkraft?

 

Sloterdijk: Sicher. Alle wesentlichen Aufbruchsbewegungen seit mehr als 200 Jahren haben etwas mit produktiver Verwirrung zu tun. Immer, wenn es vorwärts geht, ist zunächst die Semantik trübe. Wir leben heute in interessanten Zeiten, weil sich die historische Semantik der Linken und der Rechten, die uns seit 200 Jahren Orientierungsdienste leistete, in eine gewisse Konfusion auflöst.

 

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Die arrogante Weltmacht

Die Falter-Story zum Bush-Besuch 

George W. Bush’ außenpolitische Fehler sind nicht einfach Fehler, die so passieren. Es sind Fehler, die typisch sind für eine Regierung, die über das gesunde Maß hinaus von der Richtigkeit ihrer Mission überzeugt ist – und im Rest der Welt nur Idioten oder Whimps sieht.

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Unter einem dunkleren Himmel

Das nachutopische Zeitalter und die Krise politischer Vorstellungskraft. Ein Essay für die Zeitschrift des Schauspiels Frankfurt.

Vor einigen Wochen brachte der Liederschreiber, Sänger, Theatermacher und Buchautor Peter Licht eine Schallplatte mit dem aufreizend unzeitgemäßen Titel heraus: „Lieder vom Ende des Kapitalismus“.

 

Im titelgebenden Stück heißt es:

 

„Hast du schon hast du schon gehört / das ist das Ende /

das Ende vom Kapitalismus – / jetzt isser endlich vorbei. /

Vorbei / vorbei / vorbei / vorbei / vorbei vor-horbei /

vorbei / vorbei / vor vorbei vorbei /

Jetzt isser endlich vorbei.“

 

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„Handel mit Emotionen“

Dietmar Ecker, Medienberater von Natascha Kampusch, über Deals mit dem Boulevard, intellektuelle Doppelmoral und seinen Versuch, „den Tiger zu reiten“

 

Dietmar Ecker, 42, Chef der Medien- und PR-Agentur Ecker und Partner, gehörte zum Beraterteam von Natascha Kampusch. Ecker war früher Sprecher von Ex-Finanzminister Ferdinand Lacina, in den späten Vranitzy-Jahren hatte er den Job des Chefkommunikators der SPÖ. Zuletzt stand er dem ÖGB und der BAWAG zur Seite.

 

Nehmen wir einmal an, Sie wären nicht Medienberater von Natascha Kampusch gewesen. Würden Sie sagen, das ist alles gut gelaufen?

 

Ecker: Bevor ich zum Beraterteam stieß, hätte ich gesagt, ich würde es lieber mit den „A-Medien“ machen. Mit meinem Wissen von heute würde ich sagen, es war sehr richtig, dass wir es so gemacht haben. Hätten wir sie abgeschottet, dann hätte das die gegenteilige Wirkung gehabt. Sie wäre die Paparazzi nicht mehr losgeworden.

 

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Der Weg ins Freie

Warum die Geschichte der Natascha Kampusch jetzt schon zum kulturellen Fundus der großen Menschheitsgeschichten zählt.

 

Als der weltberühmte marxistische Philosoph Louis Althusser 1980 seine Frau Hélène erwürgte, löste das bei einem Großteil der theoretisch interessierten Community eine Abwehrreaktion aus. Der Mord wurde gewissermaßen als banale, uninteressante menschliche Fehlleistung gewertet, welche nicht den Blick auf den welthistorischen Rang des Denkers verstellen solle. Der Dichter Heiner Müller lieferte damals einen bemerkenswerten Kontrapunkt. Der Staatstheoretiker Althusser habe ihm eigentlich nicht viel zu sagen, murmelte der Dramatiker, aber, so fügte er hinzu: „Der Fall Althusser interessiert mich“ – als Material, als „dramatischer Stoff“. Müller, dem es die menschlichen Ausnahmesituationen und Extremmomente immer angetan haben, war nicht vom Intellektuellen Althusser fasziniert, sondern vom Kriminalfall Althusser – beziehungsweise, um exakt zu sein, von der Tatsache, dass ein intellektuelles Scheitern in einem Mord münden kann.

 

Bei allen Differenzen im je Konkreten, ist das natürlich das, was das Publikum immer an Kriminalfällen interessiert: dieser Blick, den sie frei geben auf das, was die Alten die „conditio humana“ genannt hätten.

 

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