Time to say goodbye…

Verdiente Niederlagen gibt es oft. Aber selten war eine Niederlage so verdient wie die von Roland Koch gestern bei der Hessen-Wahl. Wobei das Wahlfiasko Kochs mehr als nur erfreulich ist. Zieht der niedrige Populismus nicht mehr? Jedenfalls war das das zweite Mal innerhalb von nur sieben Tagen, dass Rechtspolitiker einsehen mussten, dass ihnen der Pöbelwahlkampf geschadet hat. Frau Winter hätte in Graz wohl besser abgeschnitten, hätte sie nicht gegen die Muslime gehetzt, Herr Koch wäre weiter hessischer Ministerpräsident, wenn er nicht einen derart üblen Anti-Ausländer-Wahlkampf geführt hätte. Solche Lektionen hat man gerne!

Was Kraus wirklich sagte

Henryk M. Broder, zugleich Kasperl und Krokodil der deutschen Publizistik, wäre ja gerne ein Karl Kraus. Deshalb zitiert er fast täglich den großen K.K. mit dem Satz: „Es genügt nicht nur, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.“ Wie im Sektenwesen üblich, schreiben die Jünger vom Guru ab, was dazu führt, dass heute kaum mehr ein Eintrag in Broders Achgut-Netzwerk ohne dieses Zitat auskommt. Da Kraus es nicht verdient hat, für einen Satz berühmt zu werden, den irgendein Analphabet, der nicht abschreiben kann, erfunden hat (das muss nicht Broder selbst gewesen sein, das Falschzitat kursiert schon lange), sei hier ein für alle mal die korrekte Kraus-Wendung referiert. Sie stammt aus Das Berufsgeheimnis: „Viele würden in Redaktionen rennen, bedürfte es nicht die spezialste der Gaben. Es genügt nicht keinen Gedanken zu haben: man muß ihn auch ausdrücken können.“ (Fackel 697, Seite  60)

 

Ist ja auch viel krausianischer. Kraus scherte sich ja nicht so sehr um Leute, die auf holpernde Weise Blödsinn von sich gaben, er spießte vielmehr die journalistische Eigenart auf, mit großem Getue Unsinn zu sagen.

 

Ob die krause Falschlektüre, die den Satz in sein Gegenteil verkehrt, vielleicht gar symptomatisch ist?

Utopia.de: NGO mit unternehmerischen Mitteln

Konsumieren für eine bessere Welt ist ja das große Thema dieses Jahres. Gerade hat sich in München eine neue Initiative – oder muss man sagen: ein neues Unternehmen? – gegründet, das den politisch korrekten Lifestyle mit viel Verve, Chic und Promis propagieren will. Darüber wird ja gelegentlich viel die Nase gerümpft (eben erschien im "Zeit"-Magazin ein großer Spottartikel über den Prenzlauer Berg mit dem Titel "Bionade Biedermeier"), andererseits gäbe es wohl ein paar Probleme weniger, wenn alle mit American Apparel Klamotten rumlaufen und Autos mit geringem CO2-Ausstoß fahren würden. Also, das Webportal der bemerkenswerten Initiative der Münchner Unternehmerin Claudia Langer (Bild) heißt Utopia.de, und das soll "eine Nichtregierungsorganisation mit unternehmerischen Mitteln werden". Schauen Sie da mal vorbei.

Und wenn wir schon dabei sind: Die Freunde vom Social-Fashion-Label Armed Angels haben hier zu mir verlinkt, und das allein ist schon ein Grund, zurückzuwinken, sie haben es aber wegen ihren schönen und engagierten Shirts auch sonst verdient.

Neues vom Gutmenschentum

In meiner Nähe wohnt einer der Spitzenbeamten Österreichs, der sich gelegentlich von der Fahrbereitschaft abholen lässt. Bisher standen immer dicke Audis vor der Tür. Heute stand da ein Schlitten mit der Aufschrift: "Toyota Prius Hybrid Bundeskanzleramt". Also: Geht doch! Und noch was. Rechts unten auf diesem Blog sehen Sie eine Einschaltung von "Ärzte ohne Grenzen". Das ist Teil einer Kampagne dieser unterstützenswerten Organisiation. In deren Zuge werden Buttons auf diesem Blog, aber auch auf dem von Doris Knecht, Florian Klenk, Andrea Maria Dusl und Ernst Schmiederer geschaltet. Es lebe die Vernetzung!