Urbaner Ausnahmezustand

Ein Lob dem 1. Mai. Mag der "Feiertag des Proletariats" auch zu einem Volksfest geworden sein, so stellt er doch einen Eingriff in den öffentlichen Ablauf des Stadtlebens dar. Er irritierte Routinen und lässt die Ahnung entstehen, dass die Dinge nicht unbedingt so ablaufen müssen, wie sie immer ablaufen. taz, 1. Mai 2004

 

 

Der Beschluss des Pariser Internationalen Arbeiter-Kongresses von 1889 klang eher lapidar, begründete aber eine grosse Tradition. Der Konvent beschloss, den 1. Mai 1890 zum Kampftag der Arbeiter zu machen, vor allem zur Durchsetzung des Acht-Stunden-Tages. "Die Arbeiter der verschiedenen Nationen haben die Kundgebungen in der Art und Weise, wie sie ihnen durch die Verhältnisse ihres Landes vorgeschrieben wird, ins Werk zu setzen."

 

 

Es wurde ein grosser Erfolg. In vielen Städten des Kontinents zogen die Arbeiter an diesem Tag – ein Donnerstag – feierlich durch die Strassen, und auch der Versuch der Staatsmacht, mit Stacheldrahtverhauen und berittenen Polizisten die Demonstranten auseinanderzutreiben, war nicht mehr als ein aussichtsloses Gefecht. Was später ein zeremonielles Hochamt der Arbeiterbewegung werden sollte, wurde vor allem in Wien auf beeindruckende Art begonnen, was vielleicht auch mit der barocken Tradition des Landes zusammenhing, einem instinktiven Gespür für die Macht ritueller Inszenierungen. Es sei ohne Zweifel, schrieb der greise Friedrich Engels danach in der Wiener "Arbeiter-Zeitung", "dass auf dem ganzen Festland Österreich, und in Österreich Wien, den Festtag des Proletariats am glänzendsten und würdigsten" begangen hätte.

 

Nur der Aufmarsch der britischen Gewerkschaften im Londoner Hyde Park geriet – mit 300.000 Teilnehmern – noch eindrucksvoller.

 

"Ich war wie in einem Taumel, als ich nach Hause ging. Ein unnennbares Glücksgefühl beseelte mich, ich kam mir vor, als hätte ich die Welt erobert", schrieb die Arbeiterin und Parteifunktionärin Adelheid Popp in ihren Jugenderinnerungen über den darauffolgenden 1. Mai 1891.

 

Gewiss ist der 1. Mai heute nur mehr der Schatten seiner selbst. In den europäischen Ländern ist er ein Feiertag wie der Ostermontag und Christi Himmelfahrt, den die Proleten vornehmlich für eine Fahrt ins Grüne nutzen. In den meisten deutschen Städten folgen bloss ein paar tausend den Aufrufen von Gewerkschaften und SPD-Ortsgruppen, ganz zu schweigen von den Trüppchen der Linksradikalen. Eine veritable "zentrale" 1. Mai-Kundgebung gibt es in der Bundesrepublik, eine Folge des föderalistischen Prinzips, ohnehin nicht wirklich. Und auf dem Rücken der Tradition haben sich, gewissermaßen parasitär, schon wieder neue Traditionen gebildet. Waren die militanten Aktionen, in Kreuzberg und anderswo, einstmals auch der Versuch, der lauen Traditionspflege wieder eine subversive Dimension zu verleihen, so ist die Randale längst selbst zu routinierten Übung geworden, die es im Grunde vor allem deshalb noch immer gibt, weil es sie für die meisten daran Beteiligten immer schon gegeben hat.

 

Und doch hat sich der 1. Mai einen Überschuss bewahrt. Er war als Probe für den Generalstreik angelegt, verbunden mit einem Marsch ins Zentrum der Städte. Den Bürgerlichen wurde der Tag abgetrotzt – im Tausch freilich gegen eine Kanalisierung revolutionärer Energien. Und dennoch ist er bis heute nicht der leere Rausch begrenzter Überschreitung geworden, wie sie etwa der Fasching darstellt. Noch immer ist er ein Fest, die Feier, dass er überhaupt stattfinden kann.

 

Er bedeutet noch immer etwas, auch wenn diese Bedeutung verschüttet ist. Man gewinnt vielleicht ein Gespür dafür an jenen Orten, an denen er immer noch ein bisschen mehr ist als eine "gewöhnliche" Demonstration – wo der 1. Mai einen urbanen Ausnahmezustand markiert. An den unterschiedlichsten Plätzen also: in der Kreuzberger Kampfzone, aber auch bei der zentralen 1. Mai-Kundgebung in Wien.

 

Denn nirgendwo sonst in Europa wird  der 1. Mai heute noch auf so traditionelle Weise begangen wie in Wien. Um 7:55 Uhr treffen sich, beispielsweise, vor dem Arbeiterheim in Favoriten, einem der 23 Bezirke der Stadt, die einst das "rote Wien" genannt wurde, pünktlich die kleinen und die grossen Genossen mit ihren Fahnen, ihren roten Nelken und Transparenten. In längeren oder kürzeren Kolonnen ziehen die nach vorne diszipliniert, nach hinten hin lose angeordneten Reihen aus allen Teilen Wiens Richtung Innerer Stadt, der Ringstraße entgegen, um später entlang dieser auf den Rathausplatz zuzuschlendern. Je nach klimatischer und politischer Grosswetterlage nehmen immer noch fünfzig-, sechtzig-, oder siebzigtausend Teilnehmer an dem Aufmarsch teil. Die Innenstadt ist grossräumig abgesperrt. Bis vor wenigen Jahren fuhren bis zum Nachmittag keine Busse, keine Straßen-, keine U-Bahnen. Das sollte dem Personal der Verkehrsbetriebe die Gelegenheit geben, selbst am Marsch teilzunehmen. Mag die Ursache aber eine praktische gewesen sein, so war das Resultat ein hoch symbolisches: der Rhythmus der gesamten Stadt war verändert, verlangsamt. Mit den Autos kam man nicht durch die Stadt (eben weil sie grossräumig abgesperrt war), und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auch nicht. Wer Distanzen überwinden wollte, musste längere Fussmärsche einplanen oder auf das Fahrrad, den Tretroller oder ähnliches umsteigen.

 

Über der ganzen Szenerie hängt eine Stimmung entspannter Lässigkeit. Auf der Meile zwischen Rathausplatz und Parlament, Anziehungspunkte sowohl der Kolonnen der Sozialdemokraten wie auch der Abteilungen von Kommunisten, Grünen, Linksradikalen und unorthodoxen Grüppchen, mischen sich die Milieus, wie an sonst keinem Tag im Jahr. Am Rand stehen Kinder mit kleinen Fähnchen (der Typus, der im Osten Winkelement hiess) oder mit knallroten Luftballons (manche mit den knallgrünen, die die Ökos verteilen). Man nützt den Tag auch, weil er der einzige Tag im Jahr ist, an dem man an der sonst vielbefahrenen Ringstraße entspannt dahinschlendern kann. Und im Café Landtmann, neben dem Burgtheater, wo an normalen Tagen die Classe politique ihr verlängertes Wohnzimmer hat, begegnet sich derweil Tout Vienne. Man darf an dem Tag, was ansonsten streng verboten ist: Tische verschieben, Stühle quer über die Terrasse tragen. Da trifft man sogar Bankdirektoren und global operierende Investmentbanker, den „roten Willy“ etwa, der wegen seiner Haarfarbe und seiner einstigen Agitatorentätigkeit im „Roten Börsenkrach“ so genannt wird. Heute sitzt er im Vorstand der bayrischen HBV-Bank. Auch er tut, was er sonst nie täte: Er trägt bei Schönwetter kurze Hosen. Nebenan bläst die Blechmusik, und zwischen den Trauben sausen Professoren auf ihren Fahrrädern herum. Womöglich hat das doch mit Wien zu tun, dass es gelang, den Kampftag des Proletariats zu einer Institution linksliberaler Geselligkeit zu verwandeln. Es gibt Wiener, die an diesem Tag von weither nach Hause fliegen, einer lieben Gewohnheit wegen.

 

Mag der 1. Mai ein Volksfest geworden sein, so ist er doch aber noch ein politisches Fest, weil er einen Eingriff in den öffentlichen Ablauf und den Rhytmus des Stadtlebens darstellt. Man soll diese Dimension nicht unterschätzen, auch wenn sie gemildert ist durch den Umstand, dass der Tag ohnehin gesetzlicher Feiertag ist – also für die meisten Menschen gar nicht die Notwendigkeit besteht, von A nach B zu gelangen. Aber es sind solche Erfahrungsblitze, die unsere Blicke auf die gewöhnlichen, routinierten Abläufe irritieren, die eine Ahnung entstehen lassen, dass die Dinge nicht unbedingt so ablaufen müssen, wie sie immer ablaufen.

 

Vor ein paar Monaten hatten Österreichs Gewerkschaften zu einem eintägigen Massenstreik gegen die Rentenreform gerufen. In einigen Branchen wurde gearbeitet, in vielen aber – und vor allem im öffentlichen Dienst – wurde für einen Tag die Arbeit niedergelegt. Der öffentliche Verkehr wurde rigide bestreikt. Ein Hauch von Generalstreik lag über dem Land. Es wurde ein allgemeines Chaos vorausgesagt, ein metropolitaner Infarkt – und eine helle Empörung der Menschen, deren Alltag durcheinandergebracht würde, gegen die Schuldigen, also die Gewerkschaften.

 

Was man dann sah, war das genaue Gegenteil: überall Menschen mit der Fähigkeit zu behelfsmäßier Praxis, eine seltsame Lässigkeit. Man spürte plötzlich die Möglichkeit einer anderen Art von Gesellschaftlichkeit: da organisierten Familien die Kinderbetreuung mit anderen, weil das Personal der Kitas streikte. Und auf den Straßen: Punks und Hochwürden nebeneinander auf dem Fahrrad, Ministerialbeamte am Scooter ihrer Kinder, Angestellte in Rollerblades. Was die Menschen auch taten, sie gingen es langsamer an.

 

Ein solcher Bruch in der Routine geht in den Erfahrungsschatz eines Gemeinwesens ein. Solche "Metropolenstreiks" verbindet mit politischen Festen wie dem 1. Mai, dass sie sich nicht im Lahmlegen des öffentlichen Lebens erschöpfen, sondern den öffentlichen Raum im Gegenteil neu definieren, in dem, wenn auch nur in kurzen Bildern, die Möglichkeit anderer Bewegungs-, Kommunikations- und Kooperationsformen aufscheint. Statt des angekündigten Chaos die Sistierung der hektischen Routine, die ja den Betriebsmodus kapitalistischer Geistlosigkeit darstellt.

 

Was, wenn das, was der 1. Mai im Kern war und ist, von allerhöchster Aktualität ist? Vieles spricht dafür, dass die Aneignung des öffentlichen Raumes, dessen Umdefinierung, die soziale Protestform des Informationszeitalters sein wird: Ausschwärmen, um Routinen zu durchbrechen, Perspektiven zu verändern; mit einer gewissen Eigensinnigkeit die Abläufe umformen, wie sie einem passen. Sichtbarkeit, also Aufmerksamkeit (die Münze, in der heute Anerkennung abgegolten wird), also Macht, erweist sich im postindustriellen Zeitalter wohl immer seltener darin, eine grosse Fabrik lahmzulegen, sondern darin, das Leben in den Städten zu berühren. So gesehen überschritten die Arbeiter, die vor 115 Jahren den ersten 1. Mai zelebrierten, fast instinktiv ihre Epoche, ihr Gestus verwies schon auf die unsere: indem sie aus den Fabriken auszogen und in die Innenstädte marschierten.

 

Weit davon entfernt, eine anachronistische Routine zu sein, beschreibt der 1. Mai genau das, was der Einsatz und Macht sozialer Proteste ist: den Einbruch des Ungewöhnlichen in das urbane Leben.

 

Ginge es mit solchen Übungen einmal vollends zu Ende, es bliebe uns nur noch das Schneechaos.  

 

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Als Shorties schlage ich vor:

 

Der 1. Mai "ist die vielleicht einzige unzweifelhafte Spur, die eine säkulare Bewegung im christlichen oder einem anderen offiziellen Kalender hinterlassen hat, ein Feiertag, der nicht in ein oder zwei Ländern, sondern 1990 offiziell in 107 Staaten eingehalten wird. Zudem ist es ein Feiertag, der nicht von Regierungen oder Eroberern oktroyiert wurde, sondern die Errungenschaft einer völlig inoffiziellen Bewegung armer Männer und Frauen ist.

 

Das Außerordentliche an der Entwicklung dieser Institution ist die Tatsache, daß sie unbeabsichtigt und ungeplant war. (In der Resolution des Pariser Sozialistenkongresses von 1889 hiess es) erstens, es sollte zu einer einmaligen internationalen Kundgebung aufgerufen werden. Es wurde nicht vorgeschlagen, sie zu wiederholen, geschweige denn, sie zu einem regelmäßigen jährlichen Ereignis zu machen. Zweitens, es wurde nicht vorgeschlagen, den Anlaß besonders feierlich oder festlich zu begehen (…) Dritten, gibt es keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass diese Resolution damals als besonders wichtig erachtet worden wäre.

 

Der erste Maifeiertag fiel mit einer triumphalen Stärkung der Macht und des Selbstvertrauens der Arbeiterbewegung in zahlreichen Ländern zusammen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: der jähe Aufschwung des New Unionism in Großbritannien (…) und der Sieg der Sozialisten in Deutschland, wo sich der Reichstag im Januar 1890 weigerte, die Geltungsdauer von Bismarcks Sozialistengesetz zu verlängern.

 

Wie entstand sie (die Tradition)?

Anfangs spielte sicher die Wahl des Datums eine entscheidende Rolle. Frühlingsfeiertage sind als Teil des rituellen Kreislaufs des Jahres auf der gemäßigten nördlichen Hemisphäre fest verwurzelt, und der Monat Mai selbst versinnbildlicht die Erneuerung der Natur. (…)

Natürlich schien die Analogie zu Ostern bzw. Pfingsten ebenso offensichtlich wie die zu den volkstümlichen Frühlingsfesten.

 

Die Ikonographie des Maifeiertags, die sehr schnell ihre eigene Bildsprache und Symbolik entwickelte, ist vollkommen zukunftsorientiert. Was die Zukunft bringen würde, war keineswegs klar, nur, dass sie gut sein und zwangsläufig kommen würde.

 

Aus: Eric Hobsbawm: "Die Geburt eines Feiertags: der Erste Mai". In: Hobsbawm: Ungewöhnliche Menschen. Hanser, München, Wien, 1998. 2003 Seiten.

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