Einladung zur Ausstellung: „Arbeit ist unsichtbar“

Liebe KollegInnen, FreundInnen, wertes Publikum,

am 3. Mai 2018 eröffnet im Museum Arbeitswelt in Steyr – dem Museum der industriellen Arbeit in Österreich – die Dauerausstellung „Arbeit ist unsichtbar“.

Ich hatte die Freude, diese Ausstellung gemeinsam mit Harald Welzer, dem deutschen Sozialpsychologen und Bestsellerautor, kuratieren zu dürfen und mit dem großartigen Team des MAW finalisieren zu können.

 

Alles Nähere zur Ausstellung bzw. der Eröffnungssause findet Ihr hier!

Das Wesentliche an der Arbeit ist unsichtbar. Wenn wir von der Arbeit sprechen, dann stellen wir uns Arbeiter und Arbeiterinnen in der Fabrik vor, Maschinen, organisierte Abläufe im Büro, Menschen, die vor dem Computer sitzen, Leute, die an irgendetwas herumtüfteln. Dabei übersehen wir aber das Wesentliche: Wir gehen auch arbeiten, weil wir die Motivation verspüren, etwas zu tun und weil wir unsere Arbeit lieben. Wir wollen unsere Arbeit ordentlich machen, wir wollen aber für sie auch geschätzt, anerkannt und respektiert werden. Wir wollen ins soziale Geflecht der Kollegenschaft eingewoben sein. Wir wollen auch eine Arbeit, der wir Sinn zuschreiben. Arbeit gibt uns Selbstbewusstsein, genauso, wie es unser Selbstwertgefühl untergraben kann, wenn wir am Arbeitsplatz respektlos behandelt werden. Gefühle, Emotionen, spielen am Arbeitsplatz eine zentrale Rolle.

Gezeigt werden Geschichten über Eigensinn, Widderstand, Kooperation und Motivation, über Zusammenhalt, Identität und Stolz, aber auch über Stress, Angst, Überforderung und Ohnmacht.

Es erwarten Euch Audiostationen über „Arbeit und Gefühl“, ein Darkroom, in dem Sie Minenarbeitern aus dem Kongo begegnen, Ausstellungsräume, die den Kampf um Takt und Arbeitszeit, um Anerkennung, den Stolz der Arbeiter auf ihr Können, aber auch die Globalisierung zwischen 1850 und heute am Beispiel der Waffen- und Autoindustrie in Steyr zeigt. Global Steyr.

Und der Roboter Pepper, der die verschiedensten Aspekte der Arbeit der Zukunft erzählt: Etwa, warum ihr Eigenheim demnächst in drei Tagen von einem Roboter errichtet sein wird.

Dazu gibt es einen Ausstellungsreader, der im Picus-Verlag erscheint: Mit Beiträgen von Paul Mason, Saskia Sassen, Harald Welzer, Kathrin Röggla, Sighard Neckel, Verena Dürr, Christine Schörkhuber, Ulrich Brand, Helene Maimann, Wolfgang Maderthaner uva.

Anschrift des Museums:

MUSEUM ARBEITSWELT – Wehrgrabengasse 7 – A 4400 Steyr

Lieben Sie ihre Arbeit? Hassen Sie ihre Arbeit?

Mit den widersprechenden Prophezeiungen über Automatisierung, Robotisierung und die Arbeit der Zukunft grassiert auch Zukunftsangst – die bange Frage kursiert, ob die Mehrheit von uns in der Arbeitswelt von morgen nicht „überflüssig“ wird. Was Arbeit ist, wofür man sie braucht, was sie mit einem macht, wird auch deshalb zunehmend wieder zu einem zentralen Thema. Und zu einem paradoxen Thema. Denn wenn man sich die öffentlichen Diskurse über Arbeit ansieht, aber auch wenn man mit Menschen privat über ihre Arbeit spricht, gibt es immer zwei gegenläufige Erzählungen, die seltsam unverbunden parallel laufen: einerseits Arbeit als Druck, als Zwang zum Geldverdienen, als unsicherer Boden unter den Füßen, mit wachsendem Stress und Arbeitsleid und Fremdbestimmung durch die Chefetagen, Geschichten über Entfremdung und das Gefühl der Unsicherheit und Überforderung – und andererseits Arbeit als das im Leben, was Identität und Sinn gibt, als eine Tätigkeit, die erfüllt oder zumindest erfüllen sollte, auch als etwas, das einwebt ins Netz der Kollegenschaft und der Kooperation, als etwas, das soziale Beziehungen stiftet und zugleich fordert und anspornt, etwas gut zu machen und die Talente zu entfalten. Kurzum: die Arbeit, die zugleich geliebt und gehasst wird.

Jens Jessen in der „Zeit“: Der paranoide Stil der neuen konservativen Rechten

Jens Jessen, an sich ein bedächtiger, eher stiller Konservativer, klagt in der aktuellen „Zeit“ den neuen Feminismus und die außer Rand und Band geratene #metoo-Debatte an. Dabei versteigt er sich aber selbst immer mehr in schräge Thesen, etwa dass, was immer man als Mann sage und mache, es als Beitrag zu einer sexistischen Atmosphäre denunziert wird. Man(n) werde diffamiert, eine männliche Kollektivverantwortung konstruiert. Es gehe nur um den Triumph eines totalitären Feminismus, der so rigide wie der Stalinismus sei. Kurzum: Das totale zum Schweigenbringen der Männer sei das Ziel. Paranoide Schrillheit Das erinnert an einen legendären Essay des amerikanischen Historikers Richard J. Hofstadter aus dem Jahr 1964 über den „Paranoid Style in American Politics“. Darin wunderte er sich über die wachsende, paranoide Schrillheit des amerikanischen Konservativismus. Nun, dieser Stil hat sich ausgebreitet – und wenn selbst jemand wie Jessen davon schon angesteckt ist, dann ist das bemerkenswert. Generell ist es dieser paranoide Stil, der erlaubt, die hanebüchensten Dinge zu behaupten: Eben, dass Männer generell zum Schweigen gebracht werden sollen. Oder, dass wir alle islamisiert werden. Dass die Gewaltkriminalität eskaliert. Dass Gutmenschen ein linkes Meinungsdiktat exekutieren. Die Liste in endlos. Dieser Stil hyperventiliert vor eingebildeten Bedrohungen, und die Schillheit steht in umgekehrt proportionalen Verhältnis zu den Evidenzen, die solche Behauptungen auf ihrer Seite haben. Von der Aufmerksamkeitsökonomie der Netzdiskurse, die Aufgeregtheit und Gereiztheit triggern, Nachdenklichkeit aber im Ozean der Daten untergehen lassen, wird all das noch befeuert. Man würde am liebsten ausrufen: Kriegt Euch wieder ein!

Facebook verstaatlichen?

Daten, deren Ströme, aber auch soziale Netzwerke gehören heute zur kritischen Infrastruktur einer Gesellschaft – und können gnadenlos manipuliert werden, wie der Facebook- beziehungsweise Cambridge-Analytica-Skandal zeigt. Zugleich neigt der digitale Kapitalismus noch mehr als der klassische Industriekapitalismus zur Monopolbildung. Schuf ersterer durch seine „Economies of Scale“ – also durch Skaleneffekte, die großen Platzhirschen erlauben, effizienter zu produzieren, die Verbraucher leichter zu erreichen und potentielle Konkurrenten vom Markt zu kaufen – oft Oligopolmärkte, so kommen im digitalen Kapitalismus noch die Netzwerkeffekte hinzu. Nämlich: Wer mehr User hat, ist besser, weil er mehr Daten und darunter mehr Feedbackdaten hat. Mit dem Fortschritt der künstlichen Intelligenz wird all das noch schlimmer werden. Und außerdem: Wie nützlich wären soziale Netzwerke, wenn unser Bekanntenkreis auf zehn Plattformen verteilt wäre? Niemand kann wollen, dass unsere Daten der reinen Profitgier und der Käuflichkeit dienen, besonders, wenn die für eine Demokratie wichtige kritische Infrastruktur betroffen ist. Aber genauso wenig kann man wollen, dass der Staat oder gar die Regierungen darüber die Kontrolle haben. Es ist gewissermaßen ein Horrordilemma: Orwell-Staat oder Orwell-Privatkapitalismus. Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma? Kluge Regulierung? Zerschlagung durch Anti-Monopol-Gesetze? Eine neue, zeitgenössische Form von gewissermaßen „öffentlich-rechtlichen sozialen Medien-Plattformen“?

Leipzig, Berlin, Steyr, Salzburg, Wien: Meine Termine der nächsten Wochen

Leipzig: 8. April, 17.30, Schauspiel Leipzig:
Was ist deutsch?
Jens Bisky von der Süddeutschen Zeitung im Gespräch mit Herfried Münkler und mir.

10. April, 19 Uhr, Kreisky Forum, Wien:
Im Gedenkjahr 2018 werden wir in eine Reihe von Gesprächsrunden die besondere Rolle der sozialistischen und anderer Bewegungen in der Geschichte Österreichs beleuchten. Dieser Abend steht unter dem Motto:

FÜR DIE REPUBLIK
Die österreichische Sozialdemokratie als historische Freiheitsbewegung

Schließlich war es vor allem die Sozialdemokratie unter Victor Adler, die zuerst für bürgerliche Freiheitsrechte kämpfte, aber auch für demokratische Rechte wie das allgemeine gleiche Wahlrecht. Und der dann, als Folge des Krieges und der Revolution, die Republik gewissermaßen in den Schoß fiel.

Darüber diskutiere ich mit Georg Brockmeyer, dem gerade bestellten neuen Kommunikationschef der SPÖ, mit Barbara Blaha, der Politologin und Historikern Hannah Lichtenberger und mit Georg Spitaler vom Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung.

Salzburg: 11. April, 18 Uhr, Hörsaal 381, GesWi, Rudolfskai 42:

Auf Einladung der KPÖplus spreche ich in Salzburg zum Thema:

„Das schwarz-blaue Projekt“

Wohin steuert Österreich? Die ersten 100 Tage der Schwarz-Blauen Bundesregierung lassen erahnen, dass ein Umbruch bevorsteht: 12-Stunden-Tag, Sozialkürzungen, drohende Studiengebühren, Massen-Überwachung und täglich neue FPÖ-„Einzelfälle“. Aber worum geht es Kurz und Strache eigentlich? Was ist das Schwarz-Blaue Projekt der Regierung? Und was können wir alle tun, um die rechte Welle zu stoppen?

12. April, 17 Uhr, Wien, Buchhandlung Facultas im NIG der Uni Wien:
Ich lese aus und präsentiere mein Buch „Liebe in Zeiten des Kapitalismus“

16. April, 18.30 Uhr, Literaturhaus Wien, Seidengasse 13, 1070 Wien:
Karl Marx und die Gegenwart – Ein Abend zum 200. Geburtstag. Im Rahmen der Festivitäten zu Karl Marx 200. Geburtstag spreche ich über Marx und kommentiere und diskutiere die beiden neuen Filme, die exklusiv präsentiert werden: „Karl Marx und seine Erben“ (Peter Dörfler; ARTE/WDR/SWR 2018) „Marx 4.0: Die neue Weltformel?“ (Simone Dobmeier und Torsten Striegnitz; ARTE/ZDF 2018).

Salzburg: 18. April, 19.30, Literaturhaus: 
Ebenfalls zum 200. Geburtstag von Marx lädt das Literaturhaus Natascha Strobl und mich zu einem Filmscreening und zur Diskussion unter dem Titel:
200 Jahre Karl Marx – „Alte Linke : Neue Rechte“. Gezeigt wird auch hier der Film „Marx 4.0“ von ARTE

19. April, 19 Uhr, Wiener Vorlesungen, diesmal in der Brunnenpassage am Brunnenmarkt:
Zivilcourage!
Agieren versus Reagieren –
couragiert aktiv in schwierigen Zeiten
Die großartige Noah Snow wird die Keynote halten, Marissa Lobo und ich werden kommentieren und mit der Vortragenden diskutieren.

Berlin: 29. April, 20 Uhr, Volksbühne:
An diesem Sonntag steigt in der Berliner Volksbühne die Präsentationssause meines Buches „Liebe in Zeiten des Kapitalismus“ in der Reihe Armen Avanessian & Enemies. Armen wird mit mir über mein Buch und vielleicht auch noch über andere brandheiße Themen diskutieren.

Steyr: 3. Mai, 19 Uhr, Museum Arbeitswelt:
Harald Welzer und ich haben – als Kuratoren – mit dem großartigen Team des Museum Arbeitswelt in Steyr, mit wunderbaren Architekten, mit Audiokünstlern und vielen anderen jetzt seit beinahe zwei Jahren an der neuen Daueraustellung gearbeitet. Titel: „Arbeit ist unsichtbar.“ Wir stellen gewissermaßen die bisher noch nicht erzählte Geschichte und Zukunft der Arbeit aus.

Gezeigt werden Geschichten über Eigensinn, Widerstand, Kooperation und Motivation, über Zusammenhalt, Identität und Stolz, aber auch über Stress, Angst, Überforderung und Ohnmacht. All das ist das Wesentliche der Arbeit und wird mit Ausstellung ARBEIT IST UNSICHTBAR sichtbar gemacht.

Wir freuen uns sehr, dass diese lange und intensive Arbeit endlich den kritischen Blicken des Publikums ausgesetzt wird!

Steyr: 4. Mai, 17 Uhr, Museum Arbeitswelt:
Karl Marx 200, Geburtstagsfest
Zum Geburtstag von Karl Marx gibt es Reden, Laudationen und natürlich Musik. Ich werde auch mit eine Laudatio mit von der Partie sein.

Sind Sie einsam?

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz

In der Gesellschaft der Singularitäten, wie das Andreas Reckwitz in seiner gefeierten Studie nennt, herrscht uns von Kindesbeinen der Zeitgeist an, dass wir etwas Besonderes sein sollen. Wir nehmen weniger auf das Bedacht, was uns mit anderen verbindet und uns ihnen ähnlich macht, sondern mehr darauf, was uns einzigartig macht, also von anderen unterscheidet. Dass das Fäden und informelle Bande zerreißt, ist naheliegend. Man kann das Ergebnis eine Gesellschaft der Total-Individualisierung nennen, wenn man mag. Das individualisierte Individuum genießt die Individualisierung und leidet zugleich unter ihr. In der Politik kommt das dann so an, dass man parolenhaft den „sozialen Zusammenhalt“ beschwört, ohne dass recht klar wird, wie der denn wirklich hergestellt werden soll.

Es ist wahrscheinlich kein Wunder, dass die Politik gerade in diesen Zeiten beginnt, die „Einsamkeit“ als gesellschaftliches und somit auch politisches Problem zu definieren. In Großbritannien haben sie jetzt sogar eine Einsamkeitsministerin, also eine Ministerin, die sich neben den Aufgabengebieten Sport und Zivilgesellschaft dem Kampf gegen Einsamkeit widmet. Gekommen ist das so: die energetische Labour-Politikerin Jo Cox, die sich als Studentin fürchterlich einsam fühlte, hatte sich das Thema auf die Fahnen geschrieben. Sie hatte eine Kommission gegründet, die sich mit der Erforschung des Themas befassen sollte. Dann wurde Cox von einem rechtsradikalen Wutbürger ermordet und das Thema wurde zu ihrem Erbe. Ihr Witwer führte die Kommission weiter, zur Ehrung der Ermordeten machten fast alle politischen und gesellschaftlichen Akteure mit. Sind Sie einsam? weiterlesen

Antidemokratie. Und woher sie kommt.

Der Rote Faden, meine Kolumne in der taz vom März 18

Forscher vom Berliner „Progressiven Zentrum“ haben unlängst eine Studie veröffentlich, die für einiges Aufsehen gesorgt hat. Sie haben an 5000 Wohnungstüren geklopft, und zwar vor allem in jenen Vierteln, in denen der Verdruss an der etablierten Politik besonders hoch und der Anteil von AfD-Wählern entsprechend ist. 500 Leute konnten sie in längere Gespräche verwickeln. Nicht wenige waren sogar froh, einmal so richtig reden zu können – denn so oft kommt es ja nicht vor, dass sich jemand für sie interessiert. Und die Ergebnisse der Studie sind beredt.

Das Resumee der Forscher, kurz zusammen gefasst: Auch wenn in den öffentlichen Metadiskursen Themen wie „Migration“, „Ausländer“, „der Islam“ überwiegen, sind diese Thematiken den Leuten letztendlich eher unwichtig. Was sie beklagen ist der Verlust an sozialen Netzwerken in ihrer Lebenswelt, dass sich die Politik aus den Vierteln zurück gezogen hat, dass sie das Gefühl haben, dass sich niemand mehr für sie interessiert. „Viele Befragte glauben, dass sozial und geographisch Gesellschaftsräume entstanden sind, aus denen sich die Politik zurückgezogen hat“, heißt es in der Studie: „Esn herrscht ein Gefühl des Verlassenseins.“

Die Metathematiken zahlen allenfalls in diese Deutung ein, etwa seit der Flüchtlingskrise vor drei Jahren, und zwar in Form folgender Assoziationskette: ‚Während sich für uns überhaupt niemand interessiert, wird Migrantinnen und Migranten sofort geholfen.‘ Aber sobald man ein wenig an der Oberfläche kratzt, wird klar: Nicht, dass Migranten geholfen wird, regt die Leute primär auf, sondern dass sie das Gefühl haben, dass ihnen nicht einmal jemand zuhört. Dass sich für sie niemand interessiert. Dass da niemand ist, der in der Nähe wäre, erreichbar wäre. Antidemokratie. Und woher sie kommt. weiterlesen

Der Zerfall der Demokratie

FS Misik Folge 539

Forscher des Berliner „Progressiven Zentrums“ haben mit französischen Kollegen eine Tiefenstudie in Vierteln gemacht, in denen die AfD beziehungsweise der Front National stark sind. Das Resume : Die Menschen fühlen sich als politisch Verlassene. Dass sich für sie überhaupt niemand mehr interessiert. Dass die Netzwerke in den Vierteln zerreißen, die Infrastruktur nicht mehr funktioniert. „Es herrscht ein Gefühl des Verlassenseins. Ein Gefühl, vom Staat im Stich gelassen worden zu sein.“ Die Studie stellt auch fest, dass zentrale Narrative der Populisten weitaus weniger stark verfangen als angenommen. „Wenn die Leute politische Zusammenhänge mit eigenen Worten schildern, spielen Islamisierung, Europaskepsis, pauschale Medienkritik oder die Betonung der nationalen Identität kaum eine Rolle.“ Im Gegenteil: „Zum Beispiel wird Europa mehr als Teil der Lösung denn als Problem gesehen.“

Das bestätigt einiges an den Thesen des deutsch-polnischen Harvard-Wissenschaftlers Yascha Mounk, der mit „Der Zerfall der Demokratie“ das Sachbuch der Saison geliefert hat. Es gibt nicht nur einen Vertrauensverlust, sondern nicht zuletzt auch einen Zutrauensverlust gegenüber der „gewohnten“ Politik. Der traut man einfach nichts mehr zu.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die vergangene Woche veröffentlicht wurde, bestätigt das: Autokratien sind im Aufwind, und die Demokratien sind von einem inneren Zutrauensschwund befallen. „Die Abkehr von der Demokratie hat begonnen. „All das kann man als alarmierende Befunde ansehen. Aber man kann die Analysen auch als Leitfaden lesen und als Hilfe, um zu begreifen, was genau die Ursachen der Erosion der Demokratie sind.

Ausländersparpaket? Nein. Besser: Kindersparpaket

FS Misik Folge 538

Die Budgetdebatte wirft ihre Schatten voraus – und zwar in Form von Wording from Hell. Ein „Ausländersparpaket“ werde geschnürt. Darin enthalten sind Kürzungen für Integrationsmaßnahmen in Schulen, aber auch einfach für Unterstützungslehrer für Klassen, die natürlich nicht nur den Migrantenkindern, sondern allen Kindern zugutekamen. Es ist also eher ein „Kindersparpaket“. Diese Einschnitte werden auch mit dem Ende der „Kuschelpädagogik“ begründet. Auch so ein Wording aus dem Giftschrank. Was ersehnen sich eigentlich jene, die „Kuschelpädagogik“ als Hohnvokabel benützen?

Rohrstockpädagogik?

Kasernenhofpädagogik?

Strafvollzugspädagogik?

Wie der rechte Zeitgeist bekämpft werden kann

FS Misik 537

Der kluge Grüne Paul Aigner schrieb unlängst auf Twitter: „Hat sich irgendwer vielleicht einmal überlegt, wie viel das dauernde Sich-auf-die-Zunge-Beißen der Linken zum Rechtsruck beiträgt, weil aus ‚Pragmatismus‘ ganz wesentliche Positionen gar nicht mehr formuliert werden und in der Debatte fehlen?“ Das ist ein Punkt, der nicht unterschätzt werden sollte. Nämlich: Sind die Linken zu zahm geworden, zu mutlos, haben sie ihre Lust an der Provokation verloren, passen sie sich zu sehr an die Mitte an? Die Rechtsradikalen hämmern rein; was gestern undenkbar war, machen sie heute sagbar. Und die Linken beißen sich fest auf die Zunge, um nur ja nichts zu sagen, was jenseits der berüchtigten Mitte verortbar wäre – mit dem Ergebnis, dass sich die berüchtigte Mitte nach rechts verschiebt.

Nächste Woche im Kreisky Forum: Nikos Pappas über „3 Jahre Syriza-Regierung“ und Lisa Herzog über zeitgemäßen Liberalismus.

Kommende Woche haben wir im Kreisky-Forum zwei Gäste, über die ich mich besonders freue, da wir uns buchstäblich seit Jahren um sie bemüht haben – und nun klappt es endlich.

1.

Am Montag, 12. März, um 19 Uhr darf ich NIKOS PAPPAS begrüßen, der nicht nur der gegenwärtige Minister für Medien, Digitales und Telekommunikation in der griechischen Regierung ist, sondern der engste Mitstreiter von Premierminister Alexis Tsipras. So wirkte er etwa in der ersten Syriza-Periode als Staatsminister im Amt des Ministerpräsidenten.

Nikos wird zum Thema sprechen:

SYRIZA AFTER THREE YEARS IN OFFICE
A REPORT FROM INSIDE

Wer wissen will, welche Fesseln die Syriza-Regierung angelegt bekommen hat, woran sie gescheitert ist, womit sie vielleicht doch auch Erfolg hatte, der und die wird hier aus erster Hand Informationen aus dem Inneren dieser ersten Linksregierung seit langem erhalten. Das sollte sich wirklich niemand entgehen lassen.

2.

Schon drei Tage später, am Donnerstag den 15. März habe ich die deutsche Philosophin LISA HERZOG zu Gast, die zum Thema

FREIHEIT UND KAPITALISMUS – GEHT DAS NOCH ZUSAMMEN?

sprechen wird. Lisa Herzog machte sich vor einigen Jahren einen Namen, weil sie – im weitesten Sinne: sozialdemokratische – Gerechtigkeitsnormen nicht gegen einen Liberalismus zu begründen versuchte, sondern eine Grundlage für einen neuen Sozialliberalismus entwickelte. Das tat sie vor allem in ihrem Buch „Freiheit gehört nicht nur den Reichen – Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus“, sondern auch in zahlreichen vielbeachteten Aufsätzen. „Wer heute ein freies Leben führen will, muss den ungezügelten Markt bekämpfen“, argumentierte sie etwa in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. (Link hier)

Auch das ist ein ganz ganz wichtiger Beitrag zur zeitgenössischen politischen und wirtschaftspolitischen Debatte.

Beide Veranstaltungen beginnen um 19 Uhr. Kreisky Forum, Armbrustergasse 15, 1190 Wien.

Die Einsamkeitsgesellschaft

FS Misik Folge 536

Ist eine Gesellschaft „radikaler Individualisierung“ eine Gesellschaft, in der sich das Phänomen der Einsamkeit auf ganz neue Weise stellt, nicht nur als etwas, das nur isolierte Dauersingles oder Witwer und Witwen befällt? In ihr wird das Phänomen von Menschen endemisch, die auch „in Gesellschaft einsam sind“, die nur lose eingebettet sind in soziale Netze. Mobilität spielt eine Rolle, Demographie, natürlich Migration, aber auch Charakteristika moderner Lifestyles. Die „Einsamkeits-Kommission“ in Großbritannien kam jedenfalls zu diesem Schluss, nennt Einsamkeit eine „Epidemie im Verborgenen“. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung titelt: „Ist der Mensch einsam, leidet die Demokratie“. Aber wie hängt das mit anderen gesellschaftlichen Pathologien unserer Zeit zusammen, der Erfolgskultur, der Krise des Allgemeinen? FS Misik heute als kleine Lektürestunde, behandelt werden aktuelle Bücher, darunter:

Tristan Garcia: Das intensive Leben. Eine moderne Obsession (Suhrkamp, 2017).

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten (Suhrkamp, 2017).

Alain Badiou: Lob der Liebe (Passagen, 2015).

Lars Svendsen: Philosophie der Einsamkeit (Berlin University Press, 2016).