Mühen des Corona-Alltags

Wieder ein wenig Normalität leben und zugleich die Pandemie im Griff halten – das ist offenbar viel schwieriger als ein Shutdown.

Vor drei, vier Monaten saßen wir im Shutdown. Die allermeisten von uns reduzierten ihre sozialen Kontakte auf das Minimum, hockten weitgehend zu Hause, allenfalls machte man Ausflüge ins Grüne. Über eine Million Menschen hatten ihre Arbeit – vorübergehend – völlig eingestellt, mindestens so viele werkten vom Home-Office aus. Es war der absolute Einbruch des Ausnahmezustandes in unser Leben, das Außerordentliche hebelte das Gewohnte aus. Und dennoch dämmert uns langsam, dass das vielleicht noch die einfachere Zeit war. Sechs Wochen das Leben völlig umkrempeln – das ist gar nicht so schwer. Es monatelang in hohem Maße umkrempeln – das ist viel, viel schwerer.

„Sind wir zu leichtsinnig?“, titelte am Wochenende der „Spiegel“, der Wiener „Standard“ hatte die beinahe gleichlautende Schlagzeile und in den meisten anderen Zeitungen kann man – zwar nicht Wortgleiches –, aber in der Sache Ähnliches lesen. Botschaft: Wir sind zu lässig geworden.

Das Problem besteht einfach darin: Man kann den absoluten Ausnahmezustand nicht ewig aufrechterhalten – und zugleich können wir nicht zur alten Normalität zurückkehren. Mühen des Corona-Alltags weiterlesen

Zeit für mehr Solidarität

Was ist eigentlich gemeint, wenn beklagt wird: das Gemeinsame ist verloren gegangen?

Vorwärts, Juli 2020

„Es ist Zeit für mehr Solidarität“, ist oft zu hören, und öfter noch: „Solidarität ist verloren gegangen.“ Letzteres kommt gerne als Klage daher, ersteres als trotzige Forderung. Es ist ein Urteil, das aus den Erlebenswelten vieler Menschen kommt, und deswegen vielleicht auch nicht immer völlig präzise ist: dass das Gemeinsame verloren gegangen sei, dass man sich auf Zusammenhalt nicht mehr verlassen könne. Diagnose einer gesellschaftlichen Verwüstung, dass jeder nur mehr Einzelkämpfer sei. „Ich kümmere mich nur mehr um mich selbst“, die häufig gehörte Formel ist Ausdruck eines demoralisierten Individualismus, der nichts Stolzes oder Kraftvolles hat.

Aber was sind die Gründe dafür?

Da ist zunächst einmal der soziale Wandel, der Lebenswelten unterspülte: die industriellen Großbetriebe, mit ihren hunderten und tausenden von Arbeitern und Angestellten, die sich automatisch als „Ähnliche“ erlebten. Die Stadtviertel und Vororte, in denen „Ähnliche“ zusammen lebten. Das instinktive Gefühl des Gemeinsamen. Heterogenität von Lebensvollzügen untergräbt diese Form von Solidarität.

Zeitgleich vollzieht sich seit dreißig, vierzig Jahren ein permanenter Strukturwandel der Arbeitswelt, der nicht nur zu den bekannten Strukturkrisen einzelner Branchen führt, sondern zu permanenten Rationalisierungsdruck in allen Branchen. In den Unternehmen wurden die Beschäftigten zu „Einzelkämpfern“, von denen „jeder hoffte, irgendwie ungeschoren davonzukommen“ (so der Wirtschaftshistoriker Lutz Raphael), was praktisch überall mit einem „Verlust innerbetrieblicher Solidarität“ einher geht.

Aber die Norm der Solidarität wäre nicht so aus der Mode gekommen, hätte man das den Subjekten nicht auch schmackhaft gemacht: durch den Aufstieg der Idee des Individualismus, der Vorstellung, dass jeder ein unverwechselbares Individuum sei, das seine besonderen Talente, sein unverwechselbares Ich zu entwickeln habe. Jene Idee der „Singularität“, die Andreas Reckwitz so packend analysierte, und hinter die es natürlich kein Zurück mehr gibt. Historische Prozesse sind immer voller Paradoxien, und just die Sicherheiten des Sozialstaates erlaubten, sich aus dem Nahbereich abzunabeln. „Der Wohlfahrtsstaat ist ein mächtiger Faktor des Individualismus“ (Marcel Gauchet).

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Aber in der atomisierten Ego-Gesellschaft, in der es viel Konkurrenz gegeneinander, aber wenig Sicherheiten von Gemeinschaft gibt, schlägt all das um in eine gesellschaftliche Pathologie und lässt die Sehnsucht, das Begehren nach Solidarität wieder erwachen.

Aber welche Solidarität wird nun ersehnt? Denn was Solidarität sei, ist gar nicht so klar. Sie war einmal ein Kampfbegriff, die Idee von der Stärke der Schwachen, die darin liegt, dass sie zusammen halten. Man hilft sich wechselseitig, aber nur halb aus Altruismus, zur anderen Hälfte aus wohlverstandenen Eigeninteresse. Vom Kampfbegriff wurde sie aber auch zu einem Daseinsbegriff, wie etwa in den lebensweltlichen Banden sozialdemokratischen Vereinswesens (Heinz Bude: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee). Institutionelle Solidarität, wie sie etwa die Einrichtungen des Sozialstaats etablieren, ist wieder etwas anderes. Man leistet seine Beiträge, weil man weiß, dass man selbst in eine Lage kommen kann, wo man Leistungen in Anspruch nehmen muss oder weil man weiß, dass man auch persönlich von einem wohlgeordneten Gemeinwesen profitiert. Institutionelle Solidarität ist eine Solidarität mit Unbekannten. Umkämpft ist daher auch immer, wer zur Solidargemeinschaft dazu gehört. Die ganze Welt? Alle im Land? Nur die, die man als „unsere Leute“ ansieht?

Was heute ersehnt wird, ist eine lebensweltliche, existenzielle Sicherheit, dass der Boden unter den Füßen nicht permanent wackelig ist; dass der Stress der endemischen Konkurrenz aus dem Leben verschwindet; aber auch ein Zusammenhalt in Gemeinschaften, etwas weniger Gereiztheit, und Räume der Vertrautheit. Es gibt auch ein Leiden an der Vereinzelung und das Bedürfnis nach Gemeinschaftserlebnissen. Es sind recht diffuse Bedürfnisse, die sich in dem Satz verdichten: „Zeit für mehr Solidarität.“

Rettet die Künstler, Tüftler und Spinner!

Clubs sind Brutstätten der Innovation, wichtig für die Freizeitkultur, sie machen Städte spannend. Sie dürfen nicht untergehen.

„Österreich“, 30. August 2020

Was Künstler und Künstlerinnen so genau tun, weiß man ja nicht immer, gerade dann, wenn sie innovativ und experimentell arbeiten. Hinzu kommt, dass die Kulturszenen nicht nur was die Künstler angeht, sondern auch was das Publikum betrifft, sehr heterogen sind: die einen gehen gerne ins Kabarett und in die Comedy, die anderen hören gerne Schlager, wieder andere bevorzugen die großen Staatstheater, andere wieder die experimentellen Innovationsbühnen, der nächste die Oper, die übernächste liebt Techno-Clubs mit hämmernden Bässen. Eine endlose Reihe.

Es gibt darüber hinaus ja auch genügend Leute, die Künstler irgendwie unnötig finden – oder zumindest jene Künstler, deren Produktionen man eher selten aufsucht. Und ganz generell haben fast alle von uns so Vorstellungen von der „echten Arbeit“ im Kopf, die unseren Wohlstand schafft (die in Fabriken, am Bau, im Büro, in den Supermärkten erledigt wird). Die Kultur wird dann so etwa wie der Schlagobersgupf auf der Melange gesehen – nett, aber nicht wirklich wichtig.

Aber täuschen wir uns da nicht. Die Kunst und Kultur schafft Werte und Einkommen, macht Städte attraktiv, ohne sie stünde der Tourismus schlechter da. Auch wichtige Industrien brauchen den Input experimenteller Künstler, man denke nur an die Mode, die Elektronik, die Medien oder die Filmindustrie. Kunstszenen sind so etwas wie Brutplätze, an denen Tüftler irgend etwas tun, was ausstrahlt. Junge Leute üben hier oft Fähigkeiten ein, die sie später im Berufsleben unverzichtbar machen.

Corona hat diese Kunstszenen aber sehr hart und manche brutal hart getroffen, etwa Diskotheken und die gesamte Club-Kultur. Dass es in den neunziger Jahren eine vibrierende Elektro- und DJ-Szene in Wien gab, haben viele gar nicht mitgekriegt, hat die Stadt aber attraktiv für viele junge Leute aus ganz Europa gemacht. Dass wir mit Metropolen wie Berlin an vibrierender Innovationskraft mithalten können, hängt damit zusammen. Rettet die Künstler, Tüftler und Spinner! weiterlesen

Baut neue Denkmäler

der rote faden, meine Kolumne aus der taz. Juli 2020

In Bristol haben sie im Zuge der Blacklivesmatter-Bewegungen ja nicht nur das Denkmal des reichen Sklavenhändlers aus dem 17. Jahrhundert umgestürzt und ins Meer geworfen, vergangene Woche legte der Künstler Marc Quinn noch einmal nach, formte aus Bronze eine Skulptur der schwarzen Aktivistin Jean Reid, die am Denkmalsturz beteiligt war, und setze die Figur in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf den leeren Sockel. Ein Heldinnendenkmal, wie man es heute nicht mehr bauen würde – Blick in den Himmel, Faust nach oben geballt, viel Street-Credibility, eine Prise Sexyness –, und das vielleicht auch ein wenig ironisch zwinkert.

Diese Denkmaldebatten – und die Intervention des Künstlers ist Teil davon – werfen viel mehr Fragen auf als man denkt. Baut neue Denkmäler weiterlesen

Die Schaumschläger-Gesellschaft

Wirtschaftliche und moralische Insolvenzen verbindet womöglich mehr, als wir wahrhaben wollen.

Die Firma „Wirecard“ war als digitaler Zahlungsdienstleister der große Stolz der deutschen Wirtschaft – wenigstens ein Unternehmen im Internet-Sektor mit globaler Bedeutung, hat man sich gedacht. Und in Österreich waren wir auch gleich ein bisschen stolz, waren mit Marcus Braun und Jan Marsalek gleich zwei Österreicher in den Chefetagen des Konzerns. Braun an der Spitze, Marsalek als schräger Schattenmann. Jetzt stellt sich heraus: Der ganze Konzern war ein großer Schwindel, über drei Milliarden Euro haben die Manager verschwinden lassen – oder besser gesagt, erfunden. Die aufgeblähten Bilanzen sollten den Eindruck erwecken, dass die Firma hochsolide ist, damit sie an Kredite kommt, mit denen dann wieder der Schwindel länger am Leben gehalten werden konnte. Und mit denen sich die fürstlichen Lebensstile der Schwindler finanzieren lassen. Jetzt ermitteln die deutschen Behörden sogar schon wegen „Bandenbetrugs“. Braun ist in Haft, Marsalek flüchtig.

Schaumschläger und Hochstapler, auf die alle herein gefallen sind – weil man offenbar gerne auf Typen dieser Art hereinfällt heutzutage. Jetzt ist die Wirtschaftswelt nicht voller krimineller Betrüger, aber doch voller Großtuer, die den Eindruck erwecken wollen, irgendwie genial zu sein, die die Formel für Erfolg gefunden haben. Auf die Inszenierung kommt es an: als Popstar der Wirtschaft. Ob das, was da produziert wird, für irgend jemanden einen Sinn hat, ob das Geschäftsmodell funktioniert – da schaut keiner mehr so genau hin, wenn man nur ausreichend begeistert ist von den bombastischen Schaumschlägereien dieser Leute.

Das ist längst eine Seuche im Wirtschaftsleben, aber auch in der Politik. In der Schaumschläger-Gesellschaft geht es viel zu oft nicht um Substanz, nicht darum, das Land vorwärts zu bringen, das Leben der normalen Menschen zu verbessern oder die Solidarität in Europa in kleinen Trippelschritten wachsen zu lassen – sondern nur um Show, darum, gut dazustehen, in Umfragen zuzulegen, ein Image mit PR aufzubauen. Auch Wähler können auf Hochstapler hereinfallen. Die Schaumschläger-Gesellschaft weiterlesen

Der rechte Linke

Ein wandelnder Widerspruch: Vor 30 Jahren ist Bruno Kreisky gestorben, der glänzendste Staatsmann, den Österreich im 20. Jahrhundert hatte.

30 Jahre ist es jetzt her, dass Bruno Kreisky gestorben ist. Nicht einmal 79 Jahre war er damals alt, aber schon schwer krank, eingetrübt vom Pessimismus und Gereiztheit. Überraschend kam der Tod des wahrscheinlich glänzendsten Staatsmannes, den Österreich im zwanzigsten Jahrhundert hervorgebracht hat, nicht. 13 Jahre hatte Kreisky als Bundeskanzler amtiert, er war nicht nur der erste, der die SPÖ – die damals noch „Sozialistische Partei“ hieß – zur stärksten Partei machte, er eroberte auch bei drei Wahlen ab 1971 hintereinander eine absolute Mehrheit. Das alleine ist heute unvorstellbar, aber Kreisky war auch eine außergewöhnliche Figur.

Er verkörperte so viele Identitäten. Da ist zunächst einmal der Sohn aus wohlhabendem, bürgerlichem Elternhaus, der schon früh zu den sozialistischen Mittelschülern ging und sich in der Arbeiterbewegung engagierte. Der Mann mit großbürgerlichem Habitus, der einer Arbeiterpartei vorstand. Da ist der Jude Kreisky, der es schaffte, in einem Land mit antisemitischer Tiefenprägung von mehr als der Hälfte aller Wählerinnen und Wählern die Stimme zu erhalten. Da war der Intellektuelle Kreisky, aber auch dieser typische Wiener, der das „Wienerische“, den Witz, den Sprachwitz, die Kaffeehauskultur, den Geistreichtum, ausstrahlte, jene Mentalität, die in die Literatur- und Geistesgeschichte einging und heute das Image unseres Landes in aller Welt prägt. Und da war natürlich auch Kreisky, dieser Geistesmensch, der nichts Abgehobenes an sich hatte, so dass ihm die einfachen Leute vertrauten, obwohl er sich nicht mit populistischen Sprüchen anbiederte. Es ist schon ein bemerkenswertes Facettenreichtum, das Kreisky verkörperte. Eines seiner Lieblingszitate war „der Mensch in seinem Widerspruch“ und Kreisky selbst war ein wandelnder Widerspruch. Der rechte Linke weiterlesen

Multikulturalität ist nicht „romantisch“, sondern einfach normal

Wer sich nach kultureller Reinheit und Homogenität sehnt, ist ein weltfremder Träumer.

Weil der Wiener Gemeinderatswahlkampf langsam anläuft, muss die Integrationsministerin Susanne Raab ausrücken, um zu sagen, dass in Wien nichts funktioniert. Das ist jetzt politisch langweilig, weil erwartbar. In Wien regieren SPÖ und Grüne, und die ÖVP hat eigentlich seit den neunziger Jahren immer versucht, in Wien Stimmen zu gewinnen, indem sie gegen all das anwettert, was Wien ausmacht. Der letzte ÖVP-Mann, der in Wien eine andere Strategie verfolgte, war eigentlich Erhard Busek. Der erreichte damals noch sagenhafte 34 Prozent. Zuletzt holte die ÖVP neun Prozent in Wien. Vielleicht hat das ja auch etwas mit diesem Anti-Wien-Spirit zu tun?

In ihrer Anti-Wien-Suada im Fernsehen sagte die Ministerin Raab nicht nur einstudierte Phrasen wie „politischer Islam“, „funktioniert nicht“, „Favoriten“, sie sprach dann auch von „romantischer Verklärung von Multikulturalismus“. Die Botschaft ist: Multikulturalität funktioniert nicht. Multikulturalität ist nicht „romantisch“, sondern einfach normal weiterlesen

Jens Südekum: „Wer soll das alles zahlen?“

Jens Südekum, 43, Volkswirtschaftsprofessor an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, ist einer der einflussreichsten deutschen Wirtschaftsforscher. Er sitzt im Beraterkreis des Wirtschaftsministers, auch Finanzminister Olaf Scholz hört auf den Ökonomen, der seit Jahrzehnten der SPD angehört. Mit ihm sprach ich bei Kreisky-Forum-Digital über die Konjunkturprogramme und die Angst vor Staatsverschuldung, die aus dem Ruder laufen könnte.

Der schöne Traum vom „Neuen Menschen“

Wer neue Normen propagiert, wolle die Menschen „umerziehen“, wird oft polemisch beklagt. Dabei bleibt seltsam ungeklärt, was daran schlecht sein soll.

Neue Zürcher Zeitung, Juli 2020

Hand auf’s Herz: Wenn ich sage, aus Ihnen kann auch noch ein ganz toller Mensch werden, wenn sie sich anstrengen und an sich arbeiten, ihren Charakter verfeinern und ihre schlechten Angewohnheiten ablegen – werden Sie das gerne hören? Wahrscheinlich eher nein. Menschen hören gerne, dass sie in Ordnung seien. Dass sie okay seien. Deswegen ist einer der gängigsten Einwände gegen das, was heute in gewissen Kreisen gerne die „Politische Korrektheit“ genannt wird, dass versucht würde, die „normalen Leute“ umzuerziehen. Extreme und populistische Rechte nützen diese rhetorische Figur etwa so: „Die Linken (oder liberalen Eliten) sind überheblich, denn sie wollen die einfachen Leute umerziehen. Aber wir sagen Dir: Es ist okay, so wie Du bist.“

Ganz klar: Wer würde das nicht gerne hören?

Bemerkenswerter aber ist: Zu den Kritikern von simplen Höflichkeitsregeln, gendergerechter Sprache oder antirassistischer Bedachtsamkeit gehören auch oft neokonservative Wirtschaftsliberale, und bei denen hat diese Kritik schon weniger innere Logik. Denn die finden das normale Volk ja nicht immer so okay und haben daher in anderen Fälle gar nichts dagegen, es zu erziehen. Die Menschen dürften nicht auf der faulen Haut liegen, sollen täglich aus ihren Talenten etwas machen, im Wettbewerb ihre Fertigkeiten verfeinern und ganz generell zu selbstverantwortlichen Individuen werden. Vom Leitartikel bis zur Ratgeberliteratur werden die Menschen dazu angehalten, vielfältige Techniken des Selbst einsetzen, um zu Subjekten zu werden, die in der neoliberalen Wettbewerbsgesellschaft gut funktionieren. Der schöne Traum vom „Neuen Menschen“ weiterlesen

Auch eine Art Jugendsubkultur

Manche junge Austrotürken sind rechts und nationalistisch. Manche rebellieren aber einfach nur. Fatal ist, wenn sich das vermischt.

Nachdem es in Favoriten zu einigen gespannten Tagen kam, sprachen viele davon, dass hier Auseinandersetzungen aus den Heimatländern von Migranten „bei uns auf die Straße getragen“ werden. Behauptungen wie diese haben die seltsame Eigenart, dass sie nicht völlig falsch sind, aber so versimpelt, dass sie natürlich „falsch“ sind.

Da wird ja unterstellt, dass alle Austrotürken und alle Austrokurden in diesem Konflikt involviert sind oder zumindest ähnlich empfinden. Aber das ist natürlich völliger Unfug. Nehmen wir nur die austrotürkische Seite: viele sind völlig integriert und leben nicht nur ihr normales Leben, sondern leben auch politisch-emotional in der hiesigen Welt. Genausoviele interessieren sich eigentlich überhaupt nicht für Politik, sondern wollen nur ihre Ruhe haben. Gerade die vielen Migranten in Favoriten, die seit Jahrzehnten hier leben, finden Scharmützel auf der Straße völlig verblödet. Auch eine Art Jugendsubkultur weiterlesen

Wolfgang Katzian: „Zur Lage der arbeitenden Klassen in Österreich“

„In Kreiskys Wohnzimmer“ sprach ich mit Wolfgang Katzian über die schwerste Wirtschaftskrise seit Menschengedenken, den Kampf der Gewerkschaften um jeden Arbeitsplatz, die Frustrationen der „einfachen Leute“ und seinen Weg als junger Lehrling in die Gewerkschaftsbewegung…

Ein bisschen Radikalität

Zustände wie in der deutschen Fleischindustrie ändert man nicht, indem man den Bossen freundlich zuredet.

Magazin Insider, Juli 2020

Manchmal versuchen Menschen mit ihrem Bücherwissen zu protzen. Wenn etwa davon die Rede ist, eine bestimmte politische Idee wäre „radikal“, dann antwortet nicht selten jemand, dass Radikalität doch heiße, „die Sache an der Wurzel zu packen“. Das ist zwar richtig, aber in den vergangenen zweihundert Jahren hat „Radikalität“ bei uns eben eine bestimmte Bedeutung erhalten, und da hilft der Hinweis nicht so viel, dass die alten Lateiner da etwas anders darunter verstanden haben.

Radikal heißt also bei uns: Wild, bisschen gefährlich, jedenfalls übertrieben, das Gegenteil von Maßvoll. Und obwohl viele Menschen meinen, „es muss sich alles ändern“, wollen doch die wenigsten, dass dabei irgendeine Unruhe entsteht. Änderungen kann man sich allenfalls in Trippelschritten vorstellen.

Dabei wissen wir, dass gigantische Probleme wie der Klimawandel nicht mit Klein-Klein gelöst werden können. Auch unser heutiges Arbeitsrecht, dass wir vor Willkür geschützt sind, ein Sozialstaat, ja, selbst die Gemeindebauten – all das wäre nie gekommen, hätten sich nicht Leute dafür eingesetzt, die man zu ihrer Zeit „Radikale“ nannte. Und wenn es nötig ist, kann man schnell ganz radikale Maßnahmen ergreifen, die vorher undenkbar schienen. Das haben wir bei der Finanzkrise und auch jetzt wieder gelernt.

Manchmal denke ich, etwas mehr Radikalität täte uns ganz gut. Ein bisschen Radikalität weiterlesen