Fascism Does Not Begin With Murder but With the Pleasure of Imagining It

Education in Cruelty. Why people are susceptible to authoritarianism has been well researched. What is often overlooked is how they change, when they get caught up in the agitators’ maelstrom.

Published in Socialeurope.

Leo Löwenthal, a central figure of the Frankfurt School, made a profound observation late in life about authoritarian-populist agitation. In exile in the United States, he had written a groundbreaking study of the subject in the late 1940s, False Prophets (published in English as Prophets of Deceit). Decades later, in 1981, he noted that the distinctive feature of this agitation is „that it turns psychoanalysis on its head“.

Unlike psychoanalysts, who strive to heal neuroses, psychotic disorders, and the lingering effects of trauma in individuals, far-right agitation does the exact opposite. It makes „people neurotic and psychotic and ultimately completely dependent on their so-called leaders“. It fuels anger and bitterness, seeking to transform its followers into thoroughly paranoid individuals. This agitation fosters a cult of harshness, a delight in meanness, and destructive fantasies involving cruelties that followers wish to inflict on those they deem responsible for their misfortunes. Ultimately, it intensifies „murderous, aggressive, and destructive impulses“. Fascism Does Not Begin With Murder but With the Pleasure of Imagining It weiterlesen

Der Faschismus und die Seele des Menschen

Der Ressentimentmensch ist in seine Verbitterung verliebt. Er muss ständig die Bedingungen reproduzieren, unter denen sich diese Bitterkeitsstörung weiter etabliert.

Eine leicht gekürzte Version dieses Beitrags erschien ursprünglich im Standard.

Dass das verhetzte Individuum nicht vom Himmel fällt, sondern gemacht ist – das ist keine sonderlich originelle Behauptung. Es durchläuft Lehrjahre der Unmenschlichkeit, in denen es ununterbrochen mit Propaganda beschossen und mit Lügen bombardiert wird, in denen erfundene Schrecken auf wirkliche gehäuft werden. Diese Agitation schürt Wut, Verbitterungsgefühle, zielt darauf ab, Menschen in vollends paranoide Charaktere zu verwandeln. Diese Propaganda und Gehirnwäsche leben vom Kult der Härte, der Freude an der Gemeinheit, Fantasien über allerlei Grausamkeiten, die man anderen antun könnte. Sie verstärkt, wie schon der Sozialwissenschaftler Leo Löwenthal sagte, die „mörderischen, aggressiven und destruktiven Impulse“.

Im August 2026 erscheint mein Buch "Erziehung zur Grausamkeit" im Suhrkamp-Verlag. "Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus"Weder ist der Mensch von seinem Wesen dagegen immunisiert, noch ist er seinem Wesen nach böse, paranoid und von Aggression besessen, voller Ressentiment auf Feindbilder – eine Tatsache, die schon darauf hinweist, wie unfruchtbar Thesen und Theoreme über „die Essenz“ des Menschen sind. Was der Mensch „ist“ – vorgängig, vor seiner Verstrickung in Welt und Umwelt?

Er ist Ensemble seiner gesellschaftlichen Verhältnisse, Produkt seiner Umstände, wozu eben auch die Aufganselungs-, Verhetzungs- und Erregungszusammenhänge unserer Zeit zählen. Der Mensch ist veränderbar und kann daher auch zur Bestie ummontiert werden und zur Kriegsmaschine wie Brechts Galy Gay. Der Horror der Geschichte lehrt uns, dass Menschen bei Verbrechen enthusiastisch mitmachen, die sie sich Jahre zuvor nicht vorstellen konnten. Dazwischen liegen immer Lehrjahre der Unmenschlichkeit, in denen die Mörder des jeweiligen Morgens geformt werden. Der Faschismus und die Seele des Menschen weiterlesen

Schule der Umbarmherzigkeit

Erziehung zur Grausamkeit. Warum Menschen für das Autoritäre empfänglich sind, ist gut erforscht. Übersehen wird gern, wie sie sich dabei verändern.

Dieser Essay beruht meinem Buch „Erziehung zur Grausamkeit. Massenpsychologie des Neuen Faschismus“, das dieser Tage im Suhrkamp-Verlag erschien. Es sollte ab sofort in Eurer Buchhandlung erhältlich sein.

 

 

Leo Löwenthal war eine Zentralfigur der „Frankfurter Schule“, er verfasste im US-Exil eine bahnbrechende Untersuchung über autoritär-populistische Agitation („Falsche Propheten“) und sagte im hohen Alter 1981 einen sehr erhellenden Satz: die Eigenart dieser Agitation ist, „dass sie die Psychoanalyse auf den Kopf stellt“. Versuche der Psychoanalytiker die Neurosen, psychotischen Störungen und die Spuren von Traumata im Individuum zu heilen, so betreibe die populistisch-faschistische Agitation das exakte Gegenteil: Sie mache „die Menschen neurotisch und psychotisch und schließlich völlig abhängig von ihren sogenannten Führern“. Sie schürt die Wut, die Verbitterungsgefühle, will ihre Anhänger in vollends paranoide Charaktere verwandelt, nährt einen Kult der Härte, die Freude an der Gemeinheit, destruktive Fantasien über allerlei Grausamkeiten, die man jenen antun möchte, die man als verantwortlich für das eigene Unbill sieht und verstärkt „die mörderischen, aggressiven und destruktiven Impulse“.

Im propagandistischen Hagel der Affektbewirtschaftung wird die Anhängerschaft nicht bloß „verführt“. Die Menschen verändern sich, wenn sie in die Fänge der Agitation geraten, sie werden einer Art Gehirnwäsche ausgesetzt und ummontiert, wie Galy Gay in Bertolt Brechts berühmten Stück „Mann ist Mann“, in dem erprobt wird, wie man Menschen mitsamt ihren Einstellungen beliebig formen kann.

Man wird nicht als Fanatiker geboren, man wird zu ihm gemacht. Allmählich, und dann plötzlich, fabriziert die faschistische Agitation Charaktertypen. Es sind Jahre der Gewöhnung, an einen Tonfall, an die Erregung, an die ständige Wiederholung derselben Feindbilder. An die Lust, sich gemeinsam zu empören. An das Gefühl, Teil einer belagerten Gemeinschaft zu sein. Wer in den Sog der Agitation gerät, empfindet bald jede Kränkung als moralischen Anspruch auf Vergeltung. Es sind Lehrjahre der Unmenschlichkeit.

Das ist die Zeit, in der wir jetzt auch wieder leben.

Schule der Umbarmherzigkeit weiterlesen

Pedro Sánchez, Anführer der freien Welt

Der spanische Premier knickt vor mächtigen Schulhofschlägern nicht ein. Kein Wunder, dass er viele Feinde hat.

Spaniens sozialistischer Premier Pedro Sánchez ist vielen mächtigen Gangstern in der Welt ein Dorn im Auge. Aber Feigheit vor dem Feind, ansonsten fast schon milieutypisch unter Europas Mitte-Politikern, kennt Sánchez nicht. Er legt sich auch mit Trump und Netanyahu an, wenn es sein muss. Er hält die unveräußerlichen Menschenrechte hoch, stellt sich gegen die Kriegstreiber und macht auch noch eine bemerkenswert erfolgreiche Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Kein Wunder, dass er mächtige Feinde hat.

Was genau in der letzten Woche rund um die spanische Exklave Ceuta geschehen ist, wird noch zu klären sein. Zigtausende junge Menschen wurden mit Internetkampagnen motiviert, sich auf den Weg nach Europa zu machen, in Marokko standen Busse bereit, sie durch das halbe Land bis zur Grenze zu karren. Die hohen Stacheldrahtzäune, normalerweise auf Basis von Abkommen zwischen Madrid und Rabat durch Sicherheitskräfte geschützt, waren plötzlich sperrangelweit offen. Von marokkanischer Seite hat niemand die Menschen an einem Grenzübertritt gehindert. Tausende machten sich über das Meer auf den Weg. Über 100 Menschen sind ertrunken. Pedro Sánchez, Anführer der freien Welt weiterlesen

Eine kleine Geschichte des Urlaubs

Für „Arbeit & Wirtschaft“, das Magazin von AK und ÖGB, habe ich darüber geschrieben, wie sich das Reisen wandelt – und wie eng der Tourismus mit dem sozialen Aufstieg der arbeitenden Klassen verbunden ist.

Robert Palaver muss nicht lange nachdenken, wenn man ihn fragt, was er an seinem Beruf liebt. Er mag es, „für die Gäste da zu sein. Wenn man ihnen einen Ausflug empfohlen hat, und sie dann zurückkommen und es ihnen voll getaugt hat“, sagt der Vida-Gewerkschafter in seiner typischen Tiroler Sprachfärbung. „Oder wenn die Gäste nächste Saison wieder kommen, und dich wie einen Freund begrüßen.“

Palaver arbeitet an der Rezeption eines Campingsplatzes im Zillertal, engagiert sich aber auch als Gewerkschafter bei Vida und kommt in dieser Funktion viel in ganz Tirol herum. 350 Stellplätze hat der Campingplatz, zudem gibt Appartements und Suiten. Am meisten ist im Sommer und im Winter los, aber es gibt auch Betriebsferien, wenn gerade keine Saison ist. Die Kernbelegschaft ist ganzjährig angestellt, beim Reinigungspersonal gibt es auch viele der für die Branche so typischen Saisonarbeitskräfte. Eine kleine Geschichte des Urlaubs weiterlesen

„Schritt für Schritt ins Paradies“

Plötzlich reden alle wieder von „Politischer Theologie“. Aber was ist das überhaupt?

In jüngster Zeit sind die Kommentarspalten der Zeitungen, die Politik-Schlagzeilen der Magazine und die gelehrten Betrachtungsaufsätze im Kulturteil immer häufiger von einem bizarren Phänomen geprägt: der „Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“, wie das der Ideenhistoriker Volker Weiß im Untertitel seines kleinen Büchleins namens „Katechon“ nennt – das, trotz des sperrigen alt-griechischen Wortes am Cover gleich zu einem Bestseller wurde. Dass sich im Jahr 2026 tausende Leute ein Buch mit dem Titel κατέχων kaufen, hätte man auch nicht unbedingt prophezeit.

Eine Sprache des Eiferertums

Im August 2026 erscheint mein Buch "Erziehung zur Grausamkeit" im Suhrkamp-Verlag. "Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus"
Vorankündigung: Im August 2026 erscheint mein Buch „Erziehung zur Grausamkeit“ im Suhrkamp-Verlag. „Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus“

Gründe gibt es durchaus genug: Da sind amerikanische Gotteskrieger wie J.D. Vance und Verteidigungsminister Pete Henseth – der sich Kreuzrittersymbole tätowieren ließ und Racheparolen alttestamentarischer Propheten in seine Reden einbaut. Da ist Tech-Milliardär Peter Thiel, der seine Gegenwartsanalyse auf die Briefe des Apostel Paulus und die Offenbarung des Johannes aufbaut und die Welt in einem apokalyptischen Ringen gegen die Kräfte des Antichristen sieht. Da sind die westeuropäischen Rechtsextremisten, die gewiss ganz ohne theologische Grundierung, dafür im Geiste eines Kampfs der Kulturen eine Art Verteidigungskrieg des „christlichen Abendlandes“ wähnen, und, wie Herbert Kickl, plakatieren lassen: „Euer Wille geschehe“. Dabei beuten sie auf geradezu gotteslästerliche Weise die Rhetorik des Religiösen aus, eine Rhetorik, die oft eben auch eine Sprache des Eiferertums, des Wir-gegen-Sie, der Unbedingtheit ist. Alles zusammen muss für die Diagnose der Rückkehr der politischen Theologie herhalten. „Schritt für Schritt ins Paradies“ weiterlesen

Termine: „Erziehung zur Grausamkeit“. Buch im Gespräch.

Im August 2026 erscheint mein Buch "Erziehung zur Grausamkeit" im Suhrkamp-Verlag. "Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus"Es sind ja noch sechs Wochen hin, bis mein Buch „Erziehung zur Grausamkeit“ über die „Massenpsychologie des Neuen Faschismus“ erscheint. Aber ein paar Präsentationen und Debatten über das Buch sind jetzt schon fixiert. Ich werde die Daten hier regelmäßig ergänzen. Zürich, Berlin, Hamburg und andere deutschsprachige Großstädte sind noch in Planung, ich gebe Bescheid, wenn das fixiert ist. Salzburg sind auch schon paar Sachen gefixt, aber erst 2027.

7. September. Im Kreisky Forum mit Armin Pfahl-Traughber über „Klassiker der Neuen Rechten“.

17. September, Wien. Die Wiener Erstpräsentation von „Erziehung zur Grausamkeit“ findet in der Hauptbücherei der Büchereien Wien, Urban Loritz Platz, satt. Beginn ist 19 Uhr (glaube ich). Die Moderation übernimmt die großartige Elisalex Henckel-Donnersmarck.

22. September, München: Die Evangelische Akademie München veranstaltet eine Online-Debatte. Also per Zoom, nicht physisch. 19 Uhr!

23. September, Lech am Arlberg: hoch oben am Berg debattiere ich im Rahmen des Philosophicum Lech in Lech am Arlberg.

30. September, Graz: Im Literaturhaus Graz spreche ich mit Michal Hvorecký über sein Buch „Dissident“ und über meine beiden Bücher „Die Kunst des Widerstands“ und „Erziehung zur Grausamkeit“. 19 Uhr.

2. Oktober, Graz: Ebenfalls im Rahmen des „Steirischen Herbstes“ in Graz debattiere ich mit Emilia Roig über „Das Ende der Vernunft“. 18 Uhr.

3. Oktober, Wagna: Gastspiel in Wagna, der schönen Südsteiermark. Details folgen noch.

6. Oktober, Wien: Quasi das Heimspiel – im Bruno Kreisky Forum. Ich setze das Buch einer Debatte aus, mit mir diskutieren etwa der Sozialpsychologe Markus Brunner u.a. Beginn: 19 Uhr.

19. Oktober, Amstetten: ich spreche in Amstetten über „Die Kunst des Widerstands“ und über die „Erziehung zur Grausamkeit“. Den genauen Ort teile ich noch mit.

13. November, Berlin-Birkenwerder: Ich spreche im Rahmen einer Tagung der HDS und der Ebert Stiftung im Rathaus Birkenwerder bei Berlin. Details folgen noch.

15. November, Basel: Mit Oliver Nachtwey spreche ich in Basel in der Kaserne Basel über „Erziehung zur Grausamkeit“. Start ist glaub ich 19 Uhr.

28. November, Wien: Um 13 Uhr spreche ich auf der Buch-Wien mit Lisz Hirn über unsere beiden Bücher zum autoritären Charakter der Gegenwart.

Sollten sich andere Veranstalter, Organisationen, Buchhandlungen für weitere Termine interessieren (oder an angrenzenden Tagen in der Nähe der angegeben Orte etwas machen wollen), einfach bei mir melden. robert (et) misik.at.

Der Mensch verbrennt

Klimakrise. Was Metapher war, wird buchstäblich: Wir haben ein Monster geschaffen, das sich gegen uns wendet.

Wahrscheinlich kennt jeder und jede von Ihnen die Frankensteingeschichte. Sie gehört zu jener Art von überzeitlichem Kulturgut, das allgemein bekannt ist: Mary Shelleys Gruselroman, eine frühe Form der Science Fiction, in der ein ehrgeiziger Wissenschaftler aus Leichenteilen eine Kreatur schafft und durch Elektrizität zum Leben erweckt. Die Kreatur – sein Produkt – wendet sich dann gegen den Wissenschaftler und die Welt. Die Geschichte ist nicht nur unterhaltsames Gruseln, sondern eine Allegorie auf menschlichen Hochmut, Habgier und Unersättlichkeit, ein schlaues Gleichnis, eine moderne Prometheus-Geschichte. Der Mensch schafft seine Welt, aber er schafft damit auch etwas, was ihm danach feindlich gegenübertritt, und er schafft eine Macht, der er nicht mehr Herr werden kann. Das ist der Kern dieser Story, die die geniale Mary Shelley zu einer scheinbar amüsanten Populärerzählung verwandelt hat. Ein faustischer Pakt, bei dem der Mensch seine Zukunft verkauft, für kurzfristige Erfolge, Ruhm, Reichtum, was auch immer. Der Mensch verbrennt weiterlesen

Vom Nutzen und Nachteil des Eskapismus für das Leben

Wer hält den Negativismus noch aus? Was tun, wenn sich die Weltlage aufs Gemüt schlägt.

Es liegt wahrscheinlich in der menschlichen Natur, dass wir uns bis zu einem gewissen Grad an das Vertraute klammern, jedenfalls solange das Ungewohnte nicht gerade eine Verbesserung verspricht. Bricht vor unseren Augen die gewohnte Welt zusammen, wollen wir ein bisschen von der alten Sicherheit zurück, selbst wenn der status quo ante auch nicht gerade prickelnd war. Wenn Trump die Weltordnung zertrümmert und Unsicherheit für alle etabliert, dann erhoffen nicht wenige, dass ihn irgendjemand bremst, einlullt oder ihm Honig ums Maul schmiert, damit er nicht alles in rauchende Ruinen verwandelt. Nato-Generalsekretär Mark Rutte schreibt dann seine peinlichen, würdelosen SMS („Was Du in Syrien erreicht hast, ist unglaublich… Kann es kaum erwarten, Dich zu sehen“), Friedrich Merz sagt auch irgendeine armselige Freundlichkeit. Die Hoffnung: Vielleicht kann man ja irgendeine labile Balance halten, vielleicht geht ja diese üble Ära irgendwie vorüber und es wird wieder ein bisschen so, wie es früher war. Nicht ganz verrückt gedacht, aber, siehe oben, sehr wahrscheinlicher ist, dass das alles schon unter Verleugnung fällt, unter nicht wahrhaben wollen. Ein Abwehrmechanismus, um eine angstauslösende Tatsache nicht anerkennen zu müssen, nämlich den Einsturz der vertrauten Welt. Mit der Klimakatastrophe ist es ähnlich. Wir liegen völlig geschafft auf dem Rücken, versuchen die Tage zu überstehen, und hoffen, dass das alles doch irgendwie lebbar sein wird. Vom Nutzen und Nachteil des Eskapismus für das Leben weiterlesen

Politische Theologie für Spinner

Herumgeschmitte. Warum Hitlers Kronjurist Carl Schmitt heutzutage US-Gotteskrieger wie Peter Thiel und J. D. Vance inspiriert.

Um die vergangene Jahreswende widmete ich mich dem Feinschliff meines Buches „Erziehung zur Grausamkeit“, das demnächst erscheint.

Im August 2026 erscheint mein Buch "Erziehung zur Grausamkeit" im Suhrkamp-Verlag. "Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus"
Im August 2026 erscheint mein Buch „Erziehung zur Grausamkeit“ im Suhrkamp-Verlag. „Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus“

Ich feilte an paar Sätzen herum. Diese finalen Verbesserungen nenne ich gerne meine „Carl-Schmitt-Operation“, denn das Faszinierendste an dem ultrarechten Juristen waren immer seine ersten Sätze. Natürlich auch die Eiseskälte, die seine Texte durchweht. Man nannte Schmitt Hitlers „Kronjuristen“.

Schmitts Texte starten mitunter mit explodierenden Einstiegssätzen, die eine These formulieren, apodiktisch, provokant. Nicht selten sind sie ein Postulat, auf das man normalerweise nicht leicht käme. „Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus“, ist etwa so ein Satz. Schmitts Einstiegsknaller sind schnörkellos, kurz, auf das Wesentliche reduziert, maximal verdichtet, so ähnlich wie Suppenwürfel. In denen ist ja auch die Brühe zusammengepresst. Und sie ziehen einen sofort in den Text hinein.

Man kann auch von Nazis was lernen. Natürlich könnte man die Feinschliff-Operation genauso gut die „Franz-Kafka-Unternehmung“ nennen, dessen erste Sätze auch legendär sind. Man denke nur an: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Politische Theologie für Spinner weiterlesen

Verteidigung der Vernunft!

Warum der zeitgenössische Faschismus die Wissenschaft angreift und alles in eine „Meinung“ verwandelt.

Mein Buch „Die Kunst des Widerstands“ ist jetzt schon ein paar Monate am Markt, aber ich will trotzdem noch einmal extra darauf hinweisen. Es ist eine Sammlung von Essays zu Politik, Wirtschaft und Kultur, und der Titel darf durchaus doppeldeutig gelesen werden. Einerseits im Sinne von „die Kunst“, also „das Geschick“, das bei der Widerständigkeit nicht fehlen sollte – etwa intellektuelle Unterscheidungsfähigkeit, die Kunst, so zu sprechen, dass man möglichst breite Allianzen bildet gegen die Unkultur, die sich bei uns ausbreitet; aber eben auch im zweiten Sinne, nämlich der Kunst und der Kultur im Kampf um die gesellschaftlichen Hegemonie. Essays in dem Buch widmen sich der Verteidigung der Vernunft, dem Unbehagen in der Überflussgesellschaft angesichts der Klimakatastrophe, sie stellen aber auch Autoren wie Annie Ernaux, George Orwell, Kafka, Pasolini oder Tove Ditlevsen ins Zentrum.

Der rechte Populismus, der sich in rasender Geschwindigkeit zum Neuen Faschismus radikalisiert, ist paranoid von einer drohenden „Umvolkung“ besessen, betreibt diese aber in Wirklichkeit selbst, denn er verändert das Volk. Die Selbstradikalisierung ist eine Spirale der Verschärfung, in die sich sowohl die Anführer als auch die Anhänger hineinschrauben und dabei in einer Art der wechselseitigen Aufganselei gegenseitig verstärken. Die Einübung in Grausamkeit und Sadismus habe ich hier mehrmals beschrieben, man kann sie auch eine „Faschisierung des Sprechens“ nennen, wie das Markus Metz und Georg Seeßlen in ihrem jüngst erschienenen Buch „Blödmaschinen II“ tun. Menschen werden ummontiert und gehirngewaschen, bis sie zu Anderen werden, als sie vorher waren, und bereit sind, Verbrechen gutzuheißen.

Eine Taktik dabei ist die „Zerstörung der Vernunft“. Den Begriff habe ich mir jetzt flott und so nebenbei bei dem legendären marxistischen Philosophen Georg Lukács geliehen, der seine Geschichte des faschistischen Denkens in Deutschland mit genau diesem Übertitel versah. Diese Zerstörung der Vernunft, für Lukács die Ur- und Frühgeschichte der faschistischen Ideologie, sei gekennzeichnet durch „Herabsetzung von Verstand und Vernunft, kritiklose Verherrlichung der Intuition … Ablehnung des gesellschaftlich-geschichtlichen Fortschritts, Schaffung von Mythen…“, kurzum durch das Eindringen von Wahn und Irrationalität in die Diskurse und die Zersetzung aller Prinzipien von Rationalität. Es ist im Großen und Ganzen nicht Lukács brillantestes Werk, aber diese zentrale Beobachtung ist unbestreitbar. Oder, um Goya zu paraphrasieren: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.“

Die Überproduktion an Meinung

Auch heute ist die Zerstörung der Vernunft eine wichtige Taktik im Kampf um die Gehirne und Leidenschaften durch die neuen Faschisten. Die Vernunft soll zerstört werden, ja, alles, was man so landläufig als das Vernünftige nennt: Bevor man seinen Empörungen Lauf lässt, ein zweites Mal nachdenken; die Fakten zu prüfen und erst dann, von diesen ausgehend und auf deren Basis, wertorientierte Urteile treffen; eine Sache von verschiedenen Seiten betrachten; dem Anderen zuhören, ob der nicht auch einen Teil der Wahrheit auf seiner Seite hat; der Sachlichkeit den Vorzug vor der Erregung geben und so weiter. Allein diese simplen Grundsätze von Vernünftigkeit werden vom neuen Faschismus nicht unabsichtlich, sondern vorsätzlich zerstört. Seine Fürsprecher sind nicht so unvernünftig, weil sie erregt sind. Sie werfen sich in die Pose wahnhafter Erregung, weil sie die Vernunft ausschalten wollen. Verteidigung der Vernunft! weiterlesen

Ein Kult der Härte

Über die epidemische Ausbreitung faschistischer Gefühle. Eine erste Ankündigung meines Buches „Erziehung zur Grausamkeit“ (August im Suhrkamp-Verlag).

Das verhetzte Individuum fällt nicht vom Himmel. Es wird gemacht. Der Horror der Geschichte lehrt uns, dass Menschen bei Verbrechen enthusiastisch mitmachen, die sie sich Jahre zuvor nicht vorstellen konnten. Dazwischen liegen stets Lehrjahre der Unmenschlichkeit. Wir erleben heute womöglich, wie die Vollstrecker von morgen erzogen werden. Die Erzieher zur Grausamkeit, sie sitzen in der AfD, aber nicht nur in dieser, sie hocken in den Aufganselungszusammenhängen der Social Media, sind in Algorithmen entsubjektiviert, trommeln in den agitatorischen Pseudomedien, die eine Atmosphäre der Erregung, der Angstpolitik und der Enthemmung schaffen. Es ist, simpel gesagt, der Weidel-Höcke-Reichelt-Musk-Komplex, der heute die Henker von morgen formt. Es wird das paranoide Trugbild einer Pseudo-Realität geschaffen, in der das Land im Kriminalitätsmorast versinkt, von barbarischen Horden überrannt wird, den „Gruppenvergewaltigern“ und „Messermännern“ (wie die Phrasen alle heißen). Es sind massenpsychologische Dynamiken und wer in den Tunnel dieser Wahnideen gesogen wird, wird nach und nach in eine Person ummontiert, die im Extremfall dann auch schlimmste Verbrechen akzeptiert und ihnen applaudiert. Der Groll wird geschürt, aber auch ein Anhängersubjekt geschaffen, das ins Ressentiment regelrecht verliebt ist. Rechtspopulismus ist für all das schon längst kein adäquates Wort mehr. Ob Faschismus das richtigere ist, darüber wird in den Feuilletons gepflegt gestritten.

Im August 2026 erscheint mein Buch "Erziehung zur Grausamkeit" im Suhrkamp-Verlag. "Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus"
Im August 2026 erscheint mein Buch „Erziehung zur Grausamkeit“ im Suhrkamp-Verlag. „Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus“

Mit der Affäre um den neuen Linken-Vorsitzenden Luigi Pantisano ist die Debatte um Vokabeln wie „Faschisierung“ pfeilschnell bei der Farce gelandet. Zu dieser ist alles gesagt. Pantisanos Sätze waren taktisch blöde, strategisch blöde und faktisch unsinnig. Faktisch, weil eine konservative Partei, die autoritäre Maßnahmen setzt und auch verbal so manche Schlagseite pflegt, deswegen noch lange nicht selbst „faschistisch“ ist und noch nicht einmal „faschistische“ Politik macht. So viel Unterscheidungsvermögen sollte man schon haben. Strategisch ist es irrwitzig blöde, weil in dieser Lage die moderaten Konservativen umworben werden müssen, nicht abgestoßen, denn die Geschichte lehrt auch, dass der Faschismus immer dann siegt, wenn der hergebrachte Konservatismus mit ihm eine Allianz eingeht. Taktisch ist es blöde, weil die Vorgehensweise darauf setzt, die Diskursmuster der extremen Rechten zu kopieren: Provokativen Unsinn und skandalös radikales Zeug labern, um damit Aufmerksamkeit zu generieren. Björn Höcke, Herbert Kickl & Co. agieren so, perfektioniert hatte dieses Muster der einstige FPÖ-Anführer Jörg Haider mit dem, was die Österreicher viel zu zärtlich seine „Sager“ nannten. Aber die Taktik, die bei der extremen Rechten funktioniert, funktioniert bei linken Wählersegmenten nicht. Auch, weil die nicht bereit sind, groben Unfug zu akzeptieren. Gewiss, Fehler machen alle, aber wer Parteichef ist, wird an anderen Maßstäben gemessen als ein schrulliger Hinterbänkler und sollte nicht bei der ersten Wortmeldung verunfallen. Ein Kult der Härte weiterlesen