Wie die „Aufklärung“ in Vergessenheit geriet…

…und warum das nicht gut ist.

Eine Kurzfassung dieses Textes erschien in Der Standard, 15. September 2019

Vor dreißig Jahren noch war „die Aufklärung“ ein großes Thema. Als historische Epoche war sie da zwar auch schon zweihundert Jahre alt, aber sowohl Intellektuelle als auch linke und linksliberale politische Aktivisten sahen sich in ihrer Tradition. Aufklärung unaufgeklärter Zustände, vernünftige Kritik unvernünftiger Umstände, das schien noch irgendwie ein großer Zeitstrahl zu sein, der mit den französischen Aufklärern begann, bei Kant und Hegel weiter ging – bei Kant mit dem legendären Diktum: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit… Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Die Fortsetzung erfuhr das in der deutschen Religionskritik und dann im Marxismus, der auf den Schultern von all dem stand. Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung sah sich sowieso als Agentin der Aufklärung und ihrer Prinzipien von Rationalismus, Wissen, Umsturz aller Fürstenthrone und unbegründbarer Autoritäten – und damit des egalitären Prinzips –, und das ging sogar in ihre Bildsprache und ihr Liedgut ein. Die Welt sollte ins helle Licht der Vernunft gerückt werden. Kein sozialdemokratisches Plakat ohne Lichtstrahl. „Wissen ist Macht“ war die Parole, „der Sonne entgegen“ wurde gesungen. „Vernunft“ war eine selbstverständliche Vokabel in den Volksreden von Victor Adler und anderen.

Diese pathetische Verbindung mit der Aufklärung überstand noch die Vernunftkritik der „kritischen Theorie“, die nicht nur die „Fortschrittsidee“ zerlegte (die eng mit der Zuversicht der Aufklärer verbunden war), sondern in der „Dialektik der Aufklärung“ den Vernunftglauben selbst einer grau gefärbten Selbstkritik unterzog. „Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“, schrieben Adorno und Horkheimer. Rationalismus, als instrumentelle Vernunft pervertiert, kann zu simplem Nützlichkeits- und Effizienzdenken führen, mit seinen Prinzipien kann man auch Konzentrationslager betreiben. Wie die „Aufklärung“ in Vergessenheit geriet… weiterlesen

Die Dauerkrise des Wettbewerbs-Europas

Das Brexit-Votum vor drei Jahren war Ausdruck einer tiefen Enttäuschung der Bürger über die Europäische Union. Jetzt gibt es wieder etwas mehr Zustimmung. Aber die täuscht.

Die Zeit, 13. 9. 2019

Ein egozentrischer Premier, der sich zu einem harten Brexit durchtricksen will, vorzeitige Neuwahlen vom Zaun bricht, das Parlament in eine Zwangspause schickt; ein Parlament, das gerade noch ein Gesetz durchboxt, das einen harten Brexit verbietet; ein linker Labour-Oppositionsführer, der seit Jahren nur taktiert und hofft, irgendwie Neuwahlen gewinnen zu können; ein Austritts-Datum, von dem kein Mensch weiß, ob es halten wird. Großbritannien trudelt ins politische Chaos und segelt durch ein verfassungsrechtlich-institutionelles Nirvana. Nicht einmal obsessive Politjunkies sehen bei der Abfolge immer neuer Twists noch durch, und noch viel weniger ist vorhersehbar, welche Überraschungen um die nächsten Ecken warten können.

Aber bei all dem sollte man auch nicht vergessen, was uns vor drei Jahren überhaupt in diese Situation gebracht hat. Klar, die Briten waren immer besonders euroskeptisch, das gehört zur politischen Kultur dieser insularen Gesellschaft und ihrer Idee von „Britishness“. Aber zum Austritt konnte es nur kommen, weil diese antieuropäische Stimmung einen Kipppunkt überschritt. Und das war – und ist – bei weitem keine britische Sache allein.

Dass alles einfach nur so weiter geht, holpernd und scheppernd, ist in einer solchen Lage noch das Beste, was man erhoffen kann.

Vor fünfzehn, zwanzig Jahren war die Europäische Union noch allgemein ein Wohlstandsversprechen. Das sicherte ihr Legitimation. Übertragung von Souveränitätsrechten an eine supranationale Gemeinschaft neuen Typs, das ließ sich auch vor den nicht automatisch davon Begeisterten rechtfertigen, wenn damit mehr Wohlfahrt, mehr Prosperität verbunden ist und mehr Chancen für alle. Kurz gesagt: Wenn die Einkommen steigen, die Produkte günstiger werden und die Kinder überall studieren und arbeiten können – ja, warum wollte man dann dagegen sein? Die Dauerkrise des Wettbewerbs-Europas weiterlesen

Wettlauf der Opfer

Sebastian Kurz hat der FPÖ erst ihr Programm weggenommen, dann ihre Slogans und jetzt sogar die lange kultivierte Opferrolle. Reicht das, damit er Kanzler bleibt?

Etwas mehr als zwei Wochen sind es noch bis zu den vorgezogenen österreichischen Nationalratswahlen, die nach dem Bekanntwerden des Skandalvideos von Ibiza notwendig wurden. Zur Erinnerung: Bis dahin regierte eine Rechts-Ultrarechts-Regierung unter Kanzler Sebastian Kurz und der FPÖ von Heinz-Christian Strache. Strache und sein Fraktionschef Johann Gudenus hatten in Ibiza einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte versprochen, ihr Aufträge zuzuschanzen, wenn sie die Auflagenstarke „Kronen-Zeitung“ kaufe.

Strache trat daraufhin zurück, Sebastian Kurz löste die Koalition auf und wurde kurz danach selbst durch ein Mißtrauensvotum aus dem Kanzleramt gewählt. Seither regiert eine Übergangsregierung aus hohen Beamten. In den Umfragen liegt die konservative Volkspartei von Sebastian Kurz weit in Führung (31-36 Prozent), die Sozialdemokratie abgeschlagen (20-23 Prozent), die FPÖ erstaunlich stabil (19-21 Prozent), die Grünen schaffen mit 10-13 Prozent fix den Wiedereinzug und die liberalen Neos können auf bis zu 10 Prozent kommen. Das sind die wichtigsten Fragen, die sich im Zusammenhang mit den Nationalratswahlen stellen: Wettlauf der Opfer weiterlesen

Schlammschlacht im türkis-blauen Sumpf

Die Kurz-Partie steckt im Finanzdesaster, täglich kommen neue Ungeheuerlichkeiten ans Licht. Die FPÖ wiederum muss hoffen, dass ihr beim Parteitag der Laden nicht um die Ohren fliegt, denn die Strache-Anhänger sind wütend ob der Treulosigkeit von Hofer & Co.

Können Sie sich noch an den „Fall Silberstein“ erinnern? Ich wette, Sie können das nicht. Gewiss, wann immer sie irgendein selbst verschuldetes Problem haben, wettern die Türkisen gegen irgendwelche „Silberstein-Methoden“, so dass sich bei den meisten Menschen eingeprägt hat, dass der Silberstein irgendwas Böses getan haben muss im letzten Wahlkampf. Zur Erinnerung: Silberstein hat mit drei, vier Leuten zwei Facebookseiten betrieben, auf denen die Konkurrenz schlecht gemacht wurde. Völlig hirnlos, da diese Facebookseiten auch kaum jemand gesehen hat. Dass all das völlig wirkungslos war, macht Silberstein natürlich nicht sympathischer. Es war die blödeste Idee von Christian Kern, diesem windigen Kerl einen Auftrag zu geben. Aber Silberstein hat nicht der ÖVP, sondern der SPÖ geschadet. Und zwar deshalb, weil jemand den gesamten Mailverkehr der SPÖ mit Silberstein in dunkle Kanäle geleitet hat, aus denen dann die Daten stapelweise an die Medien gingen. Das hatte viel mehr Wirkung als irgendwelche Facebook-Seiten.

Parteien, bei denen es nicht rund läuft haben oft Lecks, aus denen Interna in alle Richtungen dringen. Im aktuellen Wahlkampf wird immer deutlicher, dass es in der ÖVP Leute gibt, die offenbar verdammt sauer auf Sebastian Kurz sind. Es begann damit, dass die geheime Spenderliste der ÖVP (das Who-is-Who an heimischen Milliardären) an den „Standard“ gespielt wurde – und zwar die Spenden 2018 und 2019, also sehr aktuelle Daten. Und nun erhielt der „Falter“ offenbar die hochaktuelle Wahlkampf-Finanzplanung der ÖVP, aus der hervor geht, dass die Partei wieder bei der Budgetplanung trickst – und mit Vorsatz. Ob das kriminell ist oder ob diese schwindligen Buchungen gerade noch im Rahmen der Legalität sind, ist zur Zeit unklar.

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Die ÖVP behauptet, sie wurde gehackt. Kann man glauben, wenn man sehr gutgläubig ist. Schlammschlacht im türkis-blauen Sumpf weiterlesen

Österreichischer Museumspreis 2019 für das Museum Arbeitswelt in Steyr

Sie erinnern sich vielleicht ja noch daran: Im Museum Arbeitswelt in Steyr konzipierte ich gemeinsam mit Harald Welzer und dem großartigen Team des Hauses die neue Daueraustellung „Arbeit ist unsichtbar“. Der Reader zur Ausstellung erschien im Picus-Verlag und schaffte es damals sogar unter die Top-10 der deutschen Sachbuch-Bestenliste.

Nun kam eine noch größere Auszeichnung hinzu. Das Museum wird mit dem Österreichischen Museumspreis 2019 ausgezeichnet. Wegen der über 30jährigen Geschichte des Hauses, wegen der aktuellen Dauerausstellung und wegen der Rolle, die das MAW als regionales Zentrum der Begegnung, der politischen Bildung und des gesellschaftlichen Engagements spielt.

Ich freue mich sehr für die Kolleginnen und Kollegen und natürlich auch ein wenig für mich selbst, offensichtlich ist uns mit der neuen Dauerausstellung etwas gelungen, was Anerkennung findet.

Wenn Selbstliebe blind macht

Der Groschenroman über das türkise Wunderbaby sagt mehr über den Porträtierten aus, als man glaubt: Sebastian Kurz muss von geradezu entrückter Eitelkeit sein. Und es gibt um ihn herum offenbar niemanden mehr, der es wagt, dem Chef zu widersprechen.

Sebastian Kurz, Opferlamm vom Dienst, ist schier von Pech verfolgt: Erst Ibiza-Opfer, dann Opfer hinterlistiger Misstrauens-Abstimmer, dann E-Mail-Opfer, zuletzt angebliches Hacker-Opfer und nun auch noch Opfer einer Biografin, die sich an den Kanzler heran machte, sein Vertrauen erschlich und einen peinlich-schwülstigen Groschenroman über ihn schrieb.

Heinz-Christian Strache fiel auf eine Schauspielerin herein, die sich als Oligarchennichte ausgab. Sebastian Kurz auf eine Hobby-Schreiberin, die sich als Autorin ausgab.

Stellt sich nur die Frage, wie man so vom Pech verfolgt sein kann. Zumal eine kleine Google-Recherche schon ausgereicht hätte, um jedem klar zu machen: Nur Finger weg von dieser Frau, deren Social-Media-Verhalten schon, nunja, eigenwillig ist, und deren Webpage von Angebereien zum Fremdschämen nur so strotzt. So gibt sie sich als ehemalige „Managing-Editor“ von „profil“ aus. Blöd nur, dass bei „profil“ noch nie jemand von ihr gehört hat.

Heinz-Christian Strache fiel auf eine Schauspielerin herein, die sich als Oligarchennichte ausgab. Sebastian Kurz auf eine Hobby-Schreiberin, die sich als Autorin ausgab.

Womöglich verrät die Tatsache, dass Kurz auf eine solche Hochstaplerin hereinfallen konnte, mehr über das „System Kurz“ als man zunächst glauben würde. Da ist einmal die Eitelkeit. Wir können davon ausgehen, dass die Hagiografin Sebastian Kurz ausreichend gebauchpinselt hat, ihm schöne Augen machte und ihm stets spiegelte, wie toll sie ihn finde. Liebe macht ja nicht nur insofern blind, als der Verliebte blind für die Schwächen des Angebeteten ist. Es funktioniert auch umgekehrt: Der Angebetete, der sich geschmeichelt fühlt, wird blind für die Eigenartigkeit der Verehrerin. Weil er sich ja selbst so sieht wie die Person, die ihn anhimmelt – oder sich gerne so sehen mag. Da blendet man dann gerne aus, dass das Gegenüber irgendwie „Dings“ ist. So wie wenn man sich mit viel Wodka-Red-Bull um vier Uhr Morgens das Gegenüber schön säuft, wenn grad kein anderes zur Hand ist.

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In einer funktionierenden Partei mit Fehlervermeidungskultur müsste es freilich auch noch Kontrollmechanismen geben – oder einfach Leute – die den Anführer in so einer Situation warnen. Ihn auf den Boden der Realität zurück holen. Ganz offensichtlich gibt es solche Leute rund um Sebastian Kurz nicht mehr. Ist es wirklich so, dass sich das System Kurz schon nach weniger als zwei Jahren an der Regierungsspitze durch einen eingebunkerten Anführer auszeichnet, der sich nur mehr mit Ja-Sagern umgibt, die es nicht mehr wagen, den Chef zu warnen und ihm die Wahrheit ins Gesicht zu sagen? Es spricht vieles dafür.

Insofern, aber nur insofern, sagt uns die lächerliche Kim-Jung-Kurz-Biografie vielleicht doch etwas über den Porträtierten. Aber etwas anderes, als die Biografin und der Biografierte beabsichtigt haben.

Das holpernde Defensivspiel von Sebastian Kurz…

…und andere Blogposts des vergangenen Monats. Für den Fall, dass Du etwas versäumt hast, hier ein Verzeichnis der meistgelesenen Beiträge seit August.

Der Baumeister des Roten Wien. Zum 150. Geburtstag von Karl Seitz

Let’s Zwist Again. Was ist dran an der These von der zunehmenden Polarisierung?

Unser alltäglicher „Kommunismus“, ohne dem der Kapitalismus gar nicht existieren könnte.

Horte Dir einen Kanzler!

Das Märchen von der „Tugenddiktatur“ und den „Verbotsaposteln“

Kapitalismus verdirbt den Charakter!

Vom gekauften Kanzler zum Ladenhüter

Hoffnung wählen! Bei den Parteien fehlt es an Botschaften, für die man sich begeistern kann.

Schlanker Staat? Blöde Idee!

Fang den Wähler! Wie die bisherigen Oppositionsparteien dem türkisblauen Block Stimmen abluchsen können.

Der Krieg gegen die Armen

Wie „Moral“ zum Schimpfwort wurde

Die Proletarier haben nichts zu verlieren außer ihr Schnitzel

Sollen die Armen doch in Villen ins Grüne ziehen!

Der jämmerliche Geisteszustand des zeitgenössischen Liberalismus

Wie wütend sind die „einfachen Leute“?

Sebastian Kurz und die Medien – eine Entfremdung

Rendi-Wagner: Im Schlafwagen ins Kanzleramt?

Die ganze Welt als Feind – warum sich Sebastian Kurz echt als Opfer sieht.

Sebastian „das Opfer“ Kurz macht gerade Fehler am laufenden Band

Die Klimakatastrophe – auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit

Das wirkliche Problem der Roten

Pamela Rendi-Wagner kämpft wie eine Löwin und gewinnt von Tag zu Tag mehr an Profil. Ihr Hauptproblem hat sie geerbt: Wenn man die Menschen fragt, wofür die SPÖ steht, müssen sie lange nachdenken.

Viele Leute fragen: Warum kommt die SPÖ in den Umfragen nicht wirklich vom Fleck. Nun muss man dabei einschränkend sagen, dass Umfragen nur Umfragen sind, und die haben sich schon häufig als krass falsch herausgestellt. Auch heute weiß man nicht, wie die Dinge wirklich liegen: Liegt die SPÖ bei 20 oder 23 Prozent, vielleicht sogar bei 25?

Aber ein paar Dinge weiß man natürlich. Die ÖVP ist sicherlich im Augenblick deutlich voran auf Platz eins. Sebastian Kurz hat sich zu einer „Marke“ gemacht, und die „Marke ÖVP“ klar mit sich selbst verbunden – was übrigens ein Problem wird, wenn die Marke Kurz abstürzt. Die SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner musste unter eher ungünstigen Umständen in den Wahlkampf starten: Sie war erst ein paar Monate im Amt, ganz generell sahen die Bürger und Bürgerinnen sie nicht automatisch als eine „Kanzlerin“ an. Die Partei funktioniert auch nicht wie ein gut geöltes Räderwerk.

Dennoch ist Rendi-Wagner das Atout der SPÖ: Sie ist neu im Betrieb, gehört nicht seit ewig zur politischen Apparatschik-Klasse, kommt in der direkten Begegnung herzlich rüber und hat als Gesundheits- und Sozialpolitikerin ein klares Profil als eine mitfühlende Person.

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Das Grundproblem der SPÖ ist, dass die wenigsten Menschen heute wissen, wofür die Partei steht. Gewiss, sie ist eine 130 Jahre alte Partei, die immer die Partei der „einfachen Leute“ war. Dass sie damit so irgendwie für „soziale Werte“ steht wissen auch Leute, die sich nicht für Politik interessieren. Aber ein scharfes Profil ist das noch lange nicht. Parteien stehen dann gut da, wenn Wähler keine Sekunde zögern müssen, um zu sagen wofür eine Partei „steht“.

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Let’s zwist again!

Nicht nur Wahlkämpfe wirken heute wie Stammeskriege. Die politischen Lager gleichen „moralischen Stämmen“, die nur mehr aufeinander einprügeln. Warum gibt es heute so viel Polarisierung und so wenig Konsens?

Die Zeit, August 2019

Während der Großen Koalition, meinte ein ironischer Geist einmal, war die Regierung zerstritten, während der Türkis-Blauen-Allianz dagegen die Bevölkerung. Irgendwie sei ihm der Hader unter Politikern lieber gewesen als der Zwist unter 8 Millionen Bürgern. Die anekdotische Pointe lebte natürlich von einer Behauptung, die heute sowieso als gesichertes Wissen gilt, nämlich: dass es eine wachsende Polarisierung gäbe – nicht nur bei uns, sondern beinahe überall. Let’s zwist again! weiterlesen

Märkte gut, Moslems böse, Klimawandel erfunden

Stramme Rechte glauben an freie Märkte, vertrauen der Gewalt mehr als friedlichen Lösungen, hassen Muslime und glauben daran, dass die Klimakatastrophe eine Erfindung ist. Aber wie hängen diese Ansichten, die doch eigentlich nichts miteinander zu tun haben, zusammen?

Was einem immer wieder auf’s Neue erstaunt, ist die Korrelation politischer Haltungen, die eigentlich am ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Da gibt es ja die hübschesten Sträuße an Meinungen: Leute, die finden, dass die Wirtschaft am besten funktioniert, wenn Märkte total ungeregelt sind und sich die Regierungen nicht einmischen, finden meist auch, dass man Immigranten ohne viel Federlesens abschieben soll, sie sind zudem der Ansicht, dass beispielsweise Israels Regierung alles, aber wirklich alles bis ins kleinste Detail richtig macht und sie finden zudem, dass die Moslems die größte Bedrohung für unsere Zivilisation sind. Außerdem glauben oft auch, dass es keine Klimakrise gibt, dass der Klimawandel eine Erfindung sei und dass alle Studien, die eine durch Menschen, durch Industrie, Landwirtschaft, Autoabgase hervorgerufene Erderwärmung nachweisen, eine Erfindung von bösen Wissenschaftlern, ruchlosen Politikern und ökoalarmistischen Medien darstellen. Die haben einen richtiggehend sektenhaften Wahn, die glauben, dass es ein Meinungskartell gibt, das vorschreibt, dass alle an den Klimawandel glauben müssen und das alle Indizien unterdrückt, die dagegen sprechen. Ach ja, dass es ein linkes Meinungskartell gäbe, das alles diktiert, finden diese Leute ja sowieso auch. Das passt auch gut zu dem paranoiden Stil, der in diesen Kreisen vorherrscht.

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Die interessante Frage ist freilich: Wieso sortieren sich die Meinungen so und nicht anders? Wieso sind Anhänger des Neoliberalismus meist auch gegen die Moslems und warum leugnen sie den Klimawandel? Ich meine, was hat die Erderwärmung mit den Märkten zu tun? Was haben die Märkte mit den Moslems zu tun? Ist diese Korrelation zufällig, in dem Sinn, dass es auch anders sein könnte? Könnte es ebenso gut sein, dass Anhänger des Neoliberalismus für offene Grenzen sind und zudem der Meinung anhängen, dass die Erderwärmung eine Gefahr ist, gegen die man etwas unternehmen muss? Märkte gut, Moslems böse, Klimawandel erfunden weiterlesen

Horte dir einen Kanzler!

Gekaufte Politik. Wenn das große Geld sich Einfluss kaufen kann, ist das Gift für die Demokratie.

Täter-Opfer-Umkehr nennt man es, wenn ich, beispielsweise, jemanden krankenhausreif schlage, und hinterher jammere, ich wäre eigentlich das Opfer. Etwa, weil mich der Typ blöd angeschaut hatte. Oder ich aus irgendeinem Grund total aggro war, etwa, weil im Job mal wieder alles schief lief. Besonders egozentrische Persönlichkeiten neigen dazu, immer die Schuld bei anderen und sich selbst als Opfer zu sehen. Was im persönlichen Leben eine psychische Störung ist, gehört in der Politik zum Handwerk. Wirst du bei irgendetwas erschwischt, dann gib den anderen die Schuld. Da gilt die Regel aus dem Wahlkampf-Handbuch: Wenn du in der Jauche versinkst, dann schalte den Ventilator ein – damit sich der Dreck auf alle anderen auch verteilt.

Genauso ist es, wenn die ÖVP oder die FPÖ einen „schmutzigen Wahlkampf“ beklagen, weil jetzt heraus kommt, was diese Parteien in den vergangenen Jahren alles so getrieben haben. Heinz-Christian Strache hat vor laufender Kamera davon geträumt, wie er für sich und seine Leute die Taschen vollstopfen kann, wie man Volksvermögen versilbern und sich Einfluss kaufen kann. Man hat sich Posten gekrallt, und nicht einmal darauf geachtet, dass die dafür ausersehenen Kandidaten zumindest eine oberflächliche Qualifikation haben. Man hat sich dabei auch so ungeschickt angestellt, dass jetzt sogar die Korruptionsstaatsanwaltschaft mit einem Hausdurchsuchungsbefehl vor der Tür steht und das Handy beschlagnahmt.

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Während HC Strache noch davon träumte, wie er seiner Partei die Taschen vollstopft, hat es Sebastian Kurz einfach getan. Hat den Klingelbeutel rumgereicht, und die Kontostandkaiser des Landes haben eingezahlt. Er hatte Geld wie Heu im letzten Wahlkampf, und wie jetzt herauskam, haben seine Türkisen allein 2018 und in den ersten Monaten 2019 insgesamt 2,7 Millionen Euro gesammelt. Etwa 98 Prozent der Spenden kamen von Millionären, Milliardären und Konzernen, nur zwei Prozent waren Kleinspenden. Und das hat man schön so organisiert, dass es lange nicht auffiel. 49.000 Euro hat eine Milliardärin überwiesen – monatlich! Ab einem Betrag von 50.000 hätte man es melden müssen. Damit war sie noch gar nicht die größte Großspenderin. Horte dir einen Kanzler! weiterlesen

Was Sie da ihr Leben nennen, das ist doch nichts als ein Text, den andere geschrieben haben

Wir beschreiben die Welt mit Texten und Wörtern, deren Autoren wir nicht sind, aber das heißt ja auch, dass die Sätze in unsere Gehirne kriechen und dort Synapsen verknoten und die eigentümlichsten Effekte entfalten.

Soll dieser Misik doch mal was Gutes über den Kapitalismus sagen. Nie sagt er etwas Gutes über den Kapitalismus. Aber ist ja gar nicht wahr. Dauernd sag ich was Gutes über den Kapitalismus. Würde er nicht auch seine guten Seiten haben, täte ich mir ja nicht so viel Sorgen machen um ihn, würde ich ihn ja nicht hätscheln und streicheln. Ein schöne Sache an ihm ist, dass er so eine stetige Flucht nach Vorn ist. Das hat er in seiner DNA. Unternehmer verschulden sich um zu investieren, und müssen morgen mehr verdienen, um die Schulden zurückzahlen zu können, er ist eine Wette auf künftig wachsende Erträge und deshalb eine ewige Flucht nach vorn. Wer heute ein gutes Produkt entwickelt, darf sich morgen auf den Früchten nicht ausruhen, denn die Konkurrenz schläft nicht. Der Kapitalismus war’s, der das Lebensprinzip Don’t Look Back in die Welt gebracht hat. Das Sein bestimmt zwar nicht auf plumpe Weise das Bewußtsein, aber auf raffinierte, und dieses Moderne, Modernsein, Contemporary sein, absolut Contemporary sein, das hat schon auch mit dieser ökonomischen Struktur zu tun. Das hat der Kapitalismus auch mit der Kunst gemein, und mit dem Pop, ja der ist ja eh auch Kunst, der Pop, manchmal…

Schöpferische Zerstörung, hat der Schumpeter gesagt, das ist das eigentliche Geheimnis des Kapitalismus, das was er vollbringt, was die Unternehmer im Kapitalismus vollbringen. Und das elektrisiert mich schon. Dieses Bis hierher und noch weiter. Und ich bin ja vielseitig elektrisierbar. Ich finde ja, das ist das allerwichtigste, vielseitig elektrisierbar zu sein. Und deshalb lug ich ja gern über meine Felder hinaus. Als professioneller Meinungshaber bewohn ich die Themen, die landläufig als das rechtmäßige Feld des Meinungshabens gelten, und da ist es natürlich auch manchmal so, dass diese Themen mich bewohnen und alle kleinen Kammern in mir beziehen. Meinungen gibt man in Satzform von sich, aber die Sätze führen gleich ein eigenes Leben, die machen sich selbständig, werden flügge und emanzipieren sich von ihrem Autor. Das Eigenleben der Sätze ist natürlich die Freude der Poesie, aber die Pest der meinungshabenden Prosa, weil was in der Poesie das Wunder der Mehrdeutigkeit ist, ist in der Meinungsprosa nur die Banalität des Missverständnisses. Die Meinungsprosa entwirrt, überhaupt, journalistische Texte sollen entwirren, und so entwirren wir um uns sofort wieder zu verwirren, aber das ist auch gut so, denn das Entwirrte ist ja fad.

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Terry Eagleton schreibt in seiner berühmten strukturalistischen Literaturtheorie, die Behauptung sei unsinnig, „dass ich eine absolut persönliche Erfahrung mache: ich kann überhaupt keine Erfahrung außerhalb einer Sprache machen, mittels derer ich sie erfassen kann, weil wir alle von den Zeichensystemen abhängig sind, über die wir verfügen – oder genauer, die über uns verfügen.“ Was Sie da ihr Leben nennen, das ist doch nichts als ein Text, den andere geschrieben haben weiterlesen