Blasenschwäche

Warum wird, etwa bei den ermüdenden „Wokeness“-Debatten, jeder mit minimal abweichenden Ansichten so schnell zum menschlichen Scheusal erklärt? Versuch einer Erklärung.

Mein Steady-Essay von dieser Woche.

Ich möchte heute auf etwas zurückkommen, was ich vor ein paar Wochen am Rande angetippt habe, es aber ausführen und weiterdenken. Ich habe geschrieben: „Debatten werden heute sehr oft mit viel Erregung geführt, mit Gereiztheit, mit der Entschlossenheit, den Anderen maximal misszuverstehen. Häufig spürt man die verbissene Absicht, irgendeinen Halbsatz zu finden, den man möglichst fies und krass verdrehen kann, um diesen Anderen als menschliches Scheusal darzustellen. (…) Ich empfinde gelegentlich, dass mir meine eigenen Meinungen unsympathisch werden, nur, weil diese Meinungen von unsympathischen Menschen auf unsympathische Weise vertreten werden. Und das ist natürlich auch wiederum verrückt.“

Nehmen wir nur diese dauernd aufpoppenden Diskussionen über Wokeness, die Empfindsam- und Achtsamkeit Diskriminierungen gegenüber und, umgekehrt, die regelmäßigen Klagen über eine reale oder angebliche „Cancel Culture“. Nun bin ich in vielen dieser Themen häufig, um nicht zu sagen: meist, eher auf der woken Seite. So bin ich beispielsweise der Meinung, dass wir in zunehmend multiethnischen und diversen Gesellschaften die vielen subtilen und auch weniger subtilen Diskriminierungen bekämpfen müssen. Rassismus ist allgegenwärtig, aber auch die feinen Unterschiede, die Abwertungen und die Erfahrungen, die beispielsweise Heranwachsenden machen, die ethnisch nicht der autochtonen Mehrheitsgesellschaft entstammen – nämlich, dass sie nicht dazugehören, dass sie sich mindestens doppelt oder dreifach beweisen müssen, und es selbst dann verdammt schwer haben. „Ich werde hier nie dazu gehören, ich werde immer eine Ausländerin bleiben“, solche wütenden und traurigen Sätze hört man sehr oft und sie sind Ausdruck emotionaler Verwundungen und Verletzungen, die bei den meisten schon im Kindergartenalter beginnen. Ich bin voller Empathie für diese Menschen und sauer, dass sie dem ausgesetzt sind. Ich bin auch der Meinung, dass die bisher Ungehörten nicht Repräsentanten aus der Mehrheitsgesellschaft als Fürsprecher brauchen, sondern selbst zu Wort kommen sollen. Nicht nur ihretwegen, sondern der Gesellschaft als Ganzes wegen, die authentische Stimmen aus allen sozialen Gruppen benötigt, um ein demokratisches Selbstgespräch mit sich selbst führen zu können. Dass wir im Zuge dessen einiges zu hören bekommen…

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Die neue Gründerzeit

Wien wächst rasant und baut ganze Stadtteile. Der modernistische Stil wird das Gesicht der Stadt prägen. Aber es bräuchte mehr vom sozialen Wohnbau und weniger Betongold für Investoren.

Die Zeit, Juli 2022

Frühaufsteher stapfen durch das taufeuchte Gras am Helmut-Zilk-Park, an dessen Rändern phantastische wilde Blumenwiesen wuchern dürfen. Bei „Bio-Mio“, dem kleinen Laden neben dem Vintage-Sessel-Geschäft steht das Gemüse auf dem Trottoir, dazu Kartoffel, verschiedene alten Sorten, nicht so industriell gezüchtet wie die im Supermarkt. Fruchtsäfte gibt es, Hartwurst, Bio-Brot und manchmal auch Forellen direkt aus dem Waldviertel. Ein paar Meter weiter bringt eine junge Frau einen alten Liegestuhl in Schuss. „Das hier ist das Dorf“, lacht sie, „und das da drüben ist die Stadt“. Sie zeigt auf die andere Seite des Viertels mit den großen Genossenschaftsbauten, die wiederum an die historischen Armen- und Arbeiterviertel von Innerfavoriten grenzen.

Das „Sonnwendviertel Ost“ – „das Dorf“ – ist am Fertigwerden, einzelne Häuser stehen noch im Rohbau. Hier stehen „Quartiershäuser“ mit variantenreichen Stilsprachen. Keine großen Wohnblocks für den Massenwohnbau. In den Untergeschoßen wird nicht gewohnt, stattdessen gibt es Platz für Läden, Supermärkte, den Greißler, das Buchgeschäft. Und für Restaurants und Cafes. Das etwas ältere „Sonnwendviertel West“ – „die Stadt“ – auf der anderen Seite des Parks besteht vor allem aus größeren Wohnblöcken, mit begrünten Innenhöfen, angelehnt an den architektonischen Spirit des Gemeindebaus des Roten Wiens, Ruheoasen nach Innen, Spielplätze, Gemeinschaftsräume.

Das Areal auf den früheren Gründen der ÖBB rund um den ehemaligen Südbahnhof ist eines der großen Stadtentwicklungsgebiete von Wien. Es liegt am unteren Zipfel von Favoriten, grenzt an den vierten und dritten Bezirk. Das „Zwanzigerhaus“ (heute heißt das Kunstmuseum offiziell „Belvedere 21“) ist nur ein paar Gehminuten entfernt. Das Denkmal der Moderne passt gut zur neuen Nachbarschaft.

Wien erlebt eine neue Gründerzeit. 13.000 Menschen werden im Sonnwendviertel wohnen. Das Nordbahnviertel in der Leopoldstadt wird für 20.000 Menschen Wohnraum bieten. Das Nordwestbahnviertel auf der anderen Seite der Bahngleise in der Brigittenau – dem 20. Bezirk – noch einmal soviel. In der Seestadt in Aspern – am ehemaligen Flugfeld, das später als Rennstrecke benützt wurde – wächst eine Stadt in der Stadt mit 26.000 Einwohnern. Dazu noch viele, nur unwesentlich kleinere Neubaugebiete: Die Wildgartensieldung in Meidling, Neu-Leopoldau in Floridsdorf draußen bei der Siemensstraße. Und und und. Die neue Gründerzeit weiterlesen

Für eine neue Friedensbewegung!

Putins fünfte Kolonnen haben die Antikriegs-Politik desavouiert. Dabei bräuchte es eigentlich eine kluge Friedensbewegung.

Mein Steady-Essay von dieser Woche

„Friedensbewegung“ und Anti-Kriegs-Rhetoriken haben sich in den vergangenen Monaten ziemlich gekonnt desavouiert. Dass damit aber auch der kompromisslose Pazifismus, und überdies sogar Diplomatie und antimilitaristische Sicherheitspolitik fragwürdig wurden, eine Entspannungspolitik, die auf Dialog setzt, ein Konfliktmanagement, das militärische Eskalationen zu verhindern versucht – das ist keine schöne Sache. Denn trotz – oder gerade wegen! – der Weltlage bräuchte es eigentlich eine Friedensbewegung und eine Friedenspolitik. Aber vielleicht eine klügere.

Dabei darf nicht übersehen werden: Pazifismus und Anti-Kriegs-Politik haben ein prinzipielles Dilemma, das auch mit ihren geistesgeschichtlichen, historischen Wurzeln zu tun hat. Sie entstanden zu einer Zeit, als Imperien – die meisten noch dazu Despotien – gegeneinander um internationale Einflusszonen rangen. In diesen Fällen ist es immer richtig gewesen, darauf hinzuweisen, dass Macht und Kapital normale junge Männer auf das Schlachtfeld schickten, und zwar für Interessen, die nicht die Ihren sind. Der eher bürgerliche Pazifismus und der eher linke Antimilitarismus hatten darin ihren Ursprung und eine vollkommene Berechtigung. „Die Waffen nieder“, proklamierte Berta von Suttner. „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“, verkündete Karl Liebknecht, und es war 1914 zweifelsohne richtig. 1942 wäre das schon weniger richtig gewesen, aber dazu später.

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Lage ernst, Politiker unernst

In dieser Situation braucht es Fachkunde und Besonnenheit, keine Parteispielchen.

In der Schweiz vollzog sich vor rund zwei Wochen ein bemerkenswerter Vorgang. Der größte Energieversorger Axpo hatte Finanzprobleme und wandte sich vertraulich an die Regierung. Still und geräuschlos wurde über ein verlängertes Wochenende an einer Lösung gearbeitet, ein Rettungsschirm über etwas mehr als vier Milliarden Euro gespannt. Als die Arbeit erledigt war, haben Regierung und Firma das Paket der Öffentlichkeit präsentiert.

In diesen Tagen haben deutsche Energieversorger Stützungen beantragt, die Regierung in Schweden muss in einer dramatischen Lage ihre Strom- und Energiefirmen absichern. All das wird pragmatisch abgearbeitet, ohne großen politischen Hickhack.

Aber Österreich ist anders. Da wurden die Kalamitäten der Wien Energie sofort in den politischen Strudel hineingezogen. Die ÖVP-Regierung kostete mit Genuss aus, dass einmal ein Wiener Unternehmen in Probleme geriet, hoffte, von ihren Skandalen ablenken zu können. Statt, wie die Schweiz, nüchtern und hinter geschlossenen Türen erst einmal die Lösung auszuarbeiten, wurde noch aus den Sitzungen hinausposaunt, dass die Wien Energie womöglich zahlungsunfähig sei und sich – vielleicht, man weiß ja nicht – verspekuliert hätte.

Heute weiß man, dass sie ganz normalen Geschäfte gemacht haben und allenfalls nicht ganz geschickt mit den Risiken umgegangen sind (nicht einmal das ist sicher). Lage ernst, Politiker unernst weiterlesen

Sozialismus ist ein normales Gefühl

„Wir sind alle in Gefahr“: Der „linke Konservative“ Pier Paolo Pasolini hat uns heute vielleicht mehr zu sagen als wir denken.

Mein Steady-Newsletter von dieser Woche.

In einem Text über Pier Paolo Pasolini las ich unlängst den schönen Satz, „Sozialismus ist eine ‚natürliche Sache‘“. Das mag den einen oder die andere an die Formulierung Bertolt Brechts erinnern, der den Kommunismus „das Einfache / Das schwer zu machen ist“ nannte. Freilich: Die Verwandtschaft ist nur eine Scheinbare. Bei Brecht ist von einer planmäßig etablierten Ordnung die Rede, die es erst zu schaffen gelte. Diese Ordnung sei eine Einfache, aber unermesslich schwer herzustellen. Das ist eine Weltumbau-Phantasie. Eine Weltbaumeister-Phantasie.

Wenn für Pasolini der „Sozialismus eine natürliche Sache“ war, dann geht es dabei um etwas vollkommen anderes: die Rede ist vom intuitiven sozialistischen Empfinden, einer natürlichen sozialistischen Lebensführung, die tief in den Werten der einfachen Klassen begründet ist. Etwa: Dass man hilft, wenn jemand Hilfe braucht. Dass diese Empfindungen in den alltäglichen Lebensführungen der popularen Klassen wurzeln. Dass man die paar Euro dazu legt, wenn einem Rentnerpaar demnächst Geld beim Einkauf fehlt. Oder: Dass man im Viertel, im Wohnblock, zusammenhält – oder im Dorf. Dass die einfachen Leute sich auf Augenhöhe begegnen. Dass man in der Firma, in der Fabrik, am Bau, im Büro, im Lieferservice, Solidarität übt, sich niemand für etwas Besseres hält. Dass man rebelliert, gegen die Chefs und die, die einem Kommandieren wollen. Dass das Gegeneinander, der Kampf aller gegen alle, eine unnatürliche Sache ist, dass die Gier, eine Position zu erringen, die einem erlaubt, auf andere herabzusehen, eine unnatürliche Sache ist. Dass dieser Kampf um Status, Wichtigkeit, Prominenz und Distinktion eine perverse Sache ist. Nicht, dass es all das nicht gibt, aber ….

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Falls ihr die wöchentlichen Essays mit einem monatlichen Beitrag von 5 Euro unterstützten wollt, bedanke ich mich schon im Voraus!

Liebe Leserinnen und Leser,

Meine sehr verehrten Damen und Herren und alle anderen auch,

die meisten regelmäßigen Leser*innen dieser Website haben es wohl schon mitbekommen, dass ich auf Steady seit einigen Wochen einen wöchentlichen Essay / Kommentar / Newsletter / Gedankenstrom schreibe. Ich wollte mich zunächst einmal bei allen bedanken, die schon regelmäßig mitlesen, das Ding abonniert oder  eine Mitgliedschaft abgeschlossen haben. Ich hoffe, ihr lest die Texte überwiegend mit Gewinn. Die Textsorten unterscheiden sich natürlich und das war ja auch von Beginn an die Idee dahinter. Ich hoffe, Ihr habt in den knapp zwei Monaten einen gewissen Eindruck erhalten, was Euch erwartet.

Diese Kolumnen sind quasi leser*innenfinanzierte Texte, weshalb ich mich an Euch wende. Denn Bertolt Brecht schrieb einmal: „Ihr arbeitet inmitten einer hochkapitalistischen Gesellschaft und könnt Euch nicht so verhalten, als wärt Ihr in einer anderen.“ Als Autor will man daher zweierlei. Von möglichst vielen Menschen gelesen werden – und davon auch die Rechnungen bezahlen können. Dafür müssen, erstens, möglichst viele Menschen „Vernunft & Ekstase“ abonnieren. Und, zweitens, sollte auch die Zahl derer, die einen monatlichen Beitrag über Mitgliedschaft leisten, kontinuierlich wachsen. Es ist ein Experiment, ob das klappt. Der Beitrag ist bewusst geringfügig gehalten – mit 5 Euro pro Monat, also rund 1 Euro pro Text. Simpel gesagt: Wenn 20.000 lesen und 200 einen Mitgliedsbeitrag zahlen, ist das schon mal okay. Nix fürs reichwerden, aber dann ist es zumindest nicht völlig unökonomisch. Für letztere gibt es dann auch nie eine Paywall.

Und natürlich helft Ihr auch sehr mit, indem ihr diese Texte auf Social Media teilt und andere dafür interessiert.

Einen Überblick über die Texte und wie man sie abonniert und wie man eine Mitgliedschaft abschließt findet Ihr hier.

Morgen geht es dann weiter mit einem Essay über „linken Konservatismus“ und die solitäre Figur Pier Paolo Pasolini. An dem Text habe ich lange gegrübelt, ich hoffe, er gefällt Euch!

Jedenfalls danke ich noch einmal für die Unterstützung, hoffe, dass es vielleicht gelingt, in diesem Monat weitere 100 Mitglieder (ich glaub im Kapitalismus nennt man das „Businessplan“) zu gewinnen, wünsche einen schönen Tag und – wir lesen uns morgen!

Hier noch mal der Link!

Herzlich, Ihr Robert Misik

 

Heiliger Markt, verschone uns!

Die Wien Energie, Österreichs größter Energieversorger, hat schwere Tage hinter sich. Aber was ist da wirklich vorgegangen?

Mein Steady-Essay von dieser Woche

Wir haben eine gigantische Weltkrise, bei der – metaphorisch gesprochen – ganze Gebirge ins Rutschen kommen, das Unterste nach Oben gekehrt wird, die halbe Menschheit in einen Orkan gerät: Der Krieg in der Ukraine, Gasknappheit, Energiekrise, Lebensmittelkrise, galoppierende Inflation. Dazu die Klimakatastrophe, die jetzt schon massiv ökonomisch wirkt: Dürre und Wasserknappheit setzen der Infrastruktur zu, die Stromproduktion bricht ein, weil die Flüsse zu Rinnsalen werden, und die Wasserkraftwerke nur mehr einen Bruchteil der Produktion liefern, weil die französischen AKWs reihenweise vom Netz genommen werden müssen, da das Kühlwasser fehlt, weil am Rhein keine Kohle mehr verschifft werden kann und die Kohlekraftwerke damit Produktionsschwierigkeiten haben – und, und, und.

In dieser großen, epochalen Krise kommen dann die Schockwellen an der Peripherie an und eine davon traf vergangene Woche die Stadt Wien. Die Wien Energie, der große, kommunale Energieversorger schlitterte in Liquiditätsengpässe und brauchte dringend Geld – nicht zum Ausgleich von Verlusten, aber zur Absicherung von Geschäften.

Und weil wir in Österreich sind, wo Politik dann schnell heißt, jede Angelegenheit für politisches Kleingeld zu benützen, und wo oft Parteiräson vor Staatsräson geht, und weil es um Wien ging (das „Rote Wien“, das allen Reaktionären sowieso ein Dorn im Auge ist, seit ewig schon…), nahm das Drama seinen sehr österreichischen…

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Sagt den Leuten die Wahrheit!

Es werden ein paar harte Jahre. Wir werden es dennoch schaffen, aber nicht mit Deppenpolitik.

Die Regierenden lavieren herum, während die Kickls wieder einmal die einfachen Parolen haben: Kickl und andere Geistesprinzen fordern ein Ende der Russland-Sanktionen, und tun so, als wäre dann bei uns wieder alles eitel Wonne. Was natürlich Unfug ist: Erstens würde man Putin und seiner Kamarilla damit zeigen, dass er uns an der Nase durch die Manege ziehen kann, was der dann gewiss gerne gleich noch regelmäßiger praktizieren würde. Das wäre nicht nur politisch und moralisch ein Bankrott, sondern käme auch ökonomisch verdammt teuer. Zweitens würde es auch gar nichts bringen, denn die Preissteigerungen sind Folgen des russischen Wirtschaftskrieges, Russlands Versuches, seine Macht und Hegemonie auszuweiten und nicht Folge der Sanktionen. Was sich leicht überprüfen lässt. Wäre es nämlich anders, dann dürfe es nur Preissteigerungen bei den Ländern geben, die Sanktionen verhängt haben, es gibt sie aber in aller Welt. Die Weltmärkte reagieren mit Preisrallyes wegen der Unsicherheit, und die Panik spült Supergewinne in die Taschen von Spekulanten. Sagt den Leuten die Wahrheit! weiterlesen

Plädoyer für den Kompromiss

Miteinander trotz Dissens: Die Philosophin Véronique Zanetti und ihre „Spielarten des Kompromisses“.

Der Kompromiss hat einen schlechten Ruf. Der Kompromiss würde alles verwässern, von guten Ideen bleiben in „lauen Kompromissen“ nichts als ein paar Fußnoten übrig, so die Klage. Kompromisse sorgen für Schneckentempo, wo es eigentlich schnell voran gehen müsste. Noch schlimmer sind die „faulen Kompromisse“, bei denen alle Seiten ihre Werte aufgeben, nur um einen kleinen, nichtssagenden Vorteil zu ergattern. Menschen gehen sogar Kompromisse mit sich selbst ein: Sie haben vielleicht bestimmte Werte, es ist aber unbequem, diese „kompromisslos“ zu verfolgen. Und dann tun sie Dinge, die mit ihren Werten nicht leicht in Übereinstimmung zu bringen sind. „Wenn es um Kompromisse geht, taucht das Wort ‚faul‘ fast schon reflexartig auf“, formulierte vor einigen Jahren die „Süddeutsche Zeitung“.

Kompromisse lassen sich leicht anklagen. Beispiel: Wenn die Grünen mit einer weit nach rechts abgebogenen ÖVP eine Regierung bilden – und dann auch bei schwerem Wetter am Regierungspakt festhalten. Oder: Soll man mit einem bewaffneten Gewaltherrscher wie Wladimir Putin noch verhandeln und einen Kompromiss suchen, um vielleicht „noch Schlimmeres“ zu verhindern – oder muss bei einem Regime, das so sehr das Böse verkörpert, einfach entschlossen dagegengehalten werden?

Diesen und ähnlichen Fragen stellt sich die Bielefelder Philosophieprofessorin Véronique Zanetti in ihrem Buch „Spielarten des Kompromisses“. Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen: der Kompromiss und die Frage, wie labile Einigungen entstehen, seien in der Philosophie bisher weitgehend ignoriert worden.

Zanettis Buch kulminiert in ein „Plädoyer für den Kompromiss“. Dabei macht es sich die Autorin keineswegs leicht. Sie weiß, dass „große soziale Veränderungen“ meist von jenen Menschen vorangetrieben wurden, „die sich kompromisslos für eine Sache eingesetzt haben“.

Aber zugleich sind diese Veränderungen in Kompromissen verwirklicht worden. Mehr noch: Der Kompromiss ist selbst eine Tugend: er lebt von der Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Vom Respekt füreinander. Und auch von der Anerkennung des Vorrangs einer friedlichen Lösung. Plädoyer für den Kompromiss weiterlesen

Radical Kitsch

Die documenta 15 versank in Skandalberichterstattung. Aber was bekam man da wirklich zu sehen? Ein Tag in Kassel.

Als ich Bekannten unlängst erzählte, dass ich in Kürze nach Kassel fahren werde, um beim documenta-Institut ein Gespräch über „linke Kunst“ und über mein Buch „Das große Beginnergefühl“ zu führen, sagten diese: „Oh, bei der Skandal-documenta…“, und warfen mir einem mitleidigen Blick zu.

Als vollziehe sich in Kassel gerade ein abscheuliches Geschehen, das durch meine bloße Anwesenheit auf mich abfärben könnte.

Die Skandalisierer der documenta Fifteen haben ganze Arbeit geleistet, das ist ja gar nicht abzustreiten. Eine voraussetzungsfreie oder vorurteilsfreie Betrachtung der Schau ist für niemanden leicht möglich, da man alles, was man sieht, schon intuitiv zu dem Gerede in Beziehung setzt, in das diese Messe der zeitgenössischen Weltkunst geraten ist. Aber gerade deshalb wollte ich die Schau auch sehen. Weil ein paar Artefakte und der Generalverdacht, mit denen sie umgeben wurden, alles weitere völlig in den Hintergrund rückten und nahezu unsichtbar machten. Man hat Berichte über umstrittene Wimmelbilder gelesen, Interviews dazu, meinungsstarke Polemiken, Gegenstimmen, eine in Kampagnenjournalismus eskalierende Erregung und so weiter – aber praktisch kaum noch Urteile und Abwägungen zu ästhetischen Empfindungen, zu Stilen, zu Formensprachen und Sprachformen oder zum künstlerischen Status der ganzen Sache. Also wollen wir uns einmal annähern daran, was diese documenta ist und wie sie sich dem Besucher präsentiert.

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Ayatollah Herbert und sein Comical Michi

Früher war es Politikern  peinlich, wenn sie beim Flunkern erwischt werden. Die rechten Radaubrüder haben noch Spaß daran.

„Dass es Streitigkeiten oder Zerwürfnisse innerhalb der FPÖ gibt, ist nicht der Fall“, sagte FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz vergangene Woche. Er erinnerte damit an den Sprecher von Saddam Hussein, der es vor zwanzig Jahren zu globalem Starruhm brachte, indem er wortreich das exakte Gegenteil der Realität behauptet hat, selbst wenn die Realität für alle schon erkennbar war. Dass es keine amerikanischen Soldaten in Bagdad gäbe, behauptete er noch, als die ihn schon mit einem lockeren Steinwurf ausschalten hätten können. Der Mann wurde als „Comical Ali“ – „der komische Ali“ – weltberühmt. Der „komische Michi“ behauptet nun, es gäbe in der FPÖ keine Streitigkeiten, obwohl in den Tagen davor herausgekommen ist, dass sich die Streithanseln erstens: mit allen Mitteln versucht haben, fies das Bein zu stellen, zweitens: in direktem Zusammenhang damit einer der engsten Vertrauten von Herbert Kickl wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen wurde und aus der FPÖ Hals über Kopf „austrat“, sowie, drittens: dann auch noch einen Suizid-Versuch unternommen hatte. Zumindest eines ist sonnenklar: Üblicherweise wird jemand nicht zum überstürzten Austritt aus seiner langjährigen Partei-Heimat gedrängt, wenn es keine „Streitigkeiten oder Zerwürfnisse“ gäbe. Ayatollah Herbert und sein Comical Michi weiterlesen

In den Tod gehetzt

Es gibt keine „Polarisierung“. Es gibt nur eine rechte Sekte, die sich in den letzten Jahren immer mehr radikalisiert hat. Zum Tod von Lisa-Maria Kellermayr.

Mein Steady-Newsletter „Vernunft & Ekstase“ vom 4. August.

In Österreich wurde eine Ärztin vom rechtsextremen Impfgegner-Mob in den Tod gehetzt. Lisa-Maria Kellermayr hatte sich von Beginn der Covid-19-Pandemie an um Patienten gekümmert, sie hatte ganz praktische Behandlungserfahrungen gesammelt, als Anfangs alle noch im Blindflug unterwegs waren, sie hatte damit auch eine gewisse Prominenz erlangt, war dann den Covid-Leugnern und Impfgegnern ein Dorn im Auge. Sie erhielt Hassmails, Morddrohungen, in denen ihre Todesart in den grellsten Farben ausgemalt wurde. Die Polizei nahm sie nicht ernst und fraternisierte noch mit dem Mob. Kellermayr musste sich private Sicherheitsdienste für ihre Arztpraxis organisieren und sich um die Kosten selbst kümmern. Im Grunde haben sie alle allein gelassen. Jetzt nahm sie sich das Leben. Die radikale Hassmeute triumphiert. „Ding Dong die Hex ist tot“, singen sie. Perfide und bösartig lachen diese moralisch verrotteten Gestalten auch noch über den Suizid, wie ein Berliner AfD-Abgeordneter, der der Toten hämisch nachrief, dass sie höchstwahrscheinlich „als Impfpropagandistin mit der schweren Schuld nicht mehr leben wollte“.

Geradezu skurril die Einlassung der oberösterreichischen Ermittlungsbehörden, die dem Opfer Hilfe versagten und nun umgehend mit der Diagnose zur Stelle waren, es gäbe keine Hinweise auf „Fremdverschulden“ – dabei hat es selten einen Suizidfall gegeben, bei dem das „Fremdverschulden“ derart ostentativ ins Auge sprang.

Abseits des ekelerregenden Ungeistes und der schrulligen Polizistenrhetorik wird im klebrig-süsslichen Sound jetzt die „Polarisierung“ beklagt. Im Pfaffenton sprechen Mittelwegs-Politiker in die Kameras, es ginge darum „die Gräben zuzuschütten“. Zwischen Irrsinn und Verbrechen auf der einen Seite und der vernünftigen Zivilität auf der anderen Seite möchten sie unbedingt noch einen Konsens suchen. Wahrscheinlich hätten sie wohl auch noch zwischen Himmler und Anne Frank eine Art von Mittelweg ausloten wollen.

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