„Natürlich“ ist der frühe Tod

Vor 150 Jahren waren die Kickls ihrer Tage gegen Eisenbahnen, weil die „unnatürlich hohen Geschwindigkeiten“ gefährlich seien.

Unlängst fragte mich ein Handwerker und Gewerbebetreibender. „Herr Misik, warum ist unsere Politik so verrückt?“ – Da ich nicht wusste, worauf er hinaus wollte, fragte ich nach. „Na, wieso ist bei uns die Opposition so deppert?“ Das fragen sich viele Menschen. Wir haben zwar eine Regierung, die haarsträubende Fehler macht, aber eben auch eine Opposition, die haarsträubend blöde Forderungen aufstellt. Den Vogel schießt hier immer die FPÖ ab. Die ist gegen Tests, sie ist gegen Lockdowns und schürt jetzt auch die Impfskepsis. „Die Österreicher sollen Versuchskaninchen sein“, wettert Herbert Kickl, der Horrorclown des Parlaments. Man fragt sich, was der eigentlich will. Pandemie für ewig? Durchseuchung, bis halt 100.000 Leute tot sind?

Dass diese skurrilen Phrasen auf fruchtbaren Boden fallen, hat aber auch mit der Wissenschaftsskepsis zu tun, die wir uns – teilweise aus guten Gründen – antrainiert haben. Wissenschaftler haben schließlich nicht nur für phantastische Fortschritte gesorgt, sondern auch die Atombombe entwickelt, die Medizin hat fürchterliche Krankheiten besiegt, aber wir wissen auch, dass die Pharmaindustrie primär auf ihre Profite schaut. „Natürlich“ ist der frühe Tod weiterlesen

Die Krise der Vernunft

Warum gehen auch Linke und Grüne den Verschwörungstheoretikern auf dem Leim?

Es gibt Polarisierung, Gereiztheit und das Gegeneinander, aber natürlich gibt es ein paar Dinge, die eigentlich weitgehend Konsens sind. Erstens haben wir alle den Lockdown satt. Den einen fällt die Decke auf den Kopf, die anderen sind einfach einsam, die dritten völlig überfordert von Homeoffice und Distance-Learning, wieder anderen können nicht mehr schlafen wegen der wirtschaftlichen Sorgen. Zweitens rauft man sich die Haare angesichts einer Regierung, die dauernd schlampt, wie etwa bei der Impfung. Drittens sinkt die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger, sich weiter an Maßnahmen zu halten, wenn es nicht gerecht zugeht. Man selbst soll nicht einmal seine Freunde treffen, in den Gondeln in den Skigebieten dürfen sich zwanzig Leute drängeln – diese Bilder waren wirklich fatal.

Daher ist total verständlich, dass viele Leute die Maßnahmen einfach weg haben wollen. Aber wenn wir jetzt aufgeben, haben wir Ende Februar wohl die nächste echte Katastrophe.

Aber da hört die Einigkeit schon auf und der Hader fängt an. Es gibt Leute, die die Krankheit zwar nicht leugnen, aber die Maßnahmen dennoch weg haben wollen. Dann würden zwar einige zehntausend Menschen sterben, aber sie hoffen eben, dass sie nicht darunter sein würden – und auch ihre Oma nicht. Natürlich glauben diese Menschen dann auch ganz fest daran, dass es schon nicht so schlimm kommen würde. Und an diesem Punkt nähern sich diese „Wütenden“ dann den „Corona-Leugnern“ und völligen Spinnern an. Man klammert sich einfach an absurde Hoffnungen. Die Krise der Vernunft weiterlesen

Die Wut der Vernünftigen

Alle reden von der kleinen Gruppe der Corona-Spinner. Aber es gibt auch den Zorn der Vernünftigen – und er ist ein stiller Zorn.

Es gibt die kleine Gruppe an Egozentrikern und auch total Verrückten, die meinen, dass es die Corona-Seuche gar nicht gibt, dass das Virus eine Erfindung von düsteren Strippenziehern sei, dass die Impfung fürchterliche Nebenwirkungen habe, die viel schlimmer wären als das „kleine Gripperl“ und dass wir in einer Diktatur leben würden, die böswillige Herrschende über uns errichten. Es sind im Endeffekt moralisch verkommene Egoisten oder weltfremde Spinner, die glauben, etwas Unangenehmes würde weggehen, wenn man es nur ignoriert, so wie die Kinder, die sich die Augen zuhalten und meinen, das Ungeheuer könne sie dann nicht sehen.

Diese Gruppe ist laut.

Es gibt aber auch die stille Wut in unserer Gesellschaft, sie bekommt überhaupt keine Aufmerksamkeit und wird daher stark unterschätzt. Der deutsche Autor und „Spiegel“-Kolumnist Sascha Lobo hat sie den „Zorn der Vernünftigen“ genannt.

Es ist der Zorn über Regierende, die in der Pandemie nicht einfach ihre Arbeit tun, sondern eine Show nach der anderen abziehen. Die nur an Umfragen denken und in elf Monaten Pandemie mal „alles wieder gut“ verkünden und wenn sich dann herausstellt, dass das keineswegs der Fall ist, Zuwanderern die Schuld geben, das Virus „eingeschleppt“ zu haben. Es ist der Zorn über Politiker in Bundesregierung und in den Ländern, die keine Vorbereitungen treffen. Die Wut der Vernünftigen weiterlesen

Freiheit und Egoismus

Wer meint, er habe das Recht, Andere zu gefährden, ist ein ichbezogener Egozentriker – und kein Freund der Freiheit.

Ich mochte das Wort „Querdenker“ ja nie besonders gerne. Es stand früher für „unkonventionell“ und „frisch“, aber auch ein wenig für „originell“ nur der Originalität wegen. Und es wurde auch oft einfach nur für Leute verwendet, die gedacht haben und sich nicht auf das Nachplappern von billigen Vorurteilen beschränkten, weshalb auch so mancher „Denker“ einfach „Querdenker“ genannt wurde. Aber jetzt ist der Begriff „Querdenker“ sowieso für obskurantische Wirrköpfe reserviert, die alles glauben, was ihnen vegane Köche oder Schlagersänger so via Social Media zusenden. Kein Mensch, der seine sieben Sinne beisammen hat, wird sich heute noch gerne als Querdenker bezeichnen lassen.

Kritisches Denken zeichnet sich eben nicht dadurch aus, jeden Unfug zu glauben, nur weil dieser den Erkenntnissen der Wissenschaft entgegensteht oder justament das Gegenteil von dem behauptet, was Regierungspolitiker so von sich geben. Kritisches Denken bedeutet, alle verfügbaren Informationen zu sammeln, diese gegeneinander abzuwägen, sich im Rahmen der eigenen Fähigkeiten (heißt: soweit wir als Laien dazu in der Lage sind) der Erkenntnisse der Wissenschaft zu bedienen und dann ein eigenes Urteil als mündiger Bürger und Bürgerin zu treffen.

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Hoffnung für 2021

Die Zwanzigerjahre könnten ein Jahrzehnt voller Lebensappetit werden. Optimismus kann jedenfalls nicht schaden.

Das Jahr, das nun zu Ende geht, hat uns eines gelehrt: Wie zerbrechlich unsere Normalität ist. Innerhalb von nur wenigen Tagen kann sich unser Leben vollständig ändern, es kann auf den Kopf gestellt werden. Auch das zeigt dieses Jahr: Wie sehr wir auf unsere Normalität vertrauen, und wie absurd dieses Vertrauen dann im Nachhinein wirkt, dann nämlich, wenn die Abnormalität in unser Leben eingebrochen ist.

Wir unterliegen als Gesellschaft einer Art von „Kontrollillusion“: Ist alles normal, haben wir das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Umso erschütterter sind wir, wenn wir die Erfahrung des Kontrollverlustes machen. Wir sehen jetzt: Wir haben nicht alles unter Kontrolle.

Im Lichte dieser Erfahrung sind wir auch etwas demütiger, was Prognosen für die nächsten Monate betrifft. Was wissen wir schon? Wir wissen noch nicht einmal, wie in etwa das Infektionsgeschehen im Februar sein wird.

Und dennoch können wir auch mit etwas Optimismus ins Jahr 2021 sehen. In einer phantastischen internationalen Kraftanstrengung haben geniale Forscher, entschlossene Regierungen und Pharmaunternehmen innerhalb weniger Monate eine Reihe von Impfstoffen entwickelt. Einige basieren auf einem relativ neuartigen Verfahren, andere auf der klassischen Impftechnologie. Mittlerweile sind bereits Millionen Menschen geimpft und viele zehntausende Menschen sind seit Juni in den Testgruppen geimpft worden. Unter diesen vielen Zig-Tausenden sind praktisch keine nennenswerten Nebenwirkungen aufgetreten. Hoffnung für 2021 weiterlesen

Vorankündigung: Mein Buch „DIE NEUE (AB)NORMALITÄT

Im Februar erscheint mein Buch „Die Neue (Ab-)Normalität. Unser verrücktes Leben in der pandemischen Gesellschaft“ (Picus Verlag, 160 Seiten, 16.- Euro). Rezensionsexemplare oder das PDF der Druckfahnen können auch hier über den Verlag bestellt werden. 

Hier schon ein paar Takte aus dem Buch, um einen kleinen Eindruck zu gewinnen: 

In Charles Baudelaires „Les Fleurs du Mal“ gibt es das Gedicht „À une Passante“ („Auf eine Vorübergehende“). Tobender Straßenlärm, städtische Menge. Die Erzählerposition hat ein Mann der Menge inne, die Ich-Figur, an ihm geht eine Passantin vorbei, Blicke, die sich treffen, kurz, wie ein Blitz. „Werd ich in Ewigkeit dich erst wiedersehen? / (…) Ich weiß nicht, wohin du gehst, du nicht, wohin ich / Dich hätte ich geliebt und du hast es gewusst.“ Für Walter Benjamin war Baudelaire der erste große Dichter des großstädtischen Lebens, einer neuartigen Existenzform, die sich durch Eigenarten auszeichnet wie: Lautstärke, Lebendigkeit, ein Feuerwerk der Eindrücke und flüchtiger Wahrnehmungen, Blicke, Sehen, Gesehenwerden, anonymer Begegnungen, Überreizung der Sinne.

Modernes Leben, das sind Begegnungen, Kennenlernen und vergebene Möglichkeiten, Phantastereien über andere. Geräusche, Maschinengetöse manchmal, das Gerumple der Tramways, Gehupe der Autos, schnurrende Motoren, das Quietschen, wenn einer zu schnell um die Ecke fährt, der Geruch aus der Bäckerei, Gewurl der Leiber, die Menschentrauben vor den Lokalen, die Raucher in den Hauseingängen. Hunderttausende, die zu Freunden werden könnten, aber Unbekannte bleiben, weil wir an ihnen vorüber eilen. So lebten wir.

Im Jahr der Ansteckung war dieses städtische Leben zeitweise völlig still gestellt, und auch ansonsten schmerzhaft ausgedünnt.

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Heldenzeit

Dieses Jahr hat uns viel abverlangt. Aber es war nicht alles schlecht.

Fürwahr, das war kein einfaches Jahr. Die Seuche hat die Welt im Griff, bisher sind knapp zwei Millionen Menschen an Covid-19 gestorben, und das sind nur die fix dokumentierten Fälle. Ohne massive Eingriffe ins öffentliche Leben wären weltweit zig-Millionen gestorben.

Wir alle haben sehr viele Opfer bringen müssen: unzählige Menschen haben Angst um Zukunft und Arbeitsplatz, und können abends nicht richtig einschlafen, andere arbeiten rund um die Uhr und wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht. Wiederum andere sind von chronischer Einsamkeit geplagt, haben Depressionen – und uns allen geht das Sozialleben ab, all die Dinge, die Spaß machen und jetzt verboten sind.

Aber wir können auch stolz darauf sein, wie wir bisher durch dieses Desaster gekommen sind. Heldenzeit weiterlesen

Die Spritze, Objekt der Begierde

Unser altes Leben werden wir erst mit der Impfung zurückbekommen.

Unsere beste Chance, diese Pandemie hinter uns zu lassen, ist die Impfung. Langsam dämmert uns aber, dass wir trotzdem noch harte Monate vor uns haben. Bis April wird sich an unserer Situation nur wenig ändern. Das ist keine Freude, aber auch nicht zu ändern. Mit einem Virus kann man nicht verhandeln.

Die Regierung hat jetzt angedeutet, dass in den ersten Monaten des neuen Jahres bestenfalls das medizinische Personal geimpft werden wird, vielleicht noch Teile der absoluten Risikogruppen, etwa Bewohner von Seniorenheimen. Mehr ist offenbar kurzfristig nicht zu schaffen. Im Frühjahr bis zum Sommer können dann vielleicht alle älteren Personen und Menschen mit Risikoerkrankungen geimpft werden. Alle anderen, die Sechzigjährigen, Fünfzigjährigen, die Jüngeren – sie kommen dann nacheinander dran. Das wird sich bis weit in den nächsten Herbst hineinziehen, wenn nicht bis in den Winter.

Ja, das ist ernüchternd. Denn das heißt: Wir haben noch rund ein Jahr vor uns, in der die Seuche unser Leben bestimmt.

Viele Menschen sehnen sich nach einem normalen Leben zurück, und das bekommen wir nur mit der Impfung. Die Spritze, Objekt der Begierde weiterlesen

Impfung gegen Covid-19: Alles was Du wissen musst!

Innerhalb von nicht einmal 10 Monaten gelang es Wissenschaftlern aus aller Welt, in einer phantastischen Kraftanstrengung aller Beteiligten – der Forscher, des Laborpersonals, aber auch der Pharmafirmen und einer Vielzahl von Regierungen – mehrere Impfstoffe gegen Covid-19 zu entwickeln. Das zeigt, welche medizinischen Fortschritte die Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten gemacht hat. Dennoch gibt es viele Fragen zu den verschiedenen Impfungen, mit denen ich mich in den vergangenen Wochen beschäftigt habe. Natürlich bin ich kein Spezialist auf dem Feld, aber ich habe vielen Spezialisten auf dem Feld zugehört und versuche so knapp wie möglich zusammenzufassen, was für das Thema relevant ist. Wer sich selbst darüber hinaus informieren will, findet am Ende hier Links zu Beiträgen, die sehr umfassend sind und einige Stunden an Informationsarbeit verlangen, aber auch für den interessierten Laien verständlich sind.

Viele Sorgen, die ja auch von gewissenlosen Leuten geschürt werden, betreffen die Sicherheit der Impfungen.

Kann eine Impfung, die innerhalb von nur knapp acht Monaten die Zulassungsstufen durcheilte, überhaupt so sicher sein wie andere Impfstoffe?

Ja, denn die Zulassungsschritte für Sicherheitsprüfungen sind ja klar geregelt und da kann gar nicht lässiger oder gar nach-lässiger vorgegangen werden. Erst wird in ganz kleinen Probandengruppen die Sicherheit überprüft (wenn es zu schweren Nebenwirkungen kommt, wird die Entwicklung sofort gestoppt), dann die Wirksamkeit des Impfstoffs untersucht. Und erst in einer dritten Stufe wird mit vielen tausenden Testpersonen die Wirksamkeit und die Sicherheit noch einmal genau studiert.

Warum dauert das dann meistens jahrelang und diesmal nicht?

Erstens weil damit sehr viel Papierkram verbunden ist – und zwischen den verschiedenen Erprobungsstufen müssen Behörden die Papiere prüfen. Oft liegen die Akten dann monatelang herum. Jede dieser Teststufen sind teuer und brauchen Förderung – normalerweise werden diese Förderanträge gestellt, auch sie liegen oft monatelang herum, dann kommt vielleicht eine Absage, dann müssen die Forschungsgruppen bei einer anderen Forschungsförderungsstelle einen Antrag stellen… Alleine der Papierkram kann Jahre dauern. Das war diesmal nicht der Fall, da alle Behörden an einem Strang zogen und Geld einfach endlos zur Verfügung stand. Die Wissenschaftler mussten nicht ihre Zeit damit verschwenden, Euros zusammen zu kratzen. Impfung gegen Covid-19: Alles was Du wissen musst! weiterlesen

Wo jeder jeden kennt hat es das Virus leicht.

Treiber der Pandemie sind ja immer nur die anderen. Ein fataler Irrglaube – der der eigentliche Treiber der Pandemie ist.

Der Seuchenstress schlägt sich nicht nur auf das Gemüt, sondern auch auf die Sprache. Mit Massentests können wir Infizierte aus der Bevölkerung „herausfischen“ und „isolieren“, wird salopp kommentiert, und manchmal wird gelobt, dass sich die Bevölkerung – oder auch nur Teile von ihr – „diszipliniert“ verhalten. Und auch wenn wir keine unverantwortlichen Falotten sein wollen, so wollen wir doch nirgends „herausgefischt“ werden und wir reagieren auch allergisch darauf, wenn wir „diszipliniert“ oder wie Kleinkinder behandelt werden. Ich persönlich sehe mich lieber als jemanden, der sich aus freien Stücken verantwortungsvoll und vorsichtig verhält, und weniger gerne als „diszipliniert“. Das Wort hat mindestens einen Beiklang der Freudlosigkeit. Eigentlich klingt es verdammt nach Untertan. „Diszipliniert“ das sind Soldaten beim Exerzieren, die im Gleichschritt marschieren.

Nennen wir es einfach „vernünftig sein“. Es ist vernünftig, während einer Pandemie vorsichtig zu sein, sich selbst zu schützen und damit auch die älteren Familienangehörigen. Freilich, mit der Sprache hören die Probleme nicht auf. Eine der Eigenarten von uns Menschen ist, dass wir das eigene Verhalten gerne als vernünftig ansehen, und dabei mit uns nicht allzu streng sind – während andere, zumal Unbekannte, da auf weniger Nachsicht rechnen können. Ich bin ja vernünftig, ich treffe ja nur Tante Erna, Oma Hildegard und meine fünf besten Freunde, und die sieben kenne ich ja genau. Bei denen weiß ich ja, die sind vorsichte Leute und waschen sich sogar drei Mal am Tag die Hände. Aber bei den Fremden, bei denen weiß man nicht so genau. Wo jeder jeden kennt hat es das Virus leicht. weiterlesen

„Geld und Leben“ – ein Gespräch mit Ewald Nowotny, dem ehemaligen OeNB-Chef

Er übernahm die krisengebeutelte BAWAG und war mit einem Bankrun konfrontiert, als OeNB-Chef hatte er eine Weltfinanzkrise zu meistern. Jetzt hat Ewald Nowotny ein packendes Buch über seine Erfahrungen geschrieben. Im Kreisky Forum haben wir uns darüber unterhalten, wie man in Notsituationen entscheidet und wie er als junger Mann zum Sozialisten wurde.

Wer ist hier der Gefährder?

Sebastian Kurz ist gut im Polarisieren, aber lausig im Vereinen. In einer Pandemie ist das gefährlich für die Gesundheit.

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka lädt jetzt die Parlamentarier zum gemeinsamen Gebet ein, und manche halten das für unangebracht, weil Staat und Religion ja getrennt gehören. Andererseits: Wenn man in einer historischen Krise wie dieser Sebastian Kurz als Kanzler hat, dann hilft nur mehr beten.

Wenn man Sebastian Kurz und seiner Schmähtandlerregierung grundsätzlich kritisch gegenüber steht, ist man gegenwärtig in einer komischen Kalt-Warm-Situation. Man könnte sich ja freuen, dass sich der Kanzler als hilflos und unfähig herausstellt. Andererseits sind wir in der größten Krise der Geschichte und da ist eine hilflose und unfähige Regierung so ziemlich das größte Pech, das man haben kann. Man wünscht sich täglich, dass Kurz und seiner Chaos-Truppe wenigstens irgend etwas gelingen würde. Schließlich kostet das Unvermögen mittlerweile Tag für Tag über hundert Menschenleben. Davon wären wohl die Hälfte zu verhindern gewesen, wenn wir eine tüchtigere Regierung hätten.

In einem hat Sebastian Kurz aber recht: Regierung, Länder und Behörden können nicht alleine solch eine zähe, langsame Katastrophe abwenden. Auch wenn er sich immer gerne auf andere herausredet, ist es ja auch nicht falsch, wenn er sagt, dass es auf die Bürgerinnen und Bürger selbst ankomme. Dass die Menschen verantwortungsvoll handeln, Vorsicht walten und sich an die Anti-Seuchen-Maßnahmen halten müssen.

Aber auch das kann man als Bundeskanzler beeinflussen, dafür braucht es Regierungskunst. Und klar, da gehört Kunst tatsächlich dazu, denn Kanzler wird man bei uns, indem man eine Mehrheit erringt, also Parteimann ist, aber wenn man dann einmal Kanzler geworden ist, muss man doch der Regierungschef für alle Menschen eines Landes sein. Kurz ist aber gut im Polarisieren, aber lausig im Vereinen.

Er braucht immer Leute, denen er die Schuld zuschieben kann. Vergangene Woche waren es, ein Höhepunkt der Unsäglichkeit, wieder die Migranten, die angeblich das Virus „aus ihren Herkunftsländern“ im Sommer nach Österreich brachten. Also die vielen Menschen, die hier als Paketfahrer, Pfleger, als Ärztinnen, am Bau, als Lehrerinnen oder als Installateure, in den Supermärkten arbeiten und deren Namen vielleicht auf -ić enden. Es ist einfach niederträchtig. Wer ist hier der Gefährder? weiterlesen