Lebe und liebe intensiv!

Intensität als Lebensideal: Wille zum Extrem, Lebenshunger, Menschenappetit. Zur Geschichte und Gegenwart einer Sehnsucht.

Der Standard, Juli 2018

„Bekanntermaßen sind Frauen bereit, beim Liebhaber um des intensiven Gefühls willen, das er in ihnen erweckt, Eigenschaften – wie launisches Gebaren, Selbstsucht, Unzuverlässigkeit und Brutalität – zu tolerieren, die sie beim Ehemann niemals dulden würden“, schrieb die große Essayistin Susan Sontag einmal. Wir können Sontag überhaupt eine Ikone der Intensität nennen, eine, die das Intensive suchte, im eigenen Leben, im Tempo, mit dem sie dieses führte, aber auch in ihrer Literaturkritik. Beim Lesen und beim Denken erlebte sie „intellektuelle Ekstase“, das intellektuelle Begehren ähnle dem „sexuelle(n) Begehren“ notierte sie in ihre Tagebücher. Über Lyrik und Prosa schrieb sie, die Romantik verteidigte die Poesie, indem sie „prosaisch“ zu einem herabsetzenden Begriff machte, „in der Bedeutung von langweilig, abgedroschen, alltäglich, zahm“, während die Poesie „als ein Ideal von Intensität“ gefeiert würde.

Ohne Zweifel hatte die Autorin so etwas wie eine Sucht nach Intensität.

Dass echtes Leben im intensiven Erleben bestünde ist ein jahrhundertealtes Motiv, das sich als Ideal tief in unsere Gehirne festgesetzt hat. Schon in der Romantik hatte dieses Gedankenbild seinen ersten großen Höhepunkt im Kult um die „Kraft-Genies“, die keine Grenzen kannten, Konventionen umwarfen, die Tiefe des Erlebens feierten. „Abenteuerlust, Wille zum Extrem, Intensitätshunger, Liebe und Todeslust“, nannte das Rüdiger Safranski in seinem Buch über die Romantik. Der Begriff selbst wurde durch die moderne Physik popularisiert, folgt zunächst einer graduellen Metrik wie Schwelle oder Grad, von der Art: etwas wird nicht nur heißer, sondern die Hitze gewinnt an ganz neuer Intensität, Hitze ist mehr als nur wärmer als lauwarm.

Später, in der Lebensphilosophie, wurde bisweilen der Vitalismus hoch gehalten, gegen die kleinbürgerliche Einrichtung in einem langweiligen Leben.
Wer sich fügt in das „leere Verstreichen der Zeit“ der lebe in der „Uneigentlichkeit“, wie das Martin Heidegger verschwurbelt nannte. Dem setzte er die „Eigentlichkeit“ entgegen: „Eigentlichkeit ist Intensität.“ Selbst in Kriege zogen Menschen, um zum grellen Genuss einer intensiven Unendlichkeit zu kommen, und besangen das Erlebte dann noch, wie Ernst Jünger das etwa tat – als Ausbruch aus einer verwalteten Welt, in der es kein Risiko oder Abenteuer mehr gibt. Im Jugendstil und der Wiener Moderne wiederum waren „Nerven“ und „Nervosität“ ein großes Thema, weil der moderne Mensch nicht nur immer mehr Reizen ausgesetzt war, sondern weil die Suche nach dem intensiven Reiz selbst zu einem Ideal wurde. Leben hieß intensiv leben. Die „Hysterie“ war die Modekrankheit der Epoche, man brachte sie wie selbstverständlich mit überreizten Nerven in Verbindung.

„Das normale westliche Leben mit seiner niedrigen existenziellen Intensität wird von Rimbaud bis zum Surrealismus, von Thoreau bis zur Hippie-Bewegung … kritisiert“, notiert der französische Schriftsteller und Philosoph Tristan Garcia, der unlängst ein Buch geschrieben hat mit dem Titel: „Das intensive Leben – eine moderne Obsession.“

Der intensive Mensch würde geradezu zu einem „moralischen Ideal“, so Garcia. Das Laue steht im schlechten Licht, auch die Dauerhaftigkeit von Zuständen, die immer zu Routine und Verflachungen des Empfindens führen müssen. Nicht zuletzt unsere Bilder von der Liebe sind davon infiziert, sie sind meist Bilder vom grellen Blitz der Begegnung, von Beginnergefühl und selten Bilder, die etwa die Romantik der Dauerhaftigkeit hoch halten. Liebe ist etwas, schrieb der Philosoph Alain Badiou in seinem schmalen Büchlein „Lob der Liebe“, das für jeden das ausmacht, „was dem Leben Intensität und Bedeutung verleiht“. Sie ist ohne Risiko nicht zu haben. Liebe überwältigt, sie ist ein Absturz, „to fall in love“ heißt es nicht zufällig im Englischen. Einher ging mit all dem immer schon der Jugendkult, die Jugend war scheinbar definitionsgemäß mit Intensität, Entdeckergeist und Menschenappetit und Beginnergefühl verbunden, während das Alter sich rechtfertigen musste, denn letzteres „steht unter dem Verdacht, abgestorben und erstarrt zu ein“ (Safranski).

Forever Young, lebe schnell und verglühe früh. Bei Garcia liest sich das so: „…schnelles Leben, Entfesselung aller Empfindungen, das Verlangen, sich von den Intensitäten alles Kommenden durchzucken zu lassen, der Eindruck, dass der Lebenshöhepunkt in der Jugend, der Pubertät liegt, dass die Erfahrung als Erwachsener nur eine Folge von Anpassungen und Entsagungen, eine lange und langsame Verringerung der Lebensintensität ist.“

Wir haben Klischees im Kopf, und immerzu die gleichen Begriffe auf der Zuge. Dass man sich nur in der Intensität „wirklich spürt“ und all das. Intensives Leben wird als Gewitter beschrieben, als Vibrations und Vibes, unter Strom stehen (die Elektrizität war sehr bald eine Metapher des Intensiven), und womit immer es herbeigeführt werden kann, hat verführerische Kraft: „Drogen, Alkohol, Glückspiel, Verführungen, Liebe, Orgasmus, Freude.“ Kick und Adrenalinkick. „Begehren zur Spannungssteigerung“, wie das Jean-Francois Lyotard in seinen „Intensitäten“ nennt. Auch der politische Radikalismus und die Sehnsucht nach dem Umsturz oder der Revolution haben mehr als nur eine Prise dieser Intensitätsgier: Langeweile, eine Politik der kleinen Schritte und das öde Klein-Klein sollen in den Boden gestampft werden. Einbruch des Unvorhergesehenen, Neubeginn der Zeitrechnung, elementares Ereignis.

Nun ist der Kult des Ereignisses selbst zur Ideologie geworden, aber natürlich nicht reine Ideologie: Wo nichts geschieht, kann man nicht leben. Wer mag schon den Trott? Wenn das Leben nur mehr aus einem Weiter-so besteht, werden die Menschen unruhig. Jeder will Sicherheit, einerseits, aber genauso oft schlägt man alle Sicherheiten kaputt, wenn sich gar nichts mehr tut. Ganze Berufsgruppen leben davon, die Trümmer wegzuräumen, die die Midlife-Crisis überall anrichtet. Und wieder andere Branchen boomen, die versprechen, durch Inanspruchnahme ihrer Dienstleistungen erlerne man das „tiefe Empfinden“, von Yogo über Meditation bis skurrilen Therapien. Erlebnishunger und Sehnsucht nach Ekstase sind nicht die schlechtesten Eigenschaften der Menschen, schließlich sind sie mit Neugier verbunden, und das indifferente Fügen in einen leeren Lauf der Zeit ist keineswegs erstrebenswert. „man braucht die große tabula rasa, auf der man spielt, das beginnergefühl“, notierte Bertolt Brecht in sein „Arbeitsjournal“.

Aber der Kult der Intensität hat auch mehr als nur eine fragwürdige Seite. Menschen sind, beispielsweise, oftmals bereit, alles kurz und klein zu schlagen oder eine Apokalypse anzurichten, nur damit irgendetwas geschieht. Eine andere Fragwürdigkeit hat Tristan Garcia aufgespürt: das Ideal vom intensiven Leben hält eher eine Idee von Intensität hoch als eine Idee vom Leben. Der intensive Mensch intensiviert alle Vitalfunktionen, will also nichts anderes sein, als er schon ist – nur „mehr und besser“. Und endet schnurgerade in der Belanglosigkeit des Hedonismus, dem alles recht ist, was nur eine intensive Zeit verspricht. Das gleiche, aber nur in höherer Dosis, damit man es noch spürt. Welche Existenz man vorziehen mag, ist gleichgültig, Hauptsache man führt sie intensiv. Von Sex bis Krieg bis zum Kunsterlebnis – man kann alles intensiv machen. Die Idee der Intensität taugt daher auch bestens für die Kommerzialisierung und die Sprache der Werbung, jede Ware ist eine Intensitätsverheißung, die uns hilft, das, was wir ohnehin erleben, noch intensiver zu erleben, vom Partywochenende, intensiviert durch Koks, Ecstasy oder MDMA, bis zum gefühlsechten Kondom und zur Dating-App, die Liebeserlebnisse in höherer Zahl und in intensiverem Stakkato ermöglicht. Aber schon der letztere Fall zeigt den Kurzschluss solcher Intensitätsverheißung: Durch die Beschleunigung des Taktschlages werden die Dinge nicht notwendigerweise intensiver, sondern selbst zur Routine und zum verflachenden Erlebnis. Am Ende tut man dies und das, und gerade die Gier, es intensiv zu tun wird zur Routine.

Je mehr man über Intensität nachdenkt, desto mehr zerrinnt einem dieses eigentümliche Konzept zwischen den Fingern. Hat es mit einer graduellen Steigerung zu tun, oder gerade eben nicht? Ist Intensität mehr vom Vorhandenen oder eben die riskante Abkehr vom Vorhandenen? Ist Intensität bisweilen vielleicht sogar „weniger“? Nämlich – das Leben leer räumen, um überhaupt wieder etwas spüren zu können? Intensität kann darin bestehen, jede Erlebnismöglichkeit wahr – und damit nichts mehr ernst – zu nehmen, oder im genauen Gegenteil, etwas tödlich ernst zu nehmen.

Irgendwie ein Dilemma ohne Ausgang. Der Trott, der ist doch nicht das wahre Leben. Aber die permanente Intensivierung ist womöglich auch nur die falsche Lösung.

Kritik des Erfolgs

Was ist schlecht an Kreativität, Effizienz, Leistung und Kompetenz? Nichts und sehr viel zugleich. Der Standard, 6./7. September 2014 

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Sie werden beobachtet. Sie schauen auf Dich. Und das ist ja eine schöne Sache, dass wenigstens irgendjemand auf Dich schaut. Schau auch ein bisschen auf Dich. Wenn jeder auf sich selbst schaut, dann ist auf jeden geschaut. Aber auf manche wird eben mehr geschaut. Die Sichtbarkeit ist nicht demokratisch verteilt. In einer Gesellschaft, in der du stets von anderen beobachtet und beurteilt wirst, ist die erste Pflicht, dich stets selbst zu beobachten und zu beurteilen. Selbstreflexion ist eine Tugend, gewiss, aber sie ist auch die Voraussetzung für Erfolg, also dafür, besser als andere zu sein, sie zu überflügeln und auszubremsen, und somit auch eine Untugend. Wo die Tugend in Untugend umschlägt? Man weiß es nicht, in einer Welt, die stets Liebe in Hass, den Hass in die Liebe, die Tugend in Laster und das Laster in die Tugend verwandelt. 
Es gibt ja ein paar Dinge, bei denen wir uns schnell einig sind, dass sie kritikwürdig sind – einig mit fast allen unseren Mitmenschen, oder zumindest mit unserer Peer-Group, oder wenigstens mit uns selbst. Die Gier, die Umweltzerstörung, die Praktiken der Banken, das Fernsehprogramm oder überhaupt der Kapitalismus. Worte selbst fällen das Urteil: Gier ist böse, das steckt da drin in dem Begriff, das Urteil kriegt man da nicht raus, das schafft der ärgste Wallstreet-Banker auf Koks nicht, dieses Urteil raus zu kriegen. Andere Begriffe sind neutral. Und wieder andere sind doch durchwegs positiv besetzt. Erfolg. Kreativität. Leistung. Kompetenz. Effizienz. „Kritik des Erfolgs“ oder „Ein Loblied dem Versagen“ oder „Ein Hoch auf die Ineffizienz!“ – wie klingt das denn schon? 

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Gleichheit, totally Contemporary!

Der französische Historiker Pierre Rosanvallon entstaubt in einem großartigen Buch die Gleichheitsidee. Der Standard, 1. Juli und Der Freitag, 4. Juli 2013
Das zeitgenössische Linke Lamento lautet, allenfalls etwas ins Pausbäckige zugespitzt: Seit dreißig Jahren wird alles Schlechter. Die Ungleichheiten wachsen. Solidarität gibt es nicht mehr, der Wert der Gleichheit wurde diskeditiert. Und an all dem ist der Neoliberalismus schuld, mit seiner Konkurrenzideologie und seinem Erfolg, alles zur Ware zu machen.
Aber so einfach ist das nicht, sagt Pierre Rosanvallon. Schon die Beschreibung der vergangenen Jahrzehnte als Verfallsgeschichte, die dann gewissermaßen die siebziger Jahre als Paradies zeichnet, muss die Hälfte der Wahrheit ausblenden. Ja, die ökonomischen Ungleichheiten wachsen wieder in einem Ausmaß, das man vorher nicht mehr für möglich gehalten hätte, sie werden beklagt und akzeptiert zugleich, und doch sind andere Ungleichheiten heute viel weniger akzeptiert als früher. Gesellschaftlicher Rückschritt und gesellschaftlicher Fortschritt gehen Hand in Hand. Während krasse ökonomische Ungleichheiten wieder die Gesellschaft zerreißen, werden andere Formen sozialer und kultureller Ungleichbehandlung nicht mehr akzeptiert: Frauenunterdrückung, die Rechtlosigkeit von Schwulen und Lesben, oder auch rassistische Ausgrenzung, werden heute bekämpft, sind im Mainstream nicht mehr akzeptabel und in vielen Bereichen gibt es große Fortschritte der Emanzipation. Dass Jede und Jeder das gleiche Recht hat, nach seiner/ihrer eigenen Fasson glücklich zu werden – diese Gleichheit ist heute kaum mehr angreifbar. Parallel dazu ist die Gesellschaft zunehmend in Reich und Arm zerrissen. 

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Wieviel Ungerechtigkeit ist gerecht?

Hans-Ulrich Wehler hat eine erschütternde Bestandsaufname der Ungleichheit in der Bundesrepublik geschrieben. US-Starphilosoph Michael Sandel fragt in einem fulminanten Großessay, was denn eine gerechte Verteilung wäre – und wie sich für sie argumentieren ließe. Der Standard (Wien) und Der Freitag (Berlin)
Wenn er in Harvard seine Vorlesungen hält, sind oft über tausend Studierende im Saal – und hunderttausende weltweit sind Online dabei oder sehen die Vorträge später auf Youtube. Spricht er in Peking oder Shanghai, dann sind die Säle auch voll. Michael Sandel ist der große Star der zeitgenössischen Philosophie. Die „Zeit“ nannte ihn unlängst den „wohl populärsten Professor der Welt“. Und wenn man sein Buch „Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun“, liest, dann versteht man, warum das so ist. Es ist eine fulminante Anleitung dazu, die richtigen Fragen zu stellen – und zwar zu Themen, die uns in der täglichen politischen Diskussion anspringen. 
Nehmen wir nur die Schlagzeilen der vergangenen Tage. VW-Chef Martin Winterkorn streicht ein Jahreseinkommen von 14,5 Millionen Euro ein. Gewerkschafter und andere Linke fordern für Einkommensmillionäre wie Winterkorn hohe Spitzensteuersätze, und da Winterkorn natürlich nicht nur zu den Top-Verdienern, sondern wohl auch zu den Top-Vermögensbesitzern zählt, wäre er auch einer jener, der einiges an Vermögensabgabe bezahlen würde müssen, würde sie denn eingeführt werden. 

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In der Zwischenwelt von Erfolg und Misserfolg

Die Refugees haben es verdient, nicht als Gescheiterte aus der Votivkirche ausziehen zu müssen. Der Standard, 19. Februar 2013
Bei sozialen Protestbewegungen, besonders dann, wenn sie von den Aktivisten und Aktivistinnen einen hohen persönlichen Einsatz verlangen, stellt sich irgendwann immer die Frage nach Erfolg und Misserfolg, oder grobkörniger formuliert: Von Sieg und Niederlage. Das trifft natürlich umso schneller und erwartbarer zu, je größer der persönliche Einsatz ist. Werden öffentliche Plätze besetzt (wie bei den Occupy-Aktionen), oder das Audimax, oder wird gar ein Hungerstreik ausgerufen, wie von den Refugee-Aktivisten in der Votivkirche, dann ist klar, dass der Protest ein Ablaufdatum hat – sei es, weil irgendwann der Elan erlahmt und die Euphorie vorbei ist, und erst recht, weil der menschliche Körper hungern und frieren nicht allzu lange mitmacht. In aller Regel tritt dann das Problem auf, dass der Rhythmus politischer Reform und der der Bewegungen asynchron sind. Politische Reformbewegungen, selbst dann, wenn es ihnen tatsächlich gelingt, etwas zum Besseren zu verändern (was ja nicht immer der Fall ist), brauchen dafür einen langen Atem und Jahre, der politische Aktivismus mit vollem Einsatz ist aber schon nach ein paar Wochen oder Monaten an den Grenzen völliger Erschöpfung angelangt. 
In einer solchen Situation stehen politische Aktivisten immer wieder vor dem großen Dilemma: Wie kann man aufhören, ohne dass das als Niederlage erlebt wird?

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American Diaries Nr. 1: Warten auf Hurricane „Sandy“

Schon Stunden vor der Ankunft des Hurricane „Sandy“ steht die Stadt, die niemals schläft, praktisch still. Aber die Polit-Strategen überlegen bereits, ob das Desaster eher Präsident Barack Obama oder seinem Herausforderer Mitt Romney nützen könnte. 
Es ist ein Gehupe und Gedränge auf den Highways, dabei ist es Sonntag Abend, und die Strecke zwischen dem John-F.-Kennedy-Flughafen und Manhattan sollte normalerweise eigentlich frei sein. Aber im Augenblick ist gar nichts „normalerweise“ in New York. Eine Blechlawine schiebt sich über die Straßen. Hunderttausende sind auf der Flucht, weg von den küstennahen Gebieten, weg von Long Island, weg von Coney Island, rein ins Landesinnere. Unterkommen, irgendwo. Wer Verwandte hat, bei denen er unterkriechen kann, fährt zu denen. Wer reich genug ist, kann noch versuchen, eines der letzten Hotelzimmer in Manhattan zu ergattern. Wer nicht reich genug ist, kann es in einer der Schulen versuchen, die zu Notquartieren umfunktioniert werden. 
Gerade erst bin ich gelandet und schon in einem eigentümlichen Film. Eigentlich sieht das ja nur aus wie ein ganz normaler Verkehrsstau. Es sieht aus wie ein Verkehrsstau, es riecht wie ein Verkehrsstau – aber es ist kein Verkehrsstau. Es ist eine Karawane von Fliehenden, und ich bin mittendrin. Nur bin ich kein Fliehender. Die Fliehenden sind mir nur im Weg. Auf meinem Weg nach Manhattan. 
Der Hurrican „Sandy“, den die lauten Schrei-Radiostationen schon „Monstersturm“ oder „Frankensturm“ nennen, ist noch längst nicht da, da steht die Stadt schon still. Die „City, that Never Sleeps“ ist eine einzige Geisterstadt. Sonntag abend weht erst ein kleines Lüfterl, aber auf den Straßen ist kaum jemand. Kaum ein Restaurant hat geöffnet. Die Subway, ohne die in der Stadt ohnehin nichts funktioniert, hat ihren Betrieb eingestellt, da die U-Bahn-Tunnels wohl überschwemmt werden. Wer daheim ist, und nicht in einer der Gegenden wohnt, deren Evakuierung befohlen ist, bleibt daheim und stellt sich darauf ein, seine Wohnung in den nächsten 48 Stunden nicht zu verlassen. Der schlimmste Sturm seit 1938 soll es werden. Damals hat sogar das Empire State Building gewackelt. 
Ein Montagmorgenspaziergang durch das dunkle Manhattan ist spooky. Wo sich normalerweise Tausende durch die Straßen schieben auf dem Weg zur Arbeit – praktisch niemand. Würden nicht ein paar Taxis herumfahren, könnte man glauben, eine Neutronenbombe sei abgeworfen worden.

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Vorwärts, und nur net hudeln…

Optimismus und Pessimismus sind private, persönliche Charaktereigenschaften? Aber nein! Sie entscheiden darüber, ob die Wirtschaft brummt oder absäuft und sind auch in der Politik wichtig: Denn nur Optimisten können die Welt verbessern. Der Standard, 6./7. August 2011

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Warum es im Fall Sarrazin nicht um „Meinungsfreiheit“ geht

Wenn die „Bild“-Zeitung für die „Meinungsfreiheit“ kampagnisiert, dann darf die „FAZ“ nicht abseits stehen. „Bild kämpft für Meinungsfreiheit“, hatte das Zentralorgan des gesunden Volksempfindens unlängst schließlich getitelt und in großen Lettern rausgeschrieen: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Gemeint waren Thilo-Sarrazins gesammelte Anti-Ausländer-Wahrheiten. Sogar mit dem Fall des Mohammed-Karrikaturisten Westergaard wurde er verglichen. Wo es um „Islamkritik“ geht, da wird heute schnell bedrohte Meinungsfreiheit vermutet, so genau nehmen wir es da nicht, egal ob der Kritiker mit dem Tod bedroht wird – oder nur mit einem Spitzenplatz in den Bestsellerlisten.

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Mehr Gleichheit macht glücklich

Der Soziologe Richard Wilkinson und die Medizinerin Kate Pickett belegen mit einem Gebirge an Datenmaterial, dass gerechtere Gesellschaften für alle gut sind – und dass ungerechte Gesellschaften alle krank machen. Eine fulminante Studie. Wahrscheinlich das Buch des Jahres! Berliner Zeitung u. Der Standard, März und April 2010

 

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