Preis der Keynes-Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik

In eigener Sache: 

Das ist eine sehr große Ehre und Freude: vor einigen Tagen teilte die John-Maynard-Keynes-Gesellschaft mit, dass sie mir den diesjährigen Preis für Wirtschaftspublizistik verleiht. Gerade als jemand, der gar nicht primär Wirtschaftsjournalist ist, und wahrscheinlich nicht einmal sekundär, sondern eben versucht, neben politischen und kulturellen Prozessen auch ökonomische zu verstehen (und möglichst verständlich zu beschreiben), freut mich diese Anerkennung von den wirklich Großen der Wirtschaftswissenschaften natürlich besonders. Nachdem ich ja schon mit dem Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet wurde fühlt sich das bisschen so an, wie wenn man Olympiagold in der Abfahrt und im Slalom gewinnt.

Schließlich ist das nicht irgendein Preis, sondern wird vom Vorstand der Keynes-Gesellschaft und einer Jury vergeben, in der weithin bekannte Koryphäen wie Peter Bofinger und Gustav Horn mitstimmen. Und vor mir erhielten beispielsweise Mark Schieritz, Ulrike Herrmann, Wolfgang Münchau und Harald Schumann diese Auszeichnung.

Kurzum: Ich freue mich und bin ein ganz klein wenig stolz. Der Preis wird dann bei der nächsten Tagung der Vereinigung im Frühjahr 2019 in Berlin verliehen.

Mit Rechten reden? Hat bisher ja prima geklappt…

„Mit Rechten reden!“, dieser Ruf schallt seit längerer Zeit durch den gesamten deutschsprachigen Raum und unterstellt, dass Radikalisierung und Polarisierung eine Folge davon seien, dass die Menschen zu wenig miteinander sprechen würden, oder gar eine Folge davon, dass Ressentiment und Ausländerfeindlichkeit aus den öffentlichen Diskursen verbannt würden. Wer Letzteres immer noch glaubt, dem hilft auch kein Blick ins Fernsehprogramm mehr. Im Grunde ist das Gegenteil wahr: Erst die Dauerpräsenz des rechten Wahns auf allen Kanälen ließ ein Klima entstehen, in dem ganz Europa zu kippen droht und das in Chemnitz eben eskaliert ist. Privat mit jedem reden Natürlich soll man mit jedem reden. Im Privaten ohnehin. Öffentlich ist das schon eine vertracktere Sache. Den durchgeknallten Meinungsmüll in die öffentliche Debatte einer Demokratie zu integrieren heißt zugleich, ihn zu legitimieren. Als eine Meinung, die man genauso gut haben kann wie jede andere. Aber vor allem hieß „mit Rechten reden“ zuletzt immer mehr „wie Rechte reden“. Die Gesamtheit dieser Diskurse findet so statt, dass der Eindruck entsteht, die Aufhusser und Ressentimentschürer haben irgendwie recht: Ja, wenn sie sich so Sorgen machen, dann müsse man ihnen schon irgendwie entgegenkommen, damit man sich in der Mitte treffen kann. Aber so funktionieren eben gesellschaftliche Gespräche nicht. Akzeptiert man das Themensetting, spielt man als nützlicher Idiot mit beim schönes Spiel des Klimavergiftens. Legitimierte Haltungen Auf diese Weise mit Rechten zu reden legitimiert Haltungen, statt sie zu bekämpfen. Es verschiebt die Grenze des Sagbaren. Es bedeutet, sich auf die Argumente der Radikalen einzulassen, ihnen Millimeter für Millimeter nachgeben. Es bedeutet, dass Demokraten schwächeln, sich selbst als defensiv erleben. Es untergräbt die Standfestigkeit und das Selbstvertrauen der liberalen Demokraten und lässt sie als zaudernd erscheinen. Kurzum: Es wird den Rechten nicht zu wenig entgegengekommen. Sondern viel zu viel.

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Der Nutzen und Nachteil vom Reden

taz, der Rote Faden, September 2018

Als ich vergangenes Wochenende die ersten Nachrichten aus Chemnitz aufschnappte, fühlte ich mich sofort an Rostock Lichtenhagen 1992 erinnert. Damals hörte ich auch die ersten Nachrichten von der Zusammenrottung im Radio und dachte mir sofort, da musst du hin. Das war auch eine gute Idee von mir, nur leider hat sich das bei der Polizei offenbar niemand gedacht. So stand ich dort mit meinem Fotografen und ein paar anderen Journalisten und ein paar verlorenen Polizisten. Der Fotokollege fotografierte, was den Nazis gar nicht gefiel. Ein großer Dicker, der seine Reichskriegsflagge wie ein Superman-Cape trug, nahm dem Fotografen dann die Kamera weg und riss den Film aus dem Apparat. Ich zog ihn dann an seiner Fahne, so wie einen Hund, den man mit der Leine wo wegzerren will, und das war eine nicht ganz so gute Idee. So begann übrigens die Randale an diesem Tag, weil die Polizei dann doch verhinderte, dass man uns zusammenschlägt, was wiederum die Nazis für keine gute Idee von der Polizei hielten.

Als dann ein paar Stunden später das Sonnenblumenhaus brannte, und immer noch viel zu wenig Polizei da war, rückten Polizei, Feuerwehr und Journalisten gemeinsam gegen das Haus vor, das schon ziemlich loderte und in dem sich vor allem vietnamesische Vertragsarbeiter befanden. Ich kann mich noch erinnern, dass ich damals meine erste – und bislang letzte – Tränengasgranate warf. Die Polizei warf sie auf die Nazis, die warfen sie zurück, und ich warf sie wieder rüber. In meiner Reportage beschrieb ich damals auch den 16jährigen Alex, der eine Schirmkappe auf hatte mit dem Schriftzug „Malcolm X“, also des radikalen schwarzen Bürgerrechtlers aus den USA der fünfziger und sechziger Jahre. Diedrich Diederichsen benützte diese Beobachtung dann zu einer Zeitdiagnose im „Spex“, nämlich dass die Codes der Coolness die Seiten gewechselt hätten. „The Kids are not alright“, hieß sein Stück damals. Durch Diederichsen verselbständigte sich meine nebensächliche Beobachtung und wenn man heute Lichtenhagen googelt, hat man den Eindruck, alle rechtsradikalen Jugendlichen hätten ein „Malcolm X“-Käppchen aufgehabt. Es war aber nur einer!

Aber das war damals doch eine andere Zeit, denn wenngleich es eine aufgeheizte Debatte über das Asylrecht gab, war der Diskurs doch nicht so gekippt. Heutzutage dominieren die Phrasen, man müsse „die Sorgen“ der Leute ernst nehmen, ihnen zuhören, „mit Rechten reden“ und all dieses Zeug, das unterstellt, dass ihr Hass irgendwie rational sei und ihr Zorn auch daher komme, dass ihnen niemand zuhört. Ich finde, dass das ein schwieriges Argument ist. Natürlich soll man mal grundsätzlich mit jeder und jedem reden, denn bevor man argumentiert, weiß man ja nicht, ob die Person mit Argumenten erreichbar ist. Außerdem soll man als Journalist ohnehin mit jedem reden. Wenn ich eine Reportage über Nazis mache, dann werde ich mit denen reden und wenn das eine gute Reportage werden soll, muss ich lange mit ihnen reden sodass sie anfangen mir zu vertrauen. Und im Eckwirtshaus rede ich auch mit jedem, schon um zu wissen, wie die Leute ticken. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dieses „mit Rechten reden“ wird ja in der Öffentlichkeit, und nicht im Privaten gefordert, und gemeint ist auch, dass es öffentlich stattfinden soll. Und gemeint ist damit ja nicht nur, dass man denen klar die Meinung geigt, also kämpft, sondern eben das genaue Gegenteil, dass man einfühlsam mit ihnen spricht und öffentlich zur Schau stellt, man würde auch ihren Rant für plausibel halten. Dass „für“ oder „gegen“ Pogrome zu sein zwei mögliche Meinungen seien, über deren Für und Wider man sich unterhalten kann. Ein solches Reden verschiebt bekanntermaßen die Grenzen des Sagbaren. Aber schlimmer noch: Es führt dazu, dass selbst die Gegner des Rechtsradikalismus in diesem Gespräch bestimmte Postulate des Rechtsradikalismus übernehmen. Dass sich 2015 nicht wiederholen dürfe, dass die Massenzuwanderung die Gesellschaft überfordere, die Ausländer echt ein Problem seien etc. Doch was eine Gesellschaft überfordert ist eben nicht fix, sondern massiv von der Ordnung der Diskurse beeinflusst. In der Realität bedeutet, sich auf die Argumente der Bösmenschen einzulassen, ihnen Millimeter für Millimeter nachgeben und die eigene prinzipielle Position aufweichen. Schwäche zeigen, wo eigentlich Standfestigkeit nötig wäre. Mit Rechten reden meint viel zu oft wie Rechte zu reden.

Und das ist keine gute Idee.

Natürlich kann man auch mit Rechten reden. Aber in vielen Fällen wäre es doch besser, wenn das die Untersuchungsrichter besorgen würden und nicht die Talkshow-Moderatorin.

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Sollen weiße Männer die Klappe halten?

Häufig wird darauf bestanden, dass Betroffenheit ein Wissen ist, das durch andere Wissensarten nie aufgewogen werden kann und Nicht-Betroffene schweigen sollen. Aber die Argumente dafür stehen auf dünnen Beinen.

Falter, August 2018

Es gibt eine rhetorische Figur, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut, etwa wenn es um Rassismus geht oder um sexuelle Übergriffe oder andere Diskriminierungen, die nicht „jede/r“ erfahren kann: dass jene, die nicht betroffen sind, die Klappe halten sollen. Diese rhetorische Figur ist nicht immer klar und sauber konturiert, sie verschwimmt gewissermaßen. Die meisten meinen damit: Wer nicht betroffen ist, soll den Opfern erst einmal zuhören, ihnen mit Empathie begegnen, nicht mit depperten Ratschlägen kommen. Aber diese Denkfigur geht gewissermaßen schleichend über in die rigidere Formel, dass Nicht-Betroffene überhaupt nicht mitreden sollen.

Auch diese These hat auf dem ersten Blick eine ganze Reihe guter Argumente für sich. Die Nicht-Betroffenen sind, nimmt man alles zusammen, die berühmten „weißen, alten, heterosexuellen Männer“. Die seien privilegiert und können die Lebenswelten der Betroffenen gar nicht verstehen, vor allem aber würden sie ohnehin auch auf der Ebene des Gehört-werdens privilegiert sein. Bist du weiß, bist du nicht von Rassismus betroffen. Bist du männlich, dann nicht von sexualisierter Gewalt. Allein, das Altersargument ist nicht völlig stichhaltig. Klar, Leute in Machtpositionen sind meist älter. Zugleich ist in einer Gesellschaft des Jugendkults Alter nicht mehr nur ein Privileg. Also, über die rhetorische Figur „alter“ kann man noch einmal gesondert diskutieren, aber man kann es auch bleiben lassen.

Die weißen Männer sind nicht nur privilegiert, weil sie von den vielfältigen Diskriminierungen nicht betroffen wären (auch wenn sie zB. als weiße männliche Kids aus unterprivilegierten Schichten von anderen Diskriminierungen betroffen sind), weiße Männer aus der oberen Mittelschicht oder Oberklasse sind vor allem noch in einer anderen Hinsicht privilegiert: in der medialen Öffentlichkeit (und anderen Öffentlichkeiten, von der politischen Öffentlichkeit bis den Öffentlichkeiten von Berufsverbänden, der Vereine etc.) sind es vor allem sie, denen das Privileg des Sprechenden und Sichtbaren zuteil wird.

Das Argument lautet daher auch: lasst einmal diejenigen, die nicht so privilegiert sind, sprechen. Gebt ihnen Platz. Macht die Unsichtbaren sichtbar. Räumt die Sprecherpositionen, damit endlich auch die anderen gehört werden.
Dafür gibt es nicht nur gute Argumente, diese guten Argumente sind überhaupt nicht bestreitbar. Dass die einen endlich mehr gehört werden sollen, und dass dafür die anderen mal bisschen mehr zuhören – wer bei Trost ist, wird dagegen kaum einen Einwand vorbringen können.

Vielleicht bin ich ja auch etwas zu verkopft, sodass ich versuche, Argumente immer in ihrer Radikalität durchzudenken, um zu überprüfen, ob sie überhaupt haltbar sind. Aber es liegt wohl nicht nur an dieser Charaktereigenschaft – man könnte die auch Macke nennen -, sondern auch daran, dass dieses Argument von einigen ja auch radikalisiert wird. Nämlich in die Richtung: Die, die nicht betroffen sind, sollen nicht nur nicht blöd daher reden, sie sollen überhaupt nicht mitreden.

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Dieses Postulat begegnet einem in den verschiedensten Milieus immer wieder. Ein Klassiker dieser Argumentation ist etwa die Forderung der Studierenden der Londoner School of Oriental and African Studies, die sich dafür stark machten, dass in ihrem Lehrfach nur mehr Philosophen unterrichtet werden, die „aus dem globalen Süden oder der Diaspora“ stammten. Sollte es gelegentlich unvermeidlich sein, dass auch „weiße Philosophen“ auf dem Lehrplan stünden, dann müsse ihr Werk „kritisch beleuchtet und der koloniale Kontext bedacht werden“. Nun wird es wahrscheinlich recht schwierig sein, Frantz Fanon, Stuart Hall, Gayatri Spivak ohne Hinweis auf Hegel, Marx, Gramsci oder Sartre zu unterrichten, sodass die Forderung etwas überspannt wirkt.

Aber wie kommt man überhaupt auf solche Ideen? Diese Haltungen gehen von Voraussetzungen aus und haben, wenn man sie ernst nimmt, fragwürdige Resultate – sogar dann, wenn man ihnen grundsätzlich sympathisierend gegenüber steht.

Erstens: Empathie nützt letztlich nichts.

Sie unterstellen, dass es grundsätzlich nicht möglich ist, sich wirklich in die Anderen hinein zu denken. Bin ich nicht von täglicher rassistischer Diskriminierung betroffen, dann kann ich mir das praktisch nicht vorstellen. Bin ich nicht von stetiger Sexualisierung betroffen, werde ich nicht regelmäßig als Objekt behandelt und oft sogar Opfer massiver Übergriffe, dann kann ich mir einfach nicht vorstellen, wie sich das anfühlt. Nun ist freilich genau das die Voraussetzung für sinnvolle Diskurse in pluralen Gesellschaften: Dass ich mich als Mann in die Frau, als Mitglied der privilegierten ethnischen Mehrheitsgesellschaft in jene, denen man täglich zu verstehen gibt, dass sie nicht dazu gehören, dass ich mich als 50something in die Teenagerin und dass ich mich als Angehöriger gut situierter Mittelstandsmilieus in die Gemeindebaubewohner in der Vorstadt hineinversetzen kann, denen man zu verstehen gibt, sie seien kulturell von vorgestern und so weiter. Und übrigens vice versa und kreuz und quer. Natürlich steht und fällt diese Fähigkeit zur Empathie damit, erst einmal zuzuhören. Aber auch damit, Einwände zu formulieren, nachzufragen, und noch einmal zuzuhören. Und außerdem: Die Erfahrung zeigt natürlich, dass das sehr wohl geht. Klar: Genügend Leute sind empathiebefreit. Genügend sind es aber auch nicht.

Zweitens: Sinnliche Erfahrung ist der wichtigste Schlüssel zum Wissen.

Letztendlich steht hinter dieser Haltung ein unausgesprochenes Postulat: dass sinnliche Erfahrung ein derart wesentlicher Aspekt von „Wissen“ ist, dass sie praktisch nicht ersetzt werden kann. Jemand kann zuhören, sich Videodokumentationen und Radiofeatures anhören, Bücher lesen und Interviews, sich über die Verletzungen informieren, die in all jenen Milieus grassieren, denen er oder sie nicht angehört – es wird den Mangel an Erfahrungswissen nie völlig ausgleichen, nein, nicht einmal signifikant aufwiegen. Das ist eine Konzeption von Wissen, die das Fühlen über das kognitive Wissen stellt. Denn niemals würde aus einer solchen Position formuliert werden, dass jemand, der Diskriminierung nur fühlt, aber ansonsten von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, nicht sprechen soll. Er kann ja dann immer noch darüber palavern, wie er seine Diskriminierung empfindet und was ihm spontan so dazu einfällt. Das ist eine der Spielarten von Antiintellektualität, auch nicht viel anders, als von den FPÖ-lern in den Dorfwirtshäusern, die finden, die Gscheiterln aus dem Bobo-Cafés in der Stadt hätten keine Ahnung vom Leben. Es gibt diese Spielarten von Antiintellektualität eben auch in den Milieus, die sich kritisch vorkommen. Etwa in Künstlermilieus, die meinen, Kreativität käme primär vom „Fühlen“, vom „Spüren“, und allzu viel Nachdenken und Theoriewälzen sei eine Unart von verkopften Hirnwichsern, die nie der Wahrheit des „künstlerischen Empfindens“ begegnen werden. Meine Gegenthese wäre: Unwissenheit hat noch nie jemanden genützt.

Drittens: Nicht-Betroffene haben daher praktisch nichts Sinnvolles beizutragen

Diese ganzen rhetorischen Figuren leben von der impliziten Voraussetzung, dass die Nicht-Betroffenen praktisch nichts Sinnvolles beitragen können. Sie haben von nichts eine Ahnung, geben aber im Extremfall den Betroffenen noch blöde Ratschläge. Nun können Ratschläge blöder oder gescheiter sein, aber lasst uns einmal die These überprüfen, ob Nicht-Betroffene tatsächlich als Ratschlag-Geber unbrauchbar sind. Nun ist die gesamte Geschichte der Selbstermächtigung von Machtlosen auch durchzogen von den relativ Privilegierten, die sich auf die Seite der Schwachen gestellt haben: von Karl Marx bis Victor Adler bis zu Frantz Fanon oder Simone de Beauvoir. Natürlich kann man der Meinung sein, dass all das ein Problem aller bisherigen Emanzipationsbewegungen gewesen sei, aber ich würde diese Meinung nicht unbedingt teilen. Wollen wir nur einmal praktisch nachdenken: Dass jemand wegen seiner sexuellen Identität Diskriminierung erfährt, führt noch lange nicht dazu, dass er* oder sie* oder * sehr viel Ahnung davon hat, wie man solche Diskriminierung wirksam bekämpft. Jemand, der die Geschichte der deutschen Frauenbewegung oder der amerikanischen Black-Panthers kennt und auch noch eine juristische Ausbildung hat, aber Unterdrückung wegen sexueller Identität nicht persönlich erfährt, kann dazu vielleicht ein paar wertvolle Gedanken beisteuern. Also, auch dieses Argument hält einer Überprüfung nicht stand, die über das No-Na-Argument hinaus geht, dass man sich depperte Ratschläge eher spart, klügere vielleicht besser nicht. Was klüger und was depperter ist, lässt sich allerdings am besten diskursiv ergründen, steht also nicht vor dem Sprechakt schon fest.

Viertens: „Opfer“ haben nicht die Aufgabe, den „Privilegierten“ oder gar „Tätern“ etwas beizubringen.

Nun ist das gewiss wahr. Dass jemand, der gerade Opfer eines homophoben Übergriffs geworden ist, auch noch irgendeinem Trottel, mag der auch noch so gutwillig sein, lang und breit das ABC dessen erklärt, was stetige Diskriminierungserfahrungen mit dir machen, ist gewiss nicht die reine Freude – ganz zu schweigen von bockigen Trolls, die gar nicht gutmeinend sind, sondern sich auch noch nach Kräften bemühen, nichts zu begreifen. Gleichzeitig wissen wir auch, dass gesellschaftliche Fortschritte nicht allein dadurch erzielt werden, dass man eh nur mit jenen kommuniziert, die schon für die gemeinsame Sache gewonnen sind und über alles bestens Bescheid wissen.

Fünftens: Wie stellen wir uns Kommunikation in einer pluralen Gesellschaft überhaupt vor?

Das Postulat, dass Betroffenheit besonders zum Sprechen qualifiziert, steht also auf äußerst dünnen Beinen, wird aber durch einen Umstand gänzlich unhaltbar: denkt man es radikal zu Ende, würden wir in völlig segmentierten Sprech-Gesellschaften leben. Zu jeden x-beliebigen Thema dürften nur – einmal größere, einmal kleinere – Betroffenencommunities sprechen, die sich im schlimmsten Fall dann auch noch aussuchen, wer mitreden darf (nämlich, wer dem gerade vorherrschenden Common-Sense des betreffenden Submilieus am besten nach dem Mund redet). Am Ende stünde dann kein gesellschaftliches Gespräch, sondern wie am Jahrmarkt der Meinungen eine Community neben der anderen, die irgend etwas herausposaunt – und sich diskursive Einmischung in ihr je eigenes Feld verbitten würde. Der Verdacht liegt nahe, dass das die Luft nicht besser machen würde.

Nun kann man natürlich der Meinung sein, dass ein Argument, hart zu Ende gedacht, falsch sein kann, aber auf weiche Weise dennoch richtig. Sozusagen auf halbem Weg richtig, und erst in einem Unendlichen falsch, das ohnehin nie erreicht wird. Ich fürchte nur, dann ist es eben als Argument nicht nur angreifbar, sondern auch falsch. Es kann zwar positive Effekte zeitigen, nämlich beispielsweise bisher kaum gehörte Betroffene hörbar zu machen, aber es wird möglicherweise schon auf halbem Weg unerfreuliche Nebeneffekte haben, etwa, dass sich Nicht-Betroffene aus dem gesellschaftlichen Gespräch zurück ziehen, sich denken, diese Thematik sollen sich die in ihrer Nische ausmachen, ich habe damit nichts zu tun. Von der Art: „Bevor ich mich in die Nesseln setze, lasse ich die auf ihrer Spielwiese alleine.“

Realitätstauglicher dürfte auch auf halbe Sicht folgende Haltung sein: ein Machtgefälle, das den einen privilegierte Sprecherpositionen einräumt, gehört bekämpft – indem den Ungehörten zugehört wird. Indem sie sich nicht nur Plattformen erkämpfen, sondern man sie dabei auch unterstützt. Aber in einem gesellschaftlichen Diskurs darf jeder und jede mitreden. Sogar Unsinn ist erlaubt. Es gibt kein Wissen, das andere Wissensarten aussticht. Empfindungen haben keine größere „Wahrheit“ als Resultate intellektuellen Bemühens. Empathie ist keine Unmöglichkeit, sondern muss gerade als Voraussetzung eines sinnvollen gesellschaftlichen Gesprächs eingefordert werden. Eine Gesellschaft, die in Communitys zerfällt, ist eher Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.

„Ein abscheuliches System“

Menschen sind auf Wettbewerb gepolt, nur Konkurrenz führe zu Fortschritt, wird behauptet. Dabei bringt uns nicht der Kampf aller gegen alle voran, sondern die Kooperation.

Der Freitag, September 2018

Jeder versucht sich selbst zu optimieren, sein Ich zu verbessern, und dieses optimierte Selbst auch im besten Licht erscheinen zu lassen. Von Instagram bis Facebook werfen wir uns in Pose, wir vergleichen und werden verglichen. Kaum öffnen wir morgens die Augen, stehen wir schon in diesem Wettbewerb, zu dem das zeitgenössische Leben geworden ist.

Die Selbsttechniken der Ich-Optimierung sind das eine, aber sie sind auch nicht zu trennen von einer Ideologie, die die Konkurrenz zur eigentlichen Conditio Humana, des menschlichen Wesens erklärt und auch zum Motor von Fortschritt. Wirtschaftliche Prosperität sei nur durch Konkurrenz zu haben, also dadurch, dass Menschen gegeneinander und für das kleine fiese Eigeninteresse agieren, und auch der technologische Fortschritt komme deshalb in die Welt, weil Einzelne andere Einzelne übertrumpfen wollen.

Von da ist es dann nicht mehr weit zu einem neoliberalen, kaltherzigen Konservativismus, der mit sozialdarwinistischen Plattitüden ausgerechnet das Sozialagieren des Herden- und Gemeinschaftstieres Mensch zum Krieg jedes gegen jeden phantasiert; und der den Sieg des Stärkeren als das feiert, was den langfristigen Erfolg der Gattung garantiere. Schwächlichkeit oder Humanitätsgesäusel würden letztendlich das Gegenteil dessen bewirken, was seine Fürsprecher anstreben, nämlich die Verbesserung der Welt.

Glücklicherweise ist die Welt nicht so. Die Konkurrenzfanatiker meinen zwar, dass in streng sozialdarwinistischer Manier, wie im Tierreich auch unter Menschen der harte Kampf ums Überleben herrscht und nur der „Stärkste“ überlebt. Doch das trifft nicht einmal auf das Tierreich zu. Darwin sprach nie davon, dass der „Stärkste“ überlebe – sondern vom „Survival of the fittest“. Das heißt aber etwas ganz anderes: Der ist am besten gerüstet, der sich am besten an seine Umweltbedingungen anpasst. Dies schließt nicht nur Konkurrenz ein, sondern auch kluge Kooperation. Erst recht gilt das für ein soziales „Tier“ wie den Menschen – dessen „Umwelt“ im Wesentlichen aus anderen Menschen besteht. Fast könnte man also sagen: Nicht der „Stärkste“ überlebt, sondern der „Freundlichste“, also der, der am besten kooperiert und der am meisten zur Entstehung einer kooperativen Ordnung beiträgt. Evolutionsbiologen sprechen neuerdings vom „Survival of the kindest“. Darwin selbst hat sich darüber Gedanken gemacht, warum in menschlichen Gemeinschaften der Kooperationsgeist sukzessive zugenommen hat, und äußerte die Ansicht, dass möglicherweise die kooperativeren frühen Menschengruppen in der Konkurrenz mit unkooperativen evolutionsbiologisch überlegen waren. Wie auch immer, all das soll natürlich nicht heißen, dass es nicht im zwischenmenschlichen Verkehr zu Gewalt, Mord, Totschlag und groben Gemeinheiten kommt – ohne Zweifel geschieht das. Es wäre lächerlich, das zu leugnen. Aber es ist doch ein Unterschied, ob man davon ausgeht, dass die Menschen quasi sozio-biologisch auf Konkurrenz und Kampf programmiert sind, wie das die Konservativen tun, oder ob man annimmt, dass sie sehr wohl auch zur Kooperation fähig sind, dass sie vielleicht sogar primär auf Kooperation gestimmt sind, dass sie zu Altruismus und Generosität fähig sind und dass sie möglicherweise auch das Leiden ihrer Mitmenschen bekümmert.

Doch wenigstens im Feld des Ökonomischen habe die Konkurrenz das Sagen und bürge für bessere Ergebnisse, wird dann gerne eingewandt. Aber selbst das ist sehr fragwürdig. Denn wesentliche Teile der kapitalistischen Ökonomie sind überhaupt nicht von Konkurrenz geprägt. Man kann beinahe sagen: Das Erfolgsgeheimnis der kapitalistischen Industriegesellschaft war von Beginn an viel mehr die Kooperation als die Konkurrenz. Immer größer wurden die Wirtschaftseinheiten, die Fabriken und Unternehmen, innerhalb derer viele tausende Menschen kooperieren. Und sehr bald wurde deutlich, dass die Vorteile dieser Kooperation nicht nur in der effizienten Kombination von Arbeitsschritten auf stetig höherer Stufenleiter liegen, sondern auch im eigensinnigen, wechselseitigen und kreativen Miteinander der Kooperierenden selbst, oder anders formuliert: im Teamgeist. Mit Karl Marx gesagt: „Abgesehen von der neuen Kraftpotenz, die aus der Verschmelzung vieler Kräfte in eine Gesamtkraft entspringt, erzeugt bei den meisten produktiven Arbeiten der bloße gesellschaftliche Kontakt einen Wetteifer und eine eigne Erregung der Lebensgeister (animal spirits), welche die individuelle Leistungsfähigkeit erhöhen.“

Diese „Erregung der Lebensgeister“ ist ja nicht der unwesentlichste Grund dafür, dass 10 Leute, die zusammen arbeiten, mehr weiter bringen werden als 10 Leute, die zeitgleich auf sich alleine gestellt arbeiten. Und zwar nicht nur, weil beispielsweise nur 10 Leute einen Felsen von einer Tonne Gewicht bewegen können, während das ein Einzelner niemals könnte, sondern weil diese 10 Leute vielleicht beim Austüfteln der besten Möglichkeiten, eine solche Aufgabe zu lösen, auf verschiedene Ideen kommen, die sie dann kombinieren, bis die beste Idee gefunden ist, die ein einzelner niemals finden hätte können. „Dies rührt daher“, so Marx, „dass der Mensch von Natur, wenn nicht, wie Aristoteles meint, ein politisches, jedenfalls ein gesellschaftliches Tier ist.“ Und weiter: „Im planmäßigen Zusammenwirken mit anderen streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen.“ Indem er mit anderen gemeinsam tätig ist, erfährt er sich als Teil eines größeren und mächtigeren Ganzen – und gleichzeitig die Grenzen eines bloß individuellen Wirkens und Lebens.

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Jeder Reichtum im Kapitalismus ist gesellschaftlich produziert, alle arbeiten hier kooperativ miteinander, weder dem Unternehmer noch dem Kapitalgeber kommt hier grundsätzlich eine privilegierte Funktion zu. Die Kapitalisten tragen etwas bei, aber nichts außerordentlicheres als etwa die Schuldirektorin, die die Schule organisiert, und der Lehrer, der die Schüler unterrichtet, und der Vorarbeiter, der die Lehrmädchen einschult und der Arbeiter, der die Maschine bedient, oder die Buchhalterin, die die Bücher führt, und die Putzfrau, die die Büros wischt. Es ist dieser gesellschaftliche Charakter, dieses kooperative Zusammenwirken, das Reichtümer schafft, das in seiner Komplexität, wie Marx bewundernd schreibt, beeindruckender ist als das Zusammenwirken tausender Arbeiter beim Bau der Pyramiden im alten Ägypten (und der – unter Gerechtigkeitsaspekten – große Skandal dieser sozialen Ordnung besteht darin, dass der Unternehmer oder Kapitalbesitzer den größeren Teil der Reichtümer als seinen Privaten aneignet). „Ein abscheuliches System“ weiterlesen

Warum ist Putin im Westen populär?

Die FPÖ ist ohnehin begeistert von ihm, AfD und Front National sowieso, aber auch moderatere Konservative sehen den russischen Autokraten mittlerweile in einem rosigeren Licht – und unter amerikanischen Republikanern gingen seine Beliebtheitswerte schon hoch, bevor russische Hacker Donald Trump zur Präsidentschaft verhalfen. Bestimmte Spielarten von Linken finden ihn auch ganz toll. Kein Wunder, dass die Außenministerin Wladimir Putin bei ihrer Hochzeit haben wollte. Aber was macht den russischen Präsidenten, der Kritiker schon mal verschwinden lässt, Gewaltentrennung nervig findet und vor Brutalität nicht zurückschreckt, eigentlich so populär? Drei Gründe gibt es hierfür: 1. Er präsentiert sich als Fürsprecher traditioneller Werte, etwa Familienwerte, traditioneller Vorstellungen von Männlichkeit – und damit als Gegenspieler modischer liberalistischer Lebensentwürfe und Konventionen. Gerade weil er ein Autokrat ist, steht er für Ordnung gegenüber einer zunehmend als chaotisch empfundenen Welt. 2. Es wird ein liberaler Mainstream kritisiert, der mit der westlichen Hegemonie verbunden wird. So werden Schwulenrechte oder Feminismus (liberale gesellschaftliche Hegemonie) und die Nato (westliche militärische Hegemonie) und Wall Street zu einem Brei verrührt, zur fiktiven Einheit „westlicher Mainstream“, und Putin inszeniert sich geschickt zu einem Gegenmodell zu dem, was in den Augen vieler als „herrschende globale Macht“ erscheint. 3. Das eigentlich Erstaunliche ist: Bei alldem gelingt es ihm aber auch, als sympathisch herüberzukommen. Es hat keinen Sinn, davor die Augen zu verschließen: Putin spielt mit Selbstironie, wirkt gar nicht auftrumpfend, sondern eher scheu, er spielt auch mit sarkastischem Witz und kombiniert die autoritäre Herrschaft mit einer – im medial verbreiteten Bild – vollkommenen Abwesenheit von autoritärem Habitus. Ohne diese drei Elemente wäre es völlig unerklärlich, wie der russischer Autokrat durchaus populär werden konnte. – derstandard.at/2000086073678/Warum-ist-Putin-im-Westen-populaer

Kontrollverlust

Wie ein Begriff zur Catchphrase und Diagnosevokabel wurde.

Gegenblende, September 2018
„I’m About to lose Control and I think I like it“, singen die Pointer Sisters in „I’m so excited“. Meist ist der Kontrollverlust freilich nichts, was euphorisch bejubelt wird. Ja, neuerdings taugt er sogar zur Verächtlichmachung. „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, sagte vor einiger Zeit der sonderliche Modezar Karl Lagerfeld, dem seinerseits von manchen Leuten höhnisch vorgehalten wird, die Kontrolle über sein Leben verloren zu haben. Aber was heißt das eigentlich: Die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren?

Sich im Griff haben. Die Bälle, die man in der Luft hat, unter Kontrolle halten. Beim Drift durch die Existenz Spur halten und nicht aus der Bahn geworfen werden. Schläge wegstecken, ohne sich gehen zu lassen. Die Überforderung, die alle spüren, meistern, ohne einzuknicken. Fassade wahren vielleicht auch. Seine Existenz und sein Ich selbst zu modellieren, leben und nicht „gelebt werden“. Autor des eigenen Lebensskripts zu sein, oder zumindest Co-Autor. So Zeug halt.

Auch: Für sich selbst verantwortlich sein, und jeden Schlag einstecken – wie es der Zeitgeist einer hyperindividualisierten Wettbewerbsgesellschaft verlangt.
Zugleich geistert das Sprachbild vom Kontrollverlust durch viele Debatten. Im neoliberalen Kapitalismus, in dem stets alles auf Messers Schneide steht, in dem man nie langfristig auf etwas bauen kann, in dem Karrieren, Jobprofile, Arbeitsstellen, Mietverträge und Lebenspartnerschaften stets nur befristet und mit Ablaufdatum (aber oft eben keinem exakten) versehen sind, empfinden viele Menschen Kontrollverlust. Die Menschen wissen, „dass Morgen alles ganz anders sein kann“ (Hartmut Rosa).

Der Wahn, in jeder Situation unbedingt die Kontrolle über das eigene Leben zu bewahren und die allgemeine Diagnose des Kontrollverlustes – sie sind ganz offensichtlich zwei Seiten einer Medaille.

Überhaupt ist Kontrollverlust so eine Catchphrase geworden. In den Hochtagen des Flüchtlingssommers, als Tausende einfach so über Grenzen marschierten, haben viele Menschen, so wird jedenfalls behauptet, vor allem die Bilder vom „Kontrollverlust“ als verstörend erlebt.

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Und die Brexit-Befürworter in Großbritannien gewannen ihre Kampagne mit der Parole „Take Back Control“. Soll heißen: Statt Spielball supranationaler Kräfte und undurchschaubarer Institutionengeflechte soll wieder nationalstaatliche Kontrolle zurück gewonnen werden. Kontrollverlust weiterlesen

Termine im September: Marx, Graeber, Jacobin, Mouffe, Liebe und Co.

MARX

2. September 2018, 11 Uhr, Theater an der Josefstadt

Karl Marx verbrachte im Revolutionsjahr 1848 einige Wochen in Wien und hielt Vorträge, etwa in den Stäußelsälen, heute das Theater an der Josefstadt. Exakt 170 Jahre später gibt es aus diesem Anlass eine Matinee im Theater an der Josefstadt, bei der ich aus dem „Kommunistischen Manifest“ lesen und nachher unter anderem mit Nurten Yilmaz diskutieren werde.

ARBEIT IST UNSICHTBAR

6. September, 19 Uhr, Kreisky Forum

Harald Welzer und ich haben die Ausstellung „Arbeit ist unsichtbar“ im Museum Arbeitswelt Steyr kuratiert und auch den Reader zur Ausstellung – gemeinsam mit Christine Schörkhuber – erstellt. Wir präsentieren das Buch (erschienen im Picus-Verlag) und auch einige Elemente der Ausstellung, als Appetizer für alle, die es noch nicht nach Steyr geschafft haben.

EDELWEISS

11. September, 19 Uhr, Kreisky Forum

Der Journalist Günter Kaindslstorfer schreibt seine Romane unter dem Pseudonym Günter Wels. Seinen Roman „Edelweiß“ präsentiert er am 11. September. Die Ausgangsgeschichte: „Im Frühjahr 1945 springt Friedrich Mahr, Deckname Edelweiß, als Leiter eines Spezialkommandos aus einer zweimotorigen B-26 der U.S. Air Force über deutschem Reichsgebiet bei Salzburg ab. Der OSS-Agent hat den geheimen Auftrag, Informationen über die von Hitler angeblich geplante Alpenfestung einzuholen.“ Der Roman beruht auf realen historischen Geschehnissen.

MARX AGAIN

14. September, Wiener Neustadt

Am 14. September spreche ich in Wiener Neustadt zum 200. Geburtstag von Karl Marx. Details geb ich noch bekannt, sobald ich sie weiß.

GRAEBER

19. September, Büchereien Wien, 19 Uhr

David Graeber, der amerikanische linke Bestsellerautor, stellt sein neues Buch „Bullshit-Jobs“ vor – eine grandiose Untersuchung über viele Jobs, die erfunden werden, obwohl sie niemand braucht. So von der Art: Menschen, die in Sitzungen sitzen, die sich mit dem Sinn von Sitzungen beschäftigen. Ich habe die Freude, Graeber in ein Gespräch über sein Buch zu verwickeln.

JACOBIN

20. September, Kreisky Forum, 19 Uhr

Wie es der Zufall so will, ist gleich eine weitere Spitzenfigur der US-Linken zu Besuch: Bashkar Sunkara, der Gründer und Herausgeber des Magazins „Jacobin“, kommt nach Wien, um einen Reader mit den besten Texten von „Jacobin“ zu präsentieren, der demnächst bei Suhrkamp erscheint.

RECHTSRUCK

25. September, Kreisky Forum, 19 Uhr

In unserer Reihe, die eine aktualisierte Rückschau auf das Jahrhundert hält, widmen wir uns dem Thema: DIE ROHE BÜRGERLICHKEIT. Der österreichische Konservativismus auf Abwegen – vom „Untergang des Abendlandes“ bis Schwarz-Blau. Brigitte Bailer-Galanda, Willi Mernyi und Natascha Strobl werden sprechen, ich moderiere.

LIEBE IN ZEITEN DES KAPITALISMUS

26. bis 28. September – Innsbruck, Landeck, Kufstein/Wörgl?.

In drei Tiroler Städten präsentiere ich mein Buch „Liebe in Zeiten des Kapiutalismus“. Leider habe ich noch nicht den exakten Ablauf – was? wann? wo? -, Details gibt es sobald ich sie kenne.

CHANTAL MOUFFE

29. September, Chantal Mouffe, Wiener Humanities Festival, 15 Uhr

Beim Wiener Humanities Festival diskutiere ich mit Chantal Mouffe über ihr neues Buch „Für einen linken Populismus“. Ort: Stadtkino

Revolution in Prag

Man hat ja nicht immer Glück im Leben. Als ich 1994 eine Sammlung von Reportagen und Essays als Buch herausbringen wollte, im Verlag der Berliner „Weltbühne“, war eigentlich schon alles abgemacht. Der Erscheinungstermin stand, die Texte waren gesetzt und in der Korrektur. Dann ging der Verlag pleite. Ich hakte die Sache ab und vergaß sie auch. Das Manuskript war irgendwo unter Papierbergen, ich dachte bald nicht mehr daran. Unlängst habe ich es wieder gefunden. Da es zum Teil ganz schöne Stücke sind (auch wenn ich noch jung und schreiberisch ungelenker war, als ich das heute bin), und da die Ereignisse, die sie beschreiben, auch schon Zeitgeschichte sind, werde ich sie hier in unregelmäßiger Reihenfolge veröffentlichen. Vielleicht interessiert es ja jemanden. Ich starke mal mit meinen Notizen aus der tschechischen Revolution des Jahres 1989. 

Von der Weisheit des Volkes. Prag, 1989

Jeder hat es schon gehört in den vergangenen Tagen, das Gerücht: Alexander Dubcek werde sich an die Seite der Oppositionsbewegung stellen. Das werde dieser eine Kick sein, der der Bewegung zum Sieg verhelfe werde. Ganz sicher, er werde sprechen. Und dann kam er doch tagelang nicht. Auch an diesem Abend wieder zog es Kreise, das Gerücht, während sich die Menschenmenge am Prager Wenzelsplatz versammelte. Ich blickte vom Balkon, von dem jeden Abend Vaclav Havel spricht, über den Platz. Irgendwann musste ich aufs Klo, und auf dem Weg dahin war ich etwas zu schnell, man will ja nichts versäumen, wenn Geschichte gemacht wird, man stelle sich vor, es geschehe etwas historisch Denkwürdiges und man würde es am Pissoir versäumen, und wie sich so auf dem Weg zum Klo bin, da übersehe ich den alten Mann beinahe, der da die Treppe hochgeht, knapp, dass ich ihn nicht über den Haufen laufe. Und dann erkenne ich ihn. Dubcek. Erstmals seit der Niederschlagung des Prager Frühlings wieder auf dem Weg, zu einer Menschenmenge zu sprechen.

Foto: Kurt Molzer

Vor mehreren hunderttausend Tschechen sprach der große alte Slowake am Prager Wenzelsplatz und gab damit der „samtenen Revolution“ jenen letzten Impuls, den diese zum Erfolg brauchte.

Danach kamen er und der andere, der junge Held, Vaclav Havel, auf Schleichwegen in das zur „Revolutionszentrale“ umfunktionierte Theater „Laterna Magika“, um sich dort der versammelten Presse zu stellen. Nach wochenlange Demonstrations- und Organisationsmarathon hatten die Protagonisten tiefe dunkle Ringe unter den Augen. Havel sah noch zerknautschter aus, als üblich, in seinem speckigen grünen Parka. Später dann, auf der Bühne, Havel im weißen Hemd, Dubcek im feschen Anzug, der den Chic der sechziger Jahre hatte, auch der frühere Außenminister des Prager Frühlings war dabei, Jiri Hajek. Gerade wollte sie wieder zu reden beginnen, wollten an die Vision eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz anknüpfen, die vor 20 Jahren unter das Kettengeschepper der Panzer geraten war, da kam ein Vierter auf die Bühne, zaghaft, als wolle er nicht stören, ohne Eile, aber doch sichtbar aufgewühlt. Er flüstert Havel ins Ohr, der unterbricht Hajek, sagt ins Mikrofon, man müsse eine wichtige Mitteilung machen: In der abendlichen Nachrichtensendung sei eben bekanntgegeben worden, das Präsidium des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei wäre geschlossen zurück getreten. Revolution live. Die Presseleute und die Revolutionäre werden gleichzeitig vom Sieg der Revolutuion unterrichtet. Alles springt auf, Akteure und Beobachter. Berichterstatter, die Tränen in den Augen haben. Akteure und Chronisten, in dem Moment nicht leicht unterscheidbar.

Sofort werden die selbst überraschten Sieger mit Fragen bombardiert. Die Ereignisse abwarten, schlägt Dubcek vor, „denn morgen sind wir klüger“, keine Illusion habe er, sagt Havel, in die Menschen, die die jetzt abgetretenen ersetzen werden: „Dennoch ist das ein wichtiges Ereignis“. Und in all dem Jubel kommt die Rede schnell, überraschend schnell, auf den Sozialismus.
„Ich“, sagt Dubcek, „habe nie verborgen, und verberge es auch jetzt nicht, dass ich für einen demokratischen Sozialismus in einer pluralistischen Gesellschaft stehe“.
„Der Sozialismus hat seine Glaubwürdigkeit verloren“, fällt ihm Jiri Hajek ins Wort. „Das ist eine der Folgen der totalen Verwüstung unserer Gesellschaft. Wir werden hart arbeiten müssen, um das rückgängig zu machen.“
Untauglich seien doch all diese Begriffe, sagt Havel: „Ich habe mich immer als Sozialist gefühlt, doch vor 15 Jahren habe ich aufgehört, dieses Wort zu gebrauchen. Es taugt heute nicht mehr. Es ist zu einem Synonym für bürokratische Herrschaft geworden.“

Für kommenden Montag ist ein Generalstreik angesetzt. Bis zuletzt wagte kaum jemand eine Prognose, welcher Erfolg dem Ausstand beschieden sein würde. Für viele war Erfolg und Misserfolg des Streiks mit der Person Dubceks verbunden. „Dubcek ist ein Mythos in unserem Land“, erklärte die Studentenführerin Monika Pajerova nur wenige Stunden vor dem Auftritt des Führers von 1968. „Wenn er sich tatsächlich einschaltet, dann steht hier alles.“ Doch das Machtmonopol der KP könnte nicht einmal ein Parteichef Dubcek – ohnehin ein grotesk spekulativer Gedanke – retten. Pajerova: „Die führende Rolle der Kommunistischen Partei muss weg. Das würde auch für eine KP unter Alexander Dubcek gelten.“

„Würden Sie denn abermals als Chef der tschechoslowakitschen Kommunisten zur Verfügung stehen?“, fragte ein westlicher Journalist Alexander Dubcek, nachdem wieder etwas Ruhe eingehrt ist in der Laterna Magika.
Dubcek: „Das zu entscheiden ist Sache des Zentralkomitees.“
Auch eine Antwort.

In der überfüllten Laterna Magika, wo langsam die Atemluft schlecht wird, bestimmen die mittel-jungen Dissidenten das Bild, die Revolutionäre in ihren Parkas und Rollkragen-Pullovern. Einer, der der Stimmung von Wildheit und Aufgeregtheit zum Trotz immer in Anzug und Krawatte kommt, ist der Ökonom am Prager Prognostischen Institut, Vaclav Klaus. Er will vom Philosophieren der Alten über Sozialismus – mit welchem Antlitz auch immer – nichts hören. Seine Heiligen sind nicht Marx, nicht Keynes, sondern die radikalen Marktwirtschaftler der „Chikago-Boys“ des Milton Friedman. „Ich glaube“, sagt er verdrossen, „dass die alten, 1968 aus der Partei ausgeschlossenen Kommunisten, die weiter vom Sozialismus mit menschlichem Antlitz träumen, die Mehrheit auf ihrer Seite haben“. Er habe, klagt er, im Oppositionsbündnis ‚Bürgerforum‘ beinahe „die gleichen Probleme wie in der KP“.

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Der junge Arbeiter Milan Machat will gar nichts mehr vom Sozialismus wissen. „Ich gehöre zu einer Generation, die diese Slogans nur aus den Erzählungen der Eltern kennt“, sagt der junge Automobilarbeiter. Wir sitzen in einem grauen Hinterzimmer in einem verkommenen Verwaltungsgebäude des traditionsreichen Automobilwerks CKD. Hier, im 8. Bezirk der Hauptstadt, schlägt das Herz der angeblich herrschenden Klasse im Arbeiterstaat. Traditionell eine Hochburg der KP, sind mit den drei Buchstaben die bedeutendsten Epochen der jüngsten tschechoslowakischen Vergangenheit verwoben. In der Montagehalle tagte 1968 symbolecht der Reformparteitag unter Alexander Dubcek.

Im November 1989 sind die CKD-Arbeiter wieder an vorderster Front – diesmal jedoch im Kampf gegen das Monopol der KP. Milan Machat, selbst Mitglied der Partei, ist einer der 21 Organisatoren des Streikkomitees. Noch spricht er von einem „pluralistischen Sozialismus“, weiß aber selbst nicht genau, was das sein soll. Genau weiß er nur, wogegen er ist: „Gegen die Führungsrolle der Partei.“

Eine Woche ist es her, da hat eine neuentstandene Sammlungsbewegung namens „Bürgerformu“ als Reaktion auf die brutale Niederschlagung einer Studentendemonstration die Arbeiter zum Generalstreit aufgerufen. Als dann am 27. November für zwei Stunden alles im Land still steht, da ist das beinahe nur mehr eine Siegesfeier – das Schicksal der KP war schon vorher besiegelt.

Das gibt den Tschechen auch die Möglichkeit, diese Kraftprobe, die keine mehr ist, auf zwei Stunden zu beschränken. Alle hier schreckt das polnische Beispiel, wo die ohnehin marode Industrie durch die Massenstreik-Bewegungen zusätzlich geschwächt wurde. „Ja, wir haben Angst“, bestätigt Jiri Jergl, ein Mitstreiter Milan Machats: „Wir wollen nicht, dass der Streik zu Verlusten führt“.

Das „Bürgerforum“, ohnehin dem bekannten Vorwurf aus dem Repertoire aller Despoten ausgesetzt, es würde das Land in den Ruin treiben, versucht sich selbst so verantwortungsbewußt wie nur möglich zu präsentieren: „Der für den 27. November 1989 erklärte Generalstreik ist ein politischer Proteststreik und verfolgt keine anderen politische Ziele“, heißt es in dem Aufruf. „Der Beginn des Generalstreiks ist einheitlich: am 27. November um 12 Uhr. (…) Der Streik sollte höchstens bis 14 Uhr dauern“. In manchen Branchen soll der Streik nur „erklärt“ und in „geeigneter Form zum Ausdruck gebracht“, die Arbeit aber fortgesetzt werden.

„Jetzt ist definitiv Schluss“, sagt lachend ein Arbeiter, als um Punkt 12 Uhr die Belegschaften vieler Industriebetriebe vor das Tor des CKD-Werks strömen. „Hoch leben die Studenten“ – Hoch lebe das Bürgerforum“. „Kommunismus kaputt“, versucht ein Taxichauffeur den ausländischen Gästen die Bedeutung des Geschehens auf einfache Art zu deuten. Geistig hatte die Partei ohnehin schon vor diesem letzten Schlag abgedankt. Das Prager Parteiaktiv, das zuvor im Kulturpalast eine zweitägige Konferenz abgehalten hatte, tat das mit einer abschließenden Elf-Punkte-Erklärung, deren ersten Absatz lautet: „Das Volk der CSSR ist weiser als seine Führung“.

Der verbale Schlagabtausch dieser Parteikonferenz wurde Stundenlang im Rundfunk übertragen. Auf einer Fahrt durch Prag hört der Taxichauffeur gespannt die Berichterstattung. Plötzlich lacht er laut auf. „Haben Sie das verstanden?“ – „Nein“ – „Der Kommunist hat siene Parteichefs gerade ‚zittrige, kranke Greise‘ genannt“. Nochmals lacht er brüllen auf, lässt für einen Augenblick das Lenkrad los, schlägt sich klatschend mit Handflächen auf die Oberschenkel.
„Kommunist kaputt“, ruft er lachend.
Revolution, eine große Hetz.

Trotz der Spannung, die sich erst durch die Nachricht vom Rücktritt des ZK-Präsidiums auflöste, war die Woche der Revolution in Prag ohnehin ein einziges großes Fest. Tag für Tag reihen sich mehr und mehr Fahrzeuge in den allabendlichen Autokorso ein, der sich die Washingtonova, am oberen Ende des Wenzelsplatzes, entlang der Front des Nationalmuseums vorbeischiebt. Hupend fuhren sie durch das enge Spalier aus tausenden Pragern, die fröhlich die blau-weiß-roten Fähnchen der Nationalfarben schwengen. Eine Miniaturvariante der tschechischen Trikolore hatte ohnehin jeder in diesen Tagen ans Revor geheftet. Ausgelöst wurde all dies – abgesehen von der brutal aufgelösten Demonstration der Studenten, die gleichsam das Signal zum Aufstand gab – durch den Fall der Berliner Mauer. „Das war ein unglaubliches Symbol“, erzählt die frühere Sprecherin der Charta 77, Anna Sabatowa. Und der 23jährige Physikstudent Jiri war schon in den ersten Kampftagen gewiss, allen Gerüchten und Ängsten vor einer „chinesischen Lösung“ zum Trotz: „Was die schafften, wird uns doch auch gelingen“. Beinah einen Anflug von gekränkter Ehre spürte man im Gespräch mit vielen Tschechen: Die preußischen Sozialisten, diese Musterknaben des Ostens, waren den immer so regimeskeptischen und rebellischen Tschechen zuvorgekommen und hatten ihre Herren abgeschüttelt und die Mauer umgeworfen, während Milos Jakes, der starke Mann in Prag noch sicher in seinem Stuhl saß. „“Die Republik gehört uns“, rief ein hagerer, gebrechlicher Schauspieler in der Laterna Magika, dem Podium des Bürgerforums, das „binnen vier Tagen zur Stimme des Volkes wurde und dabei selbst noch ein Baby ist“ (Vaclav Havel).

Der schnelle Aufstieg der Bürgerbewegung, für deren Akteure selbst das größte Problem, bereitete auch manchem Gegner Wahrnehmungsschwierigkeiten. „Das ist“, machte sich Milos Jakes selbst Mut, „doch nur eine Revolte der Studenten und Intellektuellen. Die Arbeiter stehen fest hinter der Partei.“

Wie man sich täuschen kann.

Masters of Desaster

Man wird es dieser Tage oft hören: Die europäische „Rettungspolitik“ sei eine Erfolgsgeschichte. Ha. Haha. Hahahaha!

taz, August 2018

Sie sind so gewiss und erwartbar, dass wir sie uns auch gleich selbst schreiben könnten – die Jubelmeldungen aus den europäischen Technokratenstuben, dass die Krise in Griechenland nun zu Ende sei; dass das Land jetzt wieder an die Finanzmärkte zurückkehre; dass die verordnete Kur ja nun doch Erfolg gehabt hätte, allen Kassandrarufern zum Trotz. Und gibt es nicht auch sonst genug an Erfolgsmeldungen aus Griechenland? Die Arbeitslosigkeit, ja, sie ist immer noch hoch – aber erstmals seit Jahren unter die 20-Prozent-Marke gefallen. Die Erwerbsquote steigt wieder langsam.

Aber warten wir ab, ob sich das geschundene Land tatsächlich zu akzeptablem Bedingungen auf den Finanzmärkten refinanzieren kann; ob die Schuldenlast jetzt tatsächlich tragfähig ist. Und selbst wenn: Eine Erfolgsgeschichte wird die „Rettungspolitik“, wie sie von Schäuble, Troika und Co. exekutiert wurde, nimmermehr. Und im Grunde geben das ja sogar die Verantwortlichen heute zu. Sie sagen nur: Es gab damals ja kaum eine andere Möglichkeit.

Fakt ist natürlich: Als die griechische Regierung 2009 eingestand, dass im Budget ein astronomisches Finanzloch klafft, war das nur bedingt eine Folge der Finanzkrise. Anders als in Spanien oder Island war es nicht der Kollaps der Banken, sondern die Misswirtschaft der vorhergegangenen Regierungen, die für die Malaise verantwortlich war. Die Finanzkrise führte dann aber dazu, dass Griechenland kaum mehr Kredite bekommen hätte – und quasi bankrott gewesen wäre. Also musste die Eurozone hektisch Rettungsinstrumente für angeschlagene Pleitekandidaten basteln, denn auf so ein Szenario war man nicht vorbereitet. Das kostete wertvolle Zeit, in der das Land zudem immer tiefer in die Krise hineingeredet wurde. Heute räumen sogar die Eurozonen-Dirigenten ein, dass es schon damals einen scharfen Schuldenschnitt gebraucht hätte – man einen solchen aber nicht gewagt hat, da die Finanzmärkte ohnehin lodernd in Flammen standen, und man daher einen Dominoeffekt befürchtete.

Dass ein Land mit riesigem Defizit in den laufenden Haushalten bei seinen Staatsausgaben den Rotstift ansetzen muss, ist natürlich kaum abzustreiten, noch dazu, wenn es, wie Griechenland, nicht auf die Schnelle für mehr Steuereinnahmen sorgen kann. Aber die Schocktherapie, mit der die griechische Volkswirtschaft kaputtgeschrumpft wurde, war viel zu brutal, um irgendwelche effizienten Folgen haben zu können. Der Sparkurs, der verordnet wurde, machte die Schulden noch drückender, wie jeder Kreditnehmer schnell verstehen hätte können: Wenn deine Schulden langsam sinken, dein Einkommen sich aber halbiert – dann hast du mehr Probleme mit deinen Schulden, nicht weniger.

Nahezu alles, was die Troika und die Eurogruppe Griechenland an Medizin verabreichte, war fatal. Klar brauchte das Land Strukturreformen: Aber eine Modernisierung der Wirtschaft kriegst du eher schlecht hin, wenn du sie abwürgst – und leichter, wenn du investierst. Und die Generationen, die jetzt ein nahezu ganzes, verlorenes Jahrzehnt hinter sich haben – die holen die verlorenen wirtschaftlichen Möglichkeiten nie wieder auf.

Mag man sogar die Privatisierung von Staatseigentum für unumgänglich halten, wenn ein Land hohe Schuldenstände abbauen muss, dann ist erstens schon fraglich, ob das denn ökonomisch langfristig so effizient ist (dem Staat entgehen ja auch künftige Einnahmen), vor allem aber weiß jedes Kind, dass es sehr verrückt ist, inmitten einer globalen Krise fast alles auf den Markt zu werfen – dann verfallen nämlich die Preise und die Erlöse aus den Privatisierungen bleiben weit unter den Erwartungen.

Beinahe im Monatstakt wurden Griechenland aber genau solche Unfug-Rezepte verschrieben.

Doch nicht nur in konzeptioneller Hinsicht wurde fast alles falsch gemacht – vor allem auch in atmosphärischer. Mit Zutun höchster Kreise wurde eine Sprache des Wir-gegen-Sie salonfähig: Fleißiger Norden gegen faule Südländer. Tüchtige Deutsche versus Pleitegriechen. Da wurde runtergemacht und in Herrenreitermanier gebellt, man möge doch bitte in Athen die Hausaufgaben machen. Ein ganzes Land wurde zum Befehlsempfänger degradiert. Nun ist ein Gläubiger-Schuldner-Verhältnis immer ein Macht-Ohnmacht-Verhältnis, aber gerade deshalb wäre ein wenig Fingerspitzengefühl nicht zuviel verlangt gewesen.

Und zu allem Überdruss hat man dann ab 2015 die linke Syriza-Regierung nicht als Chance für eine grundlegende Erneuerung des griechischen Filz- und Schlendrian-Systems behandelt, sondern hat vom ersten Tag ihres Amtsantritts klar gemacht, dass sie der Feind sei, ein Unfall und Irrtum, eine Regierung, die so schnell wie möglich wieder verschwinden muss.

Viel mehr falsch hätte man schwer machen können.

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Vom Leben der einfachen Leute

Das Problem an der Rede von den „einfachen Leuten“ ist der Beiklang: Wer von den „einfachen Leuten“ spricht, der behauptet implizit, dass er nicht dazugehört. Ja, mehr noch: dass er vom Leben dieser einfachen Leute gar keine Ahnung hat. Schon als Phrase eine Distanzierung, hart an der Grenze zur Herablassung. Nun kann man sich die Frage stellen, ob es eine Normalität, die die Rede von den „einfachen Leuten“ unterstellt, heute überhaupt noch gibt – die „Normalität“ ist heute doch so buntscheckig und vielgestaltig, dass schon das Konzept der Normalität fragwürdig ist. Aber die Phrase von den „einfachen Leuten“ meint etwas anderes: jene, die nicht mit goldenen Löffeln geboren sind. Jene, die ihr Leben meistern und fest in diesem stehen, jenseits der Verzärteltheiten der Upper Classes. Jene, die nicht irgendwelchen großspurigen Flausen eingebildeter Besonderheit anhängen. Im Begriff von den „einfachen Leuten“ steckt von jeher schon auch ein Stolz, ein popularer Stolz, ein rebellischer Stolz gegenüber denen, die sich als etwas Besseres vorkommen. Wie konnte es also dazu kommen, dass man überhaupt den Gedanken fassen kann, in diesem Begriff stecke eine herablassende Distanzierung? Weil wir in einer Welt leben, in der es unschick geworden ist, sich als „normal“ zu bezeichnen, wo niemand Durchschnitt, jeder etwas Besonderes sein will. Und in der das Leben der „einfachen Leute“ als uninteressant abgewertet wird. Früher wollte man Teil der „einfachen Leute“ sein, heute will man ihnen nur ja nicht zugerechnet werden. Aber wer sind die einfachen Leute? Welche Leben führen sie? In welchen Gedankenwelten? Und was sind ihre Gerechtigkeitsempfindungen?

Man sollte das Konzept der Cooleness einer Kritik unterziehen

FS Misik Folge 559

Die sozialen Medien produzieren nicht die Pose der coolen Distanziertheit, aber sie verstärken sie noch, diese Sucht nach pubertärem Distinktionsgewinn. Jeder ist bemüht, sich über den Durchschnitt zu erheben und dies ohne Unterlass kundzutun, was am Ende dazu führt, dass man peinlich bemüht ist, sich niemals mit einer Sache oder mit einer größeren Zahl von Menschen zu verbinden – sondern umso bemühter ist, zu zeigen, was einen von anderen trennt. Dieser Tribalismus von politisch-ästhetischen Stilgemeinschaften ist eine eigene Art des neoliberalen Wettbewerbsgeistes, bei dem es primär darauf ankommt, stets zu zeigen: Ich bin super, alle anderen sind deppert. Neben dem großen Wir-gegen-Sie ist unsere Gesellschaft des Gegeneinanders daher durch viele kleine Wir-gegen-Sies zerrissen, dem Narzissmus der kleinen Differenz. Doch dieses Fest der Differenz, das jetzt in Katerstimmung umschlägt, weil alle nur mehr wechselseitig aufeinander einprügeln, ist im Konzept der Coolness schon angelegt. Man giert nach dem Applaus, aber die applaudierende Sub-Gruppe muss möglichst klein sein, damit sie sich noch ausreichend vom verpönten Durchschnitt abheben kann. Man sollte das Konzept der Coolness jedenfalls einer grundlegenden Kritik aussetzen.