„Das Unglücksweisen, das ich bin…“

2024 steht ganz im Zeichen von Franz Kafkas 100. Todestag. Ein idealer Autor für das wirre Heute, eine Axt für das gefrorene Meer in uns.

Eine leicht gekürzte Fassung dieses Essays erschien im Januar in der „Neuen Zürcher Zeitung“

Am Náměstí Republiky kreischen Prags Straßenbahnen, mit ein paar Sprüngen ist man über die Pfützen, in denen der Regen tanzt, und mit hochgeschlagenen Kragen in die Na Poříčí, wo heute das „Hotel Century Old Town“ liegt. Man merkt dem Gründerzeitbau die leicht einschüchternde Aura früherer Amtsgebäude noch an. Vor hundert Jahren war hier die böhmische „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt“ untergebracht, eine halbstaatliche Behörde. Franz Kafka hatte hier sein Büro als Versicherungsbeamter, wie man das damals noch nannte. Auch heute hat das Haus seine zentralen und peripheren Treppenhäuser, den Lauf der Flure, der sich amtshausmäßig auf jeder Etage entlangzieht, unvermutete Gänge zwischen den Geschoßen, labyrinthartige Verbindungen. „Profunde Kenntnis bürokratischer Strukturen“ (Oliver Jahraus) ist nicht unwesentlich in Kafkas Werk eingeflossen, das Wissen über das Mahlen einer Bürokratie, die den Einzelnen nicht nur im Kreis schickt – sondern der er ausgeliefert ist.

Von hier aus ist es nicht weit zum Altstädter Ring und dem alten Judenviertel, das in Kafkas Kindheit und Jugend seinen Charakter radikal änderte. Kafkas Vater hatte hier seinen prosperierenden „Galanteriewaren“-Laden. Nur ein paar Schritte sind es bis zur Schule, die Kafka besuchte. Das „Café Arco“, wo das intellektuelle Prag herumsaß, Max Brod, Franz Werfel, Albert Einstein während seiner paar Professorenjahre in der Stadt, ist einen Steinwurf entfernt. Zum „Café Louvre“ in der heutigen Národní třída (Nationalstraße), wo sich die Bande als Jungstudenten zu Philosophieabenden traf, ist es auch nur ein kleiner Spaziergang. Ein paar hundert Meter in die eine Richtung, ein paar hundert Meter in die andere, das ist der Lebensraum, den Franz Kafka nie für länger, aber immerhin für ein paar ausgiebige Reisen verlassen hat. Gelegentlich grübelte er über das Weggehen – „Prag, aus dem ich weg muß, und Wien, das ich hasse und in dem ich unglücklich werden müsste“ –, aber letztlich blieb er abgesehen von einem längeren Berlinaufenthalt kurz vor seinem Tod in Prag. „Das Unglücksweisen, das ich bin…“ weiterlesen

Dem Morgenrot entgegen

Rahel Jaeggi renoviert das Konzept des „Fortschritts“. Der Begriff ist heutzutage ja arg ramponiert.

Die Idee des „Fortschritts“ hat schon bessere Tage gesehen. Heutige Gesellschaften sind weniger von Fortschrittsgeist und Zukunftsvertrauen beherrscht, sondern von einem Gefühl depressiver Stockung. Es gibt zwar weiter „Fortschritte“, die allgemein unumstritten sind – in der Medizin, in der Wissenschaft, in den technologischen Innovationen. Dass die heutige Herzchirurgie ein Fortschritt gegenüber einstigem Frühableben sei, wird kaum jemand bestreiten, selbiges gilt für die E-Mail im Vergleich zum Telegrafenamt. Aber ob sich der technologische Fortschritt, der materielle Fortschritt (also der allmähliche Anstieg des allgemeinen Wohlstandsniveau), der soziale Wandel und moralischer Fortschritt (etwa, Richtung mehr Gerechtigkeit und Achtung von Menschenrechten), zu einer umfassenden „Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen“ (Rahel Jaeggi) addieren, wird heute eher angezweifelt. Dem Morgenrot entgegen weiterlesen

Der übergriffige Staat

Eine Studie sieht in Österreich fast 30 Prozent „Libertäre“. Kann das wahr sein? Der staatsfeindliche Instinkt ist verständlich, aber unsinnig.

Zackzack, Jänner 2024

Der aufmerksame Moritz Ablinger vom „profil“ hat in einer Studie der Akademie der Wissenschaften ein bemerkenswertes Detail entdeckt: rund ein Drittel der Befragten gaben eine gewisse Nähe zu entschieden libertären Ansichten zu erkennen. Es war jene Untersuchung, die die Corona-Maßnahmen „aufarbeiten“ sollte. Darin äußerten erstaunlich viele Leute „eine grundsätzliche Ablehnung von staatlichen Vorschriften und Zwängen und eine ‚herausragende Bedeutung‘ von Individualität, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, wie es im Bericht heißt“ (Ablinger). Üblicherweise findet solche Standpunkte „traditionellerweise bei Vertretern hart-neoliberaler Wirtschaftspolitik.“

Die Haltung, etwas salopp gesagt: Der Staat soll sich aus dem Leben gefälligst heraushalten. Der übergriffige Staat weiterlesen

Gegen die Resignation

Gekünstelter Optimismus kann nerven. Aber der grassierende Pessimismus ist die größere Pest.

Wir leben im Zeitalter der „Glücksforschung“, in der also von der Wissenschaft erhoben wird, was Menschen glücklich macht. Manche Länder haben sogar schon versucht, das „Bruttonationaleinkommen“ durch ein kompliziert erhobenes „Bruttonationalglück“ zu ersetzen, und zwar auch deswegen, weil wir heute wissen, dass wachsender materieller Wohlstand nicht automatisch zu mehr Lebenszufriedenheit führt. Ratgeber erklären uns, wie man am besten glücklich wird und manchmal fühlt man sich von den „Denk-Positive“-Aufforderungen schon dermaßen belästigt, dass man ein wenig aggressiv wird, was dann ja wiederum eine eher negative, nicht positive Gemütsstimmung ist. Gekünstelte Fröhlichkeit kann ordentlich nerven.

Dennoch setzen sich in unserem öffentlichen Leben Negativismus und Pessimismus durch. Es ist ja nicht nur die Gereiztheit, die sich überall einschleicht, und auch die Angst, die um sich greift. Angst vor persönlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, weil alles teurer wird, oder wegen der Krisen und Kriege, oder wegen des gefühlten Kontrollverlustes, der wiederum dazu führt, dass man Regierungen nichts mehr zutraut. Ein durchaus positiver Reflex – nämlich eine kritische Haltung gegenüber Obrigkeit, Staat und Herrschenden –, kann leicht auch ins Gegenteil umschlagen, nämlich in wüstes und grundloses Dagegensein. So von der Art: Ich hab zwar von nix eine Ahnung, aber ich habe eine starke Meinung, die praktisch immer passt, nämlich: Wenn es von Regierenden kommt, dann kann es sich nur um eine Trottelei handeln, also bin ich schon mal dagegen. Gegen die Resignation weiterlesen

Die armen Nazis

Die FPÖ war eine Gründung von Nazis und SS-Leuten, die sich als „Entrechtete und Opfer“ fühlten. Frappierend, wie prägend dieses Geheule bis heute ist.

Zackzack, Jänner 2024

Rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien erleben in vielen Teilen der Welt einen Aufschwung. Mancherorts, wie etwa in den Niederlanden, sind sie zuletzt sogar stärkste Partei geworden. In den USA droht mit Donald Trump ein Mann als Präsident zurückzukommen, der ungeniert die Sprache von Diktatoren spricht, politische Gegner als „Ungeziefer“ verunglimpft und am Ende seiner Präsidenten-Amtsperiode sogar einen Putschversuch unternahm. Die armen Nazis weiterlesen

Aufstehen gegen Hass und Rechtsextremismus

Freitag, 26. Jänner, 18 Uhr, Parlament. Denn: Genug ist genug. Es reicht!

Am kommenden Freitag, 26. Jänner, wird jetzt auch in Wien gegen den Aufstieg des Rechtsextremismus, die haarsträubende Radikalisierung und, schlicht und einfach, gegen die FPÖ demonstriert.

Freitag, 18 Uhr, vor dem Parlament.

Es ist eine bunte Mischung an Leuten, die sich jetzt kurzfristig zusammengetan haben. Das Bündnis für eine menschliche Asylpolitik mit unserem wunderbaren Freund und Mitstreiter Erich Fenninger, die Fridays for Future, die „Blackvoices“ – die von der „Black Lifes Matter“-Bewegung inspiriert sind, und viele andere die dann dazu stießen.

Es wird auch ein großartige Line-Up geben, mit Rednerinnen und Rednern, Beiträgen von Autorinnen, den wichtigsten Künstlern des Landes (Spoiler: Solltest Du Dir allein deshalb nicht entgehen lassen). Es ist mal der erste große Pflichttermin im Jahr, wie man das so nennt. Weitere werden folgen müssen, wenn wir unser Land nicht aufgeben wollen.

Der emotionale Anstoß ist natürlich der unerwartete Aufstand von Millionen in Deutschland – alleine am vergangenen Wochenende haben rund 1,5 Millionen Menschen in dutzenden oder hunderten Städten demonstriert.

Salopp wird da gesagt, da ist das echte Volk auf der Straße, die breite „Mitte der Gesellschaft“. Und das stimmt ja auch. Aber Mitte ist ein nicht ganz präziser Begriff, denn bei „Mitte“ kommt gleich die Vorstellung hoch von einer politischen Geografie auf, hier links, dort rechts, dazwischen die „Mitte“. Es ist eher die Mitte der heutigen, bunten Normalität in heterogenen Gesellschaften. In diesem Sinne ist es eine Mitte. Und auch nicht eine Phantasievorstellung vom „Volk“, bei dem dann gleich Bilder von Homogenität aufpoppen, sondern die breite „Bevölkerung“, die unterschiedlich ist, aber doch durch eines geeint. Nämlich durch das Gefühl: Es reicht. Genug ist genug.

Gustav Seibt schrieb in der „Süddeutschen Zeitung“ nach diesen Manifestationen:

„Am Wochenende sah man einen Querschnitt der bundesrepublikanischen Gesellschaft mit all ihren Unterschieden: alt und jung, bürgerlich und alternativ, elegant, casual, reich, arm, migrantisch, städtisch, ländlich, junge Familien, Omas, schwul-lesbische Pärchen, östlich-westlich (Gott sei Dank!), politisch streng, politisch ironisch, programmatisch so divers wie im Habitus, sofern sich die Zeichen überhaupt entziffern lassen. Insgesamt: vollkommen inhomogen. Äußerlich: nicht formiert, locker gestreut im Raum, flanierend, trottend, kommend und gehend. Vollkommen zivil, überwiegend entspannt.“

Wie wirkungsvoll solche Mobilisierungen sind, lässt sich empirisch meist schwer messen, aber ein paar Untersuchungen gibt es. Etwa aus Italien, wo Forscher und Forscherinnen anti-rechte Bewegungen in mehreren Regionen untersucht haben und anhand der Regionalwahlen 2020 die Effekte analysierten. Fazit: In Städten und Gemeinden, in denen es große Mobilisierungen gegeben hat, gab es eine „Reduktion der Stimmen für die radikale Rechte“ von bis zu vier Prozent – verglichen mit Städten, in denen es solche Proteste nicht gab. Ähnliche Evidenz brachten Studien über die französische Präsidentschaftswahl 2002 zutage und Forschungen aus Griechenland. Es sind eine Reihe von Faktoren, die dabei zusammenwirken, so die verschiedenen Untersuchungen. Einerseits gibt es eine „Signalwirkung“, dass rechtsextreme Stimmabgabe sozial in der Gemeinde stigmatisiert ist (was schwankende Mitläufer der Rechten beeindruckt), andererseits etablieren die Proteste „Informationsnetzwerke“, außerdem heben sie die Wahlbeteiligung bei den Gegnern der Rechtsradikalen. Und langfristig werden neue Generationen an Aktivisten „politisiert“, was später langjährige Effekte hat. Mobilisierung wirkt also – wenngleich es sicherlich nicht mit ein, zwei Protestwochenenden getan ist.

Eine der wichtigsten Wirkungen solcher Mobilisierungen: Sie bekämpfen den größten Feind der Demokraten, nämlich die Lethargie, die Larmoyanz und die Resignation.

Wir, die Guten – gegen die Bösen

Ein manichäisches Weltbild gewürzt mit Selbstgerechtigkeit wird die Krise des Westens nur verschärfen.

taz, Jänner 2024

Nicht wenige werden der Meinungen sein, Bernard Hénri-Levy sei mit seiner Eitelkeit, seiner Showmanhaftigkeit und seiner outrierten Theatralik ein leichtes Opfer für Polemik. Ich hingegen neige zu Charaktergüte und schätze bei einigermaßen fähigen Leuten mit den einigermaßen richtigen Reflexen primär die Stärken, und pflege deren Schwächen gegenüber Milde walten zu lassen. Meine Voreingenommenheit gegen BHL hält sich deshalb in Grenzen. Der Mann hat Meriten. Komisch sind wir alle auf unsere Weise. Möglicherweise wird meine Milde auch durch die Bereitschaft verstärkt, mir Schmeicheln zu lassen, schrieb BHL doch vor ein paar Jahrzehnten meinen Namen und den von einer Reihe von Mitstreiterinnen, Freundinnen und Großliteratinnen, um dann hinzuzufügen: „Die Namen und Vornamen Wiens. In diesen Namen und Vornamen die Spur jenes Identitätsmosaiks: des Wiens von Hermann Broch, Arthur Schnitzler und Karl Kraus.“ Denkbar, dass ich ohne diesen kleinen Zucker- und Kitschguss eine Spur strenger wäre. Wir, die Guten – gegen die Bösen weiterlesen

Kickls „Fahndungslisten“

Die große Mehrheit hat den Hass und das permanente Aufhetzen satt.

Herbert Kickl hat wieder einmal einen seiner Rundumschläge gemacht, im Volksmund schon „Zwergpredigt“ genannt, und wie bei ihm gewohnt war es nicht gerade eine Botschaft von Liebe, Hoffnung und Friede, sondern eine der Aggression und Böswilligkeit. Die Verrohung der Sprache kennt keine Grenzen mehr, als wäre man in einer Überbietungslogik, von der Art der Drogensüchtigen, die andauernd die Dosis steigern müssen, damit der Kick nicht nachlässt.

Andersdenkende hätte er schon auf einer langen „Fahndungsliste“ vermerkt, war da zu hören. Quasi alle anderen Politiker und Politikerinnen, die trotz harter Grundsatzkonflikte einen Geist der Zusammenarbeit und Kompromissfähigkeit hochhalten, werden „Systemparteien“ genannt.

Die Wählerinnen und Wähler, die die FPÖ nicht wählen – also achtzig Prozent der Österreicherinnen und Österreicher, werden als „Systemlinge“ beschimpft.

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„Der übergeschnappte Lenin“

Vor 100 Jahren starb der Bolschewistenführer. Er gehört ins Museum der Altertümer, neben Spinnrad und bronzene Axt.

Ohne Lenin hätte es die Oktoberrevolution nicht gegeben. Es hätte die russische Revolutionspartei nicht gegeben, und 1917 nicht den voluntaristischen Zugriff nach der Staatsmacht. Es hätte dieses exemplarische Lehrstück nicht gegeben, das zum Prototyp jeder Art von „Revolution“ werden sollte.

Man kann auch sagen: Ohne Lenin wäre der Welt viel erspart geblieben. Auch der Kommunismus wird sich von Lenin so schnell nicht mehr erholen.

Dennoch gilt Lenin auch über die engsten Kreise sektiererischer Aufstandsromantiker hinaus noch bis heute als attraktive Figur, sogar als bewunderungswürdig. Terror, Erschießungspelotons, Diktatur – allenfalls den Umständen geschuldet. Lenin, in sanftes Licht gehüllt, Verkörperung eines Traums, der dann nur Stalins wegen im bösen Albtraum endete.

Exakt 100 Jahre ist es nun her, dass Wladimir Iljitsch Uljanow, Nom-de-Guerre „Lenin“ in Moskau gestorben ist. Da war er nach mehreren Schlaganfällen schon hinfällig und siech. „Der übergeschnappte Lenin“ weiterlesen

Das Glück, Kommunist zu sein

Ein ewiger Optimist: Antonio Negri, Opa der Autonomen, brillanter Denker der italienischen radikalen Linken, ist mit 90 Jahren gestorben.

Falter, Dezember 2023

Der alte Revolutionär ist auf seltsame Weise schön, das Lächeln scheu, der Körperbau, die Arme, die Finger – feingliedrig. Am rechten Handgelenk trägt Toni Negri ein geflochtenes Freundschaftsband, als er 2003 im Wiener Universitätscampus spricht. Grazil ist die Gestik, und der melodische Klang seines Italienisch hat einen eigenen Sound. Man könnte ohne Ende zuhören, auch wenn man kein Wort versteht. „Das Kapital hat seine materielle Fähigkeit verloren, zu befehlen“, flüsterte Negri. „Es herrscht nur mehr auf rein parasitäre Weise. Wir können uns radikal neu organisieren. Wir gehen einfach weg. Wir bauen neue Strukturen für die Singularitäten.“

Damals war Antonio Negri gerade 70 Jahre alt. Vergangene Woche ist der radikale linke Denker mit 90 Jahren gestorben.

Zwanzig Jahre ist das schon wieder her und es war seinerzeit das womöglich sensationellste Comeback seit Lazarus. Negri hatte um die Jahrtausendwende mit dem amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Hardt den Theoriebestseller „Empire“ herausgebracht. Das Buch schlug in den Diskursen und akademischen Seminaren wie eine Bombe ein. Kurios: Ein siebzigjähriger Veteran der radikalen Kämpfe der 1960er und 1970er Jahre wurde mit einem Mal zum Jungbrunnen einer radikalen Linken für das 21. Jahrhundert.

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„Ungeziefer ausrotten“

Die Faschisierung schreitet in wahnwitzigem Tempo voran. Willkommen im Reanactment der 30er Jahre.

Zackzack, Dezember 2023

Wenn er zurückkomme, werden „die Globalisten rausgeworfen“, sagte Donald Trump unlängst bei einer Rede. „Wir versprechen euch, die Kommunisten, die Marxisten, die Faschisten und die linksradikalen Schurken auszurotten, die wie Ungeziefer in unserem Land leben und bei Wahlen lügen, stehlen und betrügen“. Der Gegner, der gefährlichste Gegner, gegenüber dem alles an Gegenwehr erlaubt sei, das sei „der innere Gegner“, hämmerte der faktisch unangefochtene Anführer der amerikanischen Konservativen und Rechten. Ein „Echo von Hitler und Mussolini“ sei das, so die einhellige Kommentierung, auch der politischen Mitte.

Nicht ausgeschlossen, dass dieser Wahnsinnige nächstes Jahr wieder US-Präsident wird.

Begeisterte Selbstradikalisierung

In Argentinien haben sie jetzt den „Libertären“ Javier Milei mit erschütternden 56 Prozent der Wählerstimmen zum Präsidenten gewählt, einen ultraradikalen Schreihals, der nicht für einen schlanken Staat eintritt, sondern für die Zerstörung aller staatlichen Institutionen, der sich als „Anarchokapitalist“ versteht und die gelb-schwarze Fahne schwenkt. Gelb steht für Gold, also den Reichtum eines entfesselten Kapitalismus, Schwarz für die Anarchie. Milei will das Gemeinwesen von allen Ministerien befreien, den Dollar als Landeswährung einführen, die Zentralbank abschaffen, er redet viel von Freiheit, will aber zugleich die Abtreibung verbieten, und den Papst nennt er einen „dreckigen Linken“. An seiner Seite hat der Exzentriker die Fans der ehemaligen Militärdiktatur, die sich wehmütig daran erinnern, dass man einstmals „dreckige Linke“ einfach aus fliegenden Flugzeugen werfen konnte. In seinen ersten Aktionen als Präsident hat er Streikrecht und Demonstrationsfreiheit eingeschränkt und Sonderpolizei gegen Protestierende losgehetzt.

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Der rote Münchhausen

Toni Negri, der italienische Philosoph und linksradikale Denker, ist mit 90 Jahren gestorben. Vor zwanzig Jahren habe ich im „Falter“ über seine Rückkehr ins Leben geschrieben.

From the Archive:

Mit den Verhältnissen gegen die Verhältnisse denken. Antonio Negri, der vielleicht paradoxeste Linksradikale unserer Tage, erzählt im Word-Rap über sein bewegtes Leben.

Eines, zumindest, versteht der Mann: zu verstören. „In Momenten der Angst fange ich an, an die Jungfrau Maria zu denken. Eine Art Aberglaube“, gesteht Toni Negri, „den ich habe, seit ich klein war.“ Wer hatte das gedacht: Der seltsamste Linksradikale der letzten Jahrzehnte sendet in schwachen Augenblicken Stoßgebete gegen den Himmel. Zu lesen ist das in einer sonderbaren Art von Autobiographie, dem feinfühligen Interviewband „Rückkehr. Alphabet eines bewegten Lebens“, in dem Negri der französischen Journalistin Anne Dufourmantelle kluge Fragen über sein Leben und Denken beantwortet, dieser Tage im Campus-Verlag erschienen.

Negris „Rückkehr“ in die Gegenwart ist tatsächlich so etwas wie das vielleicht sensationellste Comback seit Lazarus. Nach Gefängnis, Exil, abermaligen Gefängnis gelang ihm mit dem Theoriewälzer „Empire“ ja (gemeinsam verfasst mit dem amerikanischen Literaturwissenschafter Michael Hardt) ein Weltbestseller. Ein Buch, nein ein Ereignis, das Einschlug in Proseminaren und in Rebellenzirkeln. Der rote Münchhausen weiterlesen