Politik der Ablenkung

Österreichs Problem beginnt schon einmal damit, dass Irrelevantes die Schlagzeilen beherrscht und die wirklich wichtigen Dinge ignoriert werden.

Es gibt zwei Arten von Politikern. Die einen fragen sich: Was ist gut für das Land und für die Menschen? Die anderen fragen sich: Was nützt mir am meisten, was bringt die meiste Zustimmung in den Umfragen? Zugegeben, das ist eine etwas zu grobe Vereinfachung. Denn selbst die großartigsten Politiker und Politikerinnen werden bei der Suche nach den besten Lösungen immer gern dazu überlegen, wie sie bei Wahlen Mehrheiten bekommen. Logisch: Auch der visionärste Staatsmann würde nicht viel bewirken, wenn er nicht gewählt würde.

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Philosophie der Einsamkeit

Martin Hecht hat einen klugen Großessay über „die Einsamkeit des modernen Menschen“ geschrieben.

Falter, August 2021

Einsamkeit ist schon seit einigen Semestern der letzte heiße Scheiß. Sie sei eine „Epidemie im Verborgenen“ wird konstatiert, Sozialpsychologen schreiben populäre Bücher darüber, es wird beschrieben, dass sie unter Studierenden genauso grassiert wie unter alleinlebenden Rentnern und Rentnerinnen, sogar in schlecht funktionierenden Paarbeziehungen macht sie sich breit, wenn sich Menschen nur mehr anschweigen. Existenzielle Einsamkeit kann das ganze Dasein unterminieren und Mediziner haben nachgewiesen, dass sie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und viele andere Pathologien auslösen kann. Kaum eine Zeitung, die sich nicht dem „Lebensgefühl unserer Zeit“ („profil“) gewidmet hat. In Großbritannien haben sie sogar eine Regierungsbeauftragte gehabt, die dann als global erste „Einsamkeitsministerin“ für Schlagzeilen sorgte, und durch die Corona-Maßnahmen wurde das Thema noch einmal virulenter. Ende Juni waren dem „Spiegel“ die verschiedenen Aspekte der Einsamkeit eine fette 6-Seiten-Story wert.

Man kann also getrost das Urteil abgeben, dass zum Thema „Einsamkeit“ schon viel gesagt ist. Und Dennoch ist es dem deutschen Sachbuchautor und Journalisten Martin Hecht gelungen, ein Buch über „Die Einsamkeit des modernen Menschen“ zu schreiben, das über das tägliche Geplapper hinaus geht. Denn mit soziologischen Kategorien alleine, etwa über die Zunahme von Single-Haushalten, die heutige Mobilität, die sehr viele Leute in Städte verschlägt, in denen sie niemanden kennen, über den Zerfall der Familie und die daraus folgende Einsamkeit der Alten ist es bei dem Thema nicht getan. Hecht hat eine Art „Philosophie der Einsamkeit“ geschrieben. Einsamkeit, so konstatiert er, ist „eine Art soziales Virus, das kollektiv über die gesamte Gesellschaft gekommen ist“.

Die Moderne ist eine Geschichte der Individualisierung und das heißt zunächst: das entwickelte Individuum, das seine Freiheit lebt, seine Talente entwickelt, wird zu einem hohen gesellschaftlichen Wert. Zugleich werden alte traditionelle Bindungen zersetzt, im Dorf, in überschaubaren Kollektiven, in der Familie. „Alles Ständische und Stehende verdampft“, hatte schon Karl Marx proklamiert. Zunächst entstehen damit noch neue Bindungen und Solidaritäten, in den Stadtvierteln, durch die Arbeiterbewegung, in Parteien, Vereinen, was auch immer. Aber mit den zweiten Individualisierungsschüben gehen auch diese Bindewirkungen verloren. „Mach Dein Ding“, wird zum Zeitgeist. All das ist hochgradig ambivalent. Der legendäre Soziologe Georg Simmel hat schon vor hundert Jahren beschrieben, wie uns etwa die moderne Geldwirtschaft befreit: Wir müssen uns mit dem Bäcker nicht mehr anfreunden, er gibt uns Brot, wenn wir ihm für ein „Bitte“ und „Danke“ ein paar Münzen auf dem Tresen legen. In den modernen Städten können wir nebeneinander her leben, sind befreit von sozialer Kontrolle.

Die alte Enge in der kuhwarmen Küche, sie war bedrückend, und die Menschen hatten ihre Gründe, aus ihr auszubrechen. Millionen Menschen haben bewusst die Freiheit der Individualisierung gewählt, und über Millionen andere kam sie, gewissermaßen via sozialen Wandel, von selbst. Der Preis ist aber existenzielle Einsamkeit. Philosophie der Einsamkeit weiterlesen

Das Fiasko des Westens

Zwanzig Jahre Besatzung in Afghanistan endeten in einem Debakel. Aber was ist die Lehre daraus?

Seit dem Fiasko des Westens in Afghanistan und der Machtübernahme der Taliban im ganzen Land begegnet man einer bemerkenswerten Seltsamkeit: Viele Leute, die ansonsten den „US-Imperialismus“ oder die westliche „Weltpolizei“ kritisieren, werfen nun den Amerikanern vor, dass sie aus Afghanistan abgezogen sind. Also was jetzt? Wenn die Amerikaner einmarschieren, ist es schlecht, wenn sie raus marschieren aber auch? Ganz logisch ist das nicht, aber dieser Mangel an Logik ist auch Ausdruck eines realen Dilemmas.

Zunächst: Das Debakel ist vor allem dem verrückten Ex-Präsidenten Donald Trump zu verdanken. Er hat mit den Taliban den Abzug verhandelt und ist der Terrortruppe auch noch absurd entgegengekommen. Er hat den Abzug der letzten US-Soldaten mit 1. Mai verfügt. Der gegenwärtige Präsident Joe Biden hat das Fiasko also geerbt. Schwer zu sagen, was er noch machen hätte können: Schließlich waren, als er antrat, nur mehr ein paar wenige tausend US-Soldaten im Land, hätte er den Abzugplan noch einmal umstoßen wollen, hätte er wohl zehntausende Militärs zusätzlich nach Afghanistan entsenden müssen. Aber er wollte das ja gar nicht. Denn von Details abgesehen war er ja durchaus der Meinung, dass es Zeit ist, den Einsatz in Afghanistan zu beenden. Zwanzig Jahre Krieg sind genug. Man kann nicht ewig bleiben. Das ist die Haltung der neuen US-Regierung von Joe Biden. Mehr noch: Es ist wohl die Meinung der meisten Amerikaner. Da sind sich sogar die ganz Linken und die ganz Rechten einig. Das Fiasko des Westens weiterlesen

Ohne Anstand

Nicht einmal zu ein paar emphatischen Worthülsen können sich Nehammer und Co. durchringen.

Afghanistan fällt nach zwanzig Jahren mühsamem Aufbau einer moderneren Gesellschaft zurück in Chaos, Gewalt und islamistische Despotie. Junge Menschen, die die Freiheit kennen gelernt haben, Frauen, junge Mädchen, Künstler und Künstlerinnen, Journalistinnen und Wissenschaftler, sie alle stehen vor den Trümmern, ohne Zukunft, bangen um ihr Leben.

Aber der österreichische Innenminister ist offenbar der Meinung, wir hier wären die eigentlichen Opfer der Taliban. Ohne Anstand weiterlesen

„Freiheit“ als sinnloses Gelaber und Geschwätz

Wir hätten die Pandemie bald hinter uns, wenn die Impfverweigerer und Seuchenfans sie nicht verlängern würden.

Unser imposanter Herr Bundeskanzler, der vor einem Jahr verkündete, Österreich habe die Pandemie überstanden, hat vor ein paar Wochen mitgeteilt, die Pandemie sei „für alle vorbei, die geimpft sind“. Wie mit den meisten seiner Einschätzungen lag der Kanzlerdarsteller auch diesmal falsch.

Man hat eine gute Richtschnur: Wenn der Kanzler etwas prophezeit, ist üblicherweise das Gegenteil richtig.

Die Pandemie ist nicht vorbei, auch nicht für die Geimpften. Aus zwei Gründen. Erstens: Wenn 35 Prozent der Menschen nicht geimpft sind, dann reicht das für ein derart erhebliches Infektionsgeschehen, sodass das natürlich wieder den Alltag massiv einschränken wird – auch wenn die Geimpften weitgehend geschützt sind. Zweitens: Natürlich ist der Anteil der Geimpften an den Infizierten verschwindend gering – aber er ist nicht null. Nimmt man einen Berechnungszeitraum seit Beginn der Impfkampagne, dann ist der Anteil der Geimpften an den Infizierten gerade einmal 1,5 Prozent, legt man die Berechnung etwas komplexer an, kann von einer Impfeffektivität von mindestens 87 Prozent ausgegangen werden. Im schlechtesten Fall können sich etwas mehr als zehn Prozent der Geimpften dennoch anstecken. Das ist schon etwas mehr als nichts. Die Inzidenz in Wien liegt gegenwärtig bei den Ungeimpften bei 209, bei den Geimpften bei 17.

Die Delta-Variante ist nicht einfach etwas infektiöser als die früheren Varianten – sie ist es in einem unfassbar höheren Ausmaß. Dadurch werden sich die bisher Ungeimpften äußerst schnell anstecken. Und diese Geschwindigkeit spielt natürlich eine Rolle. Würde sich das Infektionsgeschehen bei den Impfverweigerern langsam abspielen, dann wäre das für die Gesellschaft als Ganzes ein kleineres Problem. Aber damit ist nicht zu rechnen: Wer nicht geimpft ist und weiter die Impfung verweigert, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten Monaten infizieren. „Freiheit“ als sinnloses Gelaber und Geschwätz weiterlesen

Plumpes Denken ist das Denken der Großen

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz

Es sind ja gerade Olympische Sommerspiele, und ich muss eingestehen, dass mich diese Tatsache nicht sonderlich elektrisiert, das liegt aber an Sportarten wie Tauziehen, Pistolenschießen, Dressurreiten oder Golf. So erfuhr ich von der Existenz Anna Kiesenhofers und ihrem fulminanten Ritt zum Olympiagold im Fahrrad-Straßenrennen erst, nachdem es schon – nunja, die Metapher hinkt etwas – „gelaufen“ war. Kiesenhofer ist eine 30jährige Frau aus Niederösterreich, die schon eine extrem bemerkenswerte Person ist. Wahrscheinlich ist sie auch ein wenig ein Nerd. Kiesenhofer fährt in keinem Team, hat keinen Coach, ist im allerengsten Sinne eine „Amateursportlerin“, sie fährt noch nicht einmal bei internationalen Rennen mit, weil sie sich das ohne Sponsoren wohl auch gar nicht so leicht leisten könnte. Daher hatten sie ihre Konkurrentinnen auch nicht am Zettel, denn sie kannten sie schlichtweg nicht. Kiesenhofer fuhr bei dem Rennen zunächst im Führungspulk, setzte sich dann aber sehr schnell ab, eilte allein davon und fuhr den Sieg heim. Das hatte sie wahrscheinlich alles penibel berechnet, denn in ihrem anderen Leben ist sie Spitzenmathematikerin, beschäftigt sich mit undurchschaubaren Differentialgleichungen, bei denen wir Durchschnittsleute wohl nicht einmal die Fragestellung verstehen würden. Sie hat an der Technischen Universität studiert, in Cambridge und Barcelona Master und PhD gesammelt und forscht und unterrichtet gegenwärtig in Lausanne. Sie gibt auf Englisch phantastisch gute und sympathische Interviews. Die Frage, wie sie ihren Triumph jetzt feiern werde, beantwortet Frau Doktor Kiesenhofer lachend mit dem Hinweis, dass sie sich jetzt in Niederösterreich in ihrem ehemaligen Kinderzimmer intensiv auf die Vorlesungen des Herbstes vorbereiten müsse, da sie im Vorfeld zu Olympia dafür ja keine Zeit hatte. Plumpes Denken ist das Denken der Großen weiterlesen

Der Steinzeit-Kanzler

Wer meint, es würde sich nichts ändern, wenn wir nichts ändern, der erzählt den Menschen ein Märchen.

Während das Klima Kapriolen schlägt und der ganzen Welt längst klar wird, dass wir schleunigst etwas unternehmen müssen, macht sich unser Bundeskanzler Sebastian Kurz dafür stark, dass alles so bleibt, wie es ist – dass wir nichts ändern, wir den Kopf in den Sand stecken. Das ist schon etwas bemerkenswert, denn schließlich handelt es sich bei unserem Bundeskanzler um einen jungen Mann knapp über Dreißig, aber im Kopf ist er offenbar uralt. Klima- und Umweltschutz, das wäre „zurück in die Steinzeit“, sagte er, dass wir wieder leben „wie im vergangenen Jahrhundert“.

Nun ja, schon im vergangenen Jahrhundert war die Steinzeit eine Zeitlang vorbei, aber wollen wir jetzt nicht pingelig sein. Der Steinzeit-Kanzler weiterlesen

Die Eigentorjäger

Die SPÖ sollte als stärkste Oppositionspartei die Kurz-Regierung jagen, versinkt aber in Zanksucht und Selbstbeschädigung. Eine Geschichte von langen Konflikten und sozialer Imkompetenz hat dazu beigetragen. Wie kommt man da raus?

Falter, Juli 2021

Schock, Ratlosigkeit, lange Gesichter. Als beim SPÖ-Parteitag bekannt wurde, dass die Parteivorsitzende von beinahe 25 Prozent der Delegierten gestrichen worden war, waren die allermeisten wie von einer Keule getroffen.

Damit hatte nun wohl keiner gerechnet.

Gewiss, dass viele mit der Parteivorsitzenden unzufrieden waren, war klar. „Die kann es nicht“, das ist einer dieser Sätze, die sich manche fast schon routinemäßig zuraunen. Einige würden sich wünschen, dass Pamela Rendi-Wagner häufiger bei Landesparteichefs oder wichtigen Bürgermeistern anruft, oder sie werfen ihr vor, dass sie an ihrem Bundesgeschäftsführer festhält. Wieder andere sind auf irgendetwas anderes sauer, was gar nichts mit der Parteivorsitzenden zu tun hat, kühlen aber an ihr ihr Mütchen, weil irgendjemanden muss man es halt mal „zeigen“.

Aber eine Prise von der faden, alten Parteidisziplin hatten die meisten fix erwartet. Denn was hat man denn davon, wenn man die eigene Frontperson beschädigt? Wochenlange Schlagzeilen, eine Partei, die sich selbst ohne Not zum negativen „Sommerthema“ macht. Ersatzperson hat sowieso niemand eine in der Tasche. Die Eigentorjäger weiterlesen

Die Klimakatastrophe

Hitzewochen bei uns, Weltuntergang-Unwetter in Deutschland. Es ist längst 5 nach 12.

Vor zwanzig Jahren haben wir zwar auch schon gewusst, dass die Sache mit dem Klimawandel ziemlich unangenehm werden würde, aber wer damals im mittleren Alter war, konnte sich einreden: „Wenigstens werde ich es nicht mehr erleben. Nach mit die Sintflut.“ Vielleicht hatten wir ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass wir unseren Kindern und Enkeln einen vandalisierten Planeten hinterlassen, aber meistens haben wir einfach den Kopf in den Sand gesteckt.

Leider ging diese Rechnung, die ohnehin ziemlich egoistisch war, nicht ganz auf. Wir erleben die Klimakatastrophe noch. Das geht alles viel schneller, als es die pessimistischten Experten vorher gesagt haben.

Wir haben wochenlange Hitzewellen, die Ernten verdorren, in den Städten steht die Hitze am Asphalt. Wer kein Häuschen im Grünen hat, der ächzt jetzt schon. Aber das ist erst der Vorgeschmack. Wenn wir nichts unternehmen, werden in 15 Jahren Teile unserer Städte im Sommer unbewohnbar sein.

Dazwischen die sogenannten „Extremwetter-Ereignisse“. Weltuntergangsähnliche Gewitter und Regen, die ganze Regionen überschwemmen, wie zuletzt in den Niederlanden, Belgien und Deutschland. Mehrere hundert Tote, dazu Dörfer, die dem Erdboden gleichgemacht sind. Die Klimakatastrophe weiterlesen

Hartes Pflaster, zarte Herzen

Favoriten wird gerne dargestellt, als wäre es das Gaza von Wien. Aber wie ist es wirklich? Eine Welt- und Zeitreise in den Zehnten.

Die Zeit, Juli 2021

„Die Gitta ist noch beim Bert Brecht auf dem Schoß gesessen“, erzählt Thomas. „Ja, der hat mich halt mögen“, sagt Gitta Tonka. Ihre Mutter Oswalda, die alle „Ossy“ nannten, hat nach dem Krieg im Theater Scala gearbeitet, wo auch Brecht ein paar Jahre inszenierte. Heute ist Gitta 68 Jahre alt, schaut aber noch immer mädchenhaft aus mit ihrem Pferdeschwanz und dem Lachen im Gesicht, wenn sie begeistert erzählt. Sie war Lehrerin, 17 Jahre lang dann sogar Volksschuldirektorin. Mitten in Favoriten, wo sie seit eh und je lebt.

Aber irgendwie ist Gitta Tonka auch eine paradigmatische Figur für den gigantischen Arbeiterbezirk Favoriten – denn wenn sie erzählt, dann blickt sie auf eine unglaubliche, 170jährige Familiengeschichte zurück, die sich in der Favoritner Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung abspielt. Hartes Pflaster, zarte Herzen weiterlesen

Pass-Spiele

Die ÖVP sollte aufhören, die Diskussion über das Staatsbürgerschaftsrecht zu vergiften.

Das Problem an unserer Krawall-Demokratie ist, dass über Sachfragen und neue Probleme kaum mehr diskutiert werden kann, ohne dass sie sofort zu Phrasendreschereien werden. Die Sozialdemokraten haben jetzt ein Konzept zur Reform des Staatsbürgerrechtes vorgelegt, über das man in den vielen Details durchaus unterschiedlicher Meinung sein kann, aber die Türkisen und ihr Klon von der Radauopposition dreschen nur Phrasen von der „Entwertung“ der Staatsbürgerschaft und von einem „hohen Gut“. Ich weiß ja nicht, warum meine Staatsbürgerschaft abgewertet werden sollte, nur weil sie bei anderen auch beliebt ist – normalerweise würde man das als Indiz dafür nehmen, dass sie recht viel wert ist.

Aber die Sache hätte eine ruhige, vernünftige Diskussion verdient. Wir leben heute in einer Zeit hoher Mobilität und Millionen Menschen leben langfristig in einem anderen Land als in dem, in dem sie geboren sind. Auch beinahe 600.000 Österreicher leben im Ausland, zugleich leben 1,5 Millionen Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Österreich. Das ist längst ein Demokratie-Problem, denn diese 2,1 Millionen Menschen können in dem Land, in dem sie leben, nicht wählen. Österreich hat eine relativ hohe Zuwanderung, aber eines der rigidesten Einbürgerungsgesetze mit hohen gesetzlichen Hürden, fiesem bürokratischen Aufwand, bei dem die Leute jahrelang von Pontius zu Pilatus geschickt werden, und hohen Einkommenshürden, die dazu führen, dass fleißige Arbeiter, die sich hart anstrengen, dennoch nicht Österreicher werden können. Pass-Spiele weiterlesen

Wir sind der Pöbel

„Besonders wichtige Männer“ sehen sich als großartige Giganten, und das Volk – diese Ansammlung von Dummchen – wird belacht.

Der Typus der „besonders wichtigen Männer“ schreibt gerne am Handy, das wissen wir jetzt fix und ohne Zweifel. Daraus ergaben sich mittlerweile ein ganzer Rattenschwanz an Ermittlungsverfahren gegen „besonders wichtige Männer“, vom Kanzler Sebastian Kurz abwärts. Die Hälfte der türkisen Regierungsmannschaft ist betroffen, die alte ÖVP auch und natürlich die „besonders wichtigen Männer“ in den Ministerien. Es geht um Amtsmissbrauch, um Bestechlichkeit, um Falschaussage und um eine Reihe anderer Delikte.

Neben dem Kriminalfall enthüllt sich, quasi als Beifang, ein Sittenbild. Wir sehen jetzt, wie die so ticken, die „besonders wichtigen Männer“ in den oberen Etagen, wie die so reden und schreiben, wenn sie unter sich sind. Wie sie über das Volk denken.

Wie sie über Frauen sprechen. „Steuerbar“ müssen die sein. Selbst sieht sich der „besonders wichtige Mann“ ganz allgemein als Giganten an, als den tollsten Kerl zwischen Neusiedl und Nebraska. Die Justizministerin dagegen sei eine „Urschel“, die Verfassungsrichterin würde eine „gute Müllfrau“ abgeben. Der Kurz-Vertrauete wiederum, der sich selbst den Job mit 600.000-Euro-Jahresgage auf Kosten des Steuerzahlers gebastelt hat, empört sich im halben Witzton darüber, dass er bald keinen Diplomatenpass mehr haben wird. Jetzt müssen er sich mit „dem Pöbel“, mit all den „Tieren“ anstellen. Es geht so weiter, hochnäsig und halblustig. Es kommt auch im Scherz nur das raus, was in den Leuten drinnen steckt. Das Volk, das sind halt diese Gewöhnlichen, mit denen wolle man nichts zu tun haben. Man selber ist ja gewitzt und andere Kreise gewöhnt, in denen man lacht über all die normalen Leute, die harte Arbeit nötig haben und dennoch nur mit einem Bettel von 2000 Euro heim gehen, ein Betrag, für den die „besonders wichtigen Männer“ morgens gar nicht aufstehen würden. Wir sind der Pöbel weiterlesen