Hauptsache ANTI! Einübungen in den Widerstand

FS Misik Folge 558

Einer Regierung gegenüber ist man in Opposition, aber was, wenn diese Regierung Ausdruck von Zuständen in viel eminenterer Hinsicht ist? Ausdruck eines reaktionären Zeitgeists und der Verschärfung eines Wir-gegen-sie, Ausdruck und Produkt von all dem, und zugleich auch Produzent davon. Dann hat man es nicht nur mit einer Regierung zu tun, sondern mit herrschenden Zuständen: autoritäres Regieren, permanentes Aufganseln, Einschüchterung von Andersdenkenden, Angriffe auf Arme und Unterprivilegierte. Wer demgegenüber in radikaler Opposition steht, bekommt gleich zu hören: Ihr könnt ja nur dagegen sein! Was sind denn eure Alternativvorschläge? Aber den Zuständen gegenüber im radikaler Antihaltung zu stehen hat seine eigene Berechtigung. Klar, das Dagegensein als kultivierte Protesthaltung kann auch selbst zur Routine werden, zum Radical Chic. Aber mit der Verächtlichmachung des Dagegenseins wird auch versucht, Opposition und Widerstand zu delegitimieren. Die Welt wäre nie verbessert worden ohne Leute, die laut NEIN sagen. Ohne Leute, die anti sind. Widerständigkeit ist eine Haltung, und man kann sie einüben. Hauptsache ANTI – Einübungen in den Widerstand!

Lebe und liebe intensiv!

Intensität als Lebensideal: Wille zum Extrem, Lebenshunger, Menschenappetit. Zur Geschichte und Gegenwart einer Sehnsucht.

Der Standard, Juli 2018

„Bekanntermaßen sind Frauen bereit, beim Liebhaber um des intensiven Gefühls willen, das er in ihnen erweckt, Eigenschaften – wie launisches Gebaren, Selbstsucht, Unzuverlässigkeit und Brutalität – zu tolerieren, die sie beim Ehemann niemals dulden würden“, schrieb die große Essayistin Susan Sontag einmal. Wir können Sontag überhaupt eine Ikone der Intensität nennen, eine, die das Intensive suchte, im eigenen Leben, im Tempo, mit dem sie dieses führte, aber auch in ihrer Literaturkritik. Beim Lesen und beim Denken erlebte sie „intellektuelle Ekstase“, das intellektuelle Begehren ähnle dem „sexuelle(n) Begehren“ notierte sie in ihre Tagebücher. Über Lyrik und Prosa schrieb sie, die Romantik verteidigte die Poesie, indem sie „prosaisch“ zu einem herabsetzenden Begriff machte, „in der Bedeutung von langweilig, abgedroschen, alltäglich, zahm“, während die Poesie „als ein Ideal von Intensität“ gefeiert würde.

Ohne Zweifel hatte die Autorin so etwas wie eine Sucht nach Intensität.

Dass echtes Leben im intensiven Erleben bestünde ist ein jahrhundertealtes Motiv, das sich als Ideal tief in unsere Gehirne festgesetzt hat. Schon in der Romantik hatte dieses Gedankenbild seinen ersten großen Höhepunkt im Kult um die „Kraft-Genies“, die keine Grenzen kannten, Konventionen umwarfen, die Tiefe des Erlebens feierten. „Abenteuerlust, Wille zum Extrem, Intensitätshunger, Liebe und Todeslust“, nannte das Rüdiger Safranski in seinem Buch über die Romantik. Der Begriff selbst wurde durch die moderne Physik popularisiert, folgt zunächst einer graduellen Metrik wie Schwelle oder Grad, von der Art: etwas wird nicht nur heißer, sondern die Hitze gewinnt an ganz neuer Intensität, Hitze ist mehr als nur wärmer als lauwarm.

Später, in der Lebensphilosophie, wurde bisweilen der Vitalismus hoch gehalten, gegen die kleinbürgerliche Einrichtung in einem langweiligen Leben.
Wer sich fügt in das „leere Verstreichen der Zeit“ der lebe in der „Uneigentlichkeit“, wie das Martin Heidegger verschwurbelt nannte. Dem setzte er die „Eigentlichkeit“ entgegen: „Eigentlichkeit ist Intensität.“ Selbst in Kriege zogen Menschen, um zum grellen Genuss einer intensiven Unendlichkeit zu kommen, und besangen das Erlebte dann noch, wie Ernst Jünger das etwa tat – als Ausbruch aus einer verwalteten Welt, in der es kein Risiko oder Abenteuer mehr gibt. Im Jugendstil und der Wiener Moderne wiederum waren „Nerven“ und „Nervosität“ ein großes Thema, weil der moderne Mensch nicht nur immer mehr Reizen ausgesetzt war, sondern weil die Suche nach dem intensiven Reiz selbst zu einem Ideal wurde. Leben hieß intensiv leben. Die „Hysterie“ war die Modekrankheit der Epoche, man brachte sie wie selbstverständlich mit überreizten Nerven in Verbindung.

„Das normale westliche Leben mit seiner niedrigen existenziellen Intensität wird von Rimbaud bis zum Surrealismus, von Thoreau bis zur Hippie-Bewegung … kritisiert“, notiert der französische Schriftsteller und Philosoph Tristan Garcia, der unlängst ein Buch geschrieben hat mit dem Titel: „Das intensive Leben – eine moderne Obsession.“

Der intensive Mensch würde geradezu zu einem „moralischen Ideal“, so Garcia. Das Laue steht im schlechten Licht, auch die Dauerhaftigkeit von Zuständen, die immer zu Routine und Verflachungen des Empfindens führen müssen. Nicht zuletzt unsere Bilder von der Liebe sind davon infiziert, sie sind meist Bilder vom grellen Blitz der Begegnung, von Beginnergefühl und selten Bilder, die etwa die Romantik der Dauerhaftigkeit hoch halten. Liebe ist etwas, schrieb der Philosoph Alain Badiou in seinem schmalen Büchlein „Lob der Liebe“, das für jeden das ausmacht, „was dem Leben Intensität und Bedeutung verleiht“. Sie ist ohne Risiko nicht zu haben. Liebe überwältigt, sie ist ein Absturz, „to fall in love“ heißt es nicht zufällig im Englischen. Einher ging mit all dem immer schon der Jugendkult, die Jugend war scheinbar definitionsgemäß mit Intensität, Entdeckergeist und Menschenappetit und Beginnergefühl verbunden, während das Alter sich rechtfertigen musste, denn letzteres „steht unter dem Verdacht, abgestorben und erstarrt zu ein“ (Safranski).

Forever Young, lebe schnell und verglühe früh. Bei Garcia liest sich das so: „…schnelles Leben, Entfesselung aller Empfindungen, das Verlangen, sich von den Intensitäten alles Kommenden durchzucken zu lassen, der Eindruck, dass der Lebenshöhepunkt in der Jugend, der Pubertät liegt, dass die Erfahrung als Erwachsener nur eine Folge von Anpassungen und Entsagungen, eine lange und langsame Verringerung der Lebensintensität ist.“

Wir haben Klischees im Kopf, und immerzu die gleichen Begriffe auf der Zuge. Dass man sich nur in der Intensität „wirklich spürt“ und all das. Intensives Leben wird als Gewitter beschrieben, als Vibrations und Vibes, unter Strom stehen (die Elektrizität war sehr bald eine Metapher des Intensiven), und womit immer es herbeigeführt werden kann, hat verführerische Kraft: „Drogen, Alkohol, Glückspiel, Verführungen, Liebe, Orgasmus, Freude.“ Kick und Adrenalinkick. „Begehren zur Spannungssteigerung“, wie das Jean-Francois Lyotard in seinen „Intensitäten“ nennt. Auch der politische Radikalismus und die Sehnsucht nach dem Umsturz oder der Revolution haben mehr als nur eine Prise dieser Intensitätsgier: Langeweile, eine Politik der kleinen Schritte und das öde Klein-Klein sollen in den Boden gestampft werden. Einbruch des Unvorhergesehenen, Neubeginn der Zeitrechnung, elementares Ereignis.

Nun ist der Kult des Ereignisses selbst zur Ideologie geworden, aber natürlich nicht reine Ideologie: Wo nichts geschieht, kann man nicht leben. Wer mag schon den Trott? Wenn das Leben nur mehr aus einem Weiter-so besteht, werden die Menschen unruhig. Jeder will Sicherheit, einerseits, aber genauso oft schlägt man alle Sicherheiten kaputt, wenn sich gar nichts mehr tut. Ganze Berufsgruppen leben davon, die Trümmer wegzuräumen, die die Midlife-Crisis überall anrichtet. Und wieder andere Branchen boomen, die versprechen, durch Inanspruchnahme ihrer Dienstleistungen erlerne man das „tiefe Empfinden“, von Yogo über Meditation bis skurrilen Therapien. Erlebnishunger und Sehnsucht nach Ekstase sind nicht die schlechtesten Eigenschaften der Menschen, schließlich sind sie mit Neugier verbunden, und das indifferente Fügen in einen leeren Lauf der Zeit ist keineswegs erstrebenswert. „man braucht die große tabula rasa, auf der man spielt, das beginnergefühl“, notierte Bertolt Brecht in sein „Arbeitsjournal“.

Aber der Kult der Intensität hat auch mehr als nur eine fragwürdige Seite. Menschen sind, beispielsweise, oftmals bereit, alles kurz und klein zu schlagen oder eine Apokalypse anzurichten, nur damit irgendetwas geschieht. Eine andere Fragwürdigkeit hat Tristan Garcia aufgespürt: das Ideal vom intensiven Leben hält eher eine Idee von Intensität hoch als eine Idee vom Leben. Der intensive Mensch intensiviert alle Vitalfunktionen, will also nichts anderes sein, als er schon ist – nur „mehr und besser“. Und endet schnurgerade in der Belanglosigkeit des Hedonismus, dem alles recht ist, was nur eine intensive Zeit verspricht. Das gleiche, aber nur in höherer Dosis, damit man es noch spürt. Welche Existenz man vorziehen mag, ist gleichgültig, Hauptsache man führt sie intensiv. Von Sex bis Krieg bis zum Kunsterlebnis – man kann alles intensiv machen. Die Idee der Intensität taugt daher auch bestens für die Kommerzialisierung und die Sprache der Werbung, jede Ware ist eine Intensitätsverheißung, die uns hilft, das, was wir ohnehin erleben, noch intensiver zu erleben, vom Partywochenende, intensiviert durch Koks, Ecstasy oder MDMA, bis zum gefühlsechten Kondom und zur Dating-App, die Liebeserlebnisse in höherer Zahl und in intensiverem Stakkato ermöglicht. Aber schon der letztere Fall zeigt den Kurzschluss solcher Intensitätsverheißung: Durch die Beschleunigung des Taktschlages werden die Dinge nicht notwendigerweise intensiver, sondern selbst zur Routine und zum verflachenden Erlebnis. Am Ende tut man dies und das, und gerade die Gier, es intensiv zu tun wird zur Routine.

Je mehr man über Intensität nachdenkt, desto mehr zerrinnt einem dieses eigentümliche Konzept zwischen den Fingern. Hat es mit einer graduellen Steigerung zu tun, oder gerade eben nicht? Ist Intensität mehr vom Vorhandenen oder eben die riskante Abkehr vom Vorhandenen? Ist Intensität bisweilen vielleicht sogar „weniger“? Nämlich – das Leben leer räumen, um überhaupt wieder etwas spüren zu können? Intensität kann darin bestehen, jede Erlebnismöglichkeit wahr – und damit nichts mehr ernst – zu nehmen, oder im genauen Gegenteil, etwas tödlich ernst zu nehmen.

Irgendwie ein Dilemma ohne Ausgang. Der Trott, der ist doch nicht das wahre Leben. Aber die permanente Intensivierung ist womöglich auch nur die falsche Lösung.

Der Terror des Politischen

Der rote Faden, meine Kolumne in der taz, Juli 2018

Vorgestern in Innsbruck: Matteo Salvini, Faschistenführer und jetzt italienischer Vizepremier, Horst Seehofer und der österreichische Hetzschlumpf, der Politscharfmacher Herbert Kickl von der FPÖ. Und das war nicht die Jahresversammlung des Horrorclowns e.V., sondern der Rat der Innenminister der Europäischen Union, der die drei zusammen brachte. Der wahre Kontrollverlust in Europa ist, dass solche Typen in Ministerämter geraten sind.

Das Abendessen musste kurzfristig verlegt werden, da es in einer Bude gebucht war, die vor kurzem in die Schlagzeilen geriet. Jahrelang war nämlich ein Hitler-Bild im Schankraum gehangen – mit der Adolfvisage zur Wand, aber bei besonderen Geselligkeiten wurde es umgedreht. Zyniker meinen, die Location wurde wohl gemieden, weil da jetzt kein Hitler-Bild mehr hängt.

Seehofer hatte zuvor blödfeixend kundgetan, dass zu seinem 69. Geburtstag 69 Afghanen nach Kabul abgeschoben wurden. Wirklich fies von einem der Geburtstagsafghanen, dass er sich gleich erhängte und dem Minister damit die Party versaute. Reinstes Mobbing.

Das Video von Seehofers Gekichere war so ein What-the-Fuck-Moment. WTF! So, wie wenn große Zeitungen debattieren, ob man Ertrinkende nun retten oder ertrinken lassen soll. Oder wenn Söder und Dobrindt die Sprache des Hasses übernehmen und jeden Tag den Diskurs versauen, von „Asyltourist“ bis „Asylindustrie“. WTF.

Von Salvini bis Orban, von Seehofer bis Strache, von Sebastian Kurz bis was weiß ich wo hin: Sie alle produzieren im Stundentakt WTF-Momente. In Österreich soll den ORF-Journalisten ein Knäbelerlass umgehängt werden (WTF), in einer Wiener Schule marschiert das halbe Ministerkabinett um eine Direktorin einzuschüchtern, die sich gegen segregierte Deutschklassen für Ausländerkinder ausgesprochen hat (WTF), der Kanzler selbst sagt, die Financial Times habe sich entschuldigt, dass sie ihn „Far Right“ genannt habe und flunkert außerdem, die Arbeiterkammer bezahle Gewerkschaftsdemonstranten, was sich beides als dreiste Unwahrheit herausstellt (WTF). Dazwischen paar Tweets von Trump. WTF WTF WTF.

Es wird im Tagesstakkato Stimmungsmache betrieben, Lüge, Propaganda, autoritäre Maßnahmen prasseln auf einem nieder. Ein permanenter Wahlkampfmodus etabliert sich, das Aufganseln, das Operieren mit Unwahrheiten wird auf Dauer gestellt. Bei vielen Menschen hat die schiere Dichte dieser WTF-Nachrichten, die auf sie niedergehen, verstörende Wirkung. Mal stacheln sie Empörung an, mal passivieren sie, weil man das alles nicht mehr hören kann. Wieder andere arrangieren sich, auch emotional. Weil die Menschen sich nach Normalität sehnen, reden sich biegsame Charaktere ein, das sei doch alles durchaus im Rahmen des Normalen, und richten ihre Aggression auf die, die das nicht normal finden, weil die ihnen täglich ihre Rückgratlosigkeit vor Augen führen. Man muss das verstehen, dieser emotionale Opportunismus ist eine menschliche Sache.

Die Polarisierung der politischen Landschaft hat eine Folgeerscheinung, die bislang noch unterbelichtet ist: Sie etabliert einen Terror des Politischen. Man muss sich drei Mal am Tag aufregen. Man kann all das schwer ignorieren. Kann man sich noch einen schönen, unbeschwerten Abend mit Freunden machen, ohne schlechtes Gewissen, wenn rundherum die Welt unter geht? Sollte man nicht stattdessen etwas tun, kämpfen, was dagegen machen?

Brecht hat in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ geschrieben: „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ Und falls da jetzt die Dauererregten von „Welt“ oder AfD mitlesen: Nein, das ist kein unpassender Holocaust-Vergleich. Denn Unrecht fängt nicht erst in Gaskammern an, und auch nicht mit der Etablierung einer normalen, finsteren Diktatur. Es gibt schon noch unterhalb dieses Levels genug Widerstehenswürdiges, für das dann gilt: Darf man sich, wenn Lage und Klima so kippen, noch mit Poesie, mit Kunst, mit klugen Ideen, aus denen kurzfristig nichts folgt, beschäftigen? Oder ist das Eskapismus? Und kann man das überhaupt noch, sich die Aufmerksamkeit dafür bewahren, wenn das Politische seinen Terror entfaltet?

Manche haben früher ja eine langweilige Politik beklagt, bei der es nur eine Auswahl zwischen, sagen wir: Kohl und Schröder gab. Der eine war einem vielleicht sympathischer als der andere, man musste sich davon aber emotional nicht allzu sehr berühren lassen. Man konnte das gut ignorieren alles. Das waren gar keine so schlechten Zeiten, sage ich Euch.

Der Tschusch und der Türk‘ werden hier nie ganz dazugehören

„Wenn wir gewinnen, bin ich Deutscher, wenn wir verlieren, bin ich Migrant“, sagte Mesut Özil und sprach vielen aus der Seele. Und man komme mir nicht damit, dass er doch mit Erdoğan posiert hat. Ja, hat er, aber gerade der Umstand, dass ein einziger Fehler reicht, aus dem Vorzeigemigranten den bösen Türken zu machen, zeigt, dass der Schwarzkopf, der Kanake für immer „der Andere“ bleibt. Da kann er sich noch so toll anstrengen, da kann er noch so sehr alles runterschlucken und brav „bitte – danke“ sagen. So ist das in Deutschland, aber bei uns ist das anders, weil bei uns ist wie immer alles noch ärger. Aber gaffen Sie nicht, gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen, machen Sie sich keine Sorgen, es ist alles im braunen Bereich.

Lob des Kompromisses

Kompromisse stehen in einem schlechten Ruf. Sie seien der Feind der großen Würfe und enden im Kleinklein, heißt es. Fast instinktiv denken wir an „faule Kompromisse“. Aber das hat der Kompromiss nicht verdient. Eine Rehabilitierung.

Wiener Zeitung, Juli 2018

Wir alle kennen Menschen, die keine Kompromisse eingehen – zum Glück aber nicht viele. Jene, die man so gemeinhin „konsequent“ nennt. Sie führen ihr Leben nach strengen Regeln und Prinzipien, die sie sich selbst gegeben haben, sie sind, was man so salopp „geradeheraus“ nennt und würden nie mit ihrer Meinung hinter dem Berg halten, auch wenn sie wissen, dass daraus sofort Stunk und schlechte Stimmung folgt. Haben sie zufälligerweise einmal Freunde, überwerfen sie sich schnell mit ihnen. Ansonsten sind sie ziemlich einsam. Das Leben der kompromisslosen Leute ist nicht schön.

Und für alle anderen sind sie anstrengend.

Man hüte sich vor den Kompromisslosen. Dennoch steht der Kompromiss in einem schlechten Ruf. Er sei der Feind des Entschiedenen und daher der großen Würfe, verwässere alles, definitionsgemäß verliere er sich im Kleinklein, sorge für dröhnenden Stillstand, ja, er untergrabe sogar die moralische Klarheit, weil er meist von Menschen geschlossen wird, die bereit sind, auch einmal von Prinzipien abzugehen. „Wenn es um Kompromisse geht, taucht das Wort ‚faul‘ fast schon reflexartig auf“, formulierte die „Süddeutsche Zeitung“. Schon alleine die sprachliche Nähe von „Kompromiss“ und „kompromittieren“ weist semantisch die Fährte.

Parteien schließen Koalitionen und müssen Kompromisse eingehen, und wenn sie nicht nur Meinungsunterschiede im Detail, sondern wirkliche Haltungs- und Wertedifferenzen überbrücken sollen, setzt regelmäßig das Gejammer ein. Es könne dann ja nur ein kleinster gemeinsamer Nenner herauskommen, ein Getrippel und Gestolper. Der Kompromiss führt dazu, dass jeder etwas weniger von dem bekommt, als er will. Aber auch Lebenspartner schließen Kompromisse, nehmen auf Vorlieben und Abneigungen Rücksicht, so dass jeder von ihnen einen Teil seines Lebens aufgibt oder wenigstens nicht in jeder Situation „ganz er/sie selbst“ ist. Und, horribile, wir gehen mit uns selbst Kompromisse ein: Wir haben ein Bedürfnis nach Sicherheit, aber vielleicht auch ein wenig die Gier nach dem Abenteuer und tarieren diese Ziele gegeneinander aus, so dass statt Weiß oder Schwarz ein schmutziges Grau zurück bleibt aus Risiko und Risikovermeidung. Lob des Kompromisses weiterlesen

Was, wenn sich Sebastian Kurz in Neuwahlen flüchtet?

FS Misik Folge 556

Als der amerikanische Historiker Robert Conquest nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine Neuauflage seines Buches über den autoritären Kommandokommunismus vorbereitete, wurde er gefragt, ob er seinem Buch nicht einen neuen Titel verpassen wolle. Conquest dachte kurz nach und schlug daraufhin vor: „I told you so, you fucking idiots.“

Ich bin ja auch versucht, jeden Kommentar über jede neuerliche demagogische Verschärfung der österreichischen Rechtsregierung mit diesem Satz zu überschreiben: „I told you so, you fucking idiots“, nur meine sprichwörtliche und stadtbekannte Höflichkeit verhindert das. Jetzt also auch noch offener Antisemitismus, nachdem unlängst die Gerüchte umgingen, die Regierung würde Razzien in Redaktionen überlegen.

Ist ja schön, dass mir jetzt alle recht geben. Aber es ist nicht immer schön, recht zu behalten. Und, ganz ehrlich, unter uns: Wirklich recht gibt mir die Entwicklung ja nicht. Denn eigentlich ist ja alles noch viel ärger, als selbst ich angenommen habe. Jedenfalls ist klar: Sieben Monate nach Amtsantritt hat Sebastian Kurz die Kontrolle über seine Regierung völlig verloren, sein Koalitionspartner radikalisiert sich von Woche zu Woche und tut nur mehr, was er will. Stellt sich die Frage, ob Kurz demnächst vielleicht die Reißleine zieht. Denn eines ist klar: Wenn die Koalition explodiert, wird die FPÖ als regierungsunfähige Radaupartei allgemein als Schuldige dastehen. Kurz käme dann locker auf 40 Prozent. Wäre eigentlich verwunderlich, wenn ihn das nicht langsam verlocken würde … Wahrscheinlicher ist freilich, dass wir auch in sechs Monaten wieder dasitzen und alle sagen: Eigentlich ist es ja noch viel ärger gekommen, als es selbst der Misik vorausgesehen hat.

Kampfwort „Hypermoral“

Die Firnis der Zivilisation ist dünn. Ethische Prinzipien schlecht zu reden führt schneller in die Barbarei, als man denkt.

Der Freitag, Juli 2018

Es ist noch keine zwei Wochen her, da stellte Wolfgang Luef in Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ erschüttert fest: „Es gibt plötzlich zwei Meinungen darüber, ob man Menschen, die in Lebensgefahr sind, retten oder lieber sterben lassen soll.“ Und fügte hinzu: „Das ist der erste Schritt in die Barbarei.“ Es spricht viel für die Annahme, dass man dann schon mit beiden Beinen drin steckt.

Als wollte sie jeden Verdacht bestätigen, titelte die „Zeit“ vergangene Woche dröhnend auf Seite Drei: „Oder soll man es lassen?“, illustriert mit einer Rettungsoperation. Darüber wurde dann in zwei Texten ein Pro-und-Kontra veranstaltet. Bildsprache und Titelung wirkten in ihrer pseudoprovokativen Tabubruch-haftigkeit wie ein Höhepunkt der Verrohungsdiskurse, auch wenn es dann in der Debatte um die privaten Rettungsoperationen von NGOs ging. Dass man Menschen absichtlich ertrinken lassen soll, das vertrat letztlich auch die Autorin des Contra-Textes, Mariam Lau, nicht.

Aber man kennt den Trick schon. Nicht nur private Rettungsoperationen, auch die Seenotrettungsprogramme der früheren italienischen Regierung wurden ja als „Beihilfe zur Schlepperei“ schlecht geredet, es wurde gesagt, sie würden die Menschen „ermutigen“, auf die wackeligen Kähne zu steigen, sie wären ein „Pull“-Faktor. Da musste man nicht mehr extra dazu sagen, was Menschen im Gegensatz dazu entmutigen würde – nämlich ausreichend viele ertrinken zu lassen, bis sich das so weit herumspricht, dass es „entmutigt“. Europa hat lange eine Politik des Ertrinkenlassens betrieben und betreibt sie jetzt wieder – auch wenn man das im Kreise der EU-Innenminister niemals völlig offen sagen würde.

Wer dagegen das Wort ergreift oder meint, dass die Rettung von Menschen ein zivilisatorisches Minimum ist, der wird schnell als Moralist verdammt. Es gibt mittlerweile Kreise, in denen der Begriff der Moral faktisch nur mehr als Schimpfwort vorkommt. Und diese Kreise ziehen sich längst dahin, wo früher die Mitte war – bevor die Mitte vom rechten Rand ununterscheidbar wurde. Besonders beliebt neuerdings: der Vorwurf des „Hypermoralismus“.

Was in den Köpfen jener vorgeht, die gerne für „Realismus“ und gegen „Hypermoralismus“ argumentieren, konnte man im „Zeit“-Text von Mariam Lau dann doch ziemlich genau feststellen. Nämlich recht viel unsortiertes Zeug. Zunächst postulierte die Autorin, dass Menschen in Seenot natürlich gerettet werden müssten, dies aber Sache der Staaten sei. Leider ignorierte sie die Tatsache, dass die Staaten eben genau dieser Aufgabe nicht nachkommen, sonst gäbe es ja keine tausenden Ertrunkenen und auch gar keine NGO-Seenotrettung. Dann behauptete sie, das moralisch Gutgemeinte habe fatale Wirkungen, weil die Aussicht auf Rettung die Menschen erst in die Boote treibe. Dafür gibt es kaum empirische Hinweise, dafür genügend die dagegen sprechen. Und schließlich formulierte sie unübertrefflich über die Menschenrechtsaktivisten: „Ihr Verständnis von Menschenrechten ist absolut kompromisslos.“ Diese Formulierung lässt einem wirklich nur mehr ratlos zurück. Was wäre denn ein nicht-kompromissloses Verständnis von Menschenrechten? Nur jeden zweiten ertrinken lassen? Nicht foltern, außer es spricht viel dafür? Sie sagt es uns nicht. Aber wir können es uns denken.

Die Freunde der Amoral halten sich für schneidig und ernst, weil sie kalt und ohne moralische Verzärteltheit die Tatsachen würdigen. Eine der Tatsachen ist zweifelsohne, da haben sie auch recht: In einer komplexen Welt gibt es Zielkonflikte und deren großen Vetter, das moralische Dilemma. Beispielsweise: Eine universalistische Moral verlangt von uns, alle zu retten, aber konkrete Gesellschaften haben auch Grenzen der Aufnahmefähigkeit. Ein Zielkonflikt, der im Extremfall sogar zu einem moralischen Dilemma werden kann. Die Grenzen so weit auf, sodass es am Ende sogar unsere Demokratien zerreißt? Man kann das ein moralisches Dilemma nennen. Die Fürsprecher des eiskalten Realismus sehen überall Zielkonflikte und moralische Dilemmata, sodass sie meinen, man müsse ethische Prinzipien weit nach hinten stellen und Realpolitik nach vorne.

Beispielsweise: dass der Versuch, illegal einzuwandern, nicht belohnt werden dürfe. Damit meinen sie, dass Menschen, wenngleich man sie vielleicht rettet, wieder dorthin zurück gebracht werden sollen, wo sie her kamen. Was sie da nicht so gerne dazu sagen: dass die Menschen folglich in die libyschen Folter- und Vergewaltigungs-KZs gebracht werden sollen, zurück in die Versklavung. Komisch, dass die Freunde der kalten Amoral das dann doch nicht so offen sagen.

Zielkonflikte gibt es und es nützt nichts, sie zu ignorieren, klar. Aber meist bekommt man sie durch kluge Abwägung, Beachtung ethischer Prinzipien und die Suche nach Detaillösungen bearbeitet. Als in den USA die Sklaverei abgeschafft wurde, da haben bestimmt genug Schlaumeier gegen den Hypermoralismus gewettert, der damals noch Humanismus hieß, und kühl zu bedenken gegeben, dass die Abschaffung der Sklaverei moralisch vielleicht geboten sei, aber viel zu viele gefährliche Nebenfolgen hätte. Die Schwarzen seien ja ganz anders als „Wir“ und könnten frei doch gar kein Leben führen, meist würden sie gar keine Jobs finden und verhungern. Sie würden sich, einmal frei, sofort zusammenrotten und die Welt in Stücke schlagen. Zudem würden die Sklavenhalter pleite gehen, weshalb der Wohlstand sinken würde, und dann seien alle zusammen ärmer, die Sklavenhalter, die bisherigen Freien und die bisherigen Sklaven und davon hätte wohl doch niemand etwas. Kurzum: Die Abschaffung der Sklaverei sei viel zu riskant, man möge um Gottes Willen nicht den weltfremden Ideen der naiven Gutmenschen folgen.

Das kleine Exempel zeigt uns: Man sollte sich im Zweifel mehr von der Moral leiten lassen und weniger von den neunmalklugen Einwänden derer, die die Moral schlecht reden.

Wer taktiert, verliert

Alle reden über Migration und die SPD weiß nicht, was sie tun soll. Es ginge auch anders.

Gegenblende, Juli 2018

Man reibt sich die Augen: die Union zerstreitet sich um Detailfragen der Asylpolitik, der rechte Flügel der CDU und die CSU lizitieren sich immer weiter nach oben, die AfD kommt gar nicht mehr nach und freut sich allenfalls, dass sich ihre Hetzbegriffe allgemein durchsetzen, von „Asyltourismus“ abwärts. All das hat aber eine Reihe von Folgen: Zeitungen und Talk-Shows haben nur mehr ein Thema, die Fülle des medialen Getrommels steht in keinem Verhältnis mehr zur realen Problematik, mediale Wirklichkeit und wirkliche Wirklichkeit koppeln sich immer mehr voneinander ab. Alleine die übertriebene Präsenz des Themas evoziert schon das Bild der „Überforderung“ durch Migration, das die radikalen Rechten gerne zeichnen. Von der Art: Wenn viel zu viel über Ausländer geredet wird, dann müssen ja auch viel zu viele da sein. Eine andere Nebenfolge: die Progressiven kommen in all dem gar nicht mehr vor. SPD oder Grüne? Haben kaum mehr eine Chance, mit anderen Themen Gehör zu finden. Und beim Hauptthema haben sie keine Ahnung, was sie genau sagen sollen.

Aber all das ist natürlich nur eine Symptomatik für die Probleme der europäischen Progressiven im Allgemeinen und der Sozialdemokraten im Besonderen. In Österreich war der vergangene Wahlkampf ein Überbietungswettbewerb von einer ins Rechtspopulistische umfrisierten ÖVP und der rechtsradikalen Freiheitlichen, die nun gemeinsam regieren – unter einem Kanzler Sebastian Kurz, der sich grämt, wenn ihn die Financial Times „Far Right“ nennt. Die Sozialdemokraten konnten sich verglichen mit vielen ihrer europäischen Schwesterparteien dabei noch einigermaßen behaupten, blieben aber mit 27 Prozent der Stimmen deutlich zweiter.

Fast allen etablierten Mitte-Links-Parteien machen Rechtspopulisten zu schaffen, die sich als „die Fürsprecher des einfachen Volkes“ kostümieren und die Sozialdemokraten in die Rolle einer Partei von politischen Apparatschiks und der „besseren Leute“ drängen – sie stellen sich als „Establishment“-Parteien hin, die den Faden zu den normalen Menschen verloren hätten. In Frankreich wurden die Sozialisten faktisch ausgerottet, in Italien setzte es für die große Mitte-Links-Partei eine krachende Niederlage. Wer taktiert, verliert weiterlesen

Lasst uns über moralische Dilemmata in der Politik reiden

Gute Absichten bringen sie an den Rand des Abgrunds, gute Taten stürzen sie hinab. – Bertolt Brecht

In der Politik ist man, wie im privaten Leben auch, mit Zielkonflikten und gelegentlich sogar mit moralischen Dilemmata konfrontiert. Nicht nur die Themenkomplexe Migration und Flucht kennen solche Dilemmata. Gern wird argumentiert, dass die Zuwanderung den Rechtsextremismus hilft, und deswegen die Zuwanderung gestoppt werden muss.

Das ist nicht ganz logisch, denn man könnte ja auch meinen, dass wegen des Wachstums des Rechtsradikalismus der Rechtsradikalismus bekämpft gehört – und nicht belohnt. Aber gut, lassen wir die logischen Spitzfindigkeiten. Eine der Charakteristika von moralischen Dilemmata ist, dass an sich moralisch gebotenes Verhalten möglicherweise unintendierte Nebenfolgen nach sich ziehen könnte, die in Summe so schwer wiegen, dass das anscheinend moralisch gebotene Verhalten selbst schon moralisch fragwürdig wird. Deswegen, meinen manche, man solle jede Moral fahren lassen und nur mehr kalt und amoralisch agieren. Deswegen nennen sie auch alle, die so etwas wie ethische Prinzipien haben, „hypermoralisch“.

Nun bekommt man Zielkonflikte und auch moralische Dilemmata nicht immer aus der Welt, man soll aber auch nicht vergessen, dass sie gerne übertrieben werden. Man erinnere sich nur, als in den USA die Sklaverei abgeschafft wurde, da haben bestimmt genug Schlaumeier gegen den Hypermoralismus gewettert, der damals noch Humanismus hieß, und kühl zu bedenken gegeben, dass die Abschaffung der Sklaverei moralisch vielleicht geboten sei, aber viel zu viele gefährliche Nebenfolgen hätte. Die Schwarzen seien ja ganz anders als „Wir“ und könnten frei doch gar kein Leben führen, meist würden sie gar keine Jobs finden und verhungern. Sie würden sich außerdem zusammenrotten und die Welt in Stücke schlagen. Zudem würden die Sklavenhalter pleite gehen, weshalb der Wohlstand sinken würde, und dann seien alle zusammen ärmer, die Sklavenhalter, die bisherigen Freien und die bisherigen Sklaven und davon hätte wohl doch niemand etwas. Kurzum: Die Abschaffung der Sklaverei sei viel zu riskant, man möge um Gottes Willen nicht den weltfremden Ideen der naiven Gutmenschen folgen. Das zeigt uns: Man sollte sich im Zweifel mehr von der Moral leiten lassen und weniger von den neunmalklugen Einwänden derer, die die Moral schlecht reden.

Von der Sprache der Rohheit zur Politik des Ertrinkenlassens

FS Misik Folge 554

Die Seenotrettung im Mittelmeer wird nun nicht mehr bloß verbal verunglimpft, sondern aktiv verhindert – Schiffe werden am Auslaufen gehindert, Flugzeuge am Boden gehalten, Kapitäne und Crews festgesetzt und angeklagt. Das läuft auf eine faktische Politik des Ertrinkenlassens hinaus, die aber kommunikativ vorbereitet wurde, indem Flüchtlinge, Elende und Migranten zuvor aktiv entmenscht wurden: Sie kommen nicht mehr als Individuen vor, sondern nur als Masse, Horde, Invasoren. Die Sprache der Verrohung ist stets die Vorbedingung der Rohheit. Es beginnt mit dem Satz „Je mehr man rettet, umso mehr kommen doch“, kommentierte die „Süddeutsche Zeitung“ dieser Tage, und all das gipfelt längst in der Ungeheuerlichkeit, dass es mittlerweile zur Frage, ob man Menschen retten oder absichtlich ertrinken lassen soll, zwei Meinungen gibt. Pluralismus, 2018-Style. Was früher humanistischer Konsens war, ist heute „linksgrünversiffter Moralismus“, nämlich dass es über so manches zwei Meinungen geben darf, aber nicht über die Frage, ob man jemanden, der um Hilfe ruft, ertrinken lassen oder besser vor dem Ertrinken retten soll. Wenn Humanismus und Menschenrechte als „linke Propaganda“ erscheinen, zeigt das nur, wo der rechte Rand mittlerweile angelangt ist.

Zeitdiagnose Einsamkeit

Einsamkeit, so die Behauptung, sei das Lebensgefühl unserer individualisierten Erfolgsgesellschaft. Was daran zutrifft – und was nicht.

Neue Zürcher Zeitung, Juli 2018

Es war eine jene nichtssagenden Episoden, wie man sie als Twentysomething in Berlin der frühen neunziger Jahre fast täglich erlebte: Man saß in der Kneipe, hatte vor sich ein Whiskyglas und sprach mit einem Bekannten über das Leben. Aber ich erinnere mich noch genau, wie mein Gegenüber seinen Blick schweifen ließ, über die Tischrunden, die Mädchen und die Jungs, zum Tresen, wo die Trinker standen, wo flüchtige Gespräche begannen und wieder endeten. „Vor nichts haben die Menschen so eine Panik wie vor der Einsamkeit“, sagte mein Kumpan da. „Sie laufen nur ihrer Einsamkeit davon.“

Das ist eine existenzielle Aussage, von der Art wie das Urteil Thomas Wolfes, wonach „die Einsamkeit… die unausweichliche, zentrale Tatsache des menschlichen Daseins“ sei. Aber heute scheint Einsamkeit mehr zu sein als eine Tatsache der menschlichen Existenz, sondern ein Signum des Zeitalters. Kaum eine Zeitung, die in diesem Frühjahr nicht eine große Story über Einsamkeit brachte. „Ohne alle“, titelte die Süddeutsche jüngst und hielt dann ein Plädoyer für das Alleinsein, das Wiener „profil“ widmete dem „Lebensgefühl unserer Zeit“ eine Cover-Story, und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung analysierte: „Ist der Mensch einsam, leidet die Demokratie.“

Die Einsamkeit ist etwas gänzlich anderes als das Alleinsein. „‚Einsam‘ hat eine emotionale Dimension, der ‚allein‘ nicht bedarf“, formuliert der norwegische Philosoph Lars Svendsen, der ein ganzes, kluges Buch über die „Philosophie der Einsamkeit“ geschrieben hat. Einsam ist, wer weniger soziale Beziehungen hat als er gerne hätte – und der darunter leidet. Man kann auch in Gesellschaft einsam und von dem Gefühl der Einsamkeit gequält sein – genauso, wie man alleine sein und das als bereichernden Zustand erleben kann. Schon der Begriff selbst ist eigentümlich. Etymologisch ist er ein ulkiger Zwitter aus „Eins“ und „Gemeinsam“.

Hält man sich an die alarmistischen Diagnosen, dann ist Einsamkeit heute eine „Epidemie im Vorborgenen“. So formulierte unlängst eine Kommission, die die britische Regierung eingesetzt hat. Weil viel zu viele Menschen unter chronischer Einsamkeit leiden, hat Premierministerin Theresa May nach dem Bericht der Kommission gleich eine ihrer Ministerinnen mit dem Thema betraut. Sie ist jetzt die weltweit wohl erste „Einsamkeitsministerin“.

Dabei ist sehr fraglich, ob die chronische Einsamkeit tatsächlich heute zunimmt. Gewiss, es ist viel von der Individualisierung, von Singlewelten und dem Verlust traditioneller Gemeinschaften die Rede, berühmt ist beispielsweise die große Studie des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Robert D. Putman mit dem klingenden Titel „Bowling alone“, aber belastbare Daten, die eine Zunahme krank machender Einsamkeit nahelegen, sind eher rar. Sehr stark geplagt von Einsamkeit sind in den verschiedensten Ländern, die darüber längere Datenreihen erhoben, zwischen 1-2 Prozent der Bevölkerung, stark geplagt rund 3-5 Prozent. Das würde bedeuten, dass rund 5-7 Prozent der Bevölkerung Einsamkeit als chronische Belastung erleben ziemlich konstant. Schlimm genug. Aber noch keine Epidemie, vor allem aber keine, die dramatisch zunehmen würde.

In Wirklichkeit geben die Zahlen freilich nicht sehr viel her, weiß der deutsche Wissenschaftler Janosch Schobin. In solchen Surveys, so Schobin, erkennt man, „dass sehr kleine Veränderungen im Fragelaut, aber auch in der Fragetechnik zu unglaublich großen Unterschieden führen.“ Fragt man tausend Menschen in direkten Interviews, sind nicht sehr viele einsam. Nähert man sich ihnen in Online-Umfragen, sind es sehr viel mehr. Das kann daran liegen, dass man im direkten Gespräch nicht sehr gerne zugibt, einsam zu sein. Die Ursache könnte aber auch sein, dass man in der Online-Situation die eigene Einsamkeit drastischer erlebt als in einem Gesprächsmoment mit einer realen Person. Man weiß das nicht so genau.

Rentner oder Rentnerinnen sind bekannterweise oft einsam, wenn sie verwitwet und auch noch immobil sind und nur mehr auf die tägliche Essen-auf-Räder-Lieferung warten. Neuerdings gibt es das signifikante Wachstum von Singlehaushalten, selbstgewähltes Alleinsein, das in Episoden der Einsamkeit umschlagen kann. Karrieremuster und häufige Wohnortswechsel können den Aufbau stabiler Freundschaftsnetze verunmöglichen. Neue Arbeitsformen verbreiten sich, in denen echte Kollegialität kaum mehr entsteht.

Einsamkeit untergräbt das Immunsystem und chronische Einsamkeit ist Stress, führt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, geht mit dem Erleben einher „keine Kontrolle über das eigene Schicksal zu haben“, schreibt der Psychiater Manfred Spitzer in seinem Buch „Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit“. Einsamkeit kann tödlich sein. Wer einsam ist, erlebt widrige Situationen nicht nur als Widrigkeit, sondern schneller als ausweglos.

Einsamkeit droht „das gesamte Dasein zu unterminieren“, formuliert drastisch der Philosoph Svendsen. Aber summiert sich das alles gleich zu einem „Zeitgefühl“? Individualisierte Gesellschaften sind, um die alte Dichotomie zu benützen, sehr viel mehr Gesellschaft und sehr viel weniger Gemeinschaft. Auch wer eingewoben ist in Fäden und Netze des Sozialen, hat oft eher Bekannte als enge Freunde. Man driftet durch oberflächliche Begegnungen. Selbst Partnerschaften sind flüchtig. Sogar wenn man selbst nicht so lebt – sondern Partner und drei beste Freunde hat -, dann weiß das Subjekt stets, dass die Lebenswelt um einen herum eben so ist.

In der Erfolgsgesellschaft läuft jeder für sich, muss den Erfolg ausstellen und verkörpern, denn nur der, dem man den Erfolg ansieht, der hat ihn auch. Das triggert Posertum und eine Kultur des Narzissmus. Zugleich weiß das Subjekt in solchen Gesellschaften, dass es am Ende elementar auf sich allein zurück geworfen ist. Man ist gewissermaßen existenziell einsam, sogar wenn man es lebenspraktisch gar nicht ist.

Womöglich ist das ja der tiefere Grund für den gegenwärtigen Hype um die Einsamkeit: das beklemmende Gefühl, dass man in solch einer Lebenswelt doch einsam sein müsste.

Gesucht: Eine Opposition mit Schwung und Selbstbewußtsein

FS Misik Folge 553.

Die Deutschen sorgen sich, ob sie morgen noch eine Regierung haben. Na, deren Sorgen hätten wir gerne. Wir könnten froh sein, wenn wir morgen keine Regierung mehr hätten. Denn wir haben eine, die für tägliche WTF-Momente sorgt. Die ins Autoritäre driftet, sich mit Rassisten gemein macht, ein Stakkato des Dauerwahlkampfes betreibt. Ein Stakkato aus Stimmungsmache, Tatsachenverdrehung, Propaganda und autoritären Versuchungen, in einer Dichte, wie man sie nie für möglich gehalten hätte. Das Gefühl verdichtet sich: Gerät jetzt alles ins Rutschen? Geht diese Welt unter, wie wir sie gewohnt waren, mit Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, einem gewissen Konsens hinsichtlich von Pluralismus und Meinungsfreiheit und Laissez-Faire. Aber bei all dem fehlt es auch an einer Opposition, die eine klare Linie hat und an einem Strang zieht. Und damit ist bei weitem nicht nur die parlamentarische Opposition gemeint und die stärkste Oppositionspartei im Parlament, die SPÖ – aber die natürlich auch. Was das Land dringend braucht ist eine Opposition als permanente Gegenmacht mit Selbstbewusstsein, eine Opposition, die die offene Gesellschaft genauso verteidigt wie die Demokratie und die Standards von Rechtsstaatlichkeit und Liberalität aber auch einfach die Standards von Integrität und Anstand.