Wer taktiert, verliert

Alle reden über Migration und die SPD weiß nicht, was sie tun soll. Es ginge auch anders.

Gegenblende, Juli 2018

Man reibt sich die Augen: die Union zerstreitet sich um Detailfragen der Asylpolitik, der rechte Flügel der CDU und die CSU lizitieren sich immer weiter nach oben, die AfD kommt gar nicht mehr nach und freut sich allenfalls, dass sich ihre Hetzbegriffe allgemein durchsetzen, von „Asyltourismus“ abwärts. All das hat aber eine Reihe von Folgen: Zeitungen und Talk-Shows haben nur mehr ein Thema, die Fülle des medialen Getrommels steht in keinem Verhältnis mehr zur realen Problematik, mediale Wirklichkeit und wirkliche Wirklichkeit koppeln sich immer mehr voneinander ab. Alleine die übertriebene Präsenz des Themas evoziert schon das Bild der „Überforderung“ durch Migration, das die radikalen Rechten gerne zeichnen. Von der Art: Wenn viel zu viel über Ausländer geredet wird, dann müssen ja auch viel zu viele da sein. Eine andere Nebenfolge: die Progressiven kommen in all dem gar nicht mehr vor. SPD oder Grüne? Haben kaum mehr eine Chance, mit anderen Themen Gehör zu finden. Und beim Hauptthema haben sie keine Ahnung, was sie genau sagen sollen.

Aber all das ist natürlich nur eine Symptomatik für die Probleme der europäischen Progressiven im Allgemeinen und der Sozialdemokraten im Besonderen. In Österreich war der vergangene Wahlkampf ein Überbietungswettbewerb von einer ins Rechtspopulistische umfrisierten ÖVP und der rechtsradikalen Freiheitlichen, die nun gemeinsam regieren – unter einem Kanzler Sebastian Kurz, der sich grämt, wenn ihn die Financial Times „Far Right“ nennt. Die Sozialdemokraten konnten sich verglichen mit vielen ihrer europäischen Schwesterparteien dabei noch einigermaßen behaupten, blieben aber mit 27 Prozent der Stimmen deutlich zweiter.

Fast allen etablierten Mitte-Links-Parteien machen Rechtspopulisten zu schaffen, die sich als „die Fürsprecher des einfachen Volkes“ kostümieren und die Sozialdemokraten in die Rolle einer Partei von politischen Apparatschiks und der „besseren Leute“ drängen – sie stellen sich als „Establishment“-Parteien hin, die den Faden zu den normalen Menschen verloren hätten. In Frankreich wurden die Sozialisten faktisch ausgerottet, in Italien setzte es für die große Mitte-Links-Partei eine krachende Niederlage. Wer taktiert, verliert weiterlesen

Wie der rechte Zeitgeist bekämpft werden kann

FS Misik 537

Der kluge Grüne Paul Aigner schrieb unlängst auf Twitter: „Hat sich irgendwer vielleicht einmal überlegt, wie viel das dauernde Sich-auf-die-Zunge-Beißen der Linken zum Rechtsruck beiträgt, weil aus ‚Pragmatismus‘ ganz wesentliche Positionen gar nicht mehr formuliert werden und in der Debatte fehlen?“ Das ist ein Punkt, der nicht unterschätzt werden sollte. Nämlich: Sind die Linken zu zahm geworden, zu mutlos, haben sie ihre Lust an der Provokation verloren, passen sie sich zu sehr an die Mitte an? Die Rechtsradikalen hämmern rein; was gestern undenkbar war, machen sie heute sagbar. Und die Linken beißen sich fest auf die Zunge, um nur ja nichts zu sagen, was jenseits der berüchtigten Mitte verortbar wäre – mit dem Ergebnis, dass sich die berüchtigte Mitte nach rechts verschiebt.

Dieser Regierung gegenüber ist nur elementare Gegnerschaft angebracht

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz

Ich war mal wieder ein paar Tage in Deutschland unterwegs und habe eine Reihe deprimierter Leute getroffen. „Die Einschläge kommen näher“, sagte einer. Damit meinte er nicht nur, dass ihr Deutschen jetzt auch mit der AfD eine rechtsradikale Partei im Bundestag habt, sondern so das gesamtgesellschaftliche Klima. Die Gereiztheit, die Hassposter. Die Gespräche im Bekanntenkreis. Dieses Grundgefühl, dass es eine abschüssige Bahn gibt, auf der sich alles bewegt – und nicht zum Besseren. Die politische Gesamtkonstellation, mit einer Merkeldämmerung in der Union, einer gebeutelten SPD, die aber wohl beide wieder gemeinsam regieren müssen, da, wenngleich eine Groko schlecht ist, alles andere noch schlechter wäre. Diesen Verdacht, der eigentlich eine Gewissheit ist, dass „das Schlimmste verhindern“ auf absehbare Zeit die einzige Aussicht ist, bis es halt dann dennoch kommt, „das Schlimmste“.

Diese gewisse Deprimiertheit frisst sich dann überall hinein. Muss man mir nicht sagen. Hallo, ich kenn das. Ich komm doch aus Österreich. Wir sind da bloß diesen einen Wimpernschlag weiter.

Ich bin ja jetzt wieder Opposition, was gar nichts macht, weil da kenn ich mich aus. Als linker Autor bist du ohnehin immer Opposition. Ich hab auch so eine Art Oppositions-Gen. Es mag ja Leute geben, auch unter Linken, die sich als Regierende wohler fühlen. Als Autor musst Du aber ohnehin immer Opposition sein, wenn du wahrhaftig bleiben willst, aber außerdem fühle ich mich auch als Person viel besser wenn ich angreifen kann. Und mit der Regierung, die wir jetzt haben, bin ich ja noch in viel eminenterer Weise Opposition als ich das sonst bin. Dieser Rechts-Rechtsradikalen-Regierung gegenüber ist ja nur elementare Gegnerschaft angebracht und das ist schon etwas anderes als diese Art „normalen“ Oppositionsgefühls, das man beispielsweise gegenüber der Helmut-Kohl-Regierung in den achtziger und neunziger Jahren hatte.

Es ist herrlich, sage ich Ihnen. Nach nur einem Monat im Amt hat sich diese Regierung praktisch schon zerlegt. Ein Monat ist es her, als Sebastian Kurz, damals noch mit dem Image des Strahlemanns ausgestattet, seinen Koalitionsvertrag mit der rechtsradikalen FPÖ schloss. Und praktisch vom ersten Tag an begann es die Regierung zu schleudern. Entgegen all ihren Wahlversprechen wurde gleich einmal ein neoliberales Hartz-IV-Programm im Regierungspakt festgeschrieben, das Arbeitslose recht bald, also nach rund einem Jahr (Details sind noch umstritten), in die Mindestsicherung abstürzen lassen wird. Dann greift der Staat sofort auf Vermögen zu, also auf Sparbücher, Auto, etwaige Einfamilienhäuser. Die FPÖ brachte das natürlich sofort ins Trudeln, deren Wähler jetzt sagen, „ich wollte ja nur weniger Ausländer, jetzt nimmt mir die Regierung das Auto weg“. Nichts von diesen Plänen war im Wahlkampf angekündigt, Sebastian Kurz versprach ein wolkiges „Zeit für Neues“, ohne konkret zu werden. Hätten sie ihre Pläne angekündigt, wären sie nie gewählt worden. Man muss nicht sehr viel zuspitzen, um das „Wahlbetrug“ zu nennen. Die eigene Sozialministerin, die vehement gegen sozialen Kahlschlag ist, haben sie schon demontiert und degradiert, sodass man richtig Mitleid mit der armen Frau bekommt. Schön ist auch, dass die Regierung, um ihren Plan europarechtlich wasserdicht zu machen, das Kindergeld für Arbeitsmigranten zu kürzen, deren Kinder in der Slowakei oder Bulgarien leben, nun einfach das Kindergeld generell indexieren will – auch für Österreicher und Österreicherinnen. Das wird lustig, wenn den Friseurinnen im Waldviertel die Kohle gekürzt wird, und dafür die Banker in der Wiener Innenstadt mehr bekommen, weil da ja die Lebenshaltungskosten höher sind.

Ich darf ihnen im Geheimen verraten, dass ich manchmal zu Hause sitze und mir vor Vergnügen auf die Schenkel klopfe, angesichts der Ideen dieser Gurkentruppe.

Und dann kommen ja noch die täglichen Nazi-Skandale der Regierung dazu. Ein Innenminister, der Flüchtlinge in Lagern oder ähnlichen Anhaltezentren „konzentriert halten“ will, und sich dann wundert, warum er negative Schlagzeilen bis zur BBC und der New York Times produziert. Ein FPÖ-Spitzenkandidat bei den anstehenden Landtagswahlen, der einer Burschenschaft als Vize-Chef vorsteht, zu deren Liedgut Nazi-Songs mit Textzeilen zählen wie „Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million.“ Und und und. Die Desaster-Liste dieses ersten Monats allein ist schon endlos.

Sebastian Kurz ist nur fünf Wochen nach seiner Angelobung schon wieder rücktrittsreif. Das soll ihm mal jemand nach machen. Ein solches Maß an Unfähigkeit habe ich nicht erwartet. Es ist herrlich.

The Freedom Party’s Second Chance in Austria

Hab das für die „New York Times“ geschrieben. Dezember 1 st, 2016 

foto-49VIENNA — Sunday will see the culmination of one of the longest, toughest — and flat-out weirdest — elections ever in Austria. Voters

will choose between two candidates: Alexander Van der Bellen, the former leader of the small Green Party, and Norbert Hofer, a key figure in the right-wing Freedom Party.

The result will have a symbolic importance far beyond Austria. Is another country about to join the rise of nationalist and far-right populists elsewhere in Europe, and mimic the unexpected success of President-elect Donald J. Trump in the United States?

The pairing of finalists in this contest is odd enough: Both their parties were usually on the fringes of the traditional political establishment, which for decades was dominated by the center-left Social Democrats on one side and the center-right Austrian People’s Party on the other. Back in April, though, the voters dealt a humiliation to those two parties’ candidates in the first round of voting, consigning them to fourth and fifth places.

Weiterlesen auf der NYT

Unkreative Zerstörung

Ein Gutteil der wachsenden Ungleichheit, fürchten Ökonomen, ist auf technologische Innovation zurückzuführen. Damit haben wir aber erstmals einen Kapitalismus, der Massenwohlstand zerstört, statt ihn zu mehren.

Ein Beitrag für „Austria Innovativ“

„Es ist doch überhaupt nicht klar, was daran ungerecht sein soll, wenn jene, die mehr produzieren, ein höheres Einkommen erzielen“ – Sätze wie diese waren vor zehn oder fünfzehn Jahren zu so etwas wie einem Common Sense geworden, und der Philosoph Harry Frankfurt brachte das Ressentiment gegen alles Gleichheitsstreben auf eine scheinbar eingängige Formel: „Es kommt darauf an, ob Menschen ein gutes Leben führen, und nicht, wie deren Leben relativ zu dem Leben anderer steht.“

Soll heißen: Ungleichheit ist ein relationaler Begriff – etwa von der Art: „jemand hat mehr/weniger als ein vergleichbarer Anderer“ -, doch das ist doch eigentlich eine irrelevante Aussage. Ungleichheit war praktisch kein Thema. Bestrebungen, Ungleichheit zu bekämpfen und somit mehr Gleichheit herzustellen, war etwas für altmodische Klassenkämpfer. Ziemlich zu jener Zeit schrieben Viktor Klima und Andreas Rudas das gegenwärtig gültige Parteiprogramm der SPÖ. Dem Geist der Zeit entsprechend kam darin das Wort „Gleichheit“ nur mehr als Kapitelüberschrift vor. Im Text selbst wird der Begriff nicht einmal erwähnt. Verschämt versteckt er sich hinter der Allerweltvokabel „Chancengleichheit“.

Wie fundamental anders ist gut 15 Jahre später die Diskurslage. Die dramatisch anwachsenden Ungleichheiten sind nicht nur in der politischen, sondern mehr noch in der ökonomischen Debatte zu einem zentralen Thema geworden. Dass Ungleichheit das Problem unserer Zeit ist, wird niemand mehr zu bestreiten versuchen, der halbwegs bei Trost ist. Der Ökonom Thomas Piketty hat ein ziegeldickes Fachbuch darüber geschrieben, das zu einem Weltbestseller wurde und seinen Autor zu einer Art Popstar der Wirtschaftswissenschaften machte. Nobelpreisträger wie Paul Krugman, Joseph Stiglitz, Robert Shiller machen die Ursachen und Folgen grober Ungleichheiten zu ihren zentralen Forschungsthemen.

Tech 5Doch so unbestritten das Problem grob anwachsender Ungleichheiten ist, so umstritten sind die Ursachen. Das liegt zu einem erheblichen Teil schon daran, dass mit „Ungleichheit“ nicht immer das selbe gemeint ist: Ist die Ungleichheit der Gehaltseinkommen gemeint? Die Ungleichheit der Einkommen, wenn man alle Einkommensarten heranzieht – also Gehaltseinkommen, Kapitaleinkommen und andere Zinseinkommen? Oder die Ungleichheit der Vermögen?

Klar ist von den Daten, dass alle drei Ungleichheitsarten zunehmen: Die Vermögen sind zunehmend ungleich verteilt – die obersten zehn Prozent besitzen in praktisch allen fortgeschrittenen kapitalistischen Marktwirtschaften rund zwei Drittel aller Vermögen, wobei wiederum die Hälfte davon auf das oberste Top-1-Prozent entfällt. Die Ungleichheit bei den Gehaltseinkommen nimmt ebenso zu wie die Ungleichheit bei allen Einkommensarten – heute konzentrieren das oberste eine Prozent der Einkommensbezieher schon wieder zwischen rund 10 Prozent (in den eher „gleichen“ Gesellschaften wie etwa Schweden) und knapp 25 Prozent (in ungleichen Gesellschaften wie den USA) – ein Ausmaß der Einkommensungleichheit, wie wir es seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nicht mehr kannten. Unkreative Zerstörung weiterlesen

Das Elend des Pegida-Journalismus

Wer eine „Ablehungskultur“ herbeischreibt, muss sich über Pirincci nicht wundern. Und auch nicht, dass dann einmal jemand zusticht.

Für Qantara.de, Oktober 2015

Jetzt plötzlich sind alle ganz entsetzt über Pegida, nachdem vergangenem Montag der rechtsradikale Bestsellerautor Akif Pirincci vom Demowagen in Dresden herab die Worte schleuderte: „Es gäbe natürlich auch andere Alternativen. Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.“ Wobei Pirincci in gewohnter rechtsradikaler Borderline-Akkrobatik im Kontext seiner Rede offen ließ, wie er den Satz meinte. Meinte er, dass die KZs „leider“ nicht für die Lösung der Flüchtlingssituation zur Verfügung stehen? Oder meinte er in milieutypischer rechtsradikaler Paranoia, Regierung, herrschende Mächte, „das System“, sie wollten die deutsche Bevölkerung austauschen, und machten das auf schleichende Weise, weil ja „die KZs leider außer Betrieb“ seien? Was war das also, mieseste Nazi-Hetze, oder ein irres Phantasma der Selbst-Viktimisierung? Egal – Pirincci wusste schon, wie die Sätze auf sein Publikum wirken, und hat sie absichtlich in einen Kontext gestellt, der es ihm erlaubt, sich im Notfall rauszureden.

Jetzt sind alle ganz empört. Über Pirincci. Generell über die gewalttätige Mob-Stimmung bei den Pegida-Demonstrationen. Über die Folgen der rechtsextremen Hetze, wie etwa den Mordversuch an der Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker. Aber die Messerstecher, die Flüchtlingsheim-Abfackler und der Demonstrantenmob, sie kommen natürlich nicht aus dem Nichts.

Böse Zungen könnten die Frage anschließen, wie sehr sich die Flüchtlinge an die Kultur des Pegida-Journalismus anpassen sollen? Müssen sie gar jetzt ihre Flüchtlingsheime selbst abfackeln?

Tatsächlich hat sich längst eine Art Pegida-Publizistik etabliert, der von der rechten Mitte der Gesellschaft in einigen Grauabstufungen bis an die radikalen Ränder reicht. Da schwadroniert der Spiegel-Online-Kolumnist Jan Fleischhauer angstbebend von „muslimischen Männern“, einer „Maskulinisierung des öffentlichen Raumes“, andere wiederum brauchen nur diese Stichworte, um sich dann gleich ganz toll um „blonde deutsche Frauen“ zu sorgen. Beliebt ist auch, streng zu fordern, die Flüchtlinge aus Syrien müssten sich aber jetzt ganz schnell zu „unseren Werten“ bekennen, also zu Toleranz, Friedfertigkeit und Demokratienormen – womit natürlich der implizite Generalverdacht verbunden ist, dass sie das nicht ohnedies täten -, was schon reichlich absurd ist, bedenkt man, dass sie ja nicht grundlos und ohne jede Absicht aus einem von Krieg und Hass verheerten Land zu uns geflohen sind.

Robert Misik: Was Linke denken. Ideen von Marx über Gramsci zu Adorno, Habermas und Foucault. Picus Verlag, 14.90 €
Robert Misik: Was Linke denken. Ideen von Marx über Gramsci zu Adorno, Habermas und Foucault. Picus Verlag, 14.90 €

Ob das Bekenntnis zu „unseren Werten“ täglich zu leisten ist, oder ob einmal im Leben reicht, ob gegebenfalls vor irgendwelche Kommissionen geschworen werden muss, all das wird nicht dazu gesagt. Ist ja auch nicht nötig, die Saat ist gelegt, im Sinne von: „diese Araber sind irgendwie unheimlich“. Man findet diese Postulate in Leitartikel der FAZ genauso wie in rabiat-islamfeindlichen Blogs wie „Politically Incorrect“, über Broder, Sarrazin und Konsorten braucht man hier keine weiteren Worte verlieren.

Die Sache ist klar: Eine ganze publizistische Strömung hat in den vergangenen Wochen nichts unversucht gelassen, die „Willkommenskultur“ durch eine „Ablehungskultur“ zu ersetzen. Das Elend des Pegida-Journalismus weiterlesen

Was Linke denken

WAS LINKE DENKEN

Ideen von Marx über Gramsci zu Adorno, Habermas Foucault & Co.

Picus-Verlag, 160 Seiten, 14,90.- Euro

Ab 24. August im Buchhandel

Picus Linke 2Sie wollten immer schon wissen, warum wir heute „alle Marxisten sind“?

…und was Antonio Gramsci mit dem „Kampf um die Hegemonie“ gemeint hat?

Sie warten schon lange darauf, dass Ihnen einmal jemand Adorno erklärt?

Und Walter Benjamin wollten Sie auch immer schon verstehen?

Sie fühlen sich bisweilen „entfremdet“? Sogar in Geschlechterrollen fühlen Sie sich manchmal unwohl? Aber Judith Butler lesen, dazu sind Sie einfach noch nicht gekommen?

Was es mit der „postkolonialen Theorie“ auf sich hat, interessiert Sie durchaus?

Wie das mit Foucaults „Ordnung der Diskurse“ ist, ebenso?

Das „Patchwork der Minderheiten“, von dem Lyotard und die anderen postmodernen Denker sprechen, das hätten Sie auch gerne einmal schön zusammengefasst?

Endlich all das komplizierte Zeug verstehen.

In einem kompakten Reader. Ab 24. August im Buchhandel.

NEIN! ( OXI! )

Mit Erpressung und Angstmache versuchen die Euro-Eliten den Regime Change in Athen herbeizuführen. taz, 4. Juni 2015

Die Frage war natürlich halb als Witz gemeint, die ich vor zwei Wochen Dimitris Tzanakopoulos stellte: „Und? Macht regieren Spaß?“ Aber so richtig lachen konnte der Kabinettschef von Alexis Tsipras nicht: „Nein“, so seine Antwort. „Der Druck ist enorm und wir stehen vor Dilemmata, von denen wir nicht einmal ahnten, dass wir ihnen jemals in unserem Leben begegnen werden.“

Die Dilemmata, vor denen die Syriza-Regierung eine Woche später stand:

Zu Kreuze kriechen und „Ich ergebe mich“ sagen, oder den Staatsbankrott riskieren.

Die Wahl zwischen noch mehr Austerität und der Gefahr des Totalzusammenbruchs.

Selbstaufgabe – entweder so oder so.

So weit haben wir es in Europa gebracht: Eurozonen-Finanzminister, die im Jargon der Erpressung sprechen, die Friss-oder-Stirb sagen und „Game Over“, als wäre das alles ein Spiel. EU-Staatenlenker, die wochenlang den umgekehrten Corleone machten, also stets Angebote, die man nicht annehmen kann. NEIN! ( OXI! ) weiterlesen

„Im Zentrum“ über Griechenland + „Kulturmontag“

Im ZentrumSo, das warn jetzt ein wenig anstrengende Tage, seit ich am Wochenende aus Thessaloniki zurück gekommen bin. Neben allem andern gabs noch zwei TV-Diskussionen, die man sich noch ein paar Tage in der ORF-Mediathek ansehen kann.

Die Diskussion „Im Zentrum“ über Griechenland gibt es hier.

Die Diskussion über die Intoleranz-Fans, die im Kulturmontag stattfand, gibt es hier.

„Juden müssen keine Steuern zahlen“ – Hat das der Syriza-Koalitionspartner wirklich gesagt?

Syriza koaliert mit der rechtspopulistischen ANEL-Partei und muss sich dafür viel Kritik anhören – wahrscheinlich berechtigte, wahrscheinlich auch unberechtigte. Ich finde diese Koalition keineswegs sexy und würde Syriza auch gerne dafür kritisieren, aber eben gerne auf informierter Grundlage. Aber das ist mittlerweile praktisch unmöglich, da ein Infokrieg mit gefaketen Zitaten und Berichten entbrannt ist, sodass rein Erfundenes von Hörensagen und dieses wiederum von der Wahrheit kaum mehr unterscheidbar ist. Eines der besten Beispiele ist die Behauptung, ANEL sei eine antisemitische Partei.

Ist sie das? Kann ich nicht mehr wirklich beurteilen. Alles was ich weiß, ist folgendes: Als Beweis für den antisemitischen Charakter von ANEL wird angeführt, deren Vorsitzender habe behauptet, die „Juden müssen keine Steuern bezahlen“. Das wird als Beweis für die antisemitische Wahnwelt genommen, in der der Mann offenbar lebt. Das Zitat ist so haarsträubend, dass man es gar nicht mehr überprüfen muss. Er ist entlarvt.

Kaum war die Koalition beschlossen, wurde das Zitat durch Blogs und die ganzen irren Ränder des Darknets gejagt. Es brauchte nicht lange, dann war es auch in der sogenannten „seriösen“ Presse. Heute schreibt eine Constanze von Bullion, die sich einen Namen als Anti-Griechen-Hetzerin machen will, in einem Kommentar in der Süddeutschen, der ANEL-Anführer „behauptete, Juden zahlten weniger Steuern“.

So, und was hat ANEL-Chef Kammenos wirklich gesagt? In einer Auseinandersetzung mit dem abgewählten Ministerpräsidenten Samaras und seiner konservativen Nea Demokrazia, mit der sich die ANEL stets einen Wettbewerb lieferte, wer denn jetzt die christlichere konservative Partei sei, sagte er folgendes: „Juden müssen keine Steuern zahlen“ – Hat das der Syriza-Koalitionspartner wirklich gesagt? weiterlesen

Ein paar Gedanken zu den „Islamdebatten“ der vergangenen Tage

Ich denke, dass es Situationen gibt, in denen es die „reine“ zufriedenstellende Argumentation nicht gibt. Vielleicht ist es das, was alle Seiten einmal anerkennen müssen. Ja, man muss auch die gemäßigten Religiösen immer kritisieren können, weil die gemäßigte Irrationalität ein fruchtbarer Boden für die Fundamentalismen jeder Art ist, aber wir wissen natürlich auch, dass wir mit den gemäßigten Gläubigen gemeinsam den Kampf gegen die Fundamentalismen führen müssen und es falsch wäre, sich von ihnen zu entfremden. Wir wissen genauso, dass der Radikale immer einen Tunnelblick hat und rationale Argumente, die ihn erklären, einen Hautgout der Legitimierung und des „Verstehens“ haben, aber wir wissen auch, dass es erklärbare und damit auch bekämpfbare Gründe gibt, die ihn dazu führten, und dass es immer eine Reihe von Gründen sind, von denen manche sogar sehr verständlich, manche wiederum absolut unentschuldbar sind. Wir wissen, dass der Radikale einen Tunnelblick hat und für rationale Argumente nicht mehr erreichbar ist, aber wir wissen auch, dass der Radikale vorher ein Nichtradikaler war, der noch keinen Tunnelblick hatte, es also wichtig ist, die Mechanismen zu verstehen, die ihn über diese Linie brachten, um das bei anderen vielleicht noch zu verhindern. Deshalb ist also gewissermaßen der sozialpädagogische Blick sogar auf den Radikalen auch wichtig. Ja, scharfe Religionskritik muss gegenüber jeder Religion geübt werden, aber es macht auch einen Unterschied in der Sprecherposition aus, wenn die konkret kritisierte Religion in überwiegendem Maße die Religion einer Minorität ist, die sich gleichzeitig mit Recht als Underdogs fühlen, was wiederum die Frage des richtigen Zungenschlags schon sehr wichtig macht. Wie immer – also in jeder kommunikativen Situation – schadet es nicht, wenn der Sprechende sich selbstreflexiv fragt: Wer bin ich und was ist meine Sprecherposition und wie wird sie vom Gegenüber (richtiger: von den verschiedensten Gegenübers) empfunden? In einer solchen komplexen Gemengelage ist womöglich die „reine, richtige“ Argumentation nicht im Angebot, und vielleicht ist das ja das, was man begreifen muss, weil die Vorstellung einer Reinheit, die unabhängig von der konkreten, dh. immer schmutzigen, weil komplexen Wirklichkeit sei, selbst schon einen Anflug des Fundamentalistischen hat. Klarheit ist wichtig, genauso ist aber Rigidität meist ein schlechter Ratgeber. In der komplexen wirklichen Wirklichkeit zeichnet die richtige Argumentation also womöglich aus, dass sie immer auch ein wenig unzufriedenstellend ist. Ein paar Gedanken zu den „Islamdebatten“ der vergangenen Tage weiterlesen

Montag im Kreisky-Forum: Andreas Schieder, Julia Herr, David Schalko, Sibylle Hamann

Macht die Fenster auf und lasst Luft herein!

darüber, also über Sozialdemokratie, Linke, Kunst & Intellektuelle, über die verlorene Diskurshegemonie der Progressiven und ähnliche Fragen, diskutieren anlässlich von Bruno Kreiskys Geburtstag in dieser Woche Andreas Schieder, Julia Herr, Sibylle Hamann und David Schalko

und zwar in meiner Reihe „Genial dagegen“ im Bruno-Kreisky-Forum

Montag 19. Januar, 19 Uhr

Bruno Kreisky Forum, Armbrustergasse 15, 1190 Wien

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