Lieben Sie ihre Arbeit? Hassen Sie ihre Arbeit?

Mit den widersprechenden Prophezeiungen über Automatisierung, Robotisierung und die Arbeit der Zukunft grassiert auch Zukunftsangst – die bange Frage kursiert, ob die Mehrheit von uns in der Arbeitswelt von morgen nicht „überflüssig“ wird. Was Arbeit ist, wofür man sie braucht, was sie mit einem macht, wird auch deshalb zunehmend wieder zu einem zentralen Thema. Und zu einem paradoxen Thema. Denn wenn man sich die öffentlichen Diskurse über Arbeit ansieht, aber auch wenn man mit Menschen privat über ihre Arbeit spricht, gibt es immer zwei gegenläufige Erzählungen, die seltsam unverbunden parallel laufen: einerseits Arbeit als Druck, als Zwang zum Geldverdienen, als unsicherer Boden unter den Füßen, mit wachsendem Stress und Arbeitsleid und Fremdbestimmung durch die Chefetagen, Geschichten über Entfremdung und das Gefühl der Unsicherheit und Überforderung – und andererseits Arbeit als das im Leben, was Identität und Sinn gibt, als eine Tätigkeit, die erfüllt oder zumindest erfüllen sollte, auch als etwas, das einwebt ins Netz der Kollegenschaft und der Kooperation, als etwas, das soziale Beziehungen stiftet und zugleich fordert und anspornt, etwas gut zu machen und die Talente zu entfalten. Kurzum: die Arbeit, die zugleich geliebt und gehasst wird.

Jens Jessen in der „Zeit“: Der paranoide Stil der neuen konservativen Rechten

Jens Jessen, an sich ein bedächtiger, eher stiller Konservativer, klagt in der aktuellen „Zeit“ den neuen Feminismus und die außer Rand und Band geratene #metoo-Debatte an. Dabei versteigt er sich aber selbst immer mehr in schräge Thesen, etwa dass, was immer man als Mann sage und mache, es als Beitrag zu einer sexistischen Atmosphäre denunziert wird. Man(n) werde diffamiert, eine männliche Kollektivverantwortung konstruiert. Es gehe nur um den Triumph eines totalitären Feminismus, der so rigide wie der Stalinismus sei. Kurzum: Das totale zum Schweigenbringen der Männer sei das Ziel. Paranoide Schrillheit Das erinnert an einen legendären Essay des amerikanischen Historikers Richard J. Hofstadter aus dem Jahr 1964 über den „Paranoid Style in American Politics“. Darin wunderte er sich über die wachsende, paranoide Schrillheit des amerikanischen Konservativismus. Nun, dieser Stil hat sich ausgebreitet – und wenn selbst jemand wie Jessen davon schon angesteckt ist, dann ist das bemerkenswert. Generell ist es dieser paranoide Stil, der erlaubt, die hanebüchensten Dinge zu behaupten: Eben, dass Männer generell zum Schweigen gebracht werden sollen. Oder, dass wir alle islamisiert werden. Dass die Gewaltkriminalität eskaliert. Dass Gutmenschen ein linkes Meinungsdiktat exekutieren. Die Liste in endlos. Dieser Stil hyperventiliert vor eingebildeten Bedrohungen, und die Schillheit steht in umgekehrt proportionalen Verhältnis zu den Evidenzen, die solche Behauptungen auf ihrer Seite haben. Von der Aufmerksamkeitsökonomie der Netzdiskurse, die Aufgeregtheit und Gereiztheit triggern, Nachdenklichkeit aber im Ozean der Daten untergehen lassen, wird all das noch befeuert. Man würde am liebsten ausrufen: Kriegt Euch wieder ein!

Facebook verstaatlichen?

Daten, deren Ströme, aber auch soziale Netzwerke gehören heute zur kritischen Infrastruktur einer Gesellschaft – und können gnadenlos manipuliert werden, wie der Facebook- beziehungsweise Cambridge-Analytica-Skandal zeigt. Zugleich neigt der digitale Kapitalismus noch mehr als der klassische Industriekapitalismus zur Monopolbildung. Schuf ersterer durch seine „Economies of Scale“ – also durch Skaleneffekte, die großen Platzhirschen erlauben, effizienter zu produzieren, die Verbraucher leichter zu erreichen und potentielle Konkurrenten vom Markt zu kaufen – oft Oligopolmärkte, so kommen im digitalen Kapitalismus noch die Netzwerkeffekte hinzu. Nämlich: Wer mehr User hat, ist besser, weil er mehr Daten und darunter mehr Feedbackdaten hat. Mit dem Fortschritt der künstlichen Intelligenz wird all das noch schlimmer werden. Und außerdem: Wie nützlich wären soziale Netzwerke, wenn unser Bekanntenkreis auf zehn Plattformen verteilt wäre? Niemand kann wollen, dass unsere Daten der reinen Profitgier und der Käuflichkeit dienen, besonders, wenn die für eine Demokratie wichtige kritische Infrastruktur betroffen ist. Aber genauso wenig kann man wollen, dass der Staat oder gar die Regierungen darüber die Kontrolle haben. Es ist gewissermaßen ein Horrordilemma: Orwell-Staat oder Orwell-Privatkapitalismus. Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma? Kluge Regulierung? Zerschlagung durch Anti-Monopol-Gesetze? Eine neue, zeitgenössische Form von gewissermaßen „öffentlich-rechtlichen sozialen Medien-Plattformen“?

Der Zerfall der Demokratie

FS Misik Folge 539

Forscher des Berliner „Progressiven Zentrums“ haben mit französischen Kollegen eine Tiefenstudie in Vierteln gemacht, in denen die AfD beziehungsweise der Front National stark sind. Das Resume : Die Menschen fühlen sich als politisch Verlassene. Dass sich für sie überhaupt niemand mehr interessiert. Dass die Netzwerke in den Vierteln zerreißen, die Infrastruktur nicht mehr funktioniert. „Es herrscht ein Gefühl des Verlassenseins. Ein Gefühl, vom Staat im Stich gelassen worden zu sein.“ Die Studie stellt auch fest, dass zentrale Narrative der Populisten weitaus weniger stark verfangen als angenommen. „Wenn die Leute politische Zusammenhänge mit eigenen Worten schildern, spielen Islamisierung, Europaskepsis, pauschale Medienkritik oder die Betonung der nationalen Identität kaum eine Rolle.“ Im Gegenteil: „Zum Beispiel wird Europa mehr als Teil der Lösung denn als Problem gesehen.“

Das bestätigt einiges an den Thesen des deutsch-polnischen Harvard-Wissenschaftlers Yascha Mounk, der mit „Der Zerfall der Demokratie“ das Sachbuch der Saison geliefert hat. Es gibt nicht nur einen Vertrauensverlust, sondern nicht zuletzt auch einen Zutrauensverlust gegenüber der „gewohnten“ Politik. Der traut man einfach nichts mehr zu.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die vergangene Woche veröffentlicht wurde, bestätigt das: Autokratien sind im Aufwind, und die Demokratien sind von einem inneren Zutrauensschwund befallen. „Die Abkehr von der Demokratie hat begonnen. „All das kann man als alarmierende Befunde ansehen. Aber man kann die Analysen auch als Leitfaden lesen und als Hilfe, um zu begreifen, was genau die Ursachen der Erosion der Demokratie sind.

Ausländersparpaket? Nein. Besser: Kindersparpaket

FS Misik Folge 538

Die Budgetdebatte wirft ihre Schatten voraus – und zwar in Form von Wording from Hell. Ein „Ausländersparpaket“ werde geschnürt. Darin enthalten sind Kürzungen für Integrationsmaßnahmen in Schulen, aber auch einfach für Unterstützungslehrer für Klassen, die natürlich nicht nur den Migrantenkindern, sondern allen Kindern zugutekamen. Es ist also eher ein „Kindersparpaket“. Diese Einschnitte werden auch mit dem Ende der „Kuschelpädagogik“ begründet. Auch so ein Wording aus dem Giftschrank. Was ersehnen sich eigentlich jene, die „Kuschelpädagogik“ als Hohnvokabel benützen?

Rohrstockpädagogik?

Kasernenhofpädagogik?

Strafvollzugspädagogik?

Wie der rechte Zeitgeist bekämpft werden kann

FS Misik 537

Der kluge Grüne Paul Aigner schrieb unlängst auf Twitter: „Hat sich irgendwer vielleicht einmal überlegt, wie viel das dauernde Sich-auf-die-Zunge-Beißen der Linken zum Rechtsruck beiträgt, weil aus ‚Pragmatismus‘ ganz wesentliche Positionen gar nicht mehr formuliert werden und in der Debatte fehlen?“ Das ist ein Punkt, der nicht unterschätzt werden sollte. Nämlich: Sind die Linken zu zahm geworden, zu mutlos, haben sie ihre Lust an der Provokation verloren, passen sie sich zu sehr an die Mitte an? Die Rechtsradikalen hämmern rein; was gestern undenkbar war, machen sie heute sagbar. Und die Linken beißen sich fest auf die Zunge, um nur ja nichts zu sagen, was jenseits der berüchtigten Mitte verortbar wäre – mit dem Ergebnis, dass sich die berüchtigte Mitte nach rechts verschiebt.

Die Einsamkeitsgesellschaft

FS Misik Folge 536

Ist eine Gesellschaft „radikaler Individualisierung“ eine Gesellschaft, in der sich das Phänomen der Einsamkeit auf ganz neue Weise stellt, nicht nur als etwas, das nur isolierte Dauersingles oder Witwer und Witwen befällt? In ihr wird das Phänomen von Menschen endemisch, die auch „in Gesellschaft einsam sind“, die nur lose eingebettet sind in soziale Netze. Mobilität spielt eine Rolle, Demographie, natürlich Migration, aber auch Charakteristika moderner Lifestyles. Die „Einsamkeits-Kommission“ in Großbritannien kam jedenfalls zu diesem Schluss, nennt Einsamkeit eine „Epidemie im Verborgenen“. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung titelt: „Ist der Mensch einsam, leidet die Demokratie“. Aber wie hängt das mit anderen gesellschaftlichen Pathologien unserer Zeit zusammen, der Erfolgskultur, der Krise des Allgemeinen? FS Misik heute als kleine Lektürestunde, behandelt werden aktuelle Bücher, darunter:

Tristan Garcia: Das intensive Leben. Eine moderne Obsession (Suhrkamp, 2017).

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten (Suhrkamp, 2017).

Alain Badiou: Lob der Liebe (Passagen, 2015).

Lars Svendsen: Philosophie der Einsamkeit (Berlin University Press, 2016).

Jede Kritik mundtot machen. Der Feldzug gegen den ORF

Die FPÖ führt, mit dröhnender Duldung der ÖVP, einen Feldzug gegen den ORF, aber in Wirklichkeit gegen jeden Journalismus. Denn der steht ihr im Weg beim Verbreiten ihrer Angstbotschaften. Grundiert wird die Kampagne mit dem Märchen vom linken, politischen Mainstreamjournalismus. Dabei haben die Mainstreammedien seit Jahr und Tag mehrheitlich den populistischen und rechten Parteien in die Hände gespielt, indem diese einfach ihr Agendasetting akzeptierten oder sogar betrieben – von Themensetzungen wie „Gefahr Islam“ bis zur Behauptung, der „Stillstand der großen Koalition“ sei das Schlimmste, was dem Land passieren kann, und bis zur Verkleisterung aller Debatten durch das Flüchtlingsthema. Aber das reicht der FPÖ offenbar nicht mehr. Andere Gesichtspunkte, andere Meinungen und Kritik sollen einfach nicht mehr vorkommen.

Heimat – ein gefährlicher Begriff

Heimat ist ein umkämpftes Wort geworden. Von der extremistischen Rechten gekapert, versuchte zuletzt auch die liberale Mitte, den Begriff zurückzuerobern. Aber es war von Beginn an ein kontaminiertes Wort, wie die Medienwissenschafterin Alena Dausacker zeigt. Als Gegenbegriff gegen die Stadt und die Moderne, oder auch aufgeladen mit reinster Nostalgie. Und dann von den Nazis auch noch ins Nationalistische gewendet, sodass mit einem Mal Heimat keine kleinteiligen Lebenswelten beschrieb, sondern die Nation als ganzes (die natürlich niemals eine erlebte Heimat sein kann). Dann fehlte nur mehr ein kleiner Schritt zum Heimatschutz, und von da ist es nur mehr einen Wimpernschlag entfernt, anderen die Köpfe einzuschlagen. Heimat ist also kein unschuldiges Wort. Heimat ist ein gefährliches Wort.

Die Deutschen. Ein Land am Rande des Chaos

Deutschland stolpert in die Große Koalition – wenn überhaupt. Angela Merkel ist seit dieser Woche eine Kanzlerin, deren Tage gezählt sind. Ihre Partei sieht sehr genau: Die Anführerin ist derart geschwächt, dass sie fast alles verschenken musste, um eine Koalition noch irgendwie zuwege zu bringen. Und danach stürzte noch das kongeniale Duo Martin Schulz und Sigmar Gabriel die SPD in kuriose Turbulenzen und liegen jetzt politisch mausetot auf der Bühne. Die SPD-Mitglieder müssen nun in einer Urabstimmung der Koalition zustimmen. Verweigern sie, steht das Land endgültig im Desaster: Dann sind Neuwahlen wohl unvermeidlich, und die beiden großen Parteien gehen völlig zerzaust in den Wahlkampf. Ein politisches System derart schnell demolieren – das muss man erst einmal hinbekommen.

„Durchschummler“ – die verrohte Sprache der Entsolidarisierung

Wo der Sozialstaat zurückgebaut wird und seine Institutionen delegitimiert, wo das Kollektive in schlechten Ruf gesetzt und der Erfolg nie dem Gemeinsamen und stets der Anstrengung des Einzelnen zugeschrieben wird, da wird der Angsthemmer Sozialstaat durch den Angsttreiber „individuelles Risikomanagement“ ersetzt. Stets hängt alles vom Einzelnen ab, dass der keine Fehler macht, Gefahren frühzeitig erkennt, vorausblickend in sich selbst investiert, seine Kompetenzen aktiv sichert und ja nicht ausschert. Der weiß, wenn es nicht rund läuft, ist niemand anderer schuld als er selbst. Das neoliberale Selbst weiß stets, dass der Boden wankend ist, auf dem sein Hamsterrad steht. Es ist ein Ich, das von der Angst gebeutelt ist.

Einher damit gehen Rhetoriken der Verrohung und Diffamierung. Eine Einheitssprache hat sich durchgesetzt. „Erfolgreiche“ und „Loser“. Und damit werden sofort moralische Urteile verbunden. Der Erfolgreiche ist als ganzes ein gelungener Mensch, der Loser auf eminente Weise abgewertet. Wer arm oder bloß nicht ausreichend erfolgreich ist, dem wird unterstellt, dass ihm selbst das wenige, das er besitzt, nicht wirklich zusteht. Er hat sich zu schämen, und muss sein Armenleben in der Schamzone leben. Er wird unsichtbar gemacht. Es ist diese Ordnung der Diskurse, die es erst ermöglicht, das Anlegen von Daumenschrauben für die Schwächsten als vernünftige Politik auszugeben.

Sebastian Kurz – der Zauberlehrling in der Sackgasse

FS Misik diese Woche mit folgenden Themen: Michael Ludwig hat den Kampf um den SPÖ-Vorsitz in Wien gewonnen. Aber seine härtesten Aufgaben hat er jetzt erst vor sich. Die FPÖ hat innerhalb von sechs Wochen bewiesen, dass sie in einer Regierung nichts verloren hat. Sebastian Kurz ist der Zauberlehrling, der sich in eine Sackgasse manövriert hat und jetzt nicht mehr weiß, wie er herauskommen soll. Die SPÖ sollte ihm die Tolerierung einer Minderheitsregierung für eine bestimmte Zeitspanne anbieten, wenn er zum Wohl des Landes die FPÖ aus der Regierung entfernt.