„Die Zeit ist aus den Fugen“. Donald Trump, Elon Musk, Benjamin Netanjahu, Erzschurken, wie sie im Buche stehen.
taz, Schlagloch-Kolumne, Juni 2015
Die weltberühmte Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen hat ein neues Shakespeare-Buch geschrieben, weshalb ich ein paar Tage mit ihr durch Österreich tourte, zu Buch-Talks in Wien und in Bad Ischl. Letzteres war die prachtvolle Sommerresidenz-Stadt des Kaisers im Salzkammergut und ist selbst ein „shakespearischer“ Ort („shakespearean“ ist über die Jahrhunderte ein gängiges Adjektiv geworden). Die Stadt ist auch deshalb so wunderschön, weil sich Hofschranzen, Wichtigtuer und die seinerzeitige Kulturschickeria hier ihre Villen bauten, um der Macht nahe zu sein. So konnten sie buchstäblich im Spaziergang ihre Deals anbahnen. Der Kaiser selbst, ein in späteren Jahren gemäßigter Konservativer (der den Fortschritt nicht aufhalten, aber verlangsamen wollte, damit die Menschen von ihm nicht überfordert sind), war ein bisschen ein Zauderer wie Hamlet. Trotzdem hat er leider von Bad Ischl aus – vom Post- und Telegrafenamt – 1914 die Kriegserklärung abgeschickt. Eine (Fehl-)Handlung, die das Verhängnis in Gang setzte und an dessen Ende des Imperators Reich zerfallen ist. Ziemlich shakespearisch alles.
Was bei Shakespeare immer wieder auftaucht: die toxischen Geheimnisse, das Unglück, das durch falsche Annahmen ausgelöst wird, Intrige und Leidenschaft. Die Macht mag seit Shakespeares Zeiten ihre Verkörperungen verändert haben – nicht mehr Könige, Feldherren, Träger personaler Macht sind heute zentral –, sie wabert eher in den Kapillaren der Gesellschaft, hat sich aufgelöst in Strukturen (Foucaults berühmte „Maschen der Macht“), und dennoch ist uns das alles vertraut. Die Macht, die mit Ohnmacht einher geht, die unbeabsichtigten Nebenfolgen von Handlungen, die gesetzt werden; die Frage, ob man denn überhaupt handeln kann, sobald man mögliche Nebenfolgen bedenkt. Wer überstürzt handelt, richtet Verderben an, wer besonnen ist, erst recht. König Lear, der jähzornige Alte, regelt seine Nachfolge und zerstört damit sein Reich. Macbeth, der Ehrgeizling, ruiniert alles. Der Kompromiss führt zu keinen Lösungen, die Kompromisslosen waten durch ein Meer von Blut. Unfähige Könige sitzen am Thron, korrupte Hofschranzen und boshafte Berater umschwänzeln sie.
Ein einmal errungener Frieden kann die Konflikte nur überdecken, alte Verletzungen kochen immer wieder aufs Neue hoch. Kennt man aus der SPD.
Geheimnisse werden als Einsatz im Machtpoker benützt, sie werden bewahrt, als Munition für morgen, oder weitergegeben, um Komplizenschaft zu stiften. Passiert an jedem zweiten Tisch in den Berliner Regierungsviertel-Cafés.
Die Leidenschaft zieht eine Blutspur, das Fehlen von Leidenschaft mitunter auch, Ehrgeiz, Rachsucht, Eitelkeit und Gefallsucht sowieso. Frappierend, wie ähnlich sich das in Demokratien und Königreichen ist. Auch die Könige brauchten Legitimität und sie waren von Machtnetzwerken umgeben, die an ihnen zerrten. Dass sie nicht gewählt werden mussten, machte es ihnen kaum leichter. In Shakespeares Welt weiterlesen