Was ist Shopping?

„Ich schlief gerne mit April“, berichtet Jolo, der Protagonist aus Joachim Lottmanns Pop-Roman „Die Jugend von heute“ über die sexuelle Routine mit seiner Freundin, „auch wenn jede Bewegung, jede Geste, jede Sekunde von der Werbung und von den Medien vereinnahmt war und somit nicht mehr mir gehörte. Ich lieh diese Stunden von der Werbung, und sie gefielen mir trotzdem.“ Eine schöne Sentenz, in der anklingt, wie unsere Gefühlswelt von der Kommerzwelt überwuchert wird. Die Theoretikerin Eva Illouz formulierte nämlichen Sachverhalt einmal so: „Viele Menschen würden sich niemals verlieben, wenn sie nicht so viel davon gehört hätten.“

Es ist dennoch ein unausrottbares Urteil, dass unsere Gefühle, unsere Sehnsüchte, ja unsere Kultur das Andere des kapitalistischen Glitzeruniversums seien, gewissermaßen: das Echte, das vom Falschen nur kolonisiert würde. Dieses Verhältnis ist viel raffinierter und deshalb erleben wir im Zeitalter der Totalökonomisierung nicht nur eine Ökonomisierung der Kultur, sondern auch eine Kulturalisierung der Ökonomie. Was aber eben auch heißt: Die heute herrschende Form, mit etwas zu interagieren, ist, es zu konsumieren. Shoppen ist ein Kulturakt.

 

Archplus, das Berliner Blatt für Architektur und Städtebau, beschäftigt sich in zwei gerade erschienen Schwerpunktheften deshalb mit dem global operierenden niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas, dessen Positionen, so die Herausgeber, „gerade in einer Zeit interessant“ seien, „in der eine sinnvolle Differenz zwischen Kultur und Kommerz immer weniger möglich erscheint“.

 

Koolhaas ist eine schillernde Figur. Vielzitiert ist sein Satz: „Shopping dürfte wohl die letzte noch übriggebliebene Form öffentlicher Aktivität sein.“ Mit dem New Yorker Flagshipstore der Nobelmarke Prada hat Koolhaas vielleicht schlechthin den Tempel des Kulturkapitalismus errichtet. Aber Koolhaas baut nicht nur für Prada, er liefert auch nicht nur der Marke Prada das Branding mit – nein, er liefert auch noch die kritische Analyse mit. Der von ihm mitherausgegebene „Harvard Design School Guide to Shopping“ ist längst ein Must-Have für all jene, die sich mit Fragen der Kommerzkritik beschäftigen. Weltberühmt ist auch Koolhaas’ Manifest „Junk-Space“. Darin geißelt er eine „schöpferlose Welt, für die niemand Urheberschaft beanspruchen kann“, die Ästhetik von Shopping-Malls, Flug- und Bahnhöfen, innerstädtischen Erlebnis- und Themenzonen, kurzum: dass wir die Erde vollmüllen mit Junk-Space, mit budenhaften Shoppingkulissen zum Wegwerfen.

 

Was immer wir tun, wir shoppen. Aber wenn Shopping zu einer nur einigermaßen scharfen sozialwissenschaftlichen Kategorie werden soll, muss man natürlich die Frage stellen, um „was für eine Kategorisierung es sich dabei handelt?“ (so der US-Theoretiker Frederic Jameson). Jedenfalls hat Shopping längst nicht in erster Linie mit dem Erwerb von Dingen zu tun – wenn Menschen Dinge besitzen wollen, von denen sie kurz zuvor noch nicht einmal wussten, dann ist das keine derart simple Operation. Möglicherweise wird am Ende auch eine Ware erstanden, in jedem Fall aber konsumieren wir Bilder, entscheiden wir uns für einen der Lebenstile, die längst alle von der Stange zu haben sind, kaufen uns Gefühle und Affekte, gönnen uns womöglich etwas Schönes am Erlebnismarkt – sogar dann, wenn wir ausdrücklich nichts kaufen. Wir erwerben uns buchstäblich selbst. Shopping ist also eine Kategorie, die gerade deshalb produktiv ist, weil sie unscharf ist: sie bezieht sich auf ökonomische Aspekte ebenso wie auf psychische, auf urbanistische ebenso wie auf technologische.

 

Shopping ist eine Freizeitgestaltung mit hohem Vitamin-E-Faktor – E wie Entertainement – geworden, ein gesellschaftliches Verhältnis, das sich, wie jedes gesellschaftliche Verhältnis, im Raum materialisiert. Innenstädte werden zu „Brand-Zones“, die Zonen, die einst der Subkultur überlassen blieben, werden nicht bloß kolonisiert – die Subkultur wird selbst in den konsumierbaren Bilderfundus eingespeist. Eines der schönsten Wörter, das ich in dem Zusammenhang in der letzten Zeit gehört habe, lautet „Rebelnomics“.

 

Aus der guten alten Shopping Mall wird das „Urban Entertainement Center“ von der Art gigantischer Cineplex-Komplexe, in denen jedes Erlebnis risikofrei zu haben ist. Doch diese haben, wie jüngst ein Architekturkritiker bemerkte, mit „echten Erlebnissen so viel zu tun wie ein Zoo mit dem Leben in der Wildnis“. Wobei schon diese Formulierung zeigt, auf welch unsicherem Boden sich mögliche Kritik bewegt. Denn wo ist vermerkt, welche Erlebnisse echter sind als andere? Was genau macht einen Theaterbesuch echter als eine Tour durch Sony-City?

 

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? So lauteten die großen alten Fragen. Nicht weniger brisant: Wohin gehen wir shoppen?

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